RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE
VORTRAGE
VORTRAGE VOR MITGLIEDERN
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GE SELLS C HAFT
RUDOLF STEINER
Die Sendung Michaels
Die Off enbarung
der eigentlichen Geheimnisse des Menschenwesens
Zwolf Vortrage, gehalten in Dornach
vom 21. November bis 15.Dezember 1919
1994
RUDOLF STEINER VERLAG
DORNACH /SCHWEIZ
Nach einer vom Vortragenden nicht durchgesehenen Nachschrift
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung
Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger
1. Auflage in dieser Zusammenstellung
Gesamtausgabe Dornach 1962
2., durchgesehene Auflage
Gesamtausgabe Dornach 1977
3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1983
4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1994
Einzelausgaben und Veroffentlichungen in
Zeitschriften siehe Seite 247f.
Bibliographie-Nr. 194
Einbandgestaltung von Assja Turgenieff
Zeichnungen im Text nach Tafelzeichnungen Rudolf Steiners,
ausgefiihrt von Leonore Uhlig und Assja Turgenieff (siehe auch Seite 247)
Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafsverwaltung, Dornach/Schweiz
© 1994 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz
Printed in Germany by Greiserdruck, Rastatt
ISBN 3-7274-1940-7
Xu den Veroffentlichungen
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner
Die Gesamtausgabe der Werke Rudolf Steiners (1861-1925) gliedert
sich in die drei grofien Abteilungen: Schriften - Vortrage - Kiinst-
lerisches Werk (siehe die Ubersicht am Schlufi des Bandes).
Von den in den Jahren 1900 bis 1924 sowohl offentlich wie fiir
Mitglieder derTheosophischen, spater Anthroposophischen Gesell-
schaft zahlreichen frei gehaltenen Vortragen und Kursen hatte
Rudolf Steiner urspriinglich nicht gewollt, dafi sie schriftlich fest-
gehalten wiirden, da sie von ihm als «mundliche, nicht zum Druck
bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nachdem aber zunehmend
unvollstandige und fehlerhafte Horernachschriften angefertigt und
verbreitet wurden, sah er sich veranlalk, das Nachschreiben zu
regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner-von Sivers. Ihr
oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die Verwaltung der
Nachschriften und die fiir die Herausgabe notwendige Durchsicht
der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz wenigen
Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufS gegeniiber
alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt berucksichtigt
werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes
findet.»
Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f-
fentlichen Schriften auftert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbio-
graphie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). DerentsprechendeWort-
laut ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte
gilt gleichermaften auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten,
welche sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geistes-
wissenschaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten.
Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemaft
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere
Angaben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise.
INHALT
Erster Vortrag, Dornach, 2 1 . November 1919
Die Michael-Macht und die Michael-Sendung in der Kultur der Ge-
genwart. Der Gegensatz in der Entwickelung von Haupt und iibri-
gem Organismus. Die Bedeutung der Dreizahl und der Zweizahl in
bezug auf Welt- und Menschenverstandnis. Die Abschaffung der
Trichotomie auf dem Konzil von Konstantinopel 869. Der Christus-
Impuls als Gleichgewichtsimpuls zwischen Luziferischem und Ahri-
manischem.
Zweiter Vortrag, 22. November 1919
Riicklaufige Entwickelung des Hauptes, aufsteigende Entwickelung
des ubrigen Organismus. Offenbarungen in vorchristlicher Zeit:
durch das Haupt als Offenbarungen des Tages (Luzifer), durch den
ubrigen Organismus als Offenbarungen der Nacht (Jahve). Michael
als Antlitz Jahves und seine Umwandlung von einem Nachtgeist zu
einemTaggeist. Michaels Auf gabe in derVergangenheit'und Zukunft:
Die Fleischwerdung des Wortes, die Geistwerdung des Fleisches.
Dritter Vortrag, 23. November 1919
Luziferische und ahrimanische Wirkungen im Physischen und See-
lischen im Zusammenhang mit der Entwickelung von Haupt und
iibrigem Organismus. Michaelisches Denken als geistige Auffassung
von Mensch und Welt, zum Beispiel durch den wahren Entwicke-
lungsbegrif f : es gibt nicht nur aufsteigende, sondern auch abstei-
gende Entwickelung; zum Beispiel gibt es auch in der Kunst in Wirk-
lichkeit kein nur einseitig Schones, sondern den Kampf des Schonen
mit dem Hafilichen.
Vierter Vortrag, 28. November 1919
Das Mysterium von Golgatha als Schwerpunkt der Erdenentwicke-
lung. Seine Vorbereitung durch das griechische Denken als dem
letzten Auslaufer der alten Mysterienkultur. Die mittelalterliche
Scholastik als Fortsetzung griechischen Denkens und als Mittel zum
Begreifen des Mysteriums von Golgatha. Die Vorbereitungszeit fur
eine neue Mysterienkultur seit dem 15. Jahrhundert. Die notwendige
Durchdringung der Herzorganisation mit dem Christus-Impuls, um
den Gleichgewichtszustand zu schaffen zwischen dem die Kopf-
organisation durchdringenden Luziferischen und dem in der Glied-
mafienorganisation wirkenden Ahrimanischen.
Funfter Vortrag, 29. November 1919
Die Verschiedenheit der menschlichen Seelenverfassung in den ein-
zelnen Epochen der Menschheitsentwickelung. Das Problem von
Naturnotwendigkeit und Freiheit. Die Entwickelung des Gottes-
begriffes vom 4. bis ins 16. Jahrhundert. Die Michael -Tat und der
Michael-Einflufi als Gegenpol zum ahrimanischen Einflufi. Notwen-
digkeit des Christus-Impulses.
Sechster Vortrag, 30. November 1919
Das verschiedenartigeDarinnenstehen desMenschen als Kopfmensch
und als ubriger Mensch in der nacnatlantischen Entwickelung. Die
alte Jogakultur (LuftseelenprozeS) und der neue Jogawille (Licht-
seelenprozefi). Die Erringung eines neuen Wissens von der Pra-
existenz als Michael-Kultur der Zukunf t.
Siebenter Vortrag, 6. Dezember 1919
Kopf-, Brust-, Gliedmafiensystem und ihr Zusammenhang mit Den-
ken, Fiihlen und Wollen. Das Hineinverweben der elementarischen
Welt in das Schicksalsmafiige des Menschen durch die rhythmische
Wiederkehr von Erlebnissen in der Gefuhlssphare. Die Wechsel-
wirkung der im Gliedmafiensystem sich abspielenden Ereignisse mit
der geistigen Umgebung; ihr Zuriickschwingen in den nachsten
Erdenleben. Die Bedeutung dieses periodischen Zuriickkehrens der
Ereignisse fur die Padagogik. Moderne Geschichtsbetrachtung und
das Mysterium von Golgatha. Absteigende Erdenentwickelung und
zukunf tige Menschheitsentwickelung.
Achter Vortrag, 7. Dezember 1919
Die Kulturentwickelung seit dem 15. Jahrhundert. Der Mensch und
die Umwelt. Der Erinnerungsvorgang als Auseinandersetzung des
Menschen mit dem ganzen Universum. Das Nichtubereinstimmen
des Menschen mit den Naturreichen und sein Nichtenthaltensem im
heutigen naturwissenschaftlichen Erkennen. Die Unbrauchbarkeit
des naturwissenschaftlichen Denkens fiir den sozialen Neuaufbau.
Neunter Vortrag, 1 2. Dezember 1919
DerDornacherBau. DerDualismus im Leben und in der Philosophic,
an dessen Stelle die Trinitat Luzifer-Christus-Ahriman gesetzt wer-
den mufi. Das Prinzip der Metamorphose im Zusammenhang mit
Evolution und Devolution am Beispiel der Saulengestaltung im
Dornacher Bau,
Zehnter Vortrag, 1 3 . Dezember 1919 175
Baustile als Ausdruck der Menschheitsentwickelung: Griechischer
Tempel, gotischer Dom, Gralstempel, Dornacher Bau.
Elfter Vortrag, 14. Dezember 1919 192
Degeneration und Untergang unserer Kultur. Der Ausbruch des
Weltkrieges von 1914. Das Aufheben der Zeit durch Riickwarts-
denken und -empfinden als Vorbereitung fur das Hineinkommen in
die geistige Welt. Die Natur von Denken und Wollen im Zusammen-
hang mit Notwendigkeit und Freiheit. Das Hereinspielen geistiger
Krafte in die physische Welt im Zusammenhang mit den Absterbe-
kraften des Hauptes, den Vitalkraften des ubrigen Organismus. Das
Hereinwirken der iibersinnlichen Krafte Goethes in unsere heutige
Erdenkultur in drei Perioden.
Zwolfter Vortrag, 1 5 . Dezember 1919 216
Das heutige chaotische Ineinanderwirken von Geist, Staat und Wirt-
schaft. Der Ursprung des Geistes-, Rechts- und Wirtschaftslebens in
den alten Mysterien des Lichtes, des Raumes, der Erde. Erste Ansatze
zu einem freien Geistes- und Rechtsleben in Mitteleuropa bei Goethe
und Wilhelm von Humboldt. Das Hineinmunden der Stromung des
Geisteslebens in den Abgrund der Luge (Ahriman), des Rechtslebens
in den Abgrund der Selbstsucht (Luzifer), des Wirtschaftslebens in
Kulturkrankheit und -tod (Asuras). ZurRettung vor demZugrunde-
gehen der europaisch-amerikanischen Kultur der Gegenwart ist not-
wendig dieHinwendungzurDreigliederung des sozialen Organismus.
anhang
Einleitung zum Vortrag vom 28. November 1919 239
Schlufiworte zum Vortrag vom 30. November 1919 .... 240
Einleitung zum Vortrag vom 7. Dezember 1919 241
Hinweise
Zu dieser Ausgabe 247
Hinweise zum Text 248
Namenregister 259
Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 261
Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 263
Die Wiedergaben der Originalwandtafelzeichnungen
Rudolf Steiners zu den Vortragen in diesem Band
(vgl. die Randvermerke und den Text am Beginn der Hinweise)
sind innerhalb der Gesamtausgabe erschienen in der Reihe
« Rudolf Steiner - Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk»
Band II
ERSTER VORTRAG
Dornach, 21. November 1919
Ich mochte in diesen Tagen etwas sprechen iiber die Art und Weise, wie
wir Menschen der Gegenwart in der Lage sind, uns zu stellen zu der-
jenigen geistigen Macht, von der wir sagen konnen, daft sie als die
Macht des Michael eingreif t in das geistige und damit auch in das iibrige
Geschehen der Erde. Es wird notwendig sein, dafi wir dasjenige, was
dabei in Betracht kommt, heute einmal vorbereiten. Denn es sind ver-
schiedene Gesichtspunkte notwendig, welche die menschliche Verstan-
digkeit befahigen, die verschiedenen Eingriffe der eben bezeichneten
Macht aus den Symptomen, die wir ja immer in unserer Umgebung
bemerken, wirklich wiederzugeben. Wir mussen ja festhalten, dafi wir,
wenn wir ernsthaft von der geistigen Welt sprechen wollen, immer
blicken konnen auf dasjenige, was sich als Offenbarungen der geistigen
Machte hier in der physischen Welt zeigt. Man sucht gewissermafien
durch den Schleier der physischen Welt durchzudringen zu demjenigen,
was in der geistigen Welt wirksam ist. Das, was in der physischen Welt
vorhanden ist, kann ja beobachtet werden von jedem Menschen; das,
was in der geistigen Welt wirksam ist, dient dann dazu, die Ratsel,
welche die physische Welt gibt, aus der geistigen Welt heraus zu losen.
Man mull nur die Ratsel des physischen Lebens in der richtigen Weise
empfinden. Es handelt sich gerade bei diesen wichtigen Dingen darum,
dafi manches, was gerade in der Zeit, die diesen Vortragen voran-
gegangen ist, von mir hier gesagt worden ist, in vollem Ernste aufgefafit
werde. Man kann nun einmal nicht verbinden die personlichsten Auf-
f assungen der Welt mit einem wirklichen Verstandnisse desjenigen, was
durchgreifend nicht nur die ganze Menschheit, sondern geradezu die
Welt angeht. Man mufi sich frei machen von den blofi personlichen
Interessen. Man wird ja dasjenige, was die Personlichkeit in der Welt
zu tun hat und was sie von sich als ihren Wert zu begreifen hat, gerade
am besten dann einsehen, wenn man sich von dem Personlichen im
engeren Sinne frei gemacht hat.
Nun wissen Sie, dafi unserer Entwickelung, die wir als unsere Erden-
entwickelung aufzufassen haben, vorangeht eine andere Entwickelung,
dafi wir also in einer vollen kosmischen Entwickelung drinnenstehen.
Sie wissen aber erstens, dafi diese Entwickelung weiterschreitet, dafi
diese Entwickelung an einem Punkt angelangt ist, iiber den sie hinaus-
gehen wird zu weiteren, fortgeschritteneren Stufen. Sie wissen aber
auch zweitens, dafi wir es zu tun haben, wenn wir die Welt als solche
betrachten, nicht nur mit denjenigen Wesen, die uns zunachst im ir-
dischen Felde entgegentreten, also im mineralischen, im pflanzlichen,
im tierischen Reiche, im menschlichen Reiche, sondern dafi wir es zu
tun haben mit Wesen, die diesen Reichen iibergeordnet sind, und die
wir zusammengefafit haben als die Wesen der hoheren Hierarchien.
Wir miissen immer, wenn wir von der vollen Entwickelung sprechen,
auch auf diese Wesen der hoheren Hierarchien Rucksicht nehmen.
Diese Wesen machen ja ihrerseits auch eine Entwickelung durch, die
wir verstehen konnen, wenn wir Analogien finden zu unserer eigenen
menschlichen Entwickelung und zu derjenigen, die sonst in den ver-
schiedenen Reichen der Erde vorhanden ist. Ich bitte Sie, nur das Fol-
gende einmal zu berucksichtigen. Sie wissen, wir Menschen sind durch-
gedrungen durch eine Saturn-, Sonnen-, Mondenentwickelung und sind
auf unserer Erde angekommen, so dafi wir, wenn wir unsere kosmische
Entwickelung ins Auge fassen, davon sprechen konnen, dafi wir als
Menschen, wie wir uns nun in der Erdenumgebung fuhlen, auf der vier-
ten Stuf e unserer Entwickelung angelangt sind.
Betrachten wir einmal die unmittelbar uber unserer Menschenstufe
stehenden Wesen, die wir als die Angeloi bezeichnen. Wir konnen, wenn
wir blofi die Analogie gel tend machen, sagen: Diese Wesenheiten, wenn
sie auch ganz andere Formen haben als die Form des Menschendaseins
ist und zunachst fur physische Menschensinne unsichtbar sind, sie haben
die Entwickelungsstufe des Jupiter.
Gehen wir dann zu den Archangeloi, so haben sie die Entwickelungs-
stufe, welche die Menschheit auf der Venus erlangt haben wird. Und
gehen wir zu den Archai, zu den Zeitgeistern, also zu denjenigen Wesen-
heiten, die ganz besonders hereinragen in unsere irdische Entwickelung,
so stehen diese bereits in der Vulkanentwickelung.
Nun entsteht die bedeutsame Frage: Es gibt ja nun auch die nachst-
hdherstehende Klasse von Wesenheiten, welche der Hierarchie der so-
genannten Formgeister angehort. Wenn wir uns fragen, auf welcher
Stufe stehen diese Formgeister, dann miissen wir uns sagen: Sie sind
bereits hinausgeriickt iiber dasjenige, was wir Menschen zunachst als
unsere Zukunftsentwickelung, als die Vulkanentwickelung erblicken.
Sie sind also auf einer Stufe angelangt, von der wir sagen miissen: Wenn
wir unsere, fur unsere Betrachtungen zunachst hinreichenden Stufen
als sieben Stufen bezeichnen, so sind diese Wesenheiten, die wir die
Formgeister nennen, auf der achten Stufe angelangt. Wir konnen also
sagen: Wir Menschen stehen auf der vierten Stufe der Entwickelung,
nehmen wir die achte Stufe, so finden wir da die Formgeister.
Nun konnen wir aber nicht uns etwa diese Stufenfolge der Ent-
wickelung nebeneinander denken, sondern wir miissen uns denken, dafi
das alles durcheinandergeschoben ist. So wie etwa der Luftkreis, der
die Erde umgibt und durchdringt, so ist auch diese achte Entwicke-
lungssphare, welcher die Formgeister angehoren, so, dafi sie durchdringt
die Sphare, in der wir uns zunachst als Menschen befinden. Wir wollen
zunachst diese zwei Stufen der Entwickelung streng ins Auge fassen.
Wir wollen uns sagen: Wir Menschen als solche, wir befinden uns in
einer Sphare, welche eine vierte Stufe der Entwickelung erlangt hat.
Nun befinden wir uns aber aufierdem, wenn wir zunachst von allem
iibrigen absehen, in dem Reiche, das die Formgeister um uns und durch
uns als das ihrige zu betrachten haben. Nehmen wir nun konkret den
Menschen in seiner Entwickelung. Wir haben ja ofter die Entwickelung
dieses Menschen in seiner Gliederung unterschieden. Wir haben unter-
schieden die Hauptesentwickelung von der iibrigen Entwickelung des
Menschen. Wir teilen die iibrige Entwickelung wiederum in zwei Glie-
der, in die Brustentwickelung und in die Gliedmafienentwickelung.
Davon wollen wir jetzt zunachst absehen. Wir wollen uns nur auf den
Standpunkt stellen, dafi wir im Menschen haben alles dasjenige, was
zur Hauptesentwickelung gehort, und alles dasjenige, was dem iibrigen
Menschen zuerteilt ist.
Nun denken Sie sich einmal bildlich die Sache so (es wird gezeichnet), Tafel 1*
daiS Sie sich etwa eine Meeresoberflache denken, den Menschen wie im
Meere watend, im Meere sich vorwarts bewegend, so dafi nur sein Kopf
Zu den Tafelzeichnungen siehe S. 247.
13
herausragt, dann wiirden Sie durch dieses Bild — es ist selbstverstandlich
ein Bild — die Lage des gegenwartigen Menschen haben. Alles dasjenige,
worinnen der Kopf wurzelt, wiirden wir zu der vierten Stuf e der Ent-
wickelung zu rechnen haben, und dasjenige, worinnen der Mensch
watet, worinnen er sich zwar gehend, oder wir konnen sagen, schwim-
mend vorwarts bewegt, wiirden wir zu bezeichnen haben als die achte
Stufe der Entwickelung. Denn es ist das Eigentiimliche, dafi der Mensch
in einer gewissen Weise entwachsen ist mit seinem Haupt demjenigen
Elemente, in dem die Geister der Form ihr eigentumliches Wesen ent-
falten. Der Mensch ist gewissermafien emanzipiert mit Bezug auf seine
Hauptesbildung von demjenigen, was durchimpragniert wird von den
Wesen der Geister der Form.
Tafel 1
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8. frufe: Qeiirei-det- Form
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Nur dadurch, dafi man dieses grundlich versteht, kann man wirk-
lich zu einer Auffassung des Menschen kommen. Denn nur dadurch
wird man die besondere Stellung, die der Mensch in der Welt hat, in der
richtigen Weise erfassen. Man wird namlich nur dadurch richtig er-
fassen, dafi der Mensch, insofern er einen gewissen schopferischen Ein-
f luft auf sich zu verspiiren hat von seiten der Geister der Form, diesen
schopferischen Einflufi nicht verspiirt unmittelbar durch die Fahig-
keiten seines Hauptes, sondern verspiirt durch dasjenige, was von sei-
nem iibrigen Organismus als Wirkung auf das Haupt ausgeiibt wird.
Sie wissen ja, wir atmen, und das Atmen steht mit unserem Blutkreislauf
im Zusammenhange, wenn wir aufterlich physiologisch sprechen. Das
Blut wird aber auch in das Haupt getrieben. Dadurch ist das Haupt in
einem organischen, in einem lebensvollen Zusammenhange mit dem
iibrigen Organismus. Es wird genahrt, es wird belebt von dem iibrigen
Organismus.
Sie mussen zwei Dinge genau unterscheiden. Das eine ist, dafi das
Haupt in unmittelbarem Zusammenhange steht mit der Aufienwelt.
Wenn Sie eine Sache sehen, so nehmen Sie diese Sache durch Ihre Augen
wahr. Da ist ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Aufien-
welt und Ihrem Haupte. Wenn Sie aber das Leben Ihres Hauptes be-
trachten, wie es unterhalten wird durch den Atmungs- und Blutkreis-
laufprozefi, dann haben Sie heraufschiefiend das Blut von dem iibrigen
Organismus in das Haupt, und Sie konnen sagen, da haben Sie keinen
unmittelbaren Zusammenhang Ihres Hauptes mit der Umgebung, son-
dern einen mittelbaren.
Sie mussen natiirlich nicht pedantisch unterscheiden, indem Sie
sagen, nun ja, die Atemluft wird ja durch den Mund eingezogen, also
gehort die Atmung auch zum Haupte. Ich habe deshalb gesagt, das ist
nur ein Bild. Organisch gehort dasjenige, was durch den Mund ein-
gezogen wird, nicht eigentlich zum Haupte, sondern es gehort zu dem
iibrigen Organismus.
Wenn Sie einmal diese Grundbegriffe, die wir jetzt aufgenommen
haben, zunachst ins Auge fassen wollen, wenn Sie f esthalten wollen an
der Idee, dafi wir drinnenstehen in zwei Spharen, in derjenigen Sphare,
in die wir gebracht sind dadurch, dafi wir Saturn-, Sonnen-, Monden-
entwickelung durchgemacht haben und innerhalb der Erdenentwicke-
lung stehen, dafi wir also auf der vierten Stufe unserer Entwickelung
stehen, wenn Sie ferner in Betracht ziehen, dafi wir aufierdem drinnen-
stehen in einem Leben, in einer Sphare, welche so angehort den Form-
geistern wie uns die Erde angehort, welche aber unsere Erde durch-
dringt und nur unser Haupt ausschiiefit, so dafi wir mit unserem ganzen
iibrigen Organismus, mit alldem, was nicht Sinnesauf fassung ist, stehen
in dieser achten Sphare: wenn Sie dies ins Auge fassen, so haben Sie eine
gewisse Grundlage geschaffen fiir das Folgende.
Doch ich will noch durch andere Begriffe eine gewisse Grundlage
schaffen. Wenn wir unser Leben unter solchen Einfliissen betrachten
wollen, so konnen wir es nicht anders betrachten, als indem wir ins
Auge fassen diejenigen an dem Weltengeschehen mitwirkenden Wesen-
heiten, die wir ofter schon erwahnt haben: die luziferischen und die
ahrimanischen Wesenheiten. Fassen wir zunachst nur einmal, ich mochte
sagen, das Alleraufierlichste an diesen Wesen, an den luziferischen und
ahrimanischen Wesenheiten ins Auge. Sie bewohnen ebenso wie wir
Menschen die Spharen, in denen wir eben drinnenstehen. Wenn wir ihr
Aufierlichstes ins Auge fassen, so konnen wir sagen: Alle luziferischen
Wesenheiten konnen wir uns vorstellen als Inhaber derjenigen Krafte,
die wir als Menschen dann verspiiren, wenn wir phantastisch werden
wollen, wenn wir einseitig uns der Phantasie hingeben, wenn wir ein-
seitig uns der Schwarmerei hingeben, wenn wir - urn mich bildlich aus-
zudriicken - mit unserem Wesen iiber unseren Kopf hinaus wollen.
Wenn wir als Mensch mit unserem Wesen iiber unseren Kopf hinaus
wollen, so sind das Krafte, welche in unserer Menschenorganisation
eine gewisse Rolle spielen, die aber die universellen Krafte derjenigen
Wesen sind, die wir luziferische Wesen nennen. Denken Sie sich Wesen,
ganz geformt aus dem, was in uns iiber unseren Kopf hinausstreben
will, so haben Sie die luziferischen, die mit unserer Menschenwelt in
einer gewissen Beziehung stehen. Denken Sie sich umgekehrt alles das-
jenige, was uns auf die Erde driickt, alles dasjenige, was uns zu niich-
ternen PhiHstern macht, was uns dazu bringt, materialistische Ge-
sinnungen zu entwickeln, was uns durchdringt mit dem, was wir nennen
konnen trockenen Verstand und so weiter, so haben Sie die ahrimani-
schen Machte.
Man kann alles dasjenige, was ich jetzt eben mehr seelisch gesagt
habe, auch mehr leiblich ausdriicken. Man kann sagen: Der Mensch ist
eigentlich immer in einer Art Mittelpunktslage zwischen dem, was sein
Blut mit ihm will, und dem, was seine Knochen mit ihm wollen. Die
Knochen wollen uns fortwahrend zum Erstarren bringen, die Knochen
wollen uns mit anderen Worten auch leiblich ahrimanisch machen,
verharten. Das Blut mochte uns iiber uns selbst hinaustreiben. Patho-
logist gesprochen: Das Blut kann fiebrig werden, dann wird der
Mensch auch organisch in die Phantasterei hineingetrieben; die Kno-
chen konnen ihr Wesen ausdehnen iiber den iibrigen Organismus, dann
verknochert der Mensch, er wird sklerotisch, wie es fast jeder Mensch
im Alter bis zu einem gewissen Grade wird. Dann tragt er das totende
Element in seinem Organismus in sich: Das ist das Ahrimanische. Man
kann sagen: Alles dasjenige, was im Blute liegt, hat die Hinneigung zum
Luziferischen, alles dasjenige, was in den Knochen liegt, hat die Hin-
neigung zum Ahrimanischen, und der Mensch ist die Gleichgewichts-
lage zwischen beiden, so wie er die Gleichgewichtslage sein mufi in see-
lischer Beziehung zwischen der Schwarmerei und der niichternen Phi-
listrositat.
Wir konnen aber auch in einer gewissen Weise tiefer diese beiden
Wesenheiten charakterisieren. Wir konnen einmal uns die luziferischen
Wesenheiten anschauen, was sie gewissermafien im kosmischen Dasein
fur Interessen haben. Und da findet man, dafi die luziferischen Wesen-
heiten vor alien Dingen das Interesse haben im Kosmos, die Welt,
namentlich die Menschenwelt, abtriinnig zu machen von denjenigen
geistigen Wesenheiten, die wir als die eigentlichen menschenschopfe-
rischen Wesenheiten auffassen miissen. Die luziferischen Wesenheiten
mochten nichts anderes, als die Welt, man konnte sagen, von den gott-
lichen Wesenheiten abtriinnig machen. Nicht so sehr, dafi luziferische
Wesenheiten in erster Linie die Absicht hatten, sich selber die Welt an-
zueignen. Sie werden aus Verschiedenem, was ich schon gesagt habe
iiber die luziferischen Wesenheiten, entnehmen konnen, dafi das nicht
die Hauptsache ist bei den luziferischen Wesenheiten, sondern die
Hauptsache ist: von dem, was der Mensch empfinden kann als seine
eigentlichen gottlichen Wesenheiten, abtriinnig zu machen die Welt,
frei zu machen die Welt davon.
Die ahrimanischen Wesenheiten haben eine andere Absicht. Sie haben
die entschiedene Absicht, namentlich das Menschenreich, aber damit
die iibrige Erde, in ihre Machtsphare zu bekommen, von sich abhangig
zu machen, namentlich zunachst die Menschen als solche zu beherr-
schen. Wahrend also die luziferischen Wesenheiten darauf hinarbeiten
zunachst und immer hingearbeitet haben, die Menschen abtriinnig zu
machen von dem, was die Menschheit als ihr Gottliches empfinden
kann, haben die ahrimanischen Wesenheiten die Tendenz, die Mensch-
heit und alles, was dazu gehort, in ihre Machtsphare allmahlich ein-
zubeziehen.
So ist eigentlich in unserem Kosmos, in den wir hineinverwoben sind
als Menschen, ein Kampf vorhanden zwischen den fortwahrend nach
Freiheit, nach universeller Freiheit strebenden luziferischen Wesen-
heiten, und den nach einer immerwahrenden Macht und Kraft streben-
den ahrimanischen Wesenheiten. Dieser Kampf, in dem wir drinnen-
stehen, durchdringt alles. Das bitte ich Sie als die zweite fur unsere
weitere Betrachtung wichtige Idee festzuhalten. Die Welt, in der wir
drinnenstehen, ist durchdrungen von luziferischen und ahrimanischen
Wesenheiten, und es besteht dieser gewaltige Gegensatz zwischen der
befreienden Tendenz der luziferischen Wesenheiten und der nach Macht
strebenden Tendenz der ahrimanischen Wesenheiten.
Wenn Sie diese ganze Sache ins Auge fassen, dann werden Sie sich
sagen: Verstehen kann ich die Welt eigentlich nur, wenn ich sie mit
Bezug auf die Dreizahl ins Auge fasse. Denn wir haben auf der einen
Seite alles dasjenige, was luziferisch ist, auf der anderen Seite alles das-
jenige, was ahrimanisch ist, mitten hineingestellt den Menschen, der als
ein Drittes, wie im Gleichgewichtszustande zwischen beiden, sein Gott-
liches empfinden mufi. Nur dadurch kommt man mit dem Weltver-
Tafel 2 standnis zurecht, dafi man diese Dreiheit zugrunde legt, dafi man sich
klar dariiber ist: Es ist dieses menschliche Leben wie ein Waagebalken
(siehe Zeichnung S. 19). Hier das Hypomochlion, da eine Waagschale,
das Luziferische, das aber in Wirklichkeit hinaufzieht. Auf der anderen
Seite das Ahrimanische, das in Wirklichkeit hinunterzieht. Den Waage-
balken im Gleichgewicht zu erhalten, das ist das Wesen des Menschen.
Es haben diejenigen, die eingeweiht waren in solche Geheimnisse, immer
betont in der geistigen Menschheitsentwickelung, dafi man das Welten-
dasein, in das der Mensch hineingestellt ist, nur im Sinne der Dreizahl
verstehen kann, dafi man nicht verstehen kann die Welt, wenn man sie
gewissermafien auffassen will in ihrer Grundstruktur im Sinne der an-
deren Zahlen als im Sinne der Dreizahl. So dafi wir sagen durfen, in
unserer Sprache sprechend: Wir haben es zu tun im Weltendasein mit
dem Luziferischen, das die eine Waagschale, dem Ahrimanischen, das
die andere Waagschale darstellt, und dem Gleichgewichtszustande, der
uns darstellt den Christus-Impuls.
f/z/ft//'/''/' Tafel 2
t r
cihi-itn. tuzif.
Nun konnen Sie sich denken, dafi es durchaus im Interesse der ahri-
manischen und der luziferischen Machte liegt, dieses Geheimnis der
Dreizahl zu verhiillen. Denn die richtigeDurchdringung dieses Geheim-
nisses der Dreizahl befahigt ja die Menschheit, den Gleichgewichts-
zustand zwischen ahrimanischen und luziferischen Machten herzu-
stellen. Das heifit auf der einen Seite, alle Tendenz nach Freiheit, das
Luziferische, zu bemitzen zu einem gedeihlichen Weltenziele, auf der
anderen Seite das gleiche zu tun mit dem Ahrimanischen. Des Men-
schen normalster Geisteszustand besteht darin, in der richtigen Weise
sich hineinzuversetzen in diese Trinitat der Welt, in diese Struktur der
Welt, insofern ihr die Dreizahl zugrunde liegt.
Es bestand nun und besteht - wir werden die Quellen dieses Be-
stehens schon noch genauer morgen und iibermorgen zu besprechen
haben - einmal in dem, was auf das menschliche Geistes- und Kultur-
leben Einflufi hat, eine starke Tendenz, den Menschen zu verwirren in
bezug auf diese Bedeutung der Dreizahl. Eine starke Tendenz besteht,
den Menschen mit Bezug auf diese, wir durfen sagen, heilige Dreizahl
zu verwirren. Und wir konnen in der neueren Menschheitskultur sehr
deutlich sehen, wie fast ganz zugedeckt wird diese Gliederung nach der
Dreizahl durch eine Gliederung nach der Zweizahl. Bedenken Sie nur
einmal, dafi man ja sogar, um den Goetheschen «Faust» richtig zu ver-
stehen, wie ich das ofter hier auseinandergesetzt habe, wissen mufi, dafi
bis in dieses gewaltige Weltengedicht hinein die Verwirrung mit Bezug
auf diese Dreizahl spielt. Hatte Goethe zu seiner Zeit schon ganz durch-
schauen konnen, wie es sich eigentlich mit diesen Dingen verhalt, dann
hatte er nicht blofi dargestellt als den Gegner des Faust, als denjenigen,
der Faust herabzieht, die mephistophelische Macht, sondern er hatte
dieser mephistophelischen Macht, von der wir ja wissen, dafi sie iden-
tisch ist mit der ahrimanischen Macht, gegeniibergestellt die luzif erische
Macht, und es wiirden Luzifer und Mephistopheles als zwei Parteien im
«Faust» auftreten. Das habe ich ja schon wiederholt hier ausgefiihrt.
Man kann auch, wenn man die Goethesche Mephistopheles-Figur stu-
diert, genau sehen, wie Goethe uberall durcheinandergebracht hat in
der Charakteristik des Mephistopheles das luziferische und das ahri-
manische Element. Die Figur des Mephistopheles ist bei Goethe ge-
wissermafien aus zwei Elementen gemischt. Es ist keine einheitliche
Gestalt. Es ist bunt durcheinandergeworfen das luziferische und das
ahrimanische Element. Ich habe das in meinem kleinen Buchelchen
«Goethes Geistesart» ausfiihrlicher auseinandergesetzt.
Diese Verwirrung, die also bis in den Goetheschen «Faust» hinein-
spielt, ist durchaus darauf begriindet, dafi nach einer gewissen Richtung
hin - in alterer Zeit war es anders - in der neueren Menschheitsentwik-
kelung sich der Wahn geltend gemacht hat, an die Stelle der Dreizahl,
wenn man auf die Weltstruktur sieht, die Zweizahl zu setzen: das gute
Prinzip auf der einen Seite, das bose Prinzip auf der anderen Seite,
Gott und den Teufel.
Denken Sie nur, dafi wir also festzustellen haben: Will jemand sach-
gemafi in die Weltenstruktur hineinblicken, dann mufi er die Dreizahl
anerkennen, mufi anerkennen, dafi sich gegenuberstehen das luziferi-
sche und das ahrimanische Element, und dafi das Gottliche besteht in
dem Gleichgewichthalten zwischen beiden. Dem haben wir gegeniiber-
zustellen den Irrwahn, der eingezogen ist in die Geistesentwickelung
der Menschheit mit der Zweiheit, mit Gott und dem Teufel, mit den
geistig-gottlichen Machten oben und den teuflischen Machten unten.
Es ist so, wie wenn man den Menschen gewissermafien hinausbringen,
hinausquetschen wiirde aus der Gleichgewichtslage, wenn man ihm ver-
hehlt, dafi das eigentliche Heil des Weltenverstandnisses in dem rich-
tigen Auffassen der Dreizahl besteht, und wenn man ihm vormacht,
daS irgendwie die Weltenstruktur bedingt sei durch eine Zweizahl.
Dennoch ist bestes menschliches Streben diesem Irrtum verfallen.
Will man auf diesen Punkt eingehen, dann mufi man das gar sehr
ohne alles Vorurteil tun, dann mufi man wirklich einmal sich hinaus-
versetzen in eine vorurteilslose Sphare. Dann mufi man gar sehr unter-
scheiden zwischen den Sachen und den Namen. Dann mufi man sich
nicht verfiihren lassen zu der Meinung: dadurch, dafi man einer Wesen-
heit einen bestimmten Namen gibt, sei diese Wesenheit auch schon in
der richtigen Weise vom Menschen empfunden.
Fassen wir einmal den Begriff derjenigen Wesenheiten, die der
Mensch als seine gottlichen Wesenheiten empfinden soil, dann miissen
wir uns sagen: Der Mensch kann richtig diese Wesenheiten nur empfin-
den, wenn er sie sich denkt als das Gleichgewicht bewirkend zwischen
dem luziferischen und dem ahrimanischen Prinzip. Er kann dasjenige,
was er als sein Gottliches empfinden soil, niemals als Richtiges empfin-
den, wenn er auf diese Dreigliederung nicht eingeht. Betrachten Sie von
diesem Gesichtspunkte aus einmal eine Dichtung wie «Das verlorene
Paradies» von Milton, oder betrachten Sie eine Dichtung wie Klop-
stocks Messiade, die unter dem Einflusse des «Verlorenen Paradieses»
von Milton entstanden ist. Da haben Sie im Grunde nichts von einem
wirklichen Verstandnis einer dreigliedrigen Weltstruktur, da haben Sie
einen Kampf zwischen vermeintlich Gutem und vermeintlich Bosem,
den Kampf zwischen dem Himmel und der Holle. Da haben Sie so recht
in die menschliche Geistesentwickelung den Irrwahn der Zweiheit hin-
eingetragen. Da haben Sie dasjenige, was vielfach im popularen Be-
wufitsein wurzelt als der wahnvolle Gegensatz zwischen Himmel und
Holle, in zwei neuere Weltgedichte hineingetragen.
Es niitzt nichts, wenn Milton oder Klopstock die Wesen des Him-
mels als gottliche Wesen bezeichnen. Gottliche Wesen, wie sie der
Mensch empfinden soil, waren sie nur, wenn zugrunde lage die drei-
gliedrige Struktur des Weltendaseins. Dann wiirde man sagen konnen:
Da findet ein Kampf statt zwischen dem guten Prinzip und dem bosen
Prinzip. So aber, wie die Sache Hegt, wird eine Zweiheit angenommen,
dem einen Glied dieser Zweiheit das Gute beigelegt, Namen gefunden,
die den Wesen beigelegt werden, die eigentlich vom Gottlichen her-
genommen sind, und auf die andere Seite das teuflische, das antigott-
liche Element gestellt. Was ist damit eigentlich in Wirklichkeit getan?
Damit ist in Wirklichkeit nichts Geringeres getan, als dafi das wirklich
Gottliche aus dem Bewufitsein herausgeriickt ist, und dafi das Luzi-
ferische mit dem gottlichen Namen belegt wird, dafi wir in Wahrheit
vorliegen haben einen Kampf zwischen Luzif er und Ahriman, und dafi
nur dem Ahriman luziferische Eigenschaften beigelegt werden, und
dem Reiche des Luzifer werden die gottlichen Eigenschaften beigelegt.
Sie sehen, von welch ungeheurer Tragweite eine solche Betrachtung
eigentlich ist. Wahrend die Menschen glauben, mit einer solchen Gegen-
uberstellung, wie man sie findet in Miltons « Verlorenem Paradies» oder
in Klopstocks «Messias», habe man es zu tun mit den gottlichen und
den hollischen Elementen, hat man es in Wahrheit zu tun mit dem
luziferischen und dem ahrimanischen Elemente. Vom wirklich gott-
lichen Elemente liegt kein Bewufitsein vor, dagegen werden dem luzi-
ferischen Elemente die gottlichen Namen beigelegt.
Nun sind Miltons «Verlorenes Paradies» und Klopstocks «Messias»
eben nur die Geistesschopfungen, die herausragen aus dem neueren
Bewufitsein der Menschheit. Denn dasjenige, was sich in diesen Dich-
tungen auslebt, ist allgemeines Bewufitsein der Menschheit. Es ist ja ein-
gezogen in dieses neuere Bewufitsein der Menschheit der Irrwahn der
Zweizahl, und es ist hintangehalten worden die Wahrheit von der Drei-
zahl. Tiefstes, das die Menschheit in der neueren Zeit hervorgebracht
hat, zu dem sie von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit Recht hin-
schaut als zu den grofiten Hervorbringungen der neueren Zeit, ist eine
Kulturmaja, ist eine grofie Tauschung und entsprungen aus der grofien
Tauschung der neueren Menschheit. Das alles, was in diesem Irrwahn
wirkt, das ist im Grunde genommen Schopfung der ahrimanischen Ein-
fliisse, jener Einfliisse, die sich einstmals konzentrieren werden in der In-
karnation des Ahriman, von der ich Ihnen schon gesprochen habe. Denn
dieser Irrwahn, in dem wir drinnenstehen, ist nichts anderes als das Er-
gebnis jener falschen Weltbetrachtung, die fur die Menschen der neueren
Kultur, der neueren Zivilisation iiberall hervorspriefit aus der Welt,
indem sie entgegensetzen Himmel und Holle. Der Himmel wird als
Gottliches angesehen, so wie sie ihn schildern, und die Holle wird als
das Teuflische angesehen, wahrend in Wahrheit man es zu tun hat auf
der einen Seite mit dem himmlisch genannten Luziferischen und auf der
anderen Seite mit dem hollisch genannten Ahrimanischen.
Wir mussen nur bedenken, welche Interessen da in der neueren
Geistesgeschichte walten. Sogar die Dreigliederung des menschlichen
Organismus oder des Menschenwesens im Ganzen ist ja in einer gewis-
sen Beziehung, wie ich es Ihnen ofters erwahnt habe, fur die abend-
landische Zivilisation durch das achte okumenische Konzil von Kon-
stantinopel im Jahre 869 aus der Welt geschafft worden. Es ist zum
Dogma erhoben, daft der Christ nicht zu glauben habe an eine drei-
gliedrige Menschenwesenheit, sondern nur an eine zweigliedrige Men-
schenwesenheit. An Leib, Seele und Geist zu glauben gilt als verpont,
und die mittelalterlichen Theologen und Philosophen, die noch viel
wuftten von der Wahrheit, die hatten eine grofie Miihe, sich um diese
Wahrheit herumzudrucken, denn die sogenannte Trichotomie, die Glie-
derung des Menschen in Leib, Seele und Geist, war fur ketzerisch erklart
worden. Sie mufiten die Zweiheit lehren: der Mensch bestehe aus Leib
und Seele, nicht aus Leib, Seele und Geist. Und das ist ja dasjenige,
wovon gewisse Wesen, wovon gewisse Menschen gut wissen, was es fur
eine ungeheure Bedeutung hat fur das menschliche Geistesleben, die
Zweigliederung an die Stelle der Dreigliederung zu setzen.
Auf solche Tiefen mufi hingeblickt werden, wenn man richtig ver-
stehen will, warum in der Novembernummer der «Stimmen der Zeit»
von dem Jesuitenpater Zimmermann darauf hingewiesen wird, daft
eines der neueren Dekrete des heiligen Offiziums von Rom den Katho-
liken bei Strafe, nicht die Absolution in der Beichte zu erlangen, ver-
bietet, theosophische Schriften zu lesen oder zu haben oder sich an
irgend etwas Theosophischem zu beteiligen. Das interpretiert der Je-
suitenpater Zimmermann in den «Stimmen der Zeit», die friiher «Stim-
men aus Maria-Laach» geheiften haben, so, daft es vor alien Dingen
anzuwenden sei auf meine Anthroposophie, daft also vor alien Dingen
darauf gesehen werden miisse, dafi diejenigen Katholiken, welche als
echte Katholiken von Rom angesehen werden wollen, sich nicht zu
beschaftigen haben mit anthroposophischer Literatur. Als einer der
Hauptgriinde wurde da angefuhrt, dafi unterschieden werde die
menschliche Wesenheit in Leib, Seele und Geist, dafi also ein Ketze-
risches gelehrt werde gegeniiber dem Rechtglaubigen, das darin bestehe,
den Menschen zu unterscheiden in Leib und Seele.
Ich habe Ihnen ja auch erwahnt, dafi diese Unterscheidung in Leib
und Seele, ohne dafi sie es wissen, auf die modernen Philosophen ttber-
gegangen ist, die glauben, vorurteilslose, voraussetzungslose Wissen-
schaft zu betreiben, die glauben, wirklich zu beobachten, um dadurch
zu der Einsicht zu kommen, dafi der Mensch bestehe aus Leib und Seele.
In Wahrheit befolgen auch sie nur dasjenige, was durch jenes Dogma
in die neuere Geistesentwickelung hineingekommen ist. Was heute als
Wissenschaft angesehen wird, ist im Grunde genommen ganz abhangig
von solchen Dingen, wie sie im Laufe der neueren Menschheitsentwik-
kelung in die Welt hineinversetzt worden sind. Glauben Sie nicht, dafi
Sie durch irgendwelche guten Worte, die Sie oftmals meinen, Leuten
geben zu mussen, welche aus solchen Ecken heraus Anthroposophie
verketzern, diese Leute bekehren konnen, oder dafi Sie sie zu einem ge-
wissen Wohlwollen bekehren konnen gegeniiber der Anthroposophie.
Anthroposophie mufi sich durch sich selbst in der Welt Eingang ver-
schaff en, nicht durch die Protektion irgendwelcher, und waren sie auch
als noch so christlich angesehene Machte. Durch innere Kraft allein
kann Anthroposophie dasjenige erreichen, was sie in der Welt erreichen
soil.
Bedenken Sie, der Christus-Impuls ist nur zu begreifen, wenn man
ihn als den Gleichgewichtsimpuls ansieht zwischen dem Ahrimani-
schen und dem Luziferischen, wenn man ihn in die Trinitat richtig
hineinzustellen weifi. Was mufi man tun — so kann man die Frage auf-
werfen -, wenn man die Menschen irrefuhren will iiber den eigent-
lichen Christus-Impuls? Man mufi die Menschen ablenken von der
wahren Weltengliederung nach der Dreizahl und mufi sie hinfuhren zu
dem Irrwahn der Zweizahl, die nur da ihre Berechtigung hat, wo es sich
um das Offenbare handelt, nicht da, wo es sich darum handelt, auch
hinter dasjenige zu kommen, was hinter dem Offenbaren stent, was in
der Sphare des Wahren liegt.
Wir miissen uns klar sein dariiber, dafi wir in solchen Dmgen durch-
aus iiber blofie Namen hinauskommen miissen. Dadurch, dafi man
irgend etwas Christus nennt, hat man den Christus nicht getroffen.
Und man kann verhindern, dafi der Christus getroffen werde mit dem
Christus-Namen, wenn man an die Stelle der Dreizahl die Zweizahl
stellt. Wollte irgend jemand den Menschen sicher davon abbringen,
einen richtigen Begriff von dem Christus zu erringen, dann hatte er nur
notig, an die Stelle der Dreizahl die Zweizahl zu setzen. Und soil dann
auf den Christus-Impuls in einem wahrhaftigen Sinne wiederum hin-
gedeutet werden, dann ist es notwendig, dafi der Zweizahl die Dreizahl
entgegengesetzt werde. Man braucht nicht auch ein Ketzererklarer zu
werden neben Ketzererklarern. Sie brauchen von heute ab nicht Miltons
«Verlorenes Paradies» oder Klopstocks «Messias» fiir verdammte Teu-
felsschriften zu erklaren, Sie konnen sich an der Schonheit und Grofie
selbstverstandlich weiter erfreuen. Aber Sie sollen sich klarwerden dar-
iiber, dafi in solchen Schrif ten, insofern sie die Bliiten gerade der popu-
laren neueren Menschheitszivilisation sind, von Christus iiberhaupt
nicht die Rede ist, sondern dafi solche Schriften hervorgehen aus dem
Irrwahn, dafi man alles dasjenige, was nicht der Menschheitsentwicke-
lung zugehort, auf der einen Seite nach dem Teuflischen hin rechnen
darf, und dafi man auf der anderen Seite das Gottliche bekommt. Nein,
man bekommt blofi das Luziferische. Und schreibt man dann ein «Ver-
lorenes Paradies», dann beschreibt man in Wirklichkeit die Austreibung
der Menschen aus dem Reiche des Luzifer in das Reich des Ahriman,
und man schildert die Sehnsucht der Menschen nicht nach dem Gott-
lichen, man schildert die Sehnsucht der Menschen nach dem verlorenen
Paradiese, das heifit aber nach dem Reiche des Luzifer. Schone Be-
schreibungen der menschlichen Sehnsucht nach dem luziferischen
Reiche mogen Sie sehen in Miltons «Verlorenem Paradies», mogen Sie
sehen in Klopstocks «Messias»; aber eben das sollen Sie darinnen sehen,
denn das sind sie.
Gar sehr sind gewisse Vorstellungen, die in die neuere Menschheit
eingezogen sind, zu revidieren. Wir stehen heute, indem wir im Ernste
uns anschicken, anthroposophisch zu denken und zu empfinden, nicht
vor kleinen Entscheidungen, wir stehen vor groflen Entscheidungen.
Wir stehen davor, ein Wort, das Nietzsche oftmals gebraucht hat, sehr
ernst zu nehmen. Das Wort von der Umwertung gewisser Werte, es
mufi sehr, sehr ernst genommen werden. Die Menschheitsleistungen der
neueren Zeit mussen gar sehr umgewertet werden.
Man braucht deshalb durchaus nicht auch ein Ketzerverdammer zu
werden. Wir fuhren fortwahrend Szenen aus dem Goetheschen «Faust»
auf, und ich habe Jahrzehnte dem Studium Goethes gewidmet. Aber
aus meiner kleinen Schrift «Goethes Geistesart» konnen Sie entnehmen,
dafi mich das nicht blind gemacht hat gegen die falsche Charakteristik,
die in der Goetheschen Mephistopheles-Figur lebt. Es ware durchaus
philistros, zu sagen : Goethes Mephistopheles ist f alsch, also weg damit.
Da wiirde man es ja machen wie gewisse Ketzerrichter. In diese Lage
diirfen wir uns als moderne Menschen nicht bringen. Aber wir diirfen
uns auch nicht in bequemer Weise bei dem befriedigen, was den brei-
testen Menschenmassen aus dem neueren Geistesleben wie in Fleisch
und Blut iibergegangen ist. Ungeheuer viel wird die Menschheit lernen
mussen. In bezug auf vieles wird sie Umwertungen vornehmen mussen.
Alles das hangt zusammen mit der Sendung des Michael gegeniiber
denjenigen Wesen der hoheren Hierarchien, mit denen er wiederum in
Verbindung steht. Und wie wir dazu kommen konnen, diejenigen Im-
pulse, die von der Michael- Wesenheit in unser irdisches Menschen-
dasein hereinstrahlen, zu verstehen, davon wollen wir dann morgen
und iibermorgen sprechen.
ZWEITER VORTRAG
Dornach, 22. November 1919
Ich habe Ihnen gestern von jenem Irrtum gesprochen, der eingezogen
ist in unser neuzeitliches Geistesleben und der heute noch von wenigen
Menschen eigentlich in der richtigen Weise bemerkt wird. Sie haben
wohl aus diesen Auseinandersetzungen herausgefiihlt, daft wir gerade
mit dem Hinweis auf diesen Irrtum an einer sehr wichtigen Stelle
geisteswissenschaftlicher Betrachtungen stehen. Es wird durchaus not-
wendig sein fur eine gedeihliche Entwickelung des geistigen Lebens der
Menschheit, daft in diesem Punkte klar gesehen werde. Ich habe Sie
hingewiesen auf solche Kulturerzeugnisse, die wie Miltons «Verlorenes
Paradies* oder Klopstocks «Messias» so recht herausgeboren sind aus
dem allgemeinen popularen Denken der letzten Jahrhunderte. Ich habe
Sie aber auch darauf hingewiesen, wie gerade an diesen, in bezug auf
das Kunstlerische, in bezug auf das allgemein Geistige hervorragenden
Kulturerzeugnissen, bemerkbar ist, vor welchen Gefahren das mensch-
liche Seelenleben stent, wenn nicht durchschaut wird, wie unmoglich
der Mensch zu einem wahren, fur ihn notwendigen Gottesbegriff und
damit auch Christus-Begrif f kommen kann, wenn er sich nur vorstellt,
daft die Weltstruktur, das Geistige inbegriffen, im Sinnbilde einer
Zweiheit zu begreifen ist. Gerade indem man gewissermaften nur die
Zweiheit unterschied, auf der einen Seite das Gute, auf der anderen
Seite das Bose, verfiel man in den Fehler, zum Bosen alles hinzu-
zurechnen, was wir bezeichnen muftten im Laufe der Zeit als das Luzi-
ferische und als das Ahrimanische. Nur hat man nicht erkannt, daft
man zusammengeworfen hat zwei Weltelemente in eines. Dadurch ist
es gekommen, daft man auf der anderen Seite nach dem Guten hin in
der Tat die luziferischen Elemente geschoben hat, daft man mit anderen
Worten glaubte, Gottliches zu verehren, Gottliches zu erkennen, daft
man vom Gottlichen mit Namen sprach, aber doch das luziferische
Element in dieses Gottliche hineinmischte. Dadurch aber wird es auch
unserer Zeit so schwer, zu einem reinen Begriff des Gottlichen und zu
einem reinen Begriff des Christus-Impulses in der Menschheits- und
Weltenentwickelung zu kommen. Wir sind gewohnt worden, aus der
Kultur der Jahrhunderte heraus, wegen der Anerkennung dieser Zwei-
heit auf der einen Seite zu sprechen von dem Seelischen, auf der an-
deren Seite zu sprechen von dem Leiblichen oder Korperlichen. Und
wir haben den Zusammenhang verloren zwischen jenen Vorstellungen,
die uns das Seelisch-Geistige vermitteln, und denjenigen Vorstellungen,
die uns das Leibliche vermitteln. Wir sprechen heute, und am meisten
tut das unsere Schulpsychologie, wenn wir vom Denken, vom Wollen,
vom Gemiite, vom Fiihlen sprechen, kaum von etwas anderem als von
Wortklangen. Wir kommen zu keinen wirklichen inneren inhaltsvollen
Vorstellungen von diesem seelischen Elemente. Und wir sprechen auf
der anderen Seite von einem entgeistigten Materiellen, von einem see-
lenlosen Materiellen, und wir klopf en gleichsam auf dieses aufiere harte,
steinhafte, seelenlose Materielle und konnen keine Briicke bauen von
ihm zum Seelischen hiniiber.
In zwei Elemente auseinandergefallen ist uns das Geistige, das iiber-
all, und das Leibliche, das zu gleicher Zeit ein Geistiges ist. Mit bloflen
Theorien kommt man zu einer solchen Briicke zwischen dem Leib-
lichen und Geistigen nicht. Und da man nicht dazu kommt, hat vor
alien Dingen unser ganzes wissenschaftliches Denken diesen Charakter
eines Zwiespaltes zwischen Leiblichem und Geistigem oder Seelischem
angenommen. Man mochte sagen: Auf der einen Seite sind die ver-
schiedenen Glaubensbekenntnisse dahinein verfallen, auf ein Geistiges
hinzuweisen, ohne in der Lage zu sein, darzulegen, wie dieses Geistige
unmittelbar eingreift ins Leiblich-Korperliche, wie es schopferisch
tatig ist an dem Leiblich-Korperlichen, auf der anderen Seite aber
betrachtet heute ein seelenloses Wissen, eine seelenlose Naturanschau-
ung das Korperliche so, dafi sie nirgends durch die leiblichen Vorgange
hindurchschauen kann auf das in diesen leiblichen Vorgangen waltende
Geistig-Seelische. Wer von diesem Gesichtspunkte aus die naturwissen-
schaftliche Anschauung, wie sie sich entwickelt hat im Laufe des 19.
Jahrhunderts und in das 20. Jahrhundert herein, uberblickt, der wird
sich sagen mussen: Alles dasjenige, was uns da auftritt, erscheint wie
eine Folge dessen, was eben charakterisiert worden ist. Wir mussen aber
vor alien Dingen das Richtige, das uns jetzt schon folgen kann aus
mannigfachen Voraussetzungen, die wir ja hier auch hinlanglich be-
sprochen haben, hinzusetzen, bevor wir den Irrwahn, der heute das
Richtige zudeckt, voll einsehen konnen. Man spricht heute vom Men-
schen wie von einer einheitlichen Wesenheit, gleichgiiltig, ob man vom
Seelischen spricht oder ob man vom Leiblichen spricht. Man spricht
vom Seelischen als einer einheitlichen Wesenheit, man spricht vom
Leiblichen als einer einheitlichen Wesenheit. Und dennoch, Sie werden
aus unseren Betrachtungen gesehen haben, dafi im Menschenwesen vor
alien Dingen der Ihnen schon angedeutete grofie Gegensatz waltet
zwischen all dem, was Hauptes- oder Kopfbildung ist, und all dem
- wir wollen es jetzt nicht weiter gliedern, Sie wissen, es kann auch
weiter gegHedert werden, aber wir wollen es jetzt in eins zusammen-
fassen -, was der Mensch an sich tragt aufier seiner Hauptes- oder
Kopfesbildung. (Es wurde der rechte Teil der Zeichnung, siehe S. 30, Tafel 3
skizziert.) Man fragt nach der Entwickelung des Menschen. Man mufi
in ganz anderer Art fragen nach der Entwickelung des Menschen in
bezug auf seine Hauptesbildung, Kopfbildung, und nach der Entwicke-
lung des Menschen in bezug auf die iibrige Leibesbildung.
Wenn wir die Kopfbildung des Menschen - fassen wir sie zunachst
ganz korperlich auf — ins Auge fassen, insofern diese Kopfbildung den
Organismus enthalt fur das sinnliche Wahrnehmen oder fur das Den-
ken oder Vorstellen, dann miissen wir allerdings weit zuriickblicken
in die kosmische Entwickelung des Menschen. Dann miissen wir uns
sagen: Dasjenige, was heute seinen Ausdruck findet in der mensch-
lichen Hauptesbildung, das hat sich nach und nach entwickelt und um-
geformt. Es hat sich hindurchentwickelt durch die alte Saturnbildung,
durch die alte Sonnenbildung, durch die alte Mondenbildung und ist
dann weiterentwickelt worden wahrend der Erdenzeit. Aber so ist es
nicht mit dem, was die andere Leiblichkeit des Menschen ist. Es ware
ganz falsch, eine einheitliche Entwickelungsgeschichte zu suchen fur
den ganzen Menschen. Wir konnen sagen (es wird weitergezeichnet) : Tafel 3
Die Hauptesbildung, die weist zuriick auf die vorhergehenden plane-
tarischen Stufen unserer Erdenbildung: Mondenbildung, Sonnenbil-
dung, Saturnbildung. Dasjenige, was zuletzt seinen unmittelbaren Ab-
schlufi gefunden hat in dem menschlichen Haupte, das geht auf eine
weite Entwickelung zuriick. Wenn wir aber dazufiigen alles ubrige, was
zum Menschen gehort, so diirfen wir nicht zuriickgehen bis zu der
Saturnbildung, sondern wir miissen sagen: Dasjenige, was der Mensch
an sich tragt aufier seinem Haupte, das konnen wir hochstens, insoweit
es die Brustbildung ist, zuriickverfolgen bis in die planetarische Mon-
denzeit (Zeichnung: senkrechter Trennungsstrich), dasjenige, was die
Gliedmafien sind, ist erst wahrend der Erdenformation an den Men-
schen herangekommen.
Wir betrachten den Menschen nur dann richtig, wenn wir etwa das
Folgende vergleichsweise sagen. Aber bitte, fassen Sie das vergleichs-
weise auf. Sie konnen sich sehr leicht hypothetisch vorstellen: durch
irgendwelche organischen Verhaltnisse im Kosmos, durch irgendwelche
Anpassungsverhaltnisse, verbunden mit inneren Wachstumsverhalt-
nissen, wiirde der Mensch irgendwelche neue Gliedmafien ansetzen.
Sie wiirden dann nicht zuriickverfolgen die ganze Menschengestalt bis
zur fruheren Entwickelung, sondern Sie wiirden sagen: Der Mensch,
insofern er sich entwickelt hat, mufi zuriickverfolgt werden; aber in
einem gewissen Zeitpunkte hat sich erst dieses oder jenes Glied an-
gesetzt. Dafi wir versucht sind, nicht so zu denken mit Bezug auf das
Haupt und den ubrigen Menschen, das riihrt nur davon her, weil, rein
in bezug auf die aufiere Raumesgrofie, der ubrige Mensch grower ist als
sein Haupt. Die Wahrheit ist doch diese, daft die Hauptesbildung am
weitesten zuriickgeht und daft die andere Bildung erst spatere Ansatze
darstellt. Spricht man iiberhaupt von einem Zusammenhang des Men-
schen mit der Tierwelt in bezug auf die Entwickelung, dann kann man
nur sagen: Dasjenige, was im menschlichen Haupte ist, das geht zuriick
auf eine friihere Tierbildung. Das menschliche Haupt ist umgewandelte
Tiergestalt, sehr stark umgewandelte Tiergestalt.
Der Mensch hat aufierlich, allerdings in ganz anderen physikalischen
Verhaltnissen, eine Tierbildung gehabt, als es noch gar keine Tiere gab.
Die Tiere haben sich spater zum Menschen hinzugebildet. Dasjenige
aber, was im Menschen Tierbildung gehabt hat, das ist heute mensch-
liches Haupt, menschlicher Kopf geworden. Und dasjenige, was an den
Kopf angesetzt ist als der iibrige Organismus, das ist erst gleichzeitig
mit der Entwickelung der Tiere an den Kopf angesetzt worden, das hat
also nichts zu tun mit einer wirklichen Tierabstammung. So daft wir
eigentlich sagen mussen: Das zunachst scheinbar edelste Glied des Men-
schen, sein Kopf, weist uns zuriick auf die Tierheit; in bezug auf das hat
der Mensch selbst friiher eine Art Tiergestalt gehabt. Dasjenige aber,
was wir sonst an uns tragen, das haben wir neben der Entwickelung der
Tiere als gewissermafien organischen Ansatz zum Kopfe in der kos-
mischen Entwickelung hinzu erhalten.
Nun ist das Haupt in einem gewissen Sinne unser Denkorgan ge-
worden. Unser Denkorgan ist also gerade dasjenige geworden, welches
Tierabstammung hat, wenn wir so sagen diirfen. Nur hat es allerdings
eine sonderbare Tierabstammung. Wenn Sie heute ein menschliches
Haupt nehmen, so werden Sie ihm anatomisch vielleicht nicht gleich
das ansehen, was zuriickweist auf Tiergestalt. Genauer angesehen wer-
den Sie aber doch erkennen, wenn Sie nur richtig zu deuten verstehen
die Form der Organe des Hauptes, wie sie umgestaltete Organe der
Tierheit sind.
Nun, wenn wir dieses ins Auge fassen, mussen wir allerdings zu-
gleich erwahnen, daft die Umgestaltung aus der Tierheit heraus fiir das
menschliche Haupt dadurch zustande gekommen ist, daft in dieses
Haupt bereits eingezogen ist eine riickwarts gerichtete Entwickelung.
Dasjenige, was voll lebendigen Lebens war in friiheren Stadien der Ent-
wickelung, ist im menschlichen Haupte bereits auf dem Wege des Ab-
sterbens, ist im menschlichen Haupte in einer riickwarts gerichteten
Entwickelung. Ich habe einmal gesagt: Wiirden wir als Menschen nur
Haupt sein, so konnten wir eigentlich niemals leben, so miifiten wir im
Grunde fortwahrend sterben, denn der organische Zusammenhang des
menschlichen Hauptes durch die Kraf te des Hauptes selbst ist nicht ein
Lebensvorgang, sondern ein Sterbensvorgang. Das, was im Haupte ist,
wird fortwahrend neu belebt vom iibrigen Organismus aus. Dafi das
Haupt auch teilnimmt am allgemeinen Leben des Organismus, das ver-
dankt es dem iibrigen Leben des Organismus. Wiirde sich das Haupt
nur denjenigen Kraf ten uberlassen konnen, fiir die es organisiert ist,
den sinnlichen Wahrnehmungskraf ten und den Vorstellungskraf ten, so
wiirde das Haupt fortwahrend absterben. Das Haupt hat fortwahrend
die Tendenz zu sterben, es mufi fortwahrend belebt werden. Und wenn
wir denken, wenn wir sinnlich wahrnehmen, so geht in unserem Haupte,
in unserem Nervensystem iiberhaupt und seiner Verbindung mit den
Sinnesorganen, nicht ein aufsteigender, dem Wachstum oder derglei-
chen angemessener Lebensprozefi vor sich, denn da wiirden wir nur
schlafen konnen, in tiefen Schlaf versunken sein, da wiirden wir nie-
mals hell denken konnen- Nur dadurch, dafi fortwahrend der Tod
durch unser Haupt zieht, dafi eine fortwahrende Riickentwickelung
da ist, dafi die organischen Prozesse fortwahrend zuruckgenommen
werden, dadurch greift in unserem Haupte das Denken und das sinn-
liche Wahrnehmen Platz.
Wer in materialistischer Weise aus Gehirnprozessen das Denken
oder das Sinneswahrnehmen erklaren will, der weifi eben gar nicht,
welche Vorgange im Haupte vor sich gehen, der glaubt, da gehen
solche Prozesse vor sich, die sich mit dem organischen Wachstum oder
dergleichen vergleichen lassen. Das ist nicht der Fall. Dasjenige, was
parallel geht dem Sinneswahrnehmen und dem Vorstellen, das sind
Absterbeprozesse, das sind Abtrageprozesse, Zerstorungsprozesse. Das
Organische, das Materielle mufi erst abgetragen, mufi erst zerstort wer-
den, dann erhebt sich iiber dem organischen Zerstorungsprozefi der
Denkprozefi.
Diese Dinge werden heute von der Menschheit so aufgefafit, dafi
man versucht, ihre Natur aufierlich zu erschliefien. Der Mensch denkt,
der Mensch nimmt sinnlich wahr, was aber da parallel in seinem Orga-
nismus vorgeht, davon weifi er nichts, das bleibt ihm ganz im Unbewufi-
ten sitzen. Nur durch diejenigen Vorgange, die ich geschildert habe in
meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?»,
kann man allmahlich aufsteigen zu einer solchen Erkenntnis, die nicht
blofi in dem lebt, was man fast nur mit seiner Wortbedeutung das See-
lische nennt: im Sinneswahrnehmen und im Denken. Bei einer Ent-
wickelung, die die Seele durchmacht in dieser Art, kann sie auf der
einen Seite sich dem Denken, dem Sinneswahrnehmen hingeben und
gleichzeitig wahrnehmen, was da im Gehirn geschieht. Da nimmt man
nicht dasjenige wahr, was man sonst etwa als Wachstumsprozefi emp-
findet, da nimmt man wahr einen Abbauprozefi, der stets wiederum
ausgeglichen werden mull vom iibrigen Organismus aus.
Das ist die tragische Begleiterseheinung einer wirklichen Erkenntnis
unserer Hauptestatigkeit. Der hellsichtige Mensch kann sich nicht er-
freuen etwa an einem Aufbluhen der organischen Prozesse des Hauptes,
wenn er denkt, wenn er sinnlich wahrnimmt, sondern er mull sich
bekanntmachen mit einem Zerstorungsprozefi. Er mull sich aber auch
bekanntmachen damit, dafi der materialistisch Gesinnte annimmt,
solche Prozesse spielen sich im menschlichen Haupte ab, welche gerade
ausgeschlossen sind, wenn der Mensch denkt oder wenn der Mensch
sinnlich wahrnimmt. Gerade das Gegenteii von dem, was wirklich
wahr ist, mull der Materialismus fiir sich annehmen.
Also wir haben es beim menschlichen Haupte zu tun mit einer Ent-
wickelung zwar aus der Tierheit heraus, aber jetzt schon mit einer rttck-
laufigen Entwickelung, mit einem Abbauprozefl. In auf steigender Ent-
wickelung ist unser anderer menschlicher Organismus. Von diesem
anderen menschlichen Organismus diirfen wir nicht etwa glauben, dafi
er nun keinen Anteil hat an dem Seelisch-Geistigen und seinem Erleben
im Menschen. Fortwahrend wird nicht nur das Blut aus dem iibrigen
Organismus heraufgesendet in das Haupt, sondern fortwahrend steigen
auch auf in das Blut jene seelisch-geistigen Gedankengebilde, aus denen
die Welt gewoben ist, aus denen auch unser Organismus gewoben ist.
Diese seelisch-geistigen Gedankengebilde, die nimmt der Mensch heute
in seinem normalen Zustande noch nicht wahr, aber es ist das Zeitalter
eingetreten, in dem der Mensch begmnen mufi, dasj enige wahrzunehmen,
was aus seinem eigenen Wesen aufsteigt an Gedankengebilden. Sie wis-
sen ja, wir schlafen nicht blofi vom Einschlafen bis zum Aufwachen,
mit einem Teil unseres Wesens schlafen wir den ganzen Tag uber. Wir
sind eigentlich nur wach in bezug auf unser Denken, Vorstellen und
Sinneswahrnehmen. Wir traumen in bezug auf unser Gefiihlsleben, wir
schlafen vollig in bezug auf unser Willensleben. Denn von dem, was
wir wollen, wissen wir ja nur die Gedanken, die Ideen, nicht den Vor-
gang des Willens. Was der Wille eigentlich macht, das vollzieht sich fiir
unser Bewufitsein so unbewufit wie das Schlafesleben vom Einschlafen
bis zum Aufwachen. Aber wenn wir fragen: Auf welchen Wegen kann
allein das Wissen von dem wirklich Gottlichen an den Menschen heran-
kommen? - dann konnen wir nicht verweisen auf den Weg durch das
Haupt, auf den Weg durch die Sinneswahrnehmung und durch das
Denken, sondern dann konnen wir nur verweisen auf den Weg, der
durchgeht durch unseren ubrigen Organismus. Und das grofie, gewal-
tige Geheimnis liegt vor, dafi der Mensch sein Haupt entwickelt hat in
einer langen Entwickelungsreihe, dafi dann hinzugekommen ist das-
jenige, was sein ubriger Organismus ist, dafi das Haupt bereits eine
riicklaufige Entwickelung angetreten hat, dafi aber dasjenige, was der
Mensch als sein Gottliches empfinden kann, durch den ubrigen Orga-
nismus zu ihm sprechen mufi, nicht durch das Haupt. Denn das ist
wichtig, dafi man sich klar ist dariiber: Durch das Haupt sprachen zu
Menschen zunachst nur die luziferischen Wesenheiten. Und wir konnen
sagen: Dem Menschen wurde zu seinem Haupte hinzu erschaffen der
iibrige Organismus, damit zu ihm sprechen konnen seine Gotter. Am
Ausgangspunkt der Bibel steht nicht: Und Gott sandte dem Menschen
den Lichtstrahl und er ward eine lebendige Seele — sondern: Gott blies
dem Menschen den lebendigen Odem ein und er ward eine lebendige
Seele. — Hier wird richtig erkannt, dafi durch eine Nicht-Hauptes-
tatigkeit zu dem Menschen der gottliche Impuls kam.
Daraus wird es Ihnen aber auch verstandlich sein, dafi zunachst
dieser gottliche Impuls zum Menschen nur kommen konnte in einer Art
unbewufiten Hellsehens, oder wenigstens durch ein Verstandnis des-
jenigen, was durch unbewufites Hellsehen gegeben wurde. Wenn Sie
von unserer Bibel das Alte Testament ansehen, so werden Sie es finden
mussen - wir wissen das ja von anderen Betrachtungen aus - als ein
Ergebnis eines unbewufken Hellsehens. Dessen waren sich auch die-
jenigen bewufit, die Mithilfe geleistet haben beim Zustandekommen des
Alten Testaments. Ich kann Ihnen heute hier nicht das Zustande-
kommen des Alten Testaments schildern, aber ich mochte Sie doch hin-
weisen darauf , in wie vielen Betrachtungen wir iiber solche Dinge uns
ergangen haben, wie Sie bei den Lehrern des alten hebraischen Volkes
durchaus das Bewufitsein iiberall finden, dafi ihr Gott zu ihnen ge-
sprochen hat nicht durch die unmittelbaren Sinneswahrnehmungen,
nicht durch das gewohnliche Denken, nicht durch alles dasjenige also,
wofiir das Haupt der Vermittler ist, sondern dafi ihr Gott zu ihnen
gesprochen hat durch Traume - worunter sie nicht gewohnliche Trau-
me, sondern von Wirklichkeit durchtrankte Traume verstanden — , was
da Gott zu ihnen gesprochen hat durch solche hellseherischen Momente
wie zu Moses aus dem Dornbusch und ahnlichem. Und wenn man die
Eingeweihten dieser alten Zeit gefragt hat, wie sie sich vorstellen, dalS
die gottlichen Rufe zu ihnen kommen, dann haben sie gesagt: Zu uns
spricht der Herr, dessen Name unaussprechlich ist, aber er spricht durch
sein Antlitz zu uns. - Und das Antlitz ihres Gottes nannten sie den
Michael, jene geistige Macht, die wir zu der Hierarchie der Archangeloi
rechnen. Ihren Gott empfanden sie als den unbekannt hinter den Er-
scheinungen auch des Hellsehers bleibenden. Wenn der Hellseher aber
sich durch die innere Verfassung seiner Seele zu seinem Gotte erhob,
so sprach zu ihm Michael. Aber dieser Michael sprach nur dann, wenn
die Menschen sich versetzen konnten in einen anderen Zustand, als der
gewohnliche Bewufitseinszustand war, wenn die Menschen sich ver-
setzen konnten in einen Zustand einer gewissen Helisichtigkeit, durch
den dasjenige ins Bewufitsein hereintrat, was sonst nur am Menschen
schafft und lebt entweder vom Einschlafen bis zum Aufwachen, oder
aber durch den unterbewufit bleibenden Willen, der eigentlich auch
schlaft, auch dann, wenn wir tagwachend sind.
Und so nannte man in der alten hebraischen Geheimlehre die Jahve-
Offenbarung die Offenbarung der Nacht und empfand die Jahve-
Offenbarung durch die Michael-Offenbarung als die Offenbarung der
Nacht. Man sah auf der einen Seite hinein in die Welt nach dem, was
sie einem geben konnte durch die Sinneswahrnehmung und durch das
menschliche verstandige Denken, und sagte sich: Auf diesem Wege kom-
men Erkenntnisse, kommt ein Wissen an den Menschen heran, das zu-
nachst das Gottliche nicht enthalt. Wenn aber der Mensch aus diesem
Bewufitseinszustand heraus sich zu einem anderen Bewufitseinszustand
entwickelt, dann spricht zu ihm Gottes Angesicht, der Michael, und
offenbart ihm die eigentlichen Geheimnisse, die mit dem Menschen-
wesen zusammenhangen, offenbart ihm dasjenige, was ihm eine Briicke
baut zwischen dem Menschen und jenen Machten, die nicht wahr-
genommen werden konnen in der aufieren Sinneswelt, die nicht erdacht
werden konnen mit dem an das Gehirn gebundenen Verstand.
So mufi man sagen: Es lebten die Menschen in den vorchristlichen
Zeiten so, dafi sie hinschauen konnten auf der einen Seite auf die
Sinneserkenntnis - die war da als Richtschnur fur die Erdenverrich-
tungen - und hinschauten auf der anderen Seite nach jener Erkenntnis,
die der Mensch nur haben wiirde - er hat sie nicht gehabt - fur das
gewohnliche Bewufitsein, wenn dieses Bewufksein wach bliebe, wahrend
es schlaft zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Der Mensch ist
in der Umgebung von geistigen Wesenheiten - das wufite man -, wenn
er wacht. Und diese geistigen Wesenheiten sind nicht seine schopfe-
rischen Wesenheiten - so dachte man im Alten Testament in der Zeit,
aus der das Alte Testament stammt -, diese Wesenheiten sind die luzi-
ferischen Wesenheiten. Die Wesenheiten, die als die schopferisch-
gottlichen gegeniiber der Menschheit empfunden wurden, die wirkten
an dem Menschenwesen vom Einschlafen bis zum Aufwachen, oder an
denjenigen Teilen des Menschenwesens, die auch wahrend des Tag-
wachens schlafen. Den Regierer der Nacht, so nannte man in der Zeit,
aus der das Alte Testament stammt, den Gott Jahve, und den Diener
des Regierers der Nacht, so nannte man, wie man sagte, das Antlitz
Jahves, den Michael. Und an den Michael dachte man, wenn man all
die prophetischen Eingebungen meinte, durch die man mehr begriff als
dasjenige, was durch die Erkenntnis der Sinneswelt kommen wiirde.
Und welches Bewufitsein steckt denn hinter all dem? Hinter all dem
steckt das Bewufitsein, das herausgewachsen ist aus jener Seinssphare,
in welcher die den Jahve mit umschliefienden Machte wesen, wahrend
die menschliche Hauptesbildung umgeben ist von luziferischer Wesen-
heit. Es war ein Geheimnis, das man durch alle alten Tempel trug, und
mit dem man der Wahrheit wirklich recht nahestand, dafi, indem aus
dem Organismus des Menschen herausragt das menschliche Haupt, der
Mensch sich durch sein Haupt zugewendet hat den luziferischen Wesen-
heiten. Man wufite gewissermafien, indem das Haupt aus dem mensch-
lichen Organismus herausragt, ragt Luzifer aus dem menschlichen Or-
ganismus heraus. Diejenige Macht, welche das menschliche Haupt aus
der Tierheit heraus zu seiner jetzigen Gestalt gefiihrt hat, ist eine luzi-
ferische Macht. Und diejenige Macht, die der Mensch als gottliche
empfinden soli, die mufi aus dem Nachtzustand des ubrigen Organis-
mus in das menschliche Haupt heraufstromen. So lag dasjenige, was
der Mensch wissen konnte in den vorchristlichen Zeiten.
Dann schlug ein in die Erdenentwickelung das Mysterium von Gol-
gatha. Und wir wissen ja, dafi das Mysterium von Golgatha bedeutet
eine Vereinigung eines uberirdischen Wesens mit der menschlichen
Erdenentwickelung durch den Leib des Jesus von Nazareth, eine solche
Vereinigung, dafi durch den Tod auf Golgatha diese Wesenheit, die wir
die Christus-Wesenheit nennen, sich verbunden hat mit der mensch-
lichen Erdenwesenheit. Was ist dadurch in der Erdenentwickelung ge-
schehen? Ja, dadurch hat die Erdenentwickelung eigentlich erst ihren
Sinn bekommen. Dann hatte die Erde nicht ihren Sinn, wenn der
Mensch auf dieser Erde sich entwickeln wiirde, dastehen wiirde mit
seinen Sinnen und mit seinem an das Haupt gebundenen Verstande, die
zunachst einen luziferischen Ursprung haben, die aufiere Erdenwelt,
die auf die Erde stromende Lichteswelt der Sonne und der Sterne wahr-
nehmen wiirde, aber im Schlafeszustand verharren muftte, um das
Gottliche wahrzunehmen. Nimmermehr wiirde dadurch die Erde ihren
Sinn bekommen, denn der wachende Mensch gehort mit der Erde zu-
sammen. Der schlafende Mensch ist sich seines Zusammenhanges mit
dem Erdensein zunachst nicht bewufit. Dadurch, dafi die Christus-
Wesenheit gewohnt hat in einem Menschenleib, der durch den Tod
gegangen ist, dadurch hat sich innerhalb der Erdenentwickelung etwas
wie ein Ruck vollzogen. Alles in dieser Erdenentwickelung hat einen
neuen Sinn bekommen. Die Moglichkeit hat sich zunachst heraus-
gebildet, dafi der Mensch nach und nach fahig werde, seine schopfe-
rischen gottlichen Machte auch wahrend des Tages, wahrend des ge-
wohnlichen Wachens, das heiik im gewohnlichen Bewufitseinszustande,
zu erkennen. Dariiber herrscht heute nur noch Irrtum aus dem Grunde,
weil die seit dem Mysterium von Golgatha verf lossene Zeit noch nicht
hingereicht hat, den Menschen dazu zu fiihren, auch im Tagwachen nun
hineinzuschauen in diejenige Welt, in die hineinschauen konnten die
Propheten des Alten Testamentes in den Zeiten, die sie empfanden als
durchdrungen von Of fenbarungen ihres Regierers der Nacht, des Jahve,
und seines Antlitzes, des Michael. Es bedurfte einer Durchgangszeit.
Aber mit dem Ablauf des 19. Jahrhunderts - die ganze orientalische
Weisheit weist hin, aber von einem vollig anderen Gesichtspunkte, auf
die Wichtigkeit dieses Ablauf es des 19. Jahrhunderts - ist die Zeit ein-
getreten, wo die Menschen erkennen mtissen, daft etwas erfiillt ist, was
friiher nicht erfiillt war, wo die Menschen erkennen miissen: Jetzt ist
in ihnen die Fahigkeit latent, jetzt ist in ihnen die Fahigkeit zum Auf-
wecken reif, durch die Tagesoffenbarung hindurch zu sehen dasjenige,
was friiher nur in der Nachtoffenbarung durch Michael vermittelt
worden ist.
Dem aber mufite noch ein grofier Irrtum vorangehen, gewisser-
mafien eine Erkenntnisnacht vorangehen. Ich habe ja ofters gesagt, dafi
ich durchaus nicht iibereinstimme mit denjenigen, die immer sagen,
unsere Zeit ist eine Obergangsepoche. Ich weifi ganz gut, jede Zeit ist
eine Ubergangsepoche. Aber bei solchen formal abstrakten Bestim-
mungen will ich nicht stehenbleiben, denn es kommt darauf an, dafi
man angebe, worinnen der Obergang einer bestimmten Zeit besteht.
Der Ubergang in unserer Zeit besteht darinnen, dafi die Menschen er-
kennen sollen: Durch die Tagerkenntnis hindurch mufi kommen das-
jenige, was friiher nur Nachterkenntnis war. Mit anderen Worten:
Michael war der Offenbarer durch die Nacht und soil werden in unserer
Zeit der Offenbarer wahrend des Tages. Michael soli werden aus einem
Nachtgeist ein Taggeist. Fur ihn bedeutet das Mysterium von Golgatha
die Umwandlung aus einem Nachtgeist in einen Taggeist.
Aber dieser Erkenntnis, die sich schneller als wir heute glauben,
Bahn brechen sollte unter den Menschen, dieser Erkenntnis mufite ein
noch grofierer Irrtum vorangehen, der grolkdenkbare Irrtum, der
eigentlich in der Menschheitsentwickelung moglich war, trotzdem man
ihn heute noch in vielen Kreisen als eine besonders wichtige und wesent-
liche Wahrheit ansieht. Vollig verhiillt hat sich der neueren Menschheit
der Ursprung des menschlichen Hauptes, vollig verhiillt hat sich die mit
dem menschlichen Haupte verbundene luziferische Geistigkeit. Der
Mensch wurde, wie ich sagte, auch leiblich als eine Einheit genommen.
Man f ragte nach seiner Abstammung, und es wurde einem zur Antwort
gegeben, der Mensch stamme von der Tierheit ab, wahrend in Wahrheit
nur dasjenige, was am Menschen das Luziferische ist, von der Tierheit
abstammt. Dasjenige aber, durch das fruher gesprochen haben zu ihm
aus seinem Schlafeszustande heraus seine gottlichen Schopfer, das ist
erst entstanden — nachdem nebenher die Tiere entstanden sind - als
Ansatz des menschlichen Hauptes. Man hat alles am Menschen zu-
sammengeworfen und spricht von der Abstammung des Menschen von
der Tierheit. Das ist etwas wie eine Erkenntnisstraf e, die in die Mensch-
heit hereingekommen ist, wobei ich das Wort «Strafe» in einem etwas
umgedeuteten Sinne meine.
Woher kann denn eigentlich dieseTendenz stammen, dafi der Mensch
die Dichtung erfand, er stamme von der Tierheit ab, wahrend der
wahre Vorgang der ist, den wir zunachst hingestellt haben beziiglich
der Abstammung des Hauptes und des ubrigen Organismus. Was hat
dem Menschen eingegeben die Dichtung: der ganze Mensch stamme
von der Tierheit ab?
Sehen Sie, in der Zwischenzeit, die zwischen dem Mysterium von
Golgatha und unseren Tagen verf lossen ist, und die in gewissem Sinne
eine Vorbereitung war fur das Verstandnis des Mysteriums von Gol-
gatha, in dieser Zeit, in der zuriickgetreten ist die alte heidnische Weis-
heit, durch die man ja zunachst auch das Christentum erfassen wollte,
und in der noch nicht vollig reif war die neue Geist-Erkenntnis, in
dieser Zeit stahl sich allmahlich in die Menschheitsentwickelung herein
das ahrimanische Element. Und indem man nicht erkannte das luzi-
ferische Element in dem menschlichen Haupte, konnte man auch nicht
erkennen das ahrimanische Element, mit dem das Gottliche im Kampfe
liegt, in der ubrigen menschlichen Organisation. Und so entstand denn
die rein ahrimanische Dichtung, der Mensch stamme ab aus der Tier-
reihe.
Dafi der Mensch von der Tierreihe abstamme, ist eine ahrimanische
Eingebung. Diese Wissenschaft hat rein ahrimanischen Charakter. Der
Verdunkelung jener Weisheit, welche uns darauf hinweist, wie im
menschlichen Haupte luziferische Bildung ist, verdankt man den Irr-
wahn, der Mensch stamme ab von der Tierreihe. Indem man das eine
in bezug auf die Abstammung des menschlichen Hauptes nicht mehr in
der richtigen Weise durchschauen konnte, lernte man auch das andere
nicht in der richtigen Weise durchschauen. Und so schlich sich herein
in das menschliche Anschauen die Meinung von der Verwandtheit des
Menschen als ganzen Wesens mit der Tierheit. Und so schlich sich in
die Auffassung des menschlichen Wesens dasjenige auch ein, was im
Grunde genommen in der neueren Zivilisationsentwickelung eine ganze
Weltanschauung durchdrungen hat: das menschliche Haupt wurde zum
Edelsten gemacht, das andere ihm entgegengestellt, so wie man ent-
gegenstellt Gutes und Boses in der Welt, den Himmel und die Holle,
eine Zweiheit statt der Dreiheit. In Wahrheit hatte man wissen sollen,
daf5 der Mensch zunachst dasjenige, was er durch sein Haupt in der
Welt erringt, zwar der Weisheit der Welt verdankt, aber der luziferi-
schen Weisheit, und dafi diese luziferische Weisheit erst nach und nach
durchdrungen werden mufi von anderen Elementen.
Diejenige geistige Macht, welche - nachdem die Menschheitsentwik-
kelung durchgegangen war durch Saturn-, Sonnen- und Mondenent-
wickelung und die Erdenentwickelung begonnen hatte - das luziferi-
sche Wesen in die menschliche Hauptesbildung einorganisiert hat, das
ist die Michael-Macht. «Und er stiefi seine gegnerischen Geister her-
unter auf die Erde», das heifit: Durch dieses Herunterwerfen der dem
Michael gegnerischen luziferischen Geister wurde der Mensch zunachst
durchdrungen mit seiner Vernunft, mit dem, was dem menschlichen
Haupte entspriefit.
So ist es Michael, der seine Gegner dem Menschen gesandt hat, damit
der Mensch durch die Aufnahme dieses gegnerischen, dieses luziferi-
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schen Elementes zunachst seine Vernunft erhalten hat. Dann trat in
der Menschheitsentwickelung das Mysterium von Golgatha ein. Die
Christus-Wesenheit ging durch den Tod des Jesus von Nazareth. Die
Christus-Wesenheit verband sich mit der Menschheitsentwickelung.
Die Vorbereitungszeit ist verflossen. Michael selber hat in iibersinn-
lichen Welten an den Ergebnissen des Mysteriums von Golgatha teil-
genommen. Michael hat seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
eine ganz besondere Stellung innerhalb der Menschheitsentwickelung.
Das erste, was eintreten mufi durch eine richtige Erkenntnis dieser Stel-
lung des Menschen zu dem Michael, mufi sein, dafi man hineinsieht in
solche Geheimnisse, wie wir sie zum Beispiel mit Bezug auf das mensch-
liche Haupt und den ubrigen menschlichen Organismus heute ver-
suchen hinzustellen.
Das Wesentliche mufi sein, dafi den Menschen klar werde: Weil sie
nicht erkannt haben den wirklichen Ursprung des menschlichen Haup-
tes, konnten sie nur in einen Irrwahn verfallen mit Bezug auf den Ur-
sprung des ganzen Menschen. Weil sie sich nicht vorstellen wollten, dafi
die luziferische Bildung zunachst Platz gegriffen hat im menschlichen
Haupte, verfielen die Menschen in den Wahn, dafi dasjenige, was mit
dem menschlichen Haupte zusammenhangt, zuruckzufuhren sei auf
gleichen Ursprung mit dem ganzen ubrigen Menschen. Diese Geheim-
nisse mufi die Menschheit durchschauen. Die Menschheit mufi zu der
Moglichkeit kommen, kiihn und tapfer sich gegeniiberzustellen der
Erkenntnis, dafi sie an sich von innen aus durch das Ergreifen neuer
gottlicher Geheimnisse etwas zu verbessern habe an alledem, was ihr
gegeben werden kann durch die blofie Einsicht des Hauptes, durch die
blofie menschliche irdische Weisheit oder Gescheitheit. Und zuerst mufi
Korrektur geiibt werden konnen an dem gro&en Irrtum, der der Um-
kehr hat vorausgehen miissen, an dem Irrtum, der da liegt in der mate-
rialistischen Ausdeutung der Entwickelungslehre von dem Ursprung
des ganzen Menschen aus der Tierreihe heraus.
Nur das wird der Weg sein, um wiederum zur Moglichkeit zu kom-
men, uberhaupt in diesem Menschen, wie er vor uns steht, nicht auf der
einen Seite ein blofi Geistig-Seelisches, das nur in einem Leibe wohnt,
zu sehen, und auf der anderen Seite ein seelenloses Leibliches, sondern
zu schauen das Konkret-Geistige, das da arbeitet, wenn auch in einer
luziferischen Weise, an dem menschlichen Haupte, das Konkret-
Gottlich-Geistige, das an dem ganzen Menschen arbeitet, das einen
Gegner allerdings bekommt in der aufier dem Haupte befindlichen
Organisation in der ahrimanischen Natur.
In Imaginationen gesprochen, konnen wir zuriickweisen darauf,
wie das Luziferische dem Menschen einverleibt worden ist durch den
Michael-Impuls; durch dasjenige, was der Michael geworden ist, mufi
ihm nun wiederum das Ahrimanische genommen werden. Vor unserer
aufieren Wissenschaft steht heute unserem Bewulksein gegeniiber der
Mensch so, als ware das die Wahrheit, was wir durch Anatomie, Phy-
siologie und so weiter erkennen, oder was wir in der aufieren Sinnes-
beobachtung an dem Menschen vor uns haben. Wir miissen fahig wer-
den, den Menschen so anzusehen, dafi wir in jeder seiner Fibern das
Geistige, das konkret-geistige Wesen mit dem Leiblichen schauen. Wir
miissen uns bewufit sein: Im lebendigen Menschen rinnendes Blut ist
nicht dasjenige, was wir abtropfen lassen, sondern dieses im lebendigen
Menschen rinnende Blut ist durchgeistigt in einer besonderen Art. Aber
wir miissen den Geist kennenlernen, der durch das Blut pulst. Wir miis-
sen den Geist kennenlernen, der durch das Nervensystem dann pulsiert,
wenn das Nervensystem gerade in einer Absterbephase ist und so weiter.
Wir miissen in alien einzelnen LebensauiSerungen das geistige Element
mit sehen konnen.
Michael ist der Geist der Starke. Er raufi befahigen, indem er in die
Menschheitsentwickelung einzieht, nicht die abstrakte Geistigkeit auf
der einen Seite zu haben, und auf der anderen die Materialitat, die wir
beklopfen, die wir durchschneiden, und von der wir keine Ahnung
haben, dafi sie im Grunde genommen nur eine aufiere Offenbarungs-
form auch des Geistigen ist, Michael mufi uns durchdringen als die
starke Kraft, die das Materielle durchschauen kann, indem sie im
Materiellen zu gleicher Zeit das Geistige sieht, indem im Materiellen
iiberall der Geist gesehen wird. Auf eine alte Stufe des Menschheits-
bewufitseins wurde hingewiesen, da wurde gesagt: Es lebte in dieser
alten Zeit das Wort in geistiger Weise, aber das Wort ist Fleisch ge-
worden und hat unter uns gewohnet - so driickt es der Evangelist aus.
Es hat sich vereinigt mit dem Fleische das Wort, und die Michael-
Offenbarung ist dem vorangegangen. Das alles sind Vorgange im
menschlichen Bewufitsein, auf die da hingedeutet wird. Der umgekehrte
Prozefi mufi beginnen, dieser umgekehrte Prozefi, der darinnen besteht,
dafi man zu dem Worte des Evangelisten ein anderes hinzuzufiigen hat.
In unserem Bewufitsein mufi die Kraft sich ansetzen, zu sehen, wie der
Mensch aufnimmt dasjenige, was aus geistigen Welten durch den
Christus-Impuls sich mit der Erde vereinigt hat und mit der Mensch-
heit sich verbinden mufi, damit die Menschheit nicht mit der Erde
zugleich zugrunde gehe. Gesehen mufi werden, wie der Mensch nicht
nur in sein Haupt herein, sondern in seinen ganzen Menschen auf-
nimmt das Geistige, wie er sich ganz durchdringt mit dem Geistigen.
Dazu kann nur der Christus-Impuls helfen. Dazu mufi aber auch die
Interpretation des Christus-Impulses durch den Michael-Impuls helfen.
Dann wird hinzugefiigt werden konnen zu den Worten des Evange-
listen: Und die Zeit mufi kommen, da das Fleisch wiederum zum Worte
wird und lernet im Reich des Wortes zu wohnen.
Es ist nicht eine Erfindung irgendeines spateren Hinzuschreibers,
wenn am Schlufi der Evangelien steht, dafi manches ausgelassen ist. Mit
diesem ist zugleich hingewiesen auf dasjenige, was erst nach und nach
sich der Menschheit enthiillen kann. Der versteht die Evangelien
schlecht, der sie so betrachtet, als ob sie zu bleiben haben, wie sie sind,
und nicht angetastet werden diirfen. Sie miissen ausgelegt werden nach
dem Worte des Christus Jesus, das sagte ich immer zu Ihnen: Ich bin bei
euch alle Tage bis ans Ende der Erdenzeiten. - Das heifit aber: Ich habe
mich euch nicht nur geoffenbart in den Tagen, in denen die Evangelien
geschrieben sind, ich werde durch meinen Taggeist Michael herein-
sprechen zu euch immerdar, wenn ihr den Weg zu mir sucht. Ihr werdet
hinzufiigen diirfen durch die fortlaufende Christus-Offenbarung zu
den Evangelien, was zwar nicht im Evangelium des ersten Jahrtausends,
wohl aber im Evangelium des zweiten Jahrtausends gewufit werden
kann, und zu dem immer Neues hinzugefiigt werden kann in den fol-
genden Jahrtausenden. - Denn so wahr es ist, was in dem Evangelium
steht: Im Urbeginne war das Wort, und das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnet - ebenso wahr ist es, dafi wir hinzufiigen
miissen der Offenbarung: und das Menschenfleisch mufi wiederum
durchgeistigt werden, damit es fahig werde, im Reiche des Wortes zu
wohnen, urn zu schauen die gottlichen Geheimnisse. - Die Fleisch-
werdung des Wortes ist die erste Michael-Offenbarung, die Geist-
werdung des Fleisches mufi die zweite Michael-Offenbarung sein.
DRITTER VORTRAG
Dornach, 23. November 1919
Vorgestern habe ich hier davon gesprochen, wie wir als Mitglieder der
Menschheit zunachst einmal in einer Sphare leben, die wir bezeichnen
konnen als unsere vierte Entwickelungssphare. Wir wissen, dafi die
Erdenentwickelung so vor sich gegangen ist, dafi dasjenige, was jetzt
Erdenentwickelimg ist, sich nach und nach herausgestaltet hat aus der
Saturnentwickelung, dafi daraus die Sonnenentwickelung geworden ist,
daraus die Mondenentwickelung, daraus die Erdenentwickelung. Wenn
wir nun diese vier aufeinanderfolgenden Gestaltungen des Erden-
planeten, zu dem selbstverstandlich die Menschheit als solche gehort,
ins Auge fassen, so diirfen wir auf den Menschen nur sehen, insofern der
Mensch ein Haupteswesen ist. Wir miissen uns aber auch klar sein
dariiber, dafi, indem wir so sprechen, fur uns alles, was wir als Haupt
des Menschen bezeichnen, der symbolische Ausdruck ist fur dasjenige,
was dem menschlichen Sinneswahrnehmen angehort, was der mensch-
lichen Intelligenz angehort, und was wiederum ins soziale Leben iiber-
fliefit durch die menschliche Sinneswahrnehmung, durch die mensch-
liche Intelligenz. Auch alles das, was der Mensch in seiner Entwicke-
lung durchmacht dadurch, dafi er Sinneswahrnehmungswesen ist, da-
durch dafi er ein intelligentes Wesen ist, alles das miissen wir umf assen.
So dafi gewissermafien, wenn ich sage «der Mensch als Haupteswesen »,
dies bildlich gesprochen ist fur all das andere, was ich eben erwahnt
habe.
Wir sprechen leichten Herzens davon, dafi wir als physische Men-
schen im Luftkreis drinnen sind. Wir miissen auch einsehen, dafi dieser
Luftkreis zu uns selber gehort. Denn, nicht wahr, diejenige Luft, die
eben jetzt in uns ist, war vor kurzer Zeit noch aufier uns. Wir sind als
Menschen aufierhalb dieses Luftkreises gar nicht denkbar. Aber wir
haben uns sogar gewohnt als moderne Menschheit zu glauben, es ware
auch friiher so gewesen - was gar nicht der Fall ist -, von diesen Dingen
wie der Luft und dergleichen nur in der modernen Art zu sprechen. Wir
f inden es heute schon absonderlich, wenn wir davon sprechen, dafi wir,
ebenso wie wir in der Luft wandeln, in einer Sphare wandeln, welche
gewissermafien die Bedingungen dazu enthalt, dafi wir Sinneswesen,
dafi wir intelligente Wesen sind, kurz, dafi wir alles das an uns haben,
was in dem eben erwahnten Sinne symbolisch ausgedriickt werden
kann dadurch, dafi wir Haupteswesen sind. Nun aber habe ich Ihnen
gesagt, dafi dieses eben nur die eine Sphare ist, in der wir sind. Wir
befinden uns jedoch in verschiedenen Spharen und wollen jetzt zu einer
menschheitlich praktischen Sphare vorschreiten und alles das ins Auge
f assen, worin wir dadurch leben, dafi unserer Erde drei Entwickelungs-
stadien vorangegangen sind und wir in dem vierten sind. Das alles wol-
len wir durch diese Kreisflache charakterisiert sein lassen, in der wir
darinnen leben gewissermafien als in unserer vierten Entwickelungs-
Tafel 4 sphare (die innere Kreisflache wird gezeichnet: orange). Aufierdem le-
ben wir in einer anderen Entwickelungssphare dadurch, dafi diese Ent-
wickelungssphare so zu den geistigen Wesenheiten, die unsere Schopfer
sind, gehort, wie diese vierte Entwickelungssphare zu uns gehort. Sehen
wir jetzt zunachst einmal von uns Menschen ab, sehen wir auf die-
jenigen Wesen, die wir immer genannt haben in der Reihenfolge der
iiber uns stehenden Hierarchien die Geister der Form, die Geister alles
schopferischen Formwesens, so miissen wir so sprechen, dafi wir die
Sphare, die wir diesen unseren schopferisch gottlichen Geistern zu-
schreiben, als Menschen erst erreichen, wenn die Erde noch drei weitere
Entwickelungsstadien, die Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Um-
rifi» als Jupiterstadium, Venusstadium, Vulkanstadium bezeichnet
finden, durchschritten hat und beim achten Stadium angekommen ist.
Da also, wo wir Menschen stehen werden nach der Vulkanentwicke-
lung, stehen diese schopferischen Geister. Da ist ihre Sphare, die zu
ihnen so gehort, wie die vierte Sphare zu uns. Aber diese zwei Spharen
miissen wir uns ineinandergeschoben, einander durchdringend denken.
Tafel 4 (Uber die erste Kreisflache wird eine grofiere gezeichnet: gelb.)
Wenn ich also die andere Sphare, die ich jetzt genannt habe, als die
achte bezeichne, so leben wir eben nicht blofi in der vierten, sondern
auch in dieser achten Sphare, dadurch, dafi mit uns zusammen unsere
gottlichen Schopfer in dieser Sphare leben.
Wenn Sie nun diese achte Sphare ins Auge fassen, dann leben dar-
Tafel 4
innen aber nicht nur unsere gottlichen Schopfergeister, sondern dar-
innen leben aufierdem die ahrimanischen Wesenheiten. So dafi dadurch,
dafi wir in der Umgebung der achten Sphare leben, wir zusammen mit
unseren von uns als unsere gottlichen Machte empfundenen Geistern
leben, aber auch mit den ahrimanischen Wesenheiten. In der vierten
Sphare leben mit uns, genau gesprochen, die luziferischen Geister. So
also stent es gewissermafien mit der Verteilung dieser geistigen Wesen-
heiten. Wir konnen auf diese geistigen Wesenheiten nunmehr eingehen,
wenn wir erf assen dasjenige, was mit den entsprechenden Umgebungen
dieser Spharen von uns selbst in Verbindung steht.
Da offenbart sich dem Schauen der Initiationswissenschaf t zunachst,
dafi dadurch, dafi wir in der vierten Sphare unserer Entwickelung leben,
wir, wie gesagt, wahrnehmende und intelligente Wesen sind. Aber wir
diirfen nie vergessen, dafi eben in diese Intelligenz, wobei wir immer
die Sinneswahrnehmungen mit der Intelligenz zugleich bezeichnen
wollen, hereinspielt die luziferische Macht. Diese luziferische Macht ist
eigentlich innig verbunden mit der besonderen Art von Intelligenz, die
heute noch der Mensch wesentlich als seine eigentliche, ihm zukom-
mende Intelligenz ansieht, mit der er am liebsten als seiner Intelligenz
wirtschaftet. Und dennoch, diese Intelligenz ist dem Menschen nur
dadurch zugeteilt worden, dafi jene hohere Wesenheit, von der ich als
der Michael-Wesenheit gesprochen habe, luziferische Geister herab-
gestofien hat in die Sphare der Menschen, in die vierte Sphare der Men-
schen, und dadurch in den Menschen der intelligente Impuls eigentlich
hineingekommen ist.
Sie konnen fiihlen, was dieser intelligente Impuls in der Menschheit
bedeutet, wenn Sie das unpersonliche Element der noch gegenwartigen
menschlichen Intelligenz ins Auge fassen. Nicht wahr, wir Menschen
haben viele personliche Interessen. Wir begegnen einander mit unseren
personlichen Interessen, und in bezug auf unsere personlichen Interes-
sen sind wir eben individualisiert. Aber diese Individualisierung macht
Halt vor der Intelligenz. In bezug auf die Intelligenz, in bezug auf die
Logik haben wir, alle Menschen, das Gleiche und rechnen mit diesem
Gleichen. Dieses Gleiche hatten wir nicht, wenn nicht der luziferische
Einflufi, durch Michael vermittelt, auf die Menschheit ausgeubt wor-
den ware.
Wir verstehen uns in dieser einfachen Weise nur dadurch, daft wir
eine gemeinsame Intelligenz haben, nur dadurch, dafi die gemeinsame
Intelligenz eben von der luziferischen Geistigkeit herriihrt. Nun, diese
luziferische Geistigkeit, sie ist entstanden dadurch, dafi Michael die
Menschen sozusagen durchdrungen, influenziert hat mit der luziferi-
schen Wesenheit. Diese luziferischen Einfliisse, sie haben sich in der
menschlichen Geschichtsentwickelung weiter ausgestaltet. Neben ihnen
hat sich manches andere im Menschen entwickelt. Aber heute noch
immer wird diese luziferische Geistigkeit, die wir unsere Intelligenz
nennen, als das den Menschen eigentlich Auszeichnende in weitesten
Kreisen empfunden.
Sie miissen, um sich vielleicht die Sache noch klarer zu machen,
einmal Ihre Seelenblicke richten auf etwas anderes, was uns Menschen
auch sogar fiber die ganze Erde hin zusammenfiihren kann, wenn es
einmal iiber die ganze Erde hin sich verbreitet. Das ist der Christus-
Impuls. Aber der Christus-Impuls ist etwas anderes als der Intelligenz-
Impuls. Der Intelligenz-Impuls hat etwas Zwingendes. Sie konnen
nicht die Intelligenz der Menschheit zu Ihrer personlichen Angelegen-
heit machen. Sie konnen nicht plotzlich sich entschliefien, irgend etwas,
was durch Intelligenz zu entscheiden ist, personlich zu entscheiden,
ohne dafi Sie eben herausf alien aus dem sozialen Leben der Menschheit
als wahnsinnig. Aber Sie konnen auf der anderen Seite auch wiederum
kein anderes Verhaltnis zu dem Christus-Impuls gewinnen, als ein per-
sonliches. Es kann niemand im Grunde genommen dem anderen hinein-
sprechen in das Verhaltnis, in das der andere sich zu Christus versetzen
will. Das ist eine personliche Angelegenheit letzten Endes. Aber da-
durch, daft der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen
ist und mit der Erdenentwickelung sich verbunden hat, ist es so, dafi,
wenn ganz unabhangig voneinander noch so viele Menschen den
Christus-Impuls zu ihrem personlichen machen, so wird er ganz von
selber der gleiche. Das heifit: die Menschen werden zusammengefuhrt
durch etwas, was jeder fiir sich macht, nicht zwangsweise, wie durch
die Intelligenz, sondern dadurch, dafi eben durch den Christus-Impuls
selber sich das Verhaltnis in jedem Menschen zu dem Christus so bildet,
dafi es bei jedem Menschen, indem es sich in der richtigen Weise bildet,
dasselbe ist. Das ist der Unterschied zwischen dem Intelligenz-Impuls
und dem Christus-Impuls. Der Christus-Impuls kann iiber die ganze
Menschheit hin gleich sein und ist doch fiir jeden einzelnen eine person-
liche Angelegenheit. Die Intelligenz ist nicht eine personliche An-
gelegenheit.
Nun, wo hinein ist denn der Christus-Impuls gef alien? Das konnen
wir uns beantworten nach Andeutungen, die ich schon gegeben habe.
Wir wissen, die Kopfentwickelung ist schon eine riickschreitende, eine
rucklaufige. In bezug auf sein Haupt ist der Mensch gewissermaften in
einem fortwahrenden Absterben drinnen. So dafi wir also auf die kos-
mische Tatsache hinweisen konnen: Michael hat die luziferischen
Scharen in das Reich der Menschheit heruntergestofien. Die luziferi-
schen Scharen haben so zu ihrem Wohnsitz das menschliche Haupt
bekommen, aber das menschliche Haupt im absterbenden Charakter.
Hier begannen sie, diese luziferischen Scharen, fortdauernd gegen
das Absterben des menschlichen Hauptes anzukampfen. Und hier be-
riihren wir ein zwar altbekanntes, in den verschiedensten Formen be-
kanntes, aber der neueren Menschheit fast ganz verhiilltes Geheimnis
der Menschennatur. Der Mensch tragt, wenn man seine gottliche Ent-
wickelung ins Auge fafit, in seinem Haupt eine absterbende Entwicke-
lung, ein fortwahrendes Ersterben. Aber diesem fortwahrenden Er-
sterben geht ein Anfachen des Lebens von seiten Luzifers parallel.
Fortwahrend will Luzifer unser Haupt zu einem so lebendigen machen,
wie unser iibriger Organismus ein lebendiger ist. Dadurch wiirde, wenn
man auf das Organische sieht, Luzifer abtriinnig machen die Mensch-
heitsentwickelung von ihrer gottlichen Richtung, wenn es ihm gelange,
tatsachlich das menschliche Haupt so zu beleben, wie der iibrige Orga-
nismus des Menschen belebt ist.
Aber dagegen eben mufi die gottliche Richtung der menschlichen
Entwickelung sich wenden. Denn der Mensch mufi verbunden bleiben
mit der Erdenentwickelung, damit er mit der folgenden Erdenentwik-
kelung durch die Jupiter-, Venus- und Vulkanentwickelung weiter-
gehen konne. Der Mensch wiirde diesen Weg, der ihm vorgezeichnet
ist, nicht gehen, sondern er wiirde einem Kosmos einverleibt werden,
der durch und durch intelligent ware, wenn Luzifer sein Ziel erreichen
wiirde.
Ich mochte sagen, physiologisch gesprochen ist es eben so, dafi Luzi-
fer fortwahrend in uns so tatig ist, dafi er uns die Lebenskrafte, die das
Haupt des Menschen durchdringen wollen, heraufsendet aus unserem
ubrigen Organismus. Seelisch gesprochen, will Luzifer fortwahrend
unserem Intelligenzinhalte, der ja nur Gedanken umschliefk, Bilder
umschliefit, einen substantiellen Inhalt geben. Luzifer hat fortwahrend
die Tendenz - ich spreche dasselbe, was ich vorhin physisch gesprochen
habe, jetzt seelisch -, Luzifer hat fortwahrend die Tendenz, wenn wir
formen, im Geiste ein Bild formen, irgend etwas, was meinetwillen
kiinstlerische Gestaltung ist, dem einen wirklichen substantiellen Gehalt
zu geben, also unsere Gedankeninhalte, unsere Vorstellungsinhalte zu
durchdringen mit der gewohnlichen irdischen Wirklichkeit. Dadurch
wiirde er dasjenige erreichen, daft wir als Menschen verliefien die andere
Wirklichkeit und in eine Gedankenwirklichkeit uberfliegen wiirden,
die dann eine Realitat ware, nicht blofie Gedanken ware. Diese Ten-
denz ist fortwahrend mit unserem Menschenwesen verbunden, dafi
unsere Phantasien Wirklichkeiten werden sollen, und die grofitdenk-
baren Anstrengungen werden gemacht, damit die menschlichen Phan-
tasien Wirklichkeiten werden konnen.
Nun hangt aber alles dasjenige, was es in der Menschheit gibt an
inneren Krankheitsursachen, mit dieser luziferischen Tendenz zusam-
men. Das Durchschauen der Arbeit Luzifers in dieser Beziehung, des
Hineinpressens von Vitalitatskraften in die absterbenden Krafte des
menschlichen Hauptes, das bedeutet in Wahrheit letzten Endes die
Diagnose samtlicher innerer Krankheiten. Und naturwissenschaftlich-
medizinische Entwickelung mufi dahin gehen, auf dieses luziferische
Element zuletzt die Erkenntnis aufzubauen. Dies, einen solchen Ein-
schlag zu geben, gehort zu den Tendenzen des in unsere menschliche
Entwickelung hereinbrechenden Michael-Einflusses.
Umgekehrt ist der ahrimanische Einflufi da. Er macht sich zunachst
geltend aus der achten Sphare heraus, aus der geschaffen ist unser
iibriger Organismus - aufier dem Haupte -, der ist voller Vitalitat, er
ist durch seine eigene Organisation fiir die Vitalitat geschaffen. Da
hinein wirken nun die ahrimanischen Machte. Die sind umgekehrt
bestrebt, in die Vitalitatskrafte des iibrigen Organismus hineinzusen-
den die Todeskrafte, die eigentlich der gottlichen Entwickelung nach
in das Haupt gehoren. So dafi wir aus der achten Sphare heraus die
Krafte des Todes in dieser Weise durch den Umweg des Ahriman ver-
mittelt erhalten. Das ist wiederum physisch gesprochen.
Seelisch gesprochen miifite ich mich so ausdriicken: Es wirkt alles
dasjenige, was aus dieser achten Sphare hereinwirkt, auf den mensch-
lichen Willen, nicht auf die Intelligenz. Aber dem menschlichen Willen
liegt der Wunsch zugrunde; in dem Willen steckt immer etwas vom
Wiinschen. Dasjenige, was als Wunschnatur zugrunde liegt dem Wollen,
in das versucht fortwahrend Ahriman hineinzubringen das personliche
Element des Menschen. Und dadurch, dafi in der Wunschnatur das per-
sonliche Element des Menschen verborgen liegt, dadurch ist unsere
menschliche Seelen-Willenstatigkeit eben ein Abdruck unseres Ent-
gegengehens dem Tode. Statt dafi wir uns von den gottlichen Idealen
durchdringen lassen, diese hineindringen lassen in unser Wiinschen und
dadurch in unseren Willen, wird etwas Personliches in unser Wiinschen,
in unsern Willen hineingebracht.
So sind wir wirklich in dem Gleichgewichtszustande zwischen dem
luziferischen und dem ahrimanischen Elemente. Das luziferisch-ahri-
manische Element iiberliefert uns Krankheit und Tod im Physischen,
im Seelischen entwickelt es uns all dasjenige, was als Tauschung auftritt
dadurch, dafi wir das eine oder das andere, was nur der Gedankenwelt,
Vorstellungswelt, Phantasiewelt angehort, als eine Wirklichkeit an-
sehen. In bezug auf das geistige Element ferner dringt gerade die Be-
gierde des Egoismus auf diesem Wege in unser Menschenwesen ein.
Nun, so sehen wir verbunden mit der Menschennatur diese Dualitat
Luzifer-Ahriman. Und wie sich die moderne zivilisierte Menschheit
iiber diese Dualitat tauscht, tauschen kann, das habe ich Ihnen an
Miltons «Verlorenem Paradies», an Klopstocks «Messias» und an
Goethes «Faust» erlautert. Nun handelt es sich darum, dafi wir als
Menschheit in der Erdenentwickelung an einem Punkt angelangt sind,
der sich dadurch charakterisieren lafit, dafi wir gewissermafien die
Mitte der Erdenentwickelung schon iiberschritten haben. Nicht wahr,
Tafel 5 die Sache ist so (es wird gezeichnet) : Die Erdenentwickelung war zu-
nachst eine ansteigende, erreichte einen Hohepunkt, ist seit jener Zeit
eine absteigende. Aus gewissen Griinden, die wir heute nicht zu erortern
brauchen, war eine Art von gleichbleibendem Niveau bis in die grie-
chisch-lateinische Zeit, bis in das 15. Jahrhundert herein. Seit jener Zeit
ist aber die Erdenmenschheitsentwickelung eine wirklich absteigende.
Tafel 5 "" '"' "" '0"< >„,
Die physische Erdenentwickelung ist schon viel langer eine abstei-
gende. Schon in der Zeit, die unserer letzten Eiszeit vorangegangen ist,
also vor der atlantischen Katastrophe, begann die absteigende Erden-
entwickelung in physischer Beziehung. Das ist etwas, was man heute
nicht als Anthroposoph den Leuten zu sagen braucht, das ist etwas, was
die Geologie bereits weifi, wie ich ofter erwahnt habe, dafi, indem wir
heute iiber die Erdschollen hiniiberschreiten, an zahlreichen Erden-
stellen wir bereits die absteigende Erdenrinde zu iiberschreiten haben.
Sie brauchen nur in besseren Geologien die Beschreibungen der Erden-
entwickelung nachzulesen, so werden Sie das auch heute schon als das
Ergebnis der physischen Wissenschaft konstatieren konnen, dafi die
Erde auf der absteigenden Stuf e ihrer Entwickelung ist. Aber auch das-
jenige, was in uns Menschen west, das ist auch in absteigender Ent-
wickelung. Wir haben nicht mehr zu rechnen darauf als Menschen, dafi
uns aus unserer Leibesentwickelung herauf noch irgendein Aufschwung
kommt. Wir miissen den Aufschwung ergreifen dadurch, dafi wir auf
den Menschen hinschauen lernen in dem, wodurch er aus der Erden-
entwickelung hinaus zu den folgenden Gestalten der Erdenentwicke-
lung fiihrt. Wir miissen lernen auf den Zukunftsmenschen schauen. Das
heifit michaelisch denken. Ich will Ihnen genauer charakterisieren, was
michaelisch denken heifit.
Wenn Sie heute Ihrem Nebenmenschen gegeniibertreten, so treten
Sie ihm eigentlich mit einem ganz materialistischen Bewufitsein gegen-
iiber. Sie sagen sich, wenn Sie dieses auch nicht laut, nicht einmal im
Gedanken sagen, aber Sie sagen es sich eigentlich in den intimeren Griin-
den Ihres Bewufitseins: Das ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, das ist
ein Mensch aus Erdenstoffen. Sie sagen sich das auch beim Tiere, Sie
sagen sich das auch bei der Pflanze. Aber das, was Sie sich da Mensch,
Tier, Pflanze gegeniiber sagen, sagen Sie sich mit Recht nur dem Mine-
ral gegeniiber, nur der mineralischen Wesenheit
gegeniiber. Fassen wir gleich den extremsten
Fall, den Menschen, auf. Nehmen wir, so wie er
durch die aufiere Erscheinung formiert ist, den
Menschen zunachst in bezug auf seine aufiere
Gestalt. (Es wird gezeichnet) : Das, was er so als Tafel 5
seine auftere Gestalt ist, das sehen Sie gar nicht
in Wirklichkeit, dem treten Sie gar nicht mit
Ihrem physischen Wahrnehmungsvermogen ent-
gegen, sondern das ist ausgefiillt, sogar zu mehr
als neunzig Prozent, mit Fliissigkeit, mit Was-
ser. Und das, was da als Mineralisches ausfiillt
die Gestalt, das sehen Sie mit Ihren physischen
Augen. Was der Mensch von der aufieren mine-
ralischen Welt mit sich vereinigt, das sehen Sie.
Den Menschen, der das vereinigt, den sehen Sie nicht. Sie reden nur
rich tig, wenn Sie sich sagen: Dasjenige, was da vor mir stent, das sind
die Stoffpartikelchen, die die menschliche Geistgestalt in sich auf-
speichert, das macht mir das Unsichtbare, was da vor mir stent, sicht-
bar. - Der Mensch ist unsichtbar, richtig unsichtbar. Sie alle sind hier,
wie Sie hier sitzen, unsichtbar fur physische Sinne. Nur sitzen so und so
viele Gestalten da, die haben durch eine gewisse innere Anziehungskraf t
Stoffpartikelchen so angesammelt (es wird gezeichnet) : Die sieht man,
diese Stoffpartikelchen. Man sieht nur Mineralisches. Die wirklichen
Menschen, die hier sitzen, sind unsichtbar, sind ubersinnlich. Dafi man
Wir sprechen von ahrimanischen Wesenheiten und von luzif erischen
Wesenheiten, wir sprechen von den Wesenheiten der Hierarchie der
Angeloi, Archangeloi, Archai und so weiter. Das sind unsichtbare We-
senheiten. Wir lernen sie erkennen an ihren Wirkungen. Wir haben viele
von diesen Wirkungen besprochen, auch jetzt in diesen Tagen wieder-
um. Wir lernen diese Wesenheiten erkennen aus dem, was sie tun. Ja, ist
es denn mit den Menschen anders? Wir lernen den Menschen, der un-
sichtbar ist, hier in der physischen Welt dadurch kennen, dafi er mine-
ralische Partikelchen in einer menschenahnlichen Form so anordnet, so
iibereinanderlagert. Das ist aber nur eine Tatigkeit, eine Wirkung des
Menschenwesens. Dafi wir auf eine andere Weise uns die Wirkungen
von Ahriman und Luzifer, die Wirkungen von Angeloi, Archangeloi,
Archai und so weiter klarmachen miissen, das heifit eben nur, diese
Wesenheiten auf eine andere Art kennenlernen. Aber in bezug darauf,
dafi diese Wesenheiten ubersinnlich sind, unterscheiden sie sich von uns
5
sich mit vollem Bewufitsein in jedem Augenblick
seines wachen Lebens so etwas sagt, das macht
die michaelische Denkweise aus, dafi man auf-
hort, den Menschen anzuschauen als dieses Kon-
glomerat von mineralischen Partikelchen, die
er nur in einer gewissen Weise anordnet. Die
Tiere tun es auch, die Pf lanzen tun es auch, nur
die Mineralien tun es nicht. Dafi man sich des-
sen bewufit wird: Wir wandeln unter unsicht-
baren Menschen - das heifit michaelisch denken.
gar nicht, wenn wir nur mit Vernunft an das herangehen, was Men-
schenwesen ist.
Sehen Sie, das ist michaelisch denken: einzusehen, dafi wir uns im
Wesen ja gar nicht unterscheiden von den libersinnlichen Wesenheiten.
Die Menschheit konnte ohne dieses Bewufitsein auskommen, als ihr
noch die Minerale etwas gaben. Aber seit die mineralische Welt in ab-
steigender Entwickelung ist, ist der Mensch angewiesen, hineinzuwach-
sen in eine geistige Auffassung seiner selbst und der Welt. Dafi wir die
innere Kraft finden konnen, dafi wir wirklich nicht mit dem Bewufit-
sein durch die Welt zu gehen brauchen, diese regelmafiige Stof fpartikel-
chen-Anhaufung sei der Mensch, sondern der Mensch sei ein iibersinn-
liches Wesen, diese Stoffpartikelchen deuteten uns nur hin mit einer
Gebarde der aufleren mineralischen Welt: da ist ein Mensch - die Kraft,
solches Bewufttsein zu entwickeln, die kann der Mensch haben seit den
siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, die kann er in hoherem Mafie
haben. Und nur wegen der ahrimanischen Einfliisse, wie ich sie charak-
terisiert habe vor acht Tagen hier, wehrt der Mensch dieses innere Be-
wufltsein zuriick, will er an dieses innere Bewufksein nicht herantreten.
Eins hangt mit dem anderen zusammen im Menschenleben. Und so wie
wir unter dem Irrwahn herumgehen, der Mensch sei ein sinnliches
Wesen, nicht ein iibersinnliches Wesen, so gehen wir unter anderen Irr-
wahnen herum. Wir sprechen von Entwickelung und denken immer,
nun, das geht so hintereinander vorwarts, immer weiter und weiter. Sie
wissen, das war nicht moglich, eine solche Entwickelung kunstlerisch zu
gestalten an unserem Bau. Als ich die Kapitale ausgestaltete, da mufite
ich das erste, zweite, dritte Kapital in aufsteigender Entwickelung
zeigen, das vierte steht in der Mitte, das fiinfte steht in absteigender
Entwickelung, das sechste ist wieder einfacher, das siebente am ein-
fachsten wieder. Da mufite ich zu der aufsteigenden Entwickelung die
absteigende Entwickelung hinzufugen.
Die haben wir tatsachlich in unserem Haupte. Wahrend unser iibriger
Organismus noch in einer aufsteigenden Entwickelung ist, befindet sich
unser Haupt bereits in absteigender Entwickelung. Dann, wenn man
glaubt, Entwickelung lage nur im Aufsteigen vor, dann entfernt man
sich von der wahren Wirklichkeit, dann redet man so, wie Haeckel
unter gewissem Irrwahn-Einflufi geredet hat: erst einf ache Wesen, dann
Weiterentwickelung, wieder kompliziertere Wesen und so weiter ins
Unendliche fort, immer komplizierter, immer vollkommener. Das ist
Unsinn. Jede Entwickelung, die vorwartsschreitet, tritt auch wiederum
den Ruckweg an. Alles Aufsteigen wird gefolgt von einem Absteigen,
und alles Aufsteigen tragt schon die Anlage zum Absteigen in sich. Das
gehort zu den verfanglichsten Tauschungen der neueren Menschheit,
dafi dieser neueren Menschheit abhandengekommen ist der Zusammen-
hang zwischen Evolution und Devolution, Entwickelung und wieder-
um rucklauf igem Werden. Denn wo auf steigende Entwickelung ist, da
mul5 sich die Anlage zu riicklaufiger Entwickelung ergeben. Dann geht
in dem Momente, wo eine aufsteigende Entwickelung anfangt riick-
laufig zu werden, das Physische in die geistige Entwickelung hinein.
Denn sobald das Physische beginnt rucklaufig zu werden, ist fiir eine
geistige Entwickelung Platz. In unserem Haupte ist fiir eine geistige
Entwickelung Platz, weil eine physisch riicklaufige Entwickelung da
ist. Wir werden aber nicht friiher das Menschen wesen und damit die
iibrige Welt durchschauen, bevor wir in die Lage kommen, die Dinge
im rechten Lichte zu sehen, also unsere Intelligenz wirklich in den Zu-
sammenhang mit der luziferischen Entwickelung zu bringen, so wie ich
es dargestellt habe. Denn dann werden wir diese Dinge in der richtigen
Weise bewerten und werden wissen, dafi unsere Intelligenz einen Ein-
schlag braucht, wenn sie tatsachlich den Menschen an sein Ziel bringen
soli. Es mufi Luzifer verhindert werden durch das Christus-Prinzip,
den Menschen abtriinnig zu machen von seiner ihm vorbestimmten
gottlichen Richtung.
Ich sagte schon, eins hangt mit dem anderen zusammen. Sehen Sie,
der Mensch ist unter dem Einflusse desselben Irrwahns, der den gott-
lichen Machten gewisse luziferische Eigenschaften beigelegt hat, heute
geneigt, einseitig in der Darstellung des Schonen zum Beispiel ein Ideal
zu sehen. Gewifi, man kann das Schone als solches darstellen. Aber man
mufi sich bewufit sein: Wiirde man sich nur an das Schone hingeben als
Mensch, dann wiirde man in sich kultivieren diejenigen Krafte, die in
das luziferische Fahrwasser hineinfiihren. Denn in der wirklichen Welt
ist ebensowenig wie die einseitige Entwickelung - zu der die riicklaufige
gehort, zu der Evolution die Devolution - einseitig vorhanden das blofte
Schone. Das blofte Schone, verwendet von Luzifer, um die Menschen
zu fesseln, zu blenden, wiirde gerade die Menschheit frei machen von
der Erdenentwickelung und sie nicht mit der Erdenentwickelung zu-
sammenhalten. In der Wirklichkeit haben wir, so wie mit einem In-
einanderspiel von Evolution und Devolution, es zu tun mit einem
Ineinanderspielen, und zwar einem harten Kampf e der Schonheit gegen
die Hafilichkeit. Und wollen wir Kunst wirklich fassen, so diirfen wir
niemals vergessen, daft das letzte Kiinstlerische in der Welt das Inein-
anderspielen, das Im-Kampfe-Zeigen des Schonen mit dem Haftlichen
sein mufi. Denn allein dadurch, daft wir hinblicken auf den Gleich-
gewichtszustand zwischen dem Schonen und dem Haftlichen, stehen
wir in der Wirklichkeit darinnen, nicht einseitig in einer nicht zu uns
gehorigen Wirklichkeit, die aber mit uns erstrebt wird in der luziferi-
schen, in der ahrimanischen Wirklichkeit. Es ist sehr notwendig, daft
solche Ideen, wie ich sie eben geaufiert habe, in die menschliche Kultur-
entwickelung einziehen. In Griechenland - Sie wissen, mit welchem
Enthusiasmus ich von dieser Stelle aus oftmals iiber die griechische Bil-
dung gesprochen habe -, da konnte man sich einseitig der Schonheit
widmen, denn da war noch nicht die Menschheit von der absteigenden
Erdenentwickelung ergriffen, wenigstens nicht im Griechenvolke. Seit
jener Zeit aber darf der Mensch den Luxus sich nicht mehr gonnen,
etwa bloft das Schone zu kultivieren. Das wiirde Flucht aus der Wirk-
lichkeit sein. Er mufi sich kiihn und tapfer gegeniiberstellen dem realen
Kampfe zwischen Schonem und Haftlichem. Er mufi die Dissonanzen
im Kampfesspiel mit den Konsonanzen in der Welt empfinden konnen,
mitfiihlen, miterleben konnen.
Dadurch kommt Starke in die Menschheitsentwickelung, und von
dieser Starke kommt auch die Moglichkeit, jene innere Bewufttseins-
verf assung zu haben, die uns nun wirklich iiber die Tauschung hinweg-
hebt, der Mensch bestehe ja in seinem wahren Wesen in den ubereinan-
dergetiirmten Stoffen, mineralischen Stoffpartikelchen, die er nur in
sich zusammengezogen hat. Heute konnte man eigentlich schon phy-
sisch sagen, daft der Mensch wahrhaftig in seiner Wesenheit gar nicht
das Kennzeichen tragt fur die mineralische Natur, die aufterlich phy-
sische Natur. Das aufiere Mineral ist schwer. Aber dasjenige, was uns
zum Beispiel befahigt, Seelisches zu entwickeln - ich sage jetzt nicht
das Intelligente — , das ist nicht an die Schwere gebunden, sondern an
das Gegenteil der Schwere, an dasjenige, was man den Auftrieb der
Fliissigkeit nennt. Ich habe es Ihnen ja dargestellt bei anderen Gelegen-
heiten, wie unser Gehirn im Gehirnwasser schwimmt. Wenn es da nicht
schwimmen wiirde, so wiirden die darin liegenden Blutaderchen er-
driickt. Als Archimedes einmal im Bade war, da fand er, dafi er leichter
wiirde, und war so erfreut, dafi er damals sein Heureka rief . Sie haben
ja das alles in der Physik gelernt. Wir leben also nicht vom Herunter-
gezogenwerden seelisch, sondern wir leben vom Hinauf gezogenwerden.
Nicht dadurch, dafi unser Gehirn schwer ist, sondern dafi unser Gehirn
durch sein Schwimmen in der Gehirnfliissigkeit leichter ist, dadurch
leben wir eigentlich seelisch. Wir leben durch dasjenige, was uns von
der Erde wegzieht. Das kann man heute sogar schon physisch sagen.
Worauf ich aber hindeuten wollte in diesen drei Tagen, das war und
ist, dafi wir gegeniiber dem modernen Leben brauchen eine Seelenver-
fassung, die sich wirklich in jedem Momente des tagwachen Lebens
bewufit ist des Ubersinnlichen in der unmittelbaren Umgebung, die sich
nicht der Tauschung hingibt, die Menschen sehe man fur wirklich an,
weil man sie sieht und die Geister sieht man nicht fiir wirklich an, weil
man sie nicht sieht. Man sieht in Wahrheit die Menschen auch nicht.
Gerade das ist die Tauschung, da!5 man glaubt, man sahe sie. Wir unter-
scheiden uns gar nicht von den Wesen der hoheren Hierarchies Zu ler-
nen, die Gleichartigkeit aufzufassen zwischen den Wesen der hoheren
Hierarchien und uns selbst, sogar den Tieren und den Pflanzen, das ist
die Aufgabe, die der modernen Menschheit gestellt ist.
Wir reden davon, daft durch das Mysterium von Golgatha der
Christus-Impuls in die Erdenentwickelung, zunachst in die Mensch-
heitsentwickelung eingezogen ist, mit ihr nun verbunden ist. Die Leute
sagen, sie sehen ihn nicht. Ja, sie konnen ihn solange nicht sehen, solange
sie sich iiber den Menschen selber tauschen, solange sie etwas ganz an-
deres als den Menschen anschauen, als der Mensch wirklich ist. In dem
Augenblicke, wo das nicht eine Theorie ist, sondern lebendig empfun-
dene Wirklichkeit der Seele ist, die uns befahigt, in dem Menschen ein
Ubersinnliches zu sehen, in dem Augenblicke erziehen wir in uns die
Fahigkeit, den Christus-Impuls mitten unter uns iiberall wahrzuneh-
men, aus unserer Oberzeugung heraus iiberall sagen zu konnen: Sucht
ihn nicht durch aufiere Gebarde, er ist iiberall unter euch. - Aber die
Menschheit mufke auch die Bescheidenheit und Demut entwickeln,
daran zu glauben, daft zu dem Heranerziehen eines solchen Bewuflt-
seins, das im Menschen von vornherein iiberall ein ubersinnliches Wesen
sieht, wirklich etwas gehort. Wenn man sich es theoretisch sagen kann,
so ist damit eben noch nichts getan. Erst wenn man wirklich nicht
glaubt, es empf indungsgemafi als eine Absurditat ansieht, daft dasjenige,
was einem da begegnet, der wirkliche Mensch ist, erst dann ist man in
der Seelenverfassung drinnen, die ich eigentlich meine.
Wenn Sie imstande war en, da hinauszugehen auf den Bauplatz, um
so viel zusammenzuraf fen von allerlei Dingen, die da liegen, dafi Sie das
durch geschickte Handhabung so vor sich hinhalten konnten, daft der,
der Ihnen begegnet, nichts von Ihnen sehen wiirde, sondern Ziegel-
trummer, Holztrummer und so weiter: Sie wiirden nicht sagen, diese
Ziegeltriimmer und Holztrummer, die in einer gewissen Form angeord-
net sind, die seien der Mensch. Aber etwas anderes machen Sie mit den
mineralischen Stoffen auch nicht, die Sie in einer gewissen Anordnung
Ihren Mitmenschen entgegentragen. Sie sagen doch, diese mineralischen
Stoffe, weil Ihre physischen Augen sie sehen, das sei der Mensch. In
Wahrheit ist das nur die Gebarde, die auf den wahren Menschen hin-
deutet.
Wenn wir zuriickblicken in vorchristliche Zeiten, dann werden wir
finden, dafi sichtbarlich, ich mochte sagen, Gottes Boten auf die Erde
herabkamen und sich dem Menschen offenbarten, dem Menschen sich
begreiflich machten. Der grofite auf die Erde herabkommende Gottes-
bote, der Christus, war auch zu gleicher Zeit derjenige, der am letzten
ohne des Menschen Zutun in dem grofiten Erdenereignis sich offenbaren
konnte. Jetzt leben wir in der Zeit der Michael-Offenbarung. Die ist
ebenso da wie die anderen Offenbarungen. Aber sie drangt sich dem
Menschen nicht mehr auf, weil der Mensch in seine Freiheitsentwicke-
lung eingetreten ist. Wir mussen der Offenbarung des Michael entgegen-
kommen, wir miissen uns vorbereiten, so da£ er in uns die starksten
Krafte hereinsendet, dafi wir des Obersinnlichen in der unmittelbaren
Erdenumgebung uns bewuflt sind. Verkennen Sie nicht, was in dieser
Michael-Offenbarung, wenn die Menschen sich durch Freiheit ihr
nahern wiirden, fur die Menschen der Gegenwart und der nachsten
Zukunft gegeben ware. Verkennen Sie nicht, dafi heute die Menschen
aus den Oberresten alter Bewufitseinszustande nach Losung der sozialen
Frage streben. Alles dasjenige, was aus alten Bewufitseinszustanden der
Menschheit hat gelost werden konnen, das ist gelost. Die Erde ist im
absteigenden Aste ihrer Entwickelung. Mit jenem Nachdenken, das vom
Alten heraufgekommen ist, werden die Forderungen, die heute auf-
tauchen, nicht gelost. Die werden allein gelost bei einer Menschheit mit
einer neuen Seelenverfassung. Die Aufgabe, die wir haben, die ist diese:
dazu zu wirken, daf$ diese neue Seelenverfassung unter die Menschen
kommt. Wir sehen es heute, ich mochte sagen, als etwas, was wie ein
furchtbarer Alp auf unsere Seele driickt, dafi die Menschen nicht her-
aus konnen aus den Vorstellungen, die jahrtausendelang gepflegt wor-
den sind. Wir sehen heute, wie fast automatisch ablaufen die Ergebnisse
dieser jahrtausendealten Vorstellungen, die schon alles Inhalts entklei-
det worden sind und im Grunde genommen nur mehr die Worthulsen
enthalten. Es wird geredet alliiberall unter uns von menschlichen Idea-
len. Dasjenige, was wirklich in diesen Idealen steckt, ist nichts, es sind
nur Wortklange, denn die Menschheit braucht eine neue Seelenverfas-
sung. Es erklang einmal ein Ruf in die Menschheit herein, den wir in
unsere Sprache iibersetzen: Andert den Sinn, denn die Zeit ist nahe her-
beigekommen! — Aber dazumal konnten die Menschen noch aus den
alten Seelenverfassungen heraus den Sinn andern. Jetzt ist diese Mog-
lichkeit abgelaufen, jetzt mufi, wenn das erfiillt werden soli, was da-
zumal verlangt worden ist, es aus einer neuen Seelenverfassung heraus
erfiillt werden. Michael hat die Jahve-Oberlieferung, den Jahve-Einflufi
den Menschen vermittelt. Seit dem Ende der siebziger Jahre des vorigen
Jahrhunderts ist er daran, wenn wir ihm nur entgegengehen, das Ver-
standnis fiir den Christus-Impuls im wahren Sinne des Wortes zu ver-
mitteln. Aber wir miissen ihm entgegengehen. Und wir gehen ihm ent-
gegen, wenn wir zweierlei erfiillen.
In bezug auf unsere eigene Seelenverfassung konnen wir uns sagen:
Wir miissen von einem gewissen Irrtum zuriickkommen. Ich mochte Sie
nicht allzu sehr belasten mit engen Abstraktionen, philosophischen
Weltanschauungen, aber auf das mufi ich Sie doch aufmerksam machen,
weil es em Symptom fiir die neuere Menschheitsentwickelung ist, dafi
in der Morgenrote der neueren Zeit zum Beispiel ein solcher Philosoph
wie Cartesius gelebt hat. Er hat noch etwas gewulk von dem Geistigen,
das zum Beispiel durch das absterbende menschliche Nervensystem
spiel t. Aber er hat zu gleicher Zeit den Satz ausgesprochen: Ich denke,
also bin ich. - Das ist das Gegenteil von der Wahrheit. Indem wir
denken, sind wir nicht, denn im Denken haben wir nur das Bild des
Wirklichen. Wir hatten vom Denken nichts, wenn wir mit dem Denken
in der Wirklichkeit darinnen steckten, wenn das Denken nicht blolS ein
Spiegelbild ware. Wir miissen uns bewufit werden des Spiegelcharakters
unserer Vorstellungswelt, des Spiegelcharakters unserer Gedankenwelt.
In dem Augenblicke, wo wir uns dieses Spiegelcharakters bewulk wer-
den, werden wir appellieren an einen anderen Quell der Wirklichkeit
in uns. Von diesem will uns Michael sprechen. Das heilk, wir miissen
versuchen, unsere Gedankenwelt in ihrem Spiegel ungscharakter zu er-
kennen, dann werden wir der luziferischen Entwickelung entgegen-
arbeiten. Denn die hat alles Interesse daran, Substanz hineinzugiefSen,
und den triigerischen Schein vorzuspiegeln, als ob Substanz in unserem
Denken ware. Es ist nicht Substanz, es ist blofi Bild darinnen. Wir wer-
den die Substanz aus etwas anderem holen, aus tieferen Schichten un-
seres Bewufkseins. Das ist das eine. Wir brauchen nur das Bewufksein,
dafi unsere Gedanken uns schwach machen, dann werden wir an die
Starke des Michael appellieren, denn der soil der Geist sein, der uns auf
dasjenige in uns weist, was starker ist in uns als der Gedanke, wahrend
wir gelernt haben durch die neuere Zivilisation, vorzugsweise auf den
Gedanken zu sehen und dadurch schwache Menschen geworden sind,
weil wir den Gedanken selbst fiir etwas Wirkliches gehalten haben.
Wenn wir auch noch so von der blofien abstrakten Intelligenz uns weg-
wenden, wir tun es nur zum Scheine, wir sind unter der furchtbaren
Sklavenknute der Intelligenz als moderne Menschen und senden nicht
aus den tieferen Schichten unseres Wesens hinein in die Gedanken
selber dasjenige, was drinnen sein soil.
Das zweite ist, dafi wir in unsere Wiinsche und damit in unseren Wil-
len dasjenige hineinbringen, was lediglich aus einer solchen Realitat
foigt, die wir als iibersinnliche erkennen miissen. Das habe ich ja des
ofteren hier erwahnt, dafi sich das nicht vollig Ernstnehmen des iiber-
sinnlichen Charakters des Mysteriums von Golgatha bitter geracht hat.
Ich habe Sie aufmerksam gemacht auf solch eine Anschauung, wie zum
Beispiel die des liberalen Theologen Adolf Harnack. Solche liberalen
Theologen gibt es viele, die ruhig eingestehen: Aus historischen Doku-
menten heraus ist kein Beweis fiir die Realitat des Mysteriums von Gol-
gatha zu finden. Ja, in derselben Art historisch zu beweisen, wie zu
beweisen ist das Dasein des Casar oder das Dasein des Napoleon, in der-
selben Art historisch zu beweisen ist das Dasein des Christus Jesus nicht.
Warum? Weil in dem Mysterium von Golgatha ein Ereignis hingestellt
werden sollte vor die Menschen, zu dem die Menschheit nur einen uber-
sinnlichen Zugang haben soil. Sie sollte gar keinen sinnlichen Zugang
haben. Damit die Menschheit gerade durch das Mysterium von Golga-
tha lerne, zum Ubersinnlichen sich zu erheben, deshalb sollte es keinen
sinnlichen, keinen aufierlich sinnlich historischen Beweis geben.
Damit aber ist uns auf zweierlei hingedeutet, dem wir entgegen-
gehen miissen. Zuerst erkennen in der unmittelbaren Sinneswelt, also
in der Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt das Obersinnliche, das ist
der Michaels- Weg. Und seine Fortsetzung: in dieser Welt, die wir so
selber als eine iibersinnliche erkennen, den Christus-Impuls darinnen
zu finden.
Indem ich Ihnen dieses schildere, schildere ich Ihnen zu gleicher Zeit
die tiefsten Impulse der sozialen Frage. Denn der abstrakte Volker-
bund, er wird das internationale Problem nicht losen. Mit diesen Ab-
straktionen bringt man die Menschen iiber die Erde hin nicht zusam-
men. Aber die Geister, die die Menschen ins Obersinnliche fiihren, und
von denen wir in diesen Tagen gesprochen haben, die werden die Men-
schen zusammenbringen.
Aufterlich geht heute die Menschheit schweren Kampfen entgegen.
Und es wird gegenuber diesen schweren Kampfen, an deren Anfang wir
erst stehen - ich habe das of tmals hier erwahnt - und die die alten Im-
pulse der Erdenentwickelung ad absurdum fiihren, keine politischen,
okonomischen oder geistigen Heilmittel geben, die aus der Apotheke
der alten geschichtlichen Entwickelung heraus genommen sind. Aus
dem, was von alten Zeiten kommt, stammen die Fermente, welche zu-
nachst Europa an den Anfang seines Abgrundes gestellt haben, welche
Asien und Amerika gegeneinander bringen werden, welche vorbereiten
werden einen Kampf iiber die ganze Erde hin. Entgegenwirken kann
diesem ad-absurdum-Fiihren der menschlichen Entwickelung einzig
und allein dasjenige, was die Menschen auf den Weg zum Geistigen hin
fiihrt: der Michaels -Weg, der seine Fortsetzung in dem Christus-Weg
findet.
VIERTER VORTRAG
Dornach, 28. November 1919
Im Anschlusse an manches, das ich in den Vortragen der vorigen Woche
hier vorgebracht habe, mochte ich heute gerade etwas Vorbereitendes
sagen, das dann morgen und iibermorgen weiter ausgebaut werden soil.
Es wird sich darum handeln, Ihnen mancherlei auf eine andere Art, als
das bisher geschehen ist, ins Gedachtnis zuriickzurufen, mancherlei von
dem, was wir brauchen werden, urn unser ja bereits angeschlagenes
Thema weiter zu verfolgen.
Wenn wir uns klarmachen, wie der Verlauf der Erdenentwickelung
war, so konnen wir dies am besten dadurch, dafi wir immer, ich mochte
sagen, die Ereignisse auf den Schwerpunkt der Erdenentwickelung hin
betrachten, anordnen. Denn durch diese Anordnung kommt eine ge-
wisse Struktur in all dasjenige hinein, in dem der Mensch durch die Ent-
wickelung der Menschheit in seiner eigenen Entwickelung darinnen-
steht. Dieser Schwerpunkt ist ja, wie Sie wissen, das Mysterium von
Golgatha, durch das alle iibrige Erdenentwickelung erst ihren Sinn,
ihren wahren inneren Gehalt erhalten hat.
Wenn wir zuriickgehen in der Entwickelung der abendlandischen
Menschheit, die ja den Impuls des Mysteriums von Golgatha wie einen
Einschlag herein empfangen hat aus dem Orient, so miissen wir uns
sagen: Etwa im 5. Jahrhundert vor dem Eintritte dieses Mysteriums
von Golgatha beginnt, und zwar aus der griechischen Kultur heraus,
eine Art von Vorbereitung fur dieses Mysterium von Golgatha. Wir
konnen sagen, es ist ein gewisser einheitlicher Zug in dem griechischen
Denken, Empfinden und Wollen durch etwa viereinhalb Jahrhunderte
vor dem Eintritte des Mysteriums von Golgatha. Und dieser einheit-
liche Zug leitet sich ein durch die Gestalt des Sokrates, setzt sich dann
fort in aller griechischen Kultur, eigentlich auch im Kiinstlerischen ist
derselbe Zug bemerklich, er setzt sich fort in der gewaltigen, iiber-
ragenden Personlichkeit des Plato und bekommt dann einen mehr, ich
mochte sagen, gelehrt aussehenden Charakter in Aristoteles.
Sie wissen ja aus den verschiedenen Darstellungen, die ich gegeben
habe, da£ das Mittelalter, namentlich in der Zeit nach Augustinus,
besonders bermiht war, die Anleitung, die man bekommen konnte aus
der Denkweise des Aristoteles heraus, zu beniitzen, urn alles das zu ver-
stehen, was sich an das Mysterium von Golgatha, seine Vorbereitung
und seinen Nachklang, anschliefit. Dadurch ist gerade das griechische
Denken so wichtig geworden, auch fiir die christliche Entwickelung
des Abendlandes bis zum Ende des Mittelalters, dafi eigentlich griechi-
sches Denken dazu beniitzt worden ist, urn zu durchdringen den Gehalt
des Mysteriums von Golgatha. Wir tun gut, wenn wir uns klarmachen,
was da eigentlich in diesen letzten Jahrhunderten vor dem Einschlag
des Mysteriums von Golgatha in Griechenland geschehen ist.
Das, was da sich abgespielt hat im Denken, Empfinden, Wollen des
griechischen Menschen, ist eigentlich der letzte Ausklang einer heute
nicht mehr gewiirdigten Urkultur der Menschheit. Mit unseren ge-
schichtlichen Betrachtungen konnen wir ja diese Dinge wahrhaftig
nicht in ihrem rechten Lichte sehen, denn unsere geschichtlichen Be-
trachtungen gehen nicht bis zu jenen Zeiten zuriick, in denen eine uber
die damals zivilisierte Erde hin sich erstreckende Mysterienkultur alles
menschliche Wollen und Empfinden im Grunde durchdrungen hat. Wir
miissen schon in die Jahrtausende, in welche die Geschichte nicht mehr
reicht, zuruckgehen, mit den Methoden zuriickgehen, die Sie ja wenig-
stens andeutungsweise finden in meinem Buche «Die Geheimwissen-
schaft im Umrifi», um zu schauen, welcher Art diese menschliche Ur-
kultur war. Sie hatte ihren Quell in den alten Mysterien, in jenen alten
Mysterien, zu denen von grofien fuhrenden Personlichkeiten zugelassen
wurden diejenigen Menschen, die man objektiv zur unmittelbaren Ein-
weihung geeignet finden mulke. Durch solche Eingeweihte wiederum
stromte dasjenige, dessen diese Eingeweihten als Erkenntnis teilhaftig
geworden waren in den Mysterien, zu den anderen Menschen hinaus.
Und man kann im Grunde genommen die ganze alte Kultur nicht ver-
stehen, wenn man nicht den Mutterboden der Mysterienkultur ins Auge
fafit. Bei Aschylos sieht man, wenn man nur will, diesen Mutterboden
der Mysterien noch ganz deutlich. In Platos Philosophic kann man ihn
auch verspiiren. Aber dasjenige, was eigentlich die Menschheit durch
Mysterien an Offenbarungen iiber das Gottliche erhalten hat, das ist
geschichtlich verloren gegangen. Das ist nur im primitivsten noch in
dem enthalten, was geschichtlich nachweisbare Kultur geworden ist.
Nun, was da eigentlich geschehen ist, das kann eben am besten dadurch
beurteilt werden, dafi man sich klarmacht, was denn eigentlich in der
nachsokratischen Zeit des Griechentums noch zuriickgeblieben ist von
jener Urmysterienkultur, in der auch das Griechentum wurzelt. Es ist
zuriickgeblieben eine gewisse Art des Denkens, eine gewisse Art des
Vorstellens.
Sie wissen ja, in der aufieren Geschichte wird erzahlt, wie Sokrates
die Dialektik begriindet hat, wie er eigentlich der grofie Lehrmeister
des Denkens war, jenes Denkens, das dann Aristoteles mehr wissen-
schaftlich denkend ausgebildet hat. Aber dies, was so griechische Den-
kungs- und Vorstellungsweise war, das ist eigentlich nur der letzte Aus-
klang der Mysterienkultur, denn die Mysterienkultur war eine sehr
inhaltsvolle. Man hat in die Gesamtanschauung des Menschen geistige
Tatsachen, die grundlegende Ursachen fur unsere Weltordnung sind,
erkenntnismafiig aufgenommen. Die Inhalte, die gewaltigen, grofien
Inhalte sind allmahlich verglommen. Aber die Art des Denkens, welche
die Mysterienschiiler ausgebildet haben, die Vorstellungsart, die Kon-
figuration des Denkens, die ist geblieben, und die ist eigentlich historisch
geworden, historisch geworden zunachst im griechischen Denken, dann
wiederum im mittelalterlichen Denken, im Denken der christlichen
Theologen, die ja sich im wesentlichen fur ihre Theologie angeeignet
haben dieses griechische Denken, um aus der Denkschulung heraus mit
den Gedankenformen, mit den Ideen und Begriffen, die im Grunde eine
Fortsetzung des griechischen Denkens waren, das zu begreifen, was
durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gef lossen ist. Was mit-
telalterliche Philosophic, sogenannte Scholastik ist, ist durchaus ein
Zusammenflufi der geistigen Wahrheiten des Mysteriums von Golgatha
mit griechischem Denken. Die Ausarbeitung, die gedankenmafiige
Durcharbeitung der Golgatha-Mysterien, die ist durchaus - wenn ich
mich des trivialen Ausdrucks bedienen darf - mit dem Handwerkszeug
des griechischen Denkens, der griechischen Dialektik gemacht worden.
Bis zum Mysterium von Golgatha verfliefien ungef ahr von dem Verlust
des Inhaltes der Mysterien, von dem Auftreten des blofi Formalen, des
blofl Gedankenmafiigen der alten Mysterien viereinhalb Jahrhunderte.
Wir konnen approximativ sagen: viereinhalb Jahrhunderte. So dafi wir
also uns vorzustellen haben: In einer vorgeschichtlichen Zeit breitet sich
iiber die damals zivilisierte Erde die Mysterienkultur aus. Die wird
gleichsam so weiterentwickelt, dafi nur ein Destillat zuriickbleibt, die
griechische Dialektik, das griechische Denken. Dann tritt das Myste-
rium von Golgatha ein. Das wird zunachst im Abendlande begriffen
mit dieser griechischen Dialektik. Wer sich ganz einleben will etwa in
die noch durchaus Theologie tragende Wissenschaft, sagen wir, selbst
erst des 10., 11., 12., 13., 14. Jahrhunderts, der mufi anders sein Denken
einrichten, als heute die Menschheit aus der naturwissenschaftlichen
Vorstellungsart heraus gewohnt ist. Diejenigen Menschen, die heute
gewohnlich liber die Scholastik urteilen, konnen ihr nicht gerecht wer-
den, weil sie alle im Grunde nur naturwissenschaftlich geschult sind,
und die Scholastik eine andere Gedankenschulung voraussetzt, als die
heutige naturwissenschaftliche Schulung ist.
Nun leben wir heute in einem Zeitpunkte, in dem wiederum vier-
einhalb Jahrhunderte verflossen sind, seit diese andere Denkweise, die
naturwissenschaftliche Denkweise die Menschheit ergriffen hat. Um
die Mitte des 14. Jahrhunderts beginnt das. Da fangen im Abendlande
die Menschen an, so zu denken, wie wir es dann schon bis zu einem ge-
wissen Grade hell ausgebildet finden bei Galilei etwa oder bei Giordano
Bruno. Das wird dann heraufgetragen bis in unsere Zeiten. Ja, das ist
scheinbar dieselbe Logik wie die griechische Logik, und dennoch eine
ganz, ganz andere Logik. Das ist eine Logik, die ebenso abgelesen ist
allmahlich an den Naturvorgangen, wie abgelesen war die griechische
Logik an dem, was die Mysterienschuler, was die Mysten schauten in
den Mysterien.
Und jetzt wollen wir uns einmal den Unterschied klarmachen, der
da besteht zwischen den viereinhalb Jahrhunderten vor dem Auf treten
des Mysteriums von Golgatha in der damals ja fast einzig zivilisierten
Welt, der griechischen, und unseren viereinhalb Jahrhunderten, in
denen die Menschheit erzogen wurde durch die naturwissenschaftliche
Schulung. Am besten kann ich Ihnen dieses graphisch darstellen. (Es Tafel 6
wird zu zeichnen begonnen:)
Denken Sie sich einmal die Mysterienkultur wie eine Art Chimbo-
razo der menschlichen Geisteskultur in sehr alter Zeit (weifi). Diese
Mysterienkultur wird dann in Griechenland - ich will das der Farbe
nach beschreiben - Logik, bis zu dem Mysterium von Golgatha (roter
1 6 '"-v.
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we if f - l0M(t'ttt <<<•
rot ~ 'tttfUWim
Linienstrich bis zum ersten roten senkrechten Strich). Das wird dann
im Mittelalter fortgesetzt durch die Scholastik (weifie Linie bis zum
zweiten roten senkrechten Strich). Da (obere rote Klammer) haben
wir diesen letzten Auslaufer, diesen Ausklang der alten Mysterienkultur
durch viereinhalb Jahrhunderte (iiber die rote Klammer wird
geschrieben: 4 V2 Jh.). Und nun, seit dem 15. Jahrhundert, beginnt
eine neue Art der Vorstellungsweise, wir konnten sie die Galileische
nennen. Wir sind ungefahr so weit entfernt von dem Ausgangspunkte
(kleiner roter Kreis und dritter roter senkrechter Strich), wie die Zeit
betrug, die man gebraucht hat von dem Auftreten dieser griechischen
Denkweise bis zu dem Mysterium von Golgatha (untere rote Klammer
vor dem ersten roten senkrechten Strich). Aber wahrend das ein
Ausklang ist (weilSer Bogen unter der unteren roten Klammer),
gewissermaften eine Abendrote, haben wir es zu tun mit einem
Vorklang (weifier Bogen zwischen dem zweiten und dritten roten
Strich und 4 V2 Jh.), mit etwas, was herauf sich entwickeln mufi, was
wir hinaufbringen miissen zu einer gewissen Hohe. Die griechische
Kultur stand an einem Ende. Wir stehen an einem Anfange.
Vollstandig verstehen werden wir diese Zusammenstellung eines
Endes und eines Anfanges nur, wenn wir geisteswissenschaf tlich einmal
auf die Entwickelung der Menschheit von einem gewissen Gesichts-
punkte aus eingehen.
Ich habe Ihnen ja fruher schon einmal ausgefuhrt und bin wieder-
holt darauf zuriickgekommen, dafi in der Gegenwart nicht umsonst jene
Selbsterkenntnis der Menschheit versucht wird, die geliefert werden
soil durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn
die weitaus grofite Mehrzahl der Menschheit steht ja vor einer bedeu-
tungsvollen Zukunftsmoglichkeit. Sehen Sie, es ist da notwendig, daft
man ernst nehme die Tatsache, dafi die sich fortentwickelnde Mensch-
heit der Geschichte ein sich fortentwickelnder Organismus ist. Wie
beim einzelnen Organismus die Geschlechtsreife eintritt, und auch
spater epochale Obergange da sind, so sind schon einmal auch in der
Geschichte der Menschheit epochale Obergange da. Heute setzen die
Menschen noch der Lehre von den wiederholten Erdenleben immer
wieder und wieder den Einwand entgegen: ja, die Menschen erinnern
sich nicht daran, die Menschen erinnern sich nicht an ihr friiheres
Erdenleben.
Wer die Entwickelungsgeschichte der Menschheit, wie ich gerade
andeutete, als einen Organismus auffafit, der sollte sich nicht wundern
- wenn er diese Entwickelungsgeschichte wirklich sachgemafi ins Auge
fafit dafi die Menschen sich heute nicht an ihre fruheren Erdenleben
im gewohnlichen Erkennen erinnern. Denn ich frage Sie: An was er-
innert sich der Mensch im gewohnlichen Leben denn eigentlich? An
dasjenige, was er zuerst gedacht hat. "Was er nicht gedacht hat, an das
erinnert er sich ja nicht. Denken Sie, wie viele Ereignisse im Tage von
Ihnen unbeachtet bleiben. Sie erinnern sich nicht daran, weil Sie sie
nicht gedacht haben, trotzdem sie sich vielleicht in Ihrer Umgebung
zugetragen haben. Sie konnen sich nur an dasjenige erinnern, was Sie
gedacht haben.
Nun ist die Entwickelung der Menschheit in den fruheren Jahrhun-
derten und Jahrtausenden nicht so gewesen, dafi die Menschen sach-
gemafi sich wirklich das Wesen des Menschen klargemacht haben. Es
gibt zwar seit dem griechischen Denken wie eine Sehnsucht das «Er-
kenne dich selbst», aber dieses «Erkenne dich selbst» soil erst erfiillt
werden durch wirkliche Geisteserkenntnis. Erst dadurch, daiS die Men-
schen einmal ein Leben anwenden - wozu die Menschheit erst in unserer
Zeit reif geworden ist - um in Gedanken zu erf assen das eigene Selbst,
erst dadurch wird fur das nachste Erdenleben vorbereitet das Erinnern.
Denn man mufi zuerst nachgedacht haben iiber dasjenige, woran man
sich erinnern soil. Nur diejenigen, die in friiheren Zeiten durch die Ein-
weihung, die ja nicht immer in Mysterien erworben sein mufi, wirklich
sachgemafi hinschauen konnten auf das eigene Selbst, die konnen in der
Gegenwart - und die Menschen sind ja nicht so selten, die es konnen -
wirklich zuriickblicken auf friihere Erdenleben. Aber die Sache liegt
doch so, dafi die Menschen auch in bezug auf ihre rein korperliche Ent-
wickelung eine Umwandlung durchmachen. Diese Dinge lassen sich
nicht physiologisch aufierlich, aber geisteswissenschaftlich beobachten.
Die Menschheit ist heute nicht so, wie sie vor zwei Jahrtausenden war
mit Bezug auf ihre korperliche Konstitution, und sie wird nach zwei
Jahrtausenden wiederum nicht so sein wie heute. Ober diese Sache habe
ich ja ofter gesprochen. Die Menschen leben in eine Zeit, in eine Zu-
kunftszeit hinein, in der - wenn ich mich banal ausdriicken mochte -
die Gehirne anders konstruiert sein werden, als die Gehirne heute beim
Menschen konstruiert sind in aufierer Beziehung. Das Gehirn wird die
MogHchkeit der Riickerinnerung an friihere Erdenleben haben. Aber
diejenigen, die heute nicht vorgesorgt haben werden durch Nachdenken
iiber das eigene Selbst, die werden diese Fahigkeit, die doch in ihnen
mechanisch sein wird, nur wie eine innere Nervositat - um den heutigen
Ausdruck zu gebrauchen -, wie einen inneren Mangel empfinden. Sie
werden nicht finden, was ihnen fehlt, weil die Menschheit mittlerweile
mit Bezug auf ihre Korperlichkeit reif wird, zuriickzuschauen auf ihre
friiheren Erdenleben. Aber wenn sie nicht vorbereitet hat diese Rtick-
schau, so kann sie nicht zuruckschauen. Dann empfindet sie die Fahig-
keit nur als einen Mangel. Deshalb liegt es im richtigen Erkennen der
gegenwartigen Umwandlungskrafte der Menschheit selbst, dafi durch
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft die Menschen zur
Selbsterkenntnis gebracht werden. Nun kann man, und heute will ich
das zunachst andeuten, nun kann man auch heute schon darauf hin-
weisen, wie das besondere Erlebnis sein wird, das den Menschen nahe-
legen wird, mit den f riiheren Erdenleben zu rechnen.
Heute leben wir noch in einem Zeitalter, wo jene Empfindungs-
nuancen eigentlich bei wenigen Menschen, aber doch schon bei wenigen
Menschen angedeutet sind, die immer mehr und mehr vorhanden sein
werden. Heute werden diese Empfindungsnuancen noch nicht recht
beachtet. Ich will sie Ihnen schildern in der Weise, wie sie einmal auf-
treten werden. Die Menschen werden hineingeboren werden in die Welt
und werden sich sagen: Ja, ich werde, indem ich mit den anderen Men-
schen zusammenlebe, entweder bewufit oder unbewuftt erzogen fur ein
gewisses Denken. Es steigen mir Gedanken auf. Ich werde in eine ge-
wisse Art des Vorstellens hineingeboren und erzogen. Aber zu gleicher
Zeit sehe ich mir die aufiere Umgebung an: mein Denken, mein Vor-
stellen palk nicht recht zur aufieren umgebenden Welt. - Diese Empf in-
dungsnuance ist heute schon bei einzelnen Menschen vorhanden. Sie
miissen denken in einer Richtung, die ihnen so erscheint, als ob die
aufiere Natur etwas ganz anderes sagte, als ob die auftere Natur etwas
ganz anderes verlangte von ihnen. Wo einmal solche Menschen auf-
getreten sind, die diese Diskrepanz gefuhlt haben zwischen dem, was sie
denken miissen, und dem, was die aufiere Natur sagt, da hat man sie
ausgelacht. Hegel zum Beispiel ist ein klassisches Beispiel dafur. Er hat
gewisse Gedanken - nicht alle Hegelschen Gedanken sind ja toricht -
iiber die Natur geaufiert, sie systematisch zusammengestellt. Dann sind
die Spiefier gekommen und haben gesagt: Ja, das sind deine Ideen iiber
die Natur. Aber schaue dir einmal diesen oder jenen Vorgang in der
Natur an, das ist ja nicht so. Da sagte Hegel: Um so schlimmer fur die
Natur.
Das erscheint natiirlich ganz paradox, und dennoch, es liegt subjek-
tiv durchaus Begriindetes in dieser Empfindung darinnen. Es ist durch-
aus moglich, dafi man ganz unbefangen sich auf der einen Seite dem
eingeborenen Denken iiberlafit und sich sagt, es miifite eigentlich die
Natur anders sich formen, wenn sie wirklich diesem Denken entspre-
chen wiirde. Dann kommt man allerdings nach einiger Zeit darauf , sich
auch an das zu gewohnen, was der Natur abgelauscht ist. Da merken
die meisten Menschen dann nicht, dafi sie eigentlich dann, wenn sie
herangereift sind, das zu beobachten, was der Natur abgelauscht ist, im
Grunde genommen etwas wie eine Doppelseele in sich haben, wirklich
etwas wie zwei "wahrheiten. Diejenigen, die das schon richtig bemerken,
konnen sehr darunter leiden, weil dadurch in die Seele eine Diskrepanz
hineingebracht wird. Aber das, was ich Ihnen jetzt schildere, was heute
bei wenigen Menschen, aber bei diesen schon vorhanden ist, obwohl sie
es oftmals nicht sehen, das wird immer mehr und mehr iiberhand-
nehmen. Die Menschen werden immer mehr und mehr sich sagen: Ja, so
wie ich geboren bin, so zwingt mich eigentlich mein Kopf dazu, iiber die
Natur mir ein Bild zu machen. Es stimmt eigentlich nicht recht mit der
Natur. Dann lebe ich mich in das Leben hinein, und im Laufe der Zeit
eigne ich mir auch dasjenige an, was die Natur sagt. Dann mu6 ich
einen Ausweg schaffen.
Diese zwiespaltigen Empfindungen werden unsere Seelen ganz be-
sonders haben, wenn sie wiederum auf die Erde zuruckkommen wer-
den. Da wird namlich deutlich auftreten eine Art innerer Gedanken-
und Empfindungsquell, durch den man sich sagen wird: Ja, du empfin-
dest, wie die "Welt eigentlich sein sollte, aber sie ist nicht so, sie ist
anders. - Dann wiederum wird man sich in diese "Welt hineinleben, man
wird eine zweite Art von Gesetzmafiigkeit kennenlernen und wird
einen Ausgleich suchen mussen. Worauf wird das beruhen?
Nehmen Sie an (es wird zu zeichnen begonnen), der Mensch geht
durch die Geburt ins physische Dasein, Er bringt sich mit dasjenige, was
Tafel 7
't, r t t
t'tttf" "'V*'""
in seinem Denken und Empfinden das Ergebnis seines frtiheren Erden-
lebens ist. Wahrend er mit diesem Erdenleben nicht vereint war, hat
sich tatsachlich das aufiere Erdenleben in einer gewissen Weise ver-
andert. Er empfindet eine Diskrepanz zwischen dem Denken, dessen
Wirkungen er mitbringt aus dem frtiheren Erdenleben, das nicht mehr
stimmt zu dem, wie die Dinge geworden sind in der Zeit, in der er ab-
wesend war von der Erde. Und nun lebt er sich allmahlich in sein neues
Leben hinein und nimmt keineswegs in sein Bewufitsein dasjenige voll-
standig auf, was von ihm aus der Umgebung abgelauscht werden kann.
Er nimmt es nur, ich mochte sagen, wie durch Schleier auf. Er ver-
arbeitet es ja erst nach dem Tode, dann tragt er es in das nachste Leben
wiederum hinein. Immer wird der Mensch in dieser Zweiheit seines
Seelenlebens drinnenstehen. Immer wird der Mensch gewahr werden:
Du bringst dir etwas mit, dem gegeniiber die Welt neu ist, in die du als
physischer Mensch durch die Geburt hineingewachsen bist. Aber durch
deinen physischen Menschen nimmst du jetzt in dieser Welt etwas auf,
was nicht gleich vollstandig in deine Seele dringt, was du erst nach dem
Tode wiederum zu verarbeiten hast.
In diese Art, das Leben zu empfinden, miifke der gegenwartige
Mensch sehr intensiv eigentlich sich hineinleben. Denn nur dadurch,
dafi man sich in so etwas hineinlebt, wird man gewahr die Krafte, die
eigentlich durch unser Dasein pulsen, und die einem sonst ganz ent-
gehen. Und wir sind eingesponnen in sie. Aber wenn wir nicht ver-
suchen, sie mit dem Bewufitsein zu durchdringen, bleiben sie im Unter-
bewufiten und machen uns bis zu einem gewissen Grade seelisch krank.
Dieses Auseinanderf alien wird der Mensch immer mehr wahrnehmen:
das Auseinanderfallen desjenigen, was ihm aus dem vorigen Lebenslauf
bleibt, und desjenigen, was sich in diesem Lebenslauf fur den nachsten
Lebenslauf vorbereitet. Und weil der Mensch diese Zweiheit immer
mehr empfinden wird, wird er eine innerliche Vermittlung brauchen,
eine wirkliche innerliche Vermittlung. Und die grofie Frage wird immer
brennender werden: Wie kommt der Mensch zu dieser inner lichen
Vermittlung? Dieser Frage gegeniiber konnen wir nur eine Antwort
finden, wenn wir das Folgende iiberlegen.
Ich habe Ihnen ofters ausgefuhrt: Wir sind als Menschen im gewohn-
lichen Leben zwischen Aufwachen und Einschlafen eigentlich nur voll-
standig wach fiir unser Vorstellungsleben. (Im folgenden wird der Tafel 7
obere Teil des Schemas auf Seite 74 an die Tafel geschrieben.) Das Vor-
stellungsleben, das bedeutet vollstandig wachen. Nicht vollstandig
wachen tun wir, auch wenn wir sonst wachen, mit Bezug auf unser
Gefiihlsleben. Unsere Gefiihle sind namlich, auch wenn wir fiir unsere
Vorstellungen und Gedanken voll wach sind, innerhalb unseres Be-
wufkseins von keiner anderen Daseinsstufe als sonst die Traume. Wer
untersuchen kann in diesem Felde, der weifi es durch unmittelbare An-
schauung, dafi in unserem Bewufitsein die Gefuhle nicht lebendiger
sind, nur lafit die Vorstellung, durch die wir die Gefuhle reprasentiert
haben, das anders erscheinen. Aber das Gefiihlsleben als solches kommt
aus den Untergriinden des Bewufitseins so herauf , dafi das, was da her-
aufwogt, gleich ist einem Traumen. Und der Wille in seinem eigent-
lichen Leben bedeutet fur uns etwas, was in uns schlaft, auch wenn wir
sonst wachen. In bezug auf den Willen schlafen wir. So daiS wir also
diese drei Bewufitseinszustande auch wachend in uns tragen. Wir gehen
herum bei Tag wachend in unserem Vorstellungsleben, tauschen uns,
daft wir auch im Willen wach sind, weil wir von dem, was unser Wille
vollbringt, Vorstellungen haben. Aber was der Wille erlebt, das geht
nicht in unser Bewufttsein herauf, sondern nur das Vorstellungsbild.
Wir traumen unsere Gefuhle, wir verbringen schlafend unsere Wol-
lungen. Aber wenn man durch die imaginative Erkenntnis heraufholt
dasjenige, was sonst in den Gefiihlen traumt, es zu vollstandiger, klarer
Welterkenntnis bringt, dann merkt man: Nicht nur in unseren Vor-
stellungen und Gedanken ist Weisheit, wenn ich das jetzt so nennen
darf - wir konnen es technisch so nennen, wenn es auch bei vielen
Menschen Unweisheit ist -, Weisheit ist in unseren Gedanken, Weisheit
ist aber auch in unseren Gefiihlen, und Weisheit ist auch in unserem
Willen. (Dabei wurde «Weisheit» an die Taf el geschrieben.)
7 VorjfeUungf tebei'i: VQlUtandc'cj wcjchan : Weishetf
Gefuhle; traumen : "
Wilfe : Khlqfen * "
Wir konnen mit Bezug auf das heutige Menschendasein eigentlich nur
klar sprechen iiber dasjenige, was in unserem Vorstellungsleben ist. Was
in der Gefiihlswelt lebt, dariiber hat die Menschheit heute im allgemei-
nen kaum andere Ideen als iiber das Traumleben, und dennoch ist Weis-
heit darinnen.
Am ehesten ist es ja fur denjenigen moglich, der ernsthaftig die
Obungen auf die eigene Seele anwendet, die in meinem Buche «Wie
erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben sind,
kennenzulernen ein gewisses inneres Seelenwogen, das gewissermafien
traumhaft verlauft, fiir die meisten Menschen nur traumhaft verlauft,
nicht viel mehr Regelmafiigkeit hat als das gewohnliche Traumen. Aber
so viel Ordnung kann verhaltnismafiig bald hereingebracht werden in
dieses innere Erleben, dafi man merkt: Zwar dieselbe Logik herrscht
nicht in diesem innerlichen Erleben - manchmal herrscht eine sehr
groteske Logik, und die verschiedensten Gedankenfetzen ordnen sich
zusammen, spielen sich traumhaft ab, es herrscht manchmal eine merk-
wiirdige Logik darinnen -, aber dafi darinnen sich doch etwas abspielt,
das kann, wie gesagt, als eine erste innere Erfahrung, die noch sehr
primitiv ist, derjenige erkennen, der nur ein wenig auf das eigene See-
lenleben das anwendet, was in meinem Buche «Wie erlangt man Er-
kenntnisse der hoheren Welten?» geschildert ist. Da taucht ja, wenn der
Mensch hinuntertaucht in dieses Gewoge wacher Traume, in der Tat
eine neue Realitat auf gegenuber der gewohnlichen Realitat des aufieren
Lebens. Dann kann der Mensch verhaltnismafiig bald bemerken, dafi
da eine neue Realitat auftaucht. Er kann auch verhaltnismafiig bald
bemerken, dalS in diesem Ganzen auch Weisheit darinnen ist, aber eine
Weisheit, die er nicht fassen kann, fiir die er sich nicht reif genug f iihlt,
um sie ins Bewufitsein voll hereinzubringen. Es entschliipft ihm immer
wieder, und er weifi nicht, was das soil. Und so merkt denn der Mensch,
kann es wenigstens merken, dafi Weisheit nicht nur durchflutet die
Oberschichte seines Bewufitseins, das ihn durchdringt im gewohnlichen
wachen Tagesleben, sondern dafi darunter eine andere Schichte seines
Bewufitseins liegt, die ihm nur unlogisch erscheint, weil er sie selber so
nennt, weil er ihre Weisheit noch nicht erfassen kann. Man kann sagen:
In dem Augenblicke, wo man sich vollstandig das imaginative Er-
kennen angeeignet hat, da horen diese wachen Traume auf, so grotesk
zu sein, wie sie im gewohnlichen Leben erscheinen, dann durchdringen
sie sich mit einer Weisheit, die nur hinweist auf einen anderen Realitats-
gehalt, auf eine andere Welt als die Sinneswelt ist, die wir mit der ge-
wohnlichen Weisheit iiberschauen.
Im gewohnlichen Leben wogt herauf in unser alltagliches Bewulk-
sein aus dieser Unterschichte des Bewufitseins nur die Gefiihlswelt. Und
aus einer tieferen Schichte, die noch darunterliegt, wogt herauf die
Willenswelt, die aber auch von Weisheit durchzogen, die durchaus auch
von Weisheit durchzogen ist. Mit dieser Weisheit sind wir auch ver-
bunden, nur bekommen wir sie erst recht nicht in unser gewohnliches
Bewufitsein herauf. So dafi wir sagen konnen: Wir sind eigentHch als
Menschen beherrscht von drei Bewufitseinsschichten. Das erste ist unser
Vorstellungsbewufitsein, in dem wir alleTage drinnen leben. Das zweite
ist ein Imaginationsbewufitsein. Und das dritte ist ein inspiriertes Be-
wulksein, das aber sehr tief unten bleibt, das zwar in uns wirkt, richtig
wirkt, aber dessen Eigenart wir nicht im gewohnlichen Leben erkennen.
(Es wurde an die Tafel geschrieben:)
Wenn nur einigermafien unsere Gegenwartsphilosophie nicht so be-
griffsstutzig ware, wie sie ist, so wiirde dieser Gegenwartsphilosophie
sehr stark auffallen - ich sage nicht demjenigen, der mit dieser Philo-
sophic nichts zu tun hat, aber Philosophen sollten so etwas begreifen
konnen, sie tun es aber heute nicht -, es sollte aber dieser Gegenwarts-
philosophie sehr stark auffallen, in ganz anderer Intensitat noch auf-
fallen, was fiir ein grofier Unterschied ist zwischen dem, was man an
Wahrheiten rein auf Grundlage der aufieren Naturbeobachtung be-
merkt, und demjenigen, was man in den Wissenschaften findet, zum
Beispiel aus Mathematik und Geometrie heraus, mit denen man ja be-
strebt ist, die aufiere Natur zu verstehen.
Man kann mit einem gewissen Recht sagen: Fiir die Wahrheiten, die
sich der Mensch aneignet durch aufiere Beobachtung - es ist ja das so oft
wiederholt worden in der Philosophiegeschichte, dafi es eigentlich fiir
1 7
X. f Vorjfel/vfigsbewiy/Jtsefn
11. '', Jmaginafionjbeww(Jt5ein
den Philosophen selber iiberfliissig sein sollte, diese Dinge besonders
scharf auseinanderzusetzen - fiir das, was aufterlich zu beobachten ist,
konnen wir niemals eigentlich von einer Sicherheit sprechen. Kant oder
Hume haben ja das ganz besonders deutlich ausgefiihrt, indem sie gro-
tesk sogar behauptet haben: Wir beobachten zwar, dafi die Sonne auf-
geht, aber wir haben aus dem Beobachten heraus nicht ein Recht zu be-
haupten, dafi die Sonne nun morgen auch aufgehen wird. Wir schliefien
nur daraus, daft bis jetzt die Sonne immer aufgegangen ist, dafi sie auch
morgen aufgehen wird. - So ist es mit den Wahrheiten, die wir aufier-
lich aus der Beobachtung entlehnen. Aber so ist es zum Beispiel nicht
mit den mathematischen Wahrheiten. Haben wir sie einmal begriffen,
dann wissen wir, die gelten auch fiir alle Zukunft. Wer da weifi, aus Tafel 6
inneren Griinden beweisen kann, dafi das Quadrat iiber der Hypotenuse
gleich ist der Summe der Quadrate iiber den beiden Katheten, der weift,
dafi niemals einer ein rechtwinkliges Dreieck wird zeichnen konnen,
fiir welches das nicht gilt.
Mit diesen mathematischen Wahrheiten ist es anders als mit den
Wahrheiten, die man aus den aufieren Beobachtungen kennt. Diese Tat-
sache weift man, aber man ist nicht in der Lage, mit den Mitteln des
heutigen Forschens den Grund einzusehen. Der Grund liegt darinnen,
dafi die mathematischen Wahrheiten tief aus dem Inneren des Menschen
herauskommen, dafi die mathematische Wahrheit im dritten Bewufit-
sein, hier in der unteren Schichte des Bewufitseins entspringt, und ohne
dafi der Mensch etwas davon ahnt, in sein oberstes Bewufttsein herauf-
schiefit,wo er sie dann innerlich sieht. Die mathematischen Wahrheiten
haben wir daher, dafi wir uns selbst mathematisch in der Welt verhal-
ten. Wir gehen, stehen und so weiter, wir beschreiben da Linien. Durch
dieses Willensverhaltnis zur Aufienwelt bekommen wir eigentlich die
innere Anschauung von der Mathematik. Die Mathematik entsteht
da unten im dritten Bewufitsein (siehe Schema S. 78) und schiefit her- Tafel 7
auf.
Wir haben also im Grunde genommen, wenn auch in diesem Fall der
Ursprung dem gewohnlichen Bewufksein nicht vorliegt, wenigstens
von einem Teile dieses unterschichtigen Bewufitseins sehr klare Vor-
stellungen. Die mathematischen, die geometrischen Vorstellungen, die
kommen uns da herauf. Traumhaft, verworren wird nur die mittlere
Schichte. Die mittlere Schichte, die hat etwas von. traumhaft Verwor-
renem. Da oben im Oberstubchen, da, wo das gewohnliche Tagwachen
im Vorstellungsleben stattfindet, da sind wir wieder klar. Und dann ist
in uns das klar, was da heraufspielt aus der dritten Schichte des Be-
wufitseins. Was dazwischen ist, das erreicht die meisten Menschen nur
wie ein verworrenes Wachtraumen. Das ist sehr bedeutsam, dafi wir
diese Tatsache uns klarmachen. Denn mit diesem Bewufitsein waren
insbesondere die Griechen in diesen viereinhalb Jahrhunderten ver-
bunden. Dieses Bewufksein I haben sie aufgenommen, dasjenige, was
ihnen als Rest der Mysterienkultur zuriickgeblieben ist. Und das ist ein
rein luziferisches Element, ein rein luziferisches Element. Ich habe es
Ihnen neulich beschrieben. Es ist die intellektualistische Kultur. In
unserem Kopfe ist es sehr klar. Er ist von Weisheit durchdrungen, von
einer allgemein giiltigen Weisheit. Aber das ist ein luziferisches Element
Tafel 7 in uns. (Es wird «luziferisch» an die Taf el geschrieben.) Und wiederum,
was da unten ist, was die heutigen Wissenschafter so sehr lieben, Kant
schon sehr geliebt hat, so dafi er gesagt hat: Es ist nur so viel Wissen-
schaft der Natur gegeniiber vorhanden, als Mathematik drinnen ist -,
das ist rein ahrimanisches Element, das da durch unser Menschenwesen
heraufkommt. Das ist ahrimanisches Element. (Es wird «ahrimanisch»
an die Tafel geschrieben. Das Schema ist nun vollstandig.)
Tafel 7
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Es geniigt nicht, dafi wir von irgend etwas wissen, dafi es richtig ist.
Wir wissen, dafi die Dinge, die wir intellektuell durch unseren Kopf
begreifen, richtig sind, aber es ist eine Gabe des luziferischen Elementes.
Und wir wissen, dafi die Mathematik richtig ist, aber diese machtige
Richtigkeit der Mathematik, die verdanken wir dem Ahriman, der in
uns sitzt. Und das unsicherste Element ist in der Mitte. Das sind schein-
bar unlogisch wogende Traume.
Ich will Ihnen noch ein anderes Kennzeichen anfiihren, damit Sie
die ganze Wichtigkeit dieser Sache begreifen. Im Grunde genommen
riihrt all das mathematische Durchdringen der Welt, wie es aufgekom-
men ist durch Galilei, Giordano Bruno, aus dieser tieferen Schichte des
Bewufitseins her. Viereinhalb Jahrhunderte sind verflossen, seit wir uns
das aneignen, viereinhalb Jahrhunderte, seit wir dieses ahrimanische
Element bemuht sind in unser menschliches Denken und Empfinden
einzufiihren. Wahrend in die hellste Klarheit des Bewufitseins hinein-
schien der letzte Nachklang der Mysterienkultur im griechischen Den-
ken, ist in den untersten, dunkelsten Schichten unseres Bewufitseins erst
der Aufgang desjenigen, was seinen Chimborazo erst in der Zukunft
erringen soli. Das mufi da herauf .
Wir Menschen stehen mit unserem Seelenleben wirklich so, dafi die-
ses Seelenleben wie ein Waagebalken ist, der das Gleichgewicht zunachst
suchen mufi zwischen dem luziferischen Element auf der einen Seite,
dem ahrimanischen Element auf der anderen Seite. Nur dafi das luzi-
f Tafel 6
fa A,
/ 'r ',
ferische Element in unserem hellen Kopfe liegt, das ahrimanische Ele-
ment unten liegt in der Weisheit, die unseren Willen durchzieht.
Dazwischen miissen wir das Gleichgewicht suchen in etwas, was eigent-
lich zunachst uns nicht als von etwas durchzogen erscheint.
Wie kommt Weisheit in diesen mittleren Teil des Menschen hinein?
So wie der Mensch zunachst in der Welt stent, wird er seinem Kopfe
nach von Luzifer gehalten, wird er seiner Stoffwechsel- Weisheit nach,
der Gliedmafien- Weisheit nach von Ahriman gehalten. Aber dem Her-
zen nach - denn dasjenige, was da als der mittlere Zustand des Bewufit-
seins geschildert ist, das ist ebenso abhangig von unserer Herzorganisa-
tion mit dem menschlichenRhythmus, lesen Sie dariiber nach in meinem
Buche « Von Seelenratseln», wie unsere Intellektualitat mit dem Kopfe
zusammenhangt — , in diese Sphare unseres Daseins mufi nach und nach
eine ebenso grofie Ordnung hineinkommen, wie sie in die Kopfweisheit
durch die Kopflogik hineingekommen ist, wie sie in alles dasjenige, was
wir auf ahrimanische Weise wissen, durch die Mathematik, Geometrie,
iiberhaupt durch diese aufierlich rationelle Naturbeobachtung kommt.
Wodurch kommt in diesen mittleren Teil unseres Menschenwesens die
innere Logik, die innere Weisheit, Orientierungsfahigkeit hinein? Durch
den Christus-Impuls, durch dasjenige, was in die Erdenkultur ilber-
gegangen ist durch das Mysterium von Golgatha.
Es gibt eine geisteswissenschaftliche Anatomie, die uns zeigt, was
Kopfkultur ist, die uns zeigt, was Stof fwechselkultur ist, die uns auch
zeigt, was diejenige Organisations sphare ist, die zwischen beiden dar-
innenliegt, und was diese braucht. Es gehort zu unserem Menschen-
wesen die Durchdringung mit dem Christus-Impuls.
So daft wir uns sagen konnen: Nehmen wir einen Augenblick hypo-
thetisch an, das Mysterium von Golgatha ware nicht in die Erden-
entwickelung hereingekommen, dann wiirde der Mensch die Kopf-
weisheit auch haben. Er wiirde auch dasjenige haben, was seit dem
15. Jahrhunderte heraufgekommen ist. Aber er wiirde mit Bezug auf
seine Mittelpunktswesenheit leer und ode sein. Er wiirde immer mehr
und mehr blofi den Zwiespalt empfinden zwischen den beiden an-
gefuhrten inneren Spharen. Er wiirde nicht den Gleichgewichtszustand
herbeifiihren konnen. Diesen Gleichgewichtszustand konnen wir nur
herbeifuhren dadurch, dafi wir uns immer mehr und mehr durchdringen
mit dem Christus-Impuls, der den Gleichgewichtszustand hervorruft
zwischen dem luziferischen und dem ahrimanischen Elemente.
Daraus ersehen Sie, dafi wir sagen konnen: In diesen vorchristlichen
viereinhalb Jahrhunderten ist dem Menschen beschert worden wie eine
Vorbereitung zum Mysterium von Golgatha der letzte Auslaufer der
alten Mysterienkultur, der sich festgesetzt hat wie eine Kopfeserinne-
rung an diese alte Mysterienkultur. Und in der neueren Zeit, durch
viereinhalb Jahrhunderte, ist durch das Menschenwesen gegangen die
Vorbereitung fur eine neue Geistesrichtung, fur eine neue Art von
Mysterienkultur. Aber dafi diese beiden auch in der geschichtlichen
Entwickelung der Menschheit verbunden werden konnen, dazu mufite
das Mysterium von Golgatha objektiv in die Menschheitsentwickelung
hineingestellt werden. Von aufien betrachtet verlauft die Menschheits-
entwickelung so, dafi das Mysterium von Golgatha als eine objek-
tive Tatsache hineingestellt wird. Innerlich aber verlauft die Mensch-
heitsentwickelung so, dafi die Menschen mittlerweile heranwachsen,
bis sie vom 15. Jahrhundert ab jenen neuen Einschlag bekommen,
den ich Ihnen eben charakterisiert habe als einen Ahriman-Ein-
schlag, und durch den sie erst recht empfinden werden: sie brauchen
die Moglichkeit, eine Briicke zu bauen zwischen dem einen und dem
anderen.
So konnen wir innerlich den dreigliedrigen Menschen begreif en. Und
wir werden ihn noch genauer begreifen, wenn wir mit dem, was ich
Ihnen heute gesagt habe, etwas verbinden, was ich schon wiederholt
erwahnt habe. Dem alten Griechen mit seinen letzten Resten aus der
alten Mysterienkultur ware es gar nicht moglich gewesen - aufier dafi
es aufgetreten ist bei einigen Entarteten, aber auch nicht in dem Grade,
wie in unserer Zeit — , es ware ihm gar nicht moglich gewesen, atheistisch
zu sein. Der Atheismus ist im Grunde genommen erst ein neueres Ge-
bilde, wenigstens in seinen radikalen Ausgestaltungen. Denn der Grie-
che, der wirklich Dialektik innehatte, der fiihlte noch im Denken, sogar
im inhaltslosen Denken das Walten des Gottlichen.
Wenn man dies weifi und dann auf das Auftreten des Atheismus
sieht, auf die vollige Leugnung des Gottlichen, dann kommt man dar-
auf, worauf eigentlich dieser Atheismus beruht. Atheisten - man braucht
natiirlich geisteswissenschaftliche Methoden, um das zu erkennen — ,
Atheisten sind nur diejenigen Menschen, bei denen - es kann ja das
in sehr feinen Strukturverhaltnissen sein, aber es ist so — etwas nicht
in der Ordnung ist organisch. Der Atheismus ist in Wirklichkeit eine
Krankheit.
Das ist dasjenige, was wir zuerst festhalten mussen: Der Atheismus
ist eine Krankheit. Denn wenn unser Organismus vollstandig gesund
ist, so kann er in seinen einzelnen Gliederungen nicht anders zusam-
menwirken, als dafi wir unseren Ursprung aus dem Gottlichen - ex deo
nascimur — selber empfinden.
Das zweite ist allerdings etwas anderes. Der Mensch kann das Gott-
liche empfinden, aber keine Moglichkeit haben, den Christus zu emp-
finden. Man macht in dieser Beziehung heute nicht sehr feine Unter-
schiede. Man begniigt sich heute zu sehr mit Worten, auch auf anderen
Gebieten. Wenn man namlich heute den eigentlichen geistigen Gehalt
recht vieler abendlandischer Menschen priift und sich nicht nach den
Worten richtet — sie sagen, sie glauben an eine Freiheit des Willens und
so weiter -, zeigt es sich, wie die ganze Konfiguration des Denkens
widerspricht diesem, was sie damit ausdriicken. Nur im Zusammenhang
der Kultur sind sie gewohnt worden, von Christus zu sprechen, von
Freiheit und so weiter. In Wirklichkeit ist eine grofie Anzahl unter uns
lebender Menschen nichts weiter als Tiirken; denn ihr Glaubensinhalt
ist genau derselbe fatalistische - wenn auch dieser Fatalismus oftmals
als Naturnotwendigkeit geschildert ist -, wie der Glaubensinhalt der
Mohammedaner ist. Der Mohammedanismus ist viel verbreiteter, als
man denkt. Wenn man eben nicht auf die Worte geht, sondern auf den
geistig-seelischen Inhalt, dann sind manche Christen eigentlich Tiirken,
viele Christen sind Tiirken. Und so nennen sich die Leute auch Christen,
wenn sie auch nicht den Ubergang finden konnen zwischen dem Gott,
den sie empfinden und dem Christus.
Ich brauche Sie nur hinzuweisen auf das klassische Beispiel eines
modernen Theologen, Adolf Harnack, der das «Wesen des Christen-
tums» schrieb. Bitte, machen Sie die Probe, streichen Sie im «Wesen des
Christentums» uberall den Christus-Namen aus und schreiben Sie blofi
den Gottes-Namen hin, es andert gar nichts an dem Inhalt dieses Buches.
Es besteht gar keine Notwendigkeit, dafi der Mann das, was er aussagt,
von dem Christus aussagt. Er braucht es nur auszusagen von dem all-
gemeinen, von dem der Welt zugrunde liegenden Vater-Gotte. Es ist
gar keine Notigung, dafi er dasjenige, was er aussagt, auf den Christus
bezieht. Wo er etwas beweist, ist es aufierlich und innerlich unwahr,
indem er eben aus den Evangelien die einzelnen Mitteilungen entlehnt;
aber in der Art, wie er sie verarbeitet, ist keine Veranlassung, sie an den
Christus anzulehnen. Man mufi die Moglichkeit gewinnen, den Christus
nicht so aufzufassen, dafi man ihn identifiziert mit dem Vater-Gotte.
Das konnen schon ganz besonders sehr viele neuere evangelische Theo-
logen nicht mehr: einen Unterschied machen zwischen dem allgemeinen
Gottes-Begriff und dem Christus-Begriff. Christus nicht zu finden im
Leben ist etwas anderes, als Gott nicht zu finden, den Vater-Gott nam-
lich. Dafi es sich hier nicht darum handelt, irgendwie die Gottlichkeit
des Christus zu bezweifeln, wissen Sie. Es handelt sich nur darum, dafi
man innerhalb der Sphare des Gottlichen genau unterscheiden mufi
zwischen dem Vater-Gott und dem Christus-Gott. Aber das driickt
sich auch aus in dem Seelenleben des Menschen. Gott-Vater nicht zu
finden, ist eine Krankheit; den Christus nicht zu finden, ist ein Ungliick.
Denn mit dem Christus ist der Mensch so verbunden, dafi er innerlich
darauf angewiesen ist. Aber er ist angewiesen auf etwas, das als ein
historisches Ereignis sich abgespielt hat. Er mufi im aufieren Leben hier
auf der Erde einen Zusammenhang finden mit dem Christus. Findet er
ihn nicht, so ist das ein Ungliick. Es ist eine Krankheit, Atheist zu sein,
den Vater-Gott nicht zu finden. Es ist ein Ungliick, den Sohnes-Gott
nicht zu finden, den Christus.
Und was ist das, den Geist nicht zu finden? Nicht die Moglichkeit
zu haben, die eigene Geistigkeit zu erfassen, um den Zusammenhang
der eigenen Geistigkeit mit der Geistigkeit der Welt zu finden, das ist
eine Schwachgeistigkeit; ein seelischer Schwachsinn ist es, den Geist
nicht anzuerkennen.
An diese drei Mangel der menschlichen Seelenverfassung bitte ich
Sie, sich noch einmal zu erinnern - dann werden wir in der richtigen
Weise in dieser Betrachtung morgen fortfahren konnen — , sich zu er-
innern an dasjenige, was ich Ihnen heute von einem anderen Gesichts-
punkte aus wieder iiber die drei Bewufitseine gesagt habe, und sich zu
erinnern daran: Atheist zu sein, den Gott, aus dem wir geboren sind
- den wir finden miissen bei einer vollstandig gesunden Organisation —
nicht zu finden, ist eine Krankheit, und den Christus nicht zu finden,
ist ein Ungliick, den Geist nicht zu finden, ist ein seelischer Schwach-
sinn.
In dieser Weise unterscheiden sich auch die Wege des Menschen zur
Trinitat voneinander. Und das wird fiir die Menschheit immer mehr
und mehr notwendig, auf diese konkreten Dinge des Seelenlebens ein-
zugehen, nicht immer in allgemeinen, verschwommenen, nebulosen
Dingen stecken zu bleiben. Und zu dieser Nebulositat hat man heute
eine ganz besondere Neigung. Zu ersetzen diese Neigung durch die
Neigung, ins Konkrete des Seelenlebens wiederum einzutreten, das ist
eine wesentliche Aufgabe der Zeit.
FONFTER VORTRAG
Dornach, 29. November 1919
Der Mensch kann nur dadurch ein wirkliches, seine Seele tragendes
Bewufitsein erlangen, daft er aufnimmt wenigstens die wichtigsten, die
wesentlichsten Gesetze der menschlichen Entwickelung. Dasjenige, was
sich zugetragen hat im Lauf der menschlichen Entwickelung, das miis-
sen wir erkennen, in unser Seelenleben hereinbringen. So ist einmal die
Aufgabe des gegenwartigen Menschen. Nun handelt es sich darum, daft
man - ich bemerkte das schon in diesen Tagen - vollig ernst nehme, daft
die Entwickelung der Menschheit selbst eine Art lebendige, eine Art
Wesensentwickelung ist. Wie in dem einzelnen menschlichen Indivi-
duum gesetzmaftiges Wachstum ist, so in der Entwickelung des ganzen
Menschengeschlechtes. Und da in der Gegenwart einmal der Zeitpunkt
ist, wo gewisse Dinge ins Bewufttsein herauf miissen und der Mensch ja
in den wiederholten Erdenleben teilgenommen hat an den verschiede-
nen Gestaltungen der Menschheitsentwickelungsgeschichte, so ist auch
notwendig, daft man Verstandnis entwickele fiir die Verschiedenheiten
der menschlichen Seelenstimmungen in den einzelnen Epochen der
Menschheitsentwickelung. Ich habe schon ofter gesagt: Dasjenige, was
wir heute Geschichte nennen, das ist eigentlich eine Fable convenue aus
dem Grunde, weil bei dieser abstrakten Aufzahlung von Ereignissen
und bei diesem Suchen nach Ursache und Wirkung im aufterlichsten
Sinne gegeniiber den geschichtlichen Hergangen gar nicht Rucksicht
genommen wird auf die Umwandlungen, auf die Metamorphosen des
menschlichen Seelenlebens selber. Wenn man von diesem Gesichts-
punkte aus Proben macht, so konnte man sich schon uberzeugen, wie
vorurteilsvoll es ist, wenn man glaubt, daft ungefahr so wie die Seelen
der Menschen jetzt gestimmt sind, sie bis in jene Zeiten waren, in die
noch die ersten Dokumente der Geschichte zuriickreichen. Das ist nicht
der Fall. Menschen, auch einfachste, primitivste Menschen des 9., 10.
nachchristlichen Jahrhunderts, sie waren ganz anders in der Seele ge-
stimmt als die Menschen nach der Mitte des 15. Jahrhunderts. Man
kann das verfolgen bis in die Niederungen des Menschengeschlechtes
hinein, kann es auch auf den Hohen verfolgen. Versuchen Sie zum Bei-
spiel einmal, sich eine Kenntms zu verschaffen des merkwiirdigen Wer-
kes von Dante iiber die «Monarchie». Wenn Sie so etwas lesen, aber
nicht lesen wie eine Kuriositat, sondern lesen mit einem gewissen kultur-
historischen Spiirsinn, dann wird Ihnen auffallen, wie in einem solchen
Buche eines Reprasentanten seiner Zeit Dinge drinnenstehen, die un-
moglich aus der Seele eines Gegenwartsmenschen heraus gesprochen
sein konnten. Ich will nur eines erwahnen.
Dante versucht in diesem Buche, das in seinem Sinne eine ernsthafte
Abhandlung iiber die Rechtsgrundlage, iiber die politische Grundlage
der Monarchic sein soil, darzulegen, dafi die Romer das vorziiglichste
Volk der Erde waren. Er versucht darzulegen, dafi es ein Urrecht der
Romer war, den ganzen Erdball, soweit er dazumal in Frage kam, zu
erobern. Er versucht darzulegen, dafi diese Eroberung des ganzen Erd-
balles durch die Romer ein grofieres Recht sei als etwa das Selbstandig-
keitsrecht einzelner kleiner Volkerschaften, denn Gott habe es so ge-
wollt, dafi die Romer iiber einzelne kleine Volkerschaften herrschten,
zum Wohle dieser einzelnen kleinen Volkerschaften. Viele Beweise
ganz aus dem Geiste seiner Zeit heraus bringt Dante vor fur diese Be-
rechtigung des Romertums, den Erdkreis zu beherrschen. Einer dieser
Beweise ist auch der folgende. Er sagt: Die Romer stammen doch ab
von Aneas. Aneas hat dreimal geheiratet. Zuerst die Creusa. Dadurch
aber, durch diese Heirat, habe er sich als der Stammvater das Recht
erworben, Asien zu beherrschen. Zweitens habe er geheiratet die Dido.
Dadurch habe er sich als Urvater der Romer das Recht erworben,
Afrika zu beherrschen. Dann habe er geheiratet die Lavinia. Damit
habe er sich das Recht erworben - das heifit fur die Romer Europa
zu beherrschen. Herman Grimm, der diese Sache einmal besprochen
hat, macht dazu die, ich glaube nicht unzutreffende Bemerkung: Ein
reines Gluck, dafi dazumal Amerika und Australien noch nicht ent-
deckt waren!
Aber diese Schlufifolgerung war fur einen erleuchteten Geist der
Dante-Zeit, ja fur den hervorragendsten Geist der Dante-Zeit etwas
ganz selbstverstandliches. So etwas war dazumal eine juristische Dar-
legung. Nun bitte ich Sie, sich vorzustellen, dafi bei irgendeinem
Juristen der Gegenwart eine solche Schlufifolgerung auftrate. Sie kon-
nen sich es nicht vorstellen. Ebensowenig konnen Sie sich vorstellen,
dafi die Denkweise in bezug auf andere Griinde, die Dante vorbringt,
aus der Seelenverfassung eines Gegenwartsmenschen herauskame.
So ergibt eine ganz naheliegende Tatsache, wie man hinsehen mufi
auf die Umwandlung der Seelenverfassungen der Menschen. Diese
Dinge nicht zu verstehen, das ging in einer gewissen Weise an bis in
unsere Zeit herein. Das geht in unserer Zeit nicht mehr an und wird
insbesondere nicht gegen die Zukunft hin fur die Menschheit angehen,
aus dem einfachen Grunde, weil die Menschheit bis in unsere Zeiten
herein oder wenigstens bis zum Ende des 1 8. Jahrhunderts - seit der
Franzosischen Revolution ist es schon allmahlich anders geworden, aber
es blieben immer alte Reste der betreffenden Seelenverfassungen zu-
riick -, weil die Menschheit bis in unsere Zeit herein - also mit der Ein-
schrankung, die ich eben gemacht habe — gewisse Instinkte hatte. Und
aus diesen Instinkten her aus konnte sie ein Bewufksein entwickeln, das
seelentragend war. So wie aber der sich fortwandelnde Organismus der
Menschheit nunmehr geworden ist, sind diese Instinkte nicht mehr da,
und der Mensch mufi sich in bewufker Weise erwerben den Zusammen-
hang mit der ganzen Menschheit. Das ist ja schliefilich die ganze Be-
deutung, die tiefere Bedeutung der sozialen Frage in der Gegenwart.
Dasjenige, was die Leute parteimafiig vielfach sagen, ist nur eine For-
mulierung obenhin. Dasjenige, was eigentlich in den Untergriinden der
Menschenseelen wogt, das spricht sich [nicht] aus in solchen Formeln.
Aber das, was wogt, das ist eben, dafi.die Menschheit fuhlt, man miisse
bewufit den Zusammenhang des einzelnen mit der ganzen Menschheit
erringen, das heifit, einen sozialen Impuls sich aneignen.
Nun kann man das nicht, ohne dafi man das Gesetz der Entwicke-
lung wirklich ins Auge fafit. Tun wir das noch einmal, nachdem wir es
fur andere Fragen schon wiederholt getan haben. Nehmen wir zum
Beispiel die Zeit vom 4. nachchristlichen Jahrhundert bis etwa ins
16. nachchristliche Jahrhundert herein. Da finden wir, wie das Chri-
stentum im zivilisierten Europa sich ausbreitet. Wir finden dieser Aus-
breitung jenen Charakter aufgepragt, von dem ich gestern und ofter
gesprochen habe. Wir finden, dafi in dieser Zeit noch alle Sorgfalt dar-
auf verwendet wird, durch menschliche Vorstellungen und menschliche
Begriffe, wie sie vom Griechentum ubermittelt worden sind, die Ge-
heimnisse von Golgatha zu verstehen. Dann beginnt aber eine veran-
derte Form der Entwickelung. Wir wissen, da<5 sie eigentlich schon
friiher einsetzt, um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Sichtbar, deutlich
wird sie erst etwa im 16. Jahrhundert. Dann beginnt das naturwissen-
schaftlich orientierte Denken zuerst die obere Menschheit zu ergreifen,
aber sich immer weiter und weiter auszudehnen.
Nun fassen wir einmal dieses naturwissenschaftlich orientierte Den-
ken einer bestimmten Eigenschaft nach ins Auge. Es gibt viele solche
Eigenschaften, die man erwahnen kann fiir das naturwissenschaftlich
orientierte Denken, aber wir wollen heute wiederum eine besonders
hervorheben. Das ist diese, dafi, wenn man so recht handfester neuerer
Denker im heutigen Sinne ist, man nicht zurechtkommt mit der Frage:
Naturnotwendigkeit und menschliche Freiheit. Immer mehr drangte
das Naturdenken der neueren Zeit dahin, den Menschen als ein Glied
der iibrigen Natur zu denken, die man auffafit als einen Strom von fest
einander bedingenden Ursachen und Wirkungen. Gewifi sind ja viele
Menschen auch heute da, die sich klar dariiber sind, dafi Freiheit, das
Erlebnis der Freiheit, eine Tatsache des menschlichen Bewufitseins ist.
Aber dies hindert nicht, dafi, wenn man sich so recht hineinfindet in die
besondere Konfiguration des Naturdenkens, man da nicht zurecht-
kommt. Denkt man so, wie die heutige Naturwissenschaft das will, iiber
die Wesenheit des Menschen, so kann man eben mit diesem Denken
nicht vereinigen das Denken iiber die menschliche Freiheit. Manche
machen sich es leicht mit der menschlichen Freiheit, mit dem mensch-
lichen Verantwortlichkeitsgefuhl. Ich kannte einen Strafrechtslehrer,
der begann seine Vorlesungen iiber das Straf recht jedesmal damit, dafi
er sagte: Meine Herren, ich habe Ihnen Straf recht vorzutragen. Das
beginnen wir damit, dafi wir als Axiom annehmen, es gabe eine mensch-
liche Freiheit und Verantwortlichkeit. Denn gabe es keine Freiheit und
keine Verantwortlichkeit, so konnte es kein Strafrecht geben. Nun gibt
es aber ein Strafrecht, denn ich mufi es Ihnen vortragen, also gibt es
auch eine Verantwortlichkeit und Freiheit. — Diese Argumentation ist
etwas einfach, aber sie ist doch auch hinweisend darauf , wie schwer die
Menschen heute noch zurechtkommen, wenn sie fragen sollen: Wie ver-
einigt Naturnotwendigkeit sich mit Freiheit? Das heifit aber mit an-
deren Worten nichts anderes als : Immer mehr und mehr ist der Menscli
durch die Entwickelung der letzten Jahrliunderte gezwungen worden,
eine gewisse Allmacht der Naturnotwendigkeit zu denken. Man sagt
es sich nicht mit diesen Worten, aber dennoch, es wird gedacht eine
gewisse Allmacht der Naturnotwendigkeit. Was ist diese Allmacht der
Naturnotwendigkeit?
Wir werden uns am besten verstehen, wenn ich Sie an etwas erinnere,
das ich schon ofters erwahnt habe. Die heutigen Denker glauben, sie
handeln - oder denken vielmehr - vorurteilslos, blofi wissenschaftlich
forschend, wenn sie behaupten, der Mensch bestiinde aus Leib und
Seele. Nicht wahr, bis zu dem angeblich grofien, eigentlich nur von
seines Verlegers Gnaden grofien Philosophen Wilhelm Wundt behaup-
ten die Leute, wenn man unbefangen denkt, so miisse man den Men-
schen gliedern in Leib und Seele, wenn iiberhaupt noch die Seele gelten
gelassen wird. Und nur schiichtern wagt sich der Versuch der Wahrheit
hervor, den Menschen zu gliedern in Leib, Seele und Geist. Die Philo-
sophen, die heute glauben, vorurteilslos den Menschen in Leib und Seele
zu gliedern, die wissen eben nicht, dafi ihre Gliederung nur das Ergeb-
nis eines historischen Vorganges ist, der seinen Ausgangspunkt ge-
nommen hat vom achten allgemeinen Konzil von Konstantinopel, wo
die katholische Kirche den Geist abgeschafft hat, indem es zum Dogma
erhoben worden ist, dafi fortan der richtig glaubige Christ nur zu den-
ken habe, der Mensch bestiinde aus Leib und Seele, und die Seele habe
auch einige geistige Eigenschaften. Das war Kirchengebot. Das lehren
heute noch die Philosophen und wissen nicht, dafi sie blofi dem Kirchen-
gebote folgen, sie glauben vorurteilslose Wissenschaft zu treiben. So
steht es tatsachlich heute um manches, was man «vorurteilslose Wissen-
schaft» nennt.
So ahnlich ist es auch mit der Naturnotwendigkeit. Diese ganze Ent-
wickelung vom 4. Jahrhundert bis ins 16. Jahrhundert, die kristallisierte
immer mehr einen ganz besonderen Gottesbegriff heraus. Wenn man
auf die Feinheiten der geistigen Entwickelung dieser Jahrhunderte ein-
geht, so kommt man darauf, dafi immer mehr und mehr ein ganz be-
stimmter Gottesbegriff aus dem menschlichen Denken herausgearbeitet
wurde, der Gottesbegriff, der eigentlich gipfelt in dem Diktum: Gott,
der Allmachtige. Es wissen die wenigsten Menschen, dafi es zum Bei-
spiel fiir den Menschen vor dem 4. nachchristlichen Jahrhundert keinen
rechten Sinn gehabt hatte, von Gott dem Allmachtigen zu sprechen.
Wir treiben keine Katechismus-Wahrheiten; da steht natiirlich drinnen:
Gott ist allmachtig, allweise und allgiitig und so weiter. Das alles sind
Dinge, die mit den Wirklichkeiten nichts zu tun haben. Vor dem 4. Jahr-
hundert wurde niemand, der verstandig war in diesen Dingen, der mit
diesen Dingen wirklich mitgegangen ist, daran gedacht haben, die All-
macht als eine Grundeigenschaft des gottlichen Wesens zu betrachten,
sondern da war noch die Nachwirkung der griechischen Begrif fe. Und
wenn man an das gottliche Wesen gedacht hat, so wiirde man in erster
Tafel 8 Linie nicht gesagt haben (an die Tafel schreibend:) Gott, der Allmach-
tige, sondern: Gott, der Allweise.
Die Weisheit war dasjenige, was man zunachst als die Grundeigen-
schaft dem gottlichen Wesen beigelegt hat. Und der Begriff der All-
machtigkeit, er ist erst vom 4. Jahrhundert an allmahlich eingedrungen
in die Idee von dem gottlichen Wesen. Das entwickelt sich weiter. Der
Personlichkeitsbegriff wird fallen gelassen, und iibertragen wird das
Pradikat auf die blofie, immer mehr und mehr sogar mechanisch vor-
gestellte Naturordnung. Und der Begriff der neueren Naturnotwendig-
keit, dieser Allmacht der Natur, ist nichts anderes als das Ergebnis der
Tafel 8 Entwickelung des Gottesbegriff es vom (an dieTafel schreibend:) 4. Jahr-
hundert bis ins 16. Jahrhundert. Nur dafi abgeworfen wurden die Per-
sonlichkeitseigenschaften, und dafi herubergenommen wurde in die
Struktur des Naturdenkens dasjenige, was dazumal fiir den Gottes-
begriff genommen worden ist.
Die echten Naturwissenschafter von heute wurden sich natiirlich
kraftig wehren, wenn man ihnen so etwas sagt. Geradeso wie manche
Philosophen glauben, vorurteilslos iiber den Menschen zu denken, in-
dent sie ihn nur aus Leib und Seele bestehen lassen, wahrend sie inWahr-
heit nur befolgen das achte allgemeine okumenische Konzil von Kon-
stantinopel von 869, geradeso wie diese Philosophen abhangig sind von
einer historischen Stromung, so sind sie alle — die Haeckelianer, die
Darwinisten, alle, alle bis zu den Physikern mit ihrer Naturordnung -
nichts anderes als Abhangige derjenigen theologischen Richtung, die
sich ausgebildet hat in der Zeit von Augustinus bis Calvin. Diese Dinge
rmissen durchschaut werden. Denn das ist das Eigentiimliche einer jeden
Evolutionsstromung, dafi sie eine gewisse Evolution in sich schliefit,
aber auch eine Involution oder Devolution. Und wahrend sich ent-
wickelte der Begriff «Gott der Allmachtige», war die Unterstromung
in den unterbewufiten Spharen des menschlichen Seelenlebens vorhan-
den, die dann die tonangebende Oberstromung wurde: die Naturnot-
wendigkeit (siehe Zeichnung, rot). Und seit dem 16. Jahrhundert ist
wiederum eine neuerliche Unterstromung da, die gerade in unserer
Zeit sich vorbereitet, Oberstromung zu werden (s. Zeichnung, weifi).
Qctr.derAUmQchttqe TafeI 8
(/oft, dep /\\twei$Q
i///f//////'///////w/rt//////f/ttyM;,io ,u* ,ti, ot, tin •//"//< unit i
Das ist es, was wir als das Charakteristikon des Michael-Zeitalters
anfiihren miissen, dafi dasjenige, was sich vorbereitet hat in Form einer
Unterstromung der Naturnotwendigkeit, von jetzt ab werden mufi eine
Oberstromung. Aber es mufi verstanden werden der innere Geist der
Erdenentwickelung, wenn man iiberhaupt zu irgendeinem moglichen
Begriffe kommen will von dem, was sich eigentlich da vorbereitet.
Ich habe Sie neulich einmal darauf aufmerksam gemacht, dafi eigent-
lich das, was von selbst geht in der irdischen Entwickelung und nament-
lich in der Menschheitsentwickelung, sich in absteigender Linie bewegt.
Die Erdenmenschheit und die Erdenentwickelung selbst ist eigentlich
in der Dekadenz. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, dafi das ja
sogar heute schon eine geologische Wahrheit ist, dafi ernsthaft zu
nehmende Geologen zugeben, die Erdkruste sei bereits in einem Ver-
fallsprozesse. Aber insbesondere ist in einem Verfallsprozesse durch die
Krafte, die eigentlich sinnlich-irdisch sind, die Menschheit selbst. Und
der Menschheitsprozefi mufi so weitergehen, daft die Menschheit auf-
nimmt geistige Impulse, die gegen die Dekadenz arbeiten. Daher mu£
bewufkes Geistesleben in die Menschheit eintreten. Wir mussen uns klar
sein dariiber: den Hohepunkt der Erdenentwickelung, den haben wir
bereits iiberschritten. Damit die Erdenentwickelung weitergehen kann,
mufi Geistiges immer klarer und deutlicher aufgenommen werden.
Das scheint zunachst wie eine abstrakte Tatsache. Fiir den Geistes-
forscher ist das gar nicht eine abstrakte Tatsache. Sie wissen ja wohl,
dafi wir die Entwickelung desjenigen, was dann Erde geworden ist, ver-
folgen durch ein Saturn-, Sonnen- und Mondenstadium bis herein ins
Erdenstadium. Diese Entwickelung konnen wir auch dadurch charak-
terisieren, dafi wir sagen, im Grunde genommen ist, wenn wir von der
heutigen Menschheit sprechen, dasjenige, was sich von dieser Mensch-
heit durch Saturn-, Sonnen- und Mondenperiode entwickelt hat, Vor-
bereitung, Vorstadium gewesen. Auf der Erde selbst hat der Mensch
eigentlich erst, als er sein Ich angenommen hat, die Menschenwesenheit
in Wirklichkeit erreicht und wird in diese Wesenheit weiteres hinein-
giefien durch die folgenden Entwickelungsstadien der Erde.
Nun wissen Sie ja, dafi auf derselben Entwickelungsstufe, wenn auch
in ganz anderen Formen, bei ganz anderem aufierem Ansehen, die
sogenannten Archai, die heutigen Geister der Personlichkeit oder Zeit-
geister, im Saturnstadium waren, in derselben Entwickelungsstufe, aber
mit anderem Ansehen, wie heute der Mensch. So dafi ich das in meinen
Buchern ausgedriickt habe dadurch, dafi ich sagte: Was wir heute als
Archai, als Geister der Personlichkeit ansehen, das war wahrend der
Saturnzeit Mensch, die Archangeloi waren wahrend der Sonnenzeit
Mensch, die Angeloi wahrend der Mondenzeit Mensch. Wahrend der
Erdenzeit sind wir Menschen,
Nun haben wir uns ja naturlich immer vorbereitend mitentwickelt.
Wenn wir nur zuriickgehen bis zum Mondenstadium, so mussen wir
sagen: da sind die Angeloi Menschen gewesen; nicht so aussehende Men-
schen wie wir, denn das alte Mondenstadium hat ganz andere Verhalt-
nisse gehabt. Aber aufier diesen Mondenmenschen, den Angeloi, ent-
wickelten auch wir uns schon in einem Vorstadium dort, in dem Vor-
stadium der Erdenentwickelung, in sehr weit vorgeschrittenem Stadium,
so dafi wir dort eigentlich schon in Betracht kamen fiir die Angeloi.
Namentlich als die Mondenentwickelung bereits im Abstiege war,
kamen wir dort zuweilen in recht lastiger Weise fiir die Angeloi in
Betracht. Geradeso aber geht es uns mit der absteigenden Erdenentwik-
kelung. Seit die Erdenentwickelung im Abstiege ist, kommen andere
Wesenheiten nach. Das ist ein bedeutsames, ein wichtiges Ergebnis
geisteswissenschaftlicher Forschung, das sehr, sehr ernst zu nehmen ist,
dafi wir bereits in dieses Stadium der Erdenentwickelung eingetreten
sind, wo sich Wesen geltend machen, die auf dem Jupiter — das ist das
nachste Stadium der Erdenentwickelung — aufgeriickt sein werden zu
zwar anderen Menschenformen, aber doch zu Formen, die sich mit dem
Menschenwesen vergleichen lassen. Wir werden ja andere Wesen sein
auf dem Jupiter. Aber diese gewissermafien Jupitermenschen sind jetzt
schon da, wie wir auf dem Monde waren. Sie sind da, natiirlich nicht
aufierlich sichtbar; aber ich habe ja neulich zu Ihnen gesprochen, was
das bedeutet, aufierlich sichtbar zu sein, und dafi der Mensch auch ein
ubersinnliches Wesen ist. tJbersinnlich sind diese Wesenheiten gar sehr
da.
Ich betone noch einmal: Das ist eine aufierordentlich ernste Wahr-
heit, dafi sich geltend machen gewisse Wesenheiten, welche tatsachlich
um die Menschheit herum sind. Immer mehr und mehr machen sie sich
geltend seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Diese Wesenheiten haben
zunachst vorzugsweise ausgebildet den Impuls einer Kraft, die sehr
ahnlich ist der menschlichen Willenskraft, jener Willenskraft, von der
ich Ihnen gestern gesagt habe, wie sie unten ist in tieferen Schichten des
menschlichen Bewufitseins. Mit dem, was da dem gewohnlichen heu-
tigen Bewufksein unbewufit bleibt, mit dem verwandt sind diese un-
sichtbaren Wesenheiten, die sich aber schon sehr stark geltend machen
in der Entwickelung der heutigen Menschheit.
Fiir den, der die Geistesforschung konkret ernst nimmt, ist das ein
Problem von gewaltiger Grofie. Mir trat dieses Problem besonders stark
entgegen - und ich habe es dazumal zu verschiedenen unserer Freunde
in der einen oder in der anderen Form ausgesprochen -, mir trat dieses
Problem besonders stark entgegen, ich mochte sagen, f ordernd entgegen,
als im Jahre 1914 diese Kriegskatastrophe ausbrach. Da mufke man
sich fragen: Wie stiirmte uber die europaische Menschheit herein ein
Ereignis, das etwa so auszumessen nach seinen Verursachungen, wie
man das gewohnt ist gegeniiber friiheren geschichtlichen Ereignissen,
tatsachlich unmoglich ist? Wer da weifi, dafi bei den entscheidenden
Dingen doch im Jahre 1914 kaum mehr als dreifiig bis vierzig Men-
schen in Europa beteiligt waren, und wer da weifi, in welcher Seelen-
verfassung die meisten dieser Menschen waren, fur den kommt das
eigentlich bedeutsame Problem herauf : Denn die meisten dieser Men-
schen, so sonderbar das heute klingt, die meisten dieser Menschen
waren von getriibtem Bewufitsein, von verdunkeltem Bewufltsein.
Oberhaupt hat sich in den letzten Jahren ungeheuer viel zugetragen
von der Art, das verursacht ist von getriibtem menschlichem Bewufit-
sein. An den entscheidenden Stellen des Jahres 1914 sehen wir uberall,
wie geradezu aus Bewuikseinsverdusterung heraus Ende Juli und An-
f ang August die wichtigsten Entschliisse gefafit wurden, und wiederum
durch diese Jahre hindurch bis in unsere Gegenwart herein. Das ist ein
Problem, furchtbar in seiner Art. Untersucht man es geisteswissen-
schaftlich, dann findet man, dalS diese verdunkelten Bewufitseine die
Tore waren, durch die gerade diese Willenswesen von dem Bewufitsein
dieser Menschen Besitz ergriffen haben, von dem umdunkelten, um-
florten Bewufitsein dieser Menschen Besitz ergriffen haben und gewirkt
haben mit ihrem Bewufksein. Und diese Wesen, die da Besitz ergriffen
haben, die noch untermenschliche Wesen sind, was fur Wesenheiten
sind sie wiederum? Diese Frage miissen wir uns einmal ganz ernsthaftig
vorlegen: Was sind das eigentlich fur Wesenheiten?
Nun, wir haben gefragt nach dem Ursprung der menschlichen Intel-
ligenz, nach dem Ursprung des menschlichen intelligenten Verhaltens,
das, einfach gesprochen, zu seinem Werkzeug unsere Kopforganisation
hat. Und wir haben gesehen, dafi diese intelligente Verfassung unserer
Seele herriihrt von jener Tat Michaels, des Erzengels, die man gewohn-
lich symbolisch darstellt als den Sturz, das Herabwerfen des Drachens.
Das ist eigentlich ein sehr triviales Symbolum. Denn wenn man sich
richtig vorstelit Michael mit dem Drachen, so hat man sich vorzustel-
len: das Michael- Wesen - und der Drache ist eigentlich alles das, was
einzieht in unsere sogenannte Vernunft, in unsere Intelligenz. Nicht in
eine Holle stiirzt Michael seine gegnerischen Scharen, sondern in die
menschlichen Kopfe hinein. (Es wird gezeichnet.) Da lebt dieser luzi-
ferische Impuls weiter. Ich habe Ihnen ja charakterisiert die mensch-
liche Intelligenz als einen eigentlich luziferischen Impuls. Wir konnen
also sagen: Blicken wir zuriick im Erdenwerden, so finden wir die
Michael-Tat, und an diese Michael-Tat ist gebunden die Erleuchtung
des Menschen mit seiner Vernunft.
Was jetzt eintritt, die untermenschlichen Wesenheiten, die in ihretn
Hauptcharakter einen Impuls haben, der sehr stark ubereinstimmt mit
dem menschlichen Willen, mit der menschlichen Willenskraft, die kom-
men gewissermafien von unten herauf, wahrend jene von Michael ge-
stiirzten Scharen oder Krafte von oben kamen. Und wahrend diese
Besitz ergriffen von dem menschlichen Vorstellungsvermogen, ergreifen
jene Besitz von der menschlichen Willenskraft, vereinigen sich mit ihr
und sind Wesen, die aus dem Reich des Ahriman erzeugt werden.
Tafel 9
Tafel 9
Ahrimanische Einflusse waren es, die durch diese umdunkelten Be-
wufitseine wirkten. Ja, so lange man nicht wird diese Krafte ebenso
behandeln als objektiv in der Welt vorhandene Krafte wie dasjenige,
was man heme Magnetismus, Elektrizitat und so weiter nennt, so-
lange wird man keine Einsicht gewinnen in diejenige Natur, die nach
Goethes Dichtung, Goethes Prosahymnus auch den Menschen mit um-
fafit. Denn die Natur, die sich die heutige Naturforschung vorstellt, in
der ist der Mensch nicht drinnen, sondern nur das menschliche physische
Gehause.
Diese Wesenheiten, die also ebenso einen Aufstieg ahrimanischen
Wesens vorstellen, wie das, was im Beginne des Erdenwerdens das Her-
abfallen des luziferischen Wesens ist, diese Wesen, die ebenso eine
Influenzierung der menschlichen Willenskraft darstellen, wie die an-
deren Wesen eine Influenzierung der luziferischen Vorstellungskraft,
diese Wesenheiten mussen wir in ihrer Ankunft innerhalb der Mensch-
heitsentwickelung erkehnen. Wir mussen uns klar sein, dafi diese Wesen
ankommen und dafi wir rechnen mussen mit einer Naturauffassung,
die zunachst sich allerdings nur auf den Menschen erstreckt. Denn das
Tierreich wird erst spater in der Erdenzeit einbezogen, auf das Tier
haben sie noch keinen Einflufi. Das Menschengeschlecht aber wird man
nicht verstehen, ohne dafi man auf diese Wesen Riicksicht nehmen wird.
Und diese Wesen, die, ich mochte sagen, von hinten geschoben werden
- denn hinter ihnen steht eigentlich das Ahrimanische, das ihnen ihre
starke Willenskraft gibt, das ihnen eingiefit ihre Richtungskrafte und
so weiter diese Wesenheiten, die fur sich untermenschliche Wesen-
heiten sind, sind aber in ihrer Masse beherrscht von hoheren ahrimani-
schen Geistern und haben dadurch etwas in sich, was weit hinausgeht
iiber ihre eigene Natur und Wesenheit. Dadurch zeigen sie in ihrem Auf-
treten etwas, was sogar, wenn es den Menschen gefangen nimmt, starker
wirkt, wesentlich starker als dasjenige, woriiber der schwache Mensch,
wenn er es nicht durch den Geist starkt, heute Herr sein kann. Worauf
geht diese Schar aus? Sehen Sie, so wie die Scharen, die Michael herab-
gestofien hat, diese luziferischen Scharen, ausgegangen sind auf mensch-
liche Erleuchtung, auf menschliche Durchverniinftigung, so gehen diese
Scharen aus auf eine gewisse Durchdringung des menschlichen Willens.
Und was wollen sie? Sie wiihlen gewissermaften in der tiefsten Schichte
des Bewufitseins, wo der Mensch heute auch noch wachend schlaft. Der
Mensch merkt nicht, wie sie in sein Seelenwesen, wie auch in sein Lei-
beswesen hereinkommen. Da aber ziehen sie mit ihren Anziehungs-
kraften an alledem, was luziferisch geblieben ist, was nicht durch-
christet geworden ist. Das konnen sie auch erreichen, dessen konnen sie
sich bemachtigen.
Diese Dinge sind sehr aktuell! Ich habe schon eine Erscheinung er-
wahnt, die ganz im hoheren Sinne kuhurhistorisch bedeutsam ist. Wir
lesen ja heute sogenannte Rechtfertigungsschriften. Alle moglichen
Leute, von Theobald Betbmann angefangen bis zu Jagow, alles, alles
schreibt; Clemenceau und Wilson werden ja spater auch drankommen,
sie werden auch schreiben: alles schreibt. Nun, man braucht nur Ein-
zelnes herauszugreifen, zum Beispiel die zwei dicken Bande von Tirpitz
und von Ludendorff . Es ist hochst interessant fur einen Menschen, der
denkt, der denkt mit dem Geiste seiner Zeit, die Art und Weise zu ver-
folgen, in der solche Menschen wie Tirpitz und Ludendorff schreiben.
Inhaltlich sind sie sehr voneinander verschieden, denn sie konnten ein-
ander nicht leiden, sie hatten ganz verschiedene Ansichten. Aber von
den Ansichten wollen wir hier nicht reden, sondern von der Geistes-
konfiguration wollen wir reden. Die Biicher sind ja im heutigen Deutsch
geschrieben, wenigstens annahernd im heutigen Deutsch geschrieben,
aber die Gedankenformen, die sind tatsachlich - man raulS Verstandnis
haben fur so etwas, sonst bemerkt man es nicht, sonst versetzt man ein
solches Buch, weil die Jahreszahl 1919 drauf steht, in die Gegenwart —
in den Vorstellungsarten so geschrieben, dafi man sich fragt: Ja, was ist
denn das eigentlich fur eine Formung des Denkens? Ich habe mir diese
Frage ganz ernsthaftig vorgelegt, gerade die beiden genannten Biicher
daraufhin untersucht, denn es ist eine vollstandige Unwahrheit, reale
Unwahrheit, dafi diese Biicher deutsch geschrieben sind. Aufierlich sind
sie deutsch geschrieben, aber eigentlich ist es nur eineUbersetzung, denn
die Gedankenformen sind diejenigen der Casarenzeit. Ganz genau die-
selbe Art des Denkens, wie sie bei Casar vorhanden war, ist bei diesen
Leuten vorhanden.
Gerade dann, wenn man sich fiir die Metamorphose der Menschheit,
wie ich sie vorhin geschildert habe, ein Verstandnis erworben hat,
merkt man das, wie zuriickgeblieben solche Seelen sind, denn die haben
eigentlich die Metamorphose nicht mitgemacht. Die Tirpitz-Memoiren
und die Ludendorff-Memoiren, die handeln nur zufallig von heutigen
Ereignissen; die konnten ebensogut dieKriegsziige des Casar behandeln.
Das ist exakt zu beweisen fur den, der die Methode hat, so etwas zu
beweisen. Das heifit aber mit anderen Worten: An diesen Menschen ist
das Christentum iiberhaupt vorbeigegangen, die haben nichts Christ-
liches in sich. Worte gewifi - sie haben ja vielleicht in ihrer Jugend auch
gebetet in christlichen Kirchen, vielleicht, ich weiJS nicht, von Tirpitz
glaube ich es nicht, von Ludendorff auch nicht recht, aber das wiirde ja
auch nichts weiter besagen — , aber den wirklichen Christus-Impuls, den
haben sie nicht in ihrem Herzen, in ihrer Seele. Sie sind stehengeblieben
auf einer fruheren Entwickelungsstufe der Menschheit. An solche Art
von Vorstellungskonfiguration konnen die Geister heran, von denen ich
gesprochen habe; derer konnen sie sich bemachtigen, die ziehen sie zu
sich heran. Dadurch wollen sie ihre Herrschaft begriinden. Dadurch
aber kommt ein fremdes Element, ein Element aus einer geistigen Welt,
die sich jetzt geltend macht, in die Entschliisse dieser Menschen herein.
Bei Ludendorff ist es ja direkt historisch nachweisbar, obwohl man
heute noch keine Historio-Psychopathologie betreibt - man wird sie in
nicht gar zu ferner Zeit betreiben -, bei Ludendorff ist es direkt nach-
weisbar. Es war am 6. August, Einnahme von Luttich. In einer der
Strafien staut sich der ganzeHeereskorper, Ludendorff mitten darinnen,
damals als Oberst noch. Auf ihn fiel alle Entschliefiungskraft. Nur
durch seinen raschen Entschlufi ist das zustande gekommen, was in
Luttich zustandegekommen ist. Dabei aber ging das Normale seines
Bewufitseins verloren. Das brachte zu jener Verfassung, die noch die
Casar- Verfassung des Seelenlebens ist, die Umdunklung des Bewufit-
seins hinzu, die Tor ist fur die ahrimanische Welt.
Die Zeit stellt uns heute diese Probleme. Wir durfen als Menschen
nicht mehr voriibergehen an diesen Dingen. Bequem sind sie nicht. Denn
bequem ist es geworden, iiber die Menschen anders zu denken, das heifit,
gar nicht iiber die Menschen zu denken, ihnen iiberhaupt nicht nahe-
zutreten. Und ungefahrlich ist es auch nicht in der Gegenwart, wo die
Menschheit in vielen ihrer Individuen gar nicht den Wahrheitssinn liebt,
iiber diese Dinge in voller Wahrheit zu reden. Abgesehen davon, daft
miftverstandene Sentimentalitat diese Dinge seelisch grausam finden
konnte.
Aber dasjenige, was resultieren wird aus einer solchen Auffassung,
ist eine griindliche Erkenntnis von der Notwendigkeit des Christus-
Impulses. Man mufi erkennen, wo iiberall der Christus-Impuls nicht
da ist. Denn, wie wir gestern gezeigt haben, daft in der Mittelschichte
des Bewufitseins der Christus-Impuls Platz greifen mufi, so konnen wir
heute hinzufiigen: Wenn in der Mittelschichte des Bewufttseins dieser
Christus-Impuls Platz greift, wenn der Mensch wirklich sich durch-
christet, dann konnen diese ahrimanischen Krafte durch die Mittel-
schichte nicht durch, nicht hinauf , und konnen mit ihren geistigen Kraf-
ten nicht herunterziehen die intellektuellen Krafte. Darauf kommt
alles an.
Es ist durchaus notwendig, daft man heute erkennt, wie ebenso wich-
tig, als manche Einfliisse, die nur in der Menschenwelt wurzeln, die
Einflusse sind, die uns von aufiermenschlichen, untermenschlichen
Wesen kommen, auf die aber wiederum andere Wesen ihren Einfluft
haben. Ich habe Ihnen vor acht Tagen vom Michael-Einflufi gespro-
chen. Ich habe Ihnen diesen Michael-Einfluft charakterisiert. Er ist ein
sehr notwendiger. Denn ebenso wahr, als es ist, daft durch den Michael-
Einflufi die luziferische Influenzierung der menschlichen Intelligenz
gekommen ist, ebenso wahr ist es, daft jetzt der Gegenpol kommt, das
Heraufsteigen gewisser ahrimanischer Wesenheiten. Und nur durch die
fortgesetzte Tatigkeit des Michael wird der Mensch gewappnet sein
gegen dasjenige, was da heraufsteigt. Es ist heute schon durchaus auch
physiologisch gefahrlich, bloft an der Naturnotwendigkeit zu hangen,
an jener Art von Fatalismus, der sich in der Naturnotwendigkeit aus-
spricht. Denn das Erzogenwerden durch die Schule und Erzogenwerden
durch das Leben in den Vorstellungen, die bloft auf Naturnotwendig-
keit, auf Allmacht der Naturnotwendigkeit fufien, das schwacht das
menschliche Haupt, und die Menschen werden dadurch so stark passiv
mit Bezug auf ihr Bewufitsein, daft andere Krafte in dieses Bewufttsein
herein konnen und daft jene Starke eben ausbleibt, die notwendig ist,
wenn der Christus-Impuls in seiner heutigen Gestalt herein will in die
menschliche Seelenverfassung.
Ich bin gewissermafien verpflichtet, in dieser Zeit zu sprechen von
dem, wovon ich heute begonnen habe zu sprechen - ich werde es mor-
gen fortsetzen von dem Hereinwandern bestimmter ahrimanischer
Wesenheiten, mit denen wir rechnen miissen. Von diesem Herein-
wandern wissen die verschiedensten Menschen auf unserer Erde heute
schon. Aber sie interpretieren es falsch. Sie interpretieren es aus dem
Grunde falsch, weil sie ja von der wirklichen Trinitat Christus-Luzifer-
Ahriman nichts wissen oder nichts wissen wollen, sondern Ahriman
und Luzifer zusammenwerfen. Dann kann man nicht mehr unterschei-
den, dann kann man den wahren Grundcharakter dieser ahrimanischen
Wesenheiten, die jetzt herauf kommen, nicht mehr ordentlich erkennen.
Nur wenn man das Ahrimanische rein herausarbeitet und seinen Ge-
gensatz gegenuber dem Luziferischen kennt, dann weifi man, welcher
Art die ubersinnlichen Einflusse sind, die, ich mochte sagen, als das
Gegenstiick des Sturzes des Drachens durch Michael jetzt herauf ziehen.
Es ist wie ein Heraufheben aus ahrimanischen Tiefen, wie ein Herauf-
heben von gewissen Wesenheiten. Und besondere Angriffspunkte in
dem Menschen finden sich fur diese Wesen, wenn die Menschen sich
ungeziigelten instinktiven Impulsen iiberlassen, nicht danach streben,
sich iiber ihre Impulse klar zu werden.
Nun aber gibt es heute geradezu eine Methode, ich konnte auch
sagen eine Antimethode, das Instinktive zu verhullen, indem man ge-
wissermafien einenBegrif f hinpfahlt und einen anderen dariiberschiebt,
so dafi man das, was da ist, nicht in der richtigen Weise beurteilen kann.
Denken Sie nur einmal an den Schlachtruf des Proletariats der neueren
Zeit. Hinter diesem Schlachtruf stehen - ich habe ja das oft genug aus-
gefiihrt - sehr berechtigte Forderungen der Menschheit. Aber an diese
Forderungen wird zunachst nicht appelliert. - In unserer Dreigliede-
rungsidee wird zum erstenmal daran appelliert. - Appelliert wird an
etwas wesentlich anderes: Proletarier aller Lander, vereinigt euch! -
Was heifit das? Pflegt jenes Antigefuhl gegen die anderen Klassen, das
euch als Proletariern eigen ist, pflegt etwas, was dem Hafi ahnlich ist,
als einzelne Individuen, und vereinigt euch, das heifit liebet einander,
vereinigt eure Hafigefuhle, suchet die Liebe einer Klasse, suchet die
Liebe der Genossen einer Klasse untereinander aus dem Hafi heraus.
Liebet einander aus Hafi oder auf Grand des Hasses. - Da haben Sie
zwei entgegengesetzte Polbegriffe hingepfahlt. Das macht die Auffas-
sung des Menschen so nebulos, dafi Instinkte zuriickgedrangt werden
und man nicht weifi, mit was man es in sich selbst zu tun hat, Es ist
geradezu eine Art Antimethode, wenn ich mich des paradoxen Aus-
drucks bedienen darf , vorhanden, urn durch das gegenwartige mensch-
liche Denken zu verschleiern das Waken eines instinktiven Lebens, das
besonders starke Angriffspunkte fur die geschilderten ahrimanischen
Wesenheiten gibt.
SECHSTER VORTRAG
Dornach, 30. November 1919
Sie haben gesehen aus den Darstellungen der letzten Tage, wie zum
volligen Verstandnis der menschlichen Wesenheit notwendig ist, ein-
zugehen auf die Gliederung des Menschen, vor alien Dingen zu unter-
scheiden, welch tiefgreifender Unterschied besteht zwischen dem, was
wir nennen konnen menschliche Hauptesorganisation, menschliche
Kopforganisation, und dem, was wir nennen konnen die Organisation
des iibrigen Menschen. Zwar wissen Sie ja, dafi wir auch diesen ubrigen
Menschen wiederum gliedern, so daft wir im Ganzen auch da eine Drei-
gliederung bekommen, aber zunachst ist fiir das Verstandnis der be-
deutsamen Impulse in der Menschheitsentwickelung, denen wir gegen-
wartig und in der nachsten Zukunft gegeniiberstehen, die Unterschei-
dung in Kopfmenschen und in die Organisation des ubrigen Menschen
wichtig.
Nun, wenn wir geisteswissenschaftlich so iiber den Menschen spre-
chen, dafi wir sagen: Kopfmensch, iibriger Mensch, dann sind uns die
Kopfes- oder Hauptesorganisation und die Organisation des iibrigen
Menschen zunachst mehr Bilder, von der Natur selbst geschaffene Bil-
der fiir das Seelische, fiir das Geistige, dessen Ausdruck, dessen Offen-
barung sie sind. Der Mensch steht in der gesamten Erdenmenschheits-
entwickelung in einer Weise darinnen, die man eigentlich nur verstehen
kann, wenn man das verschiedene Darinnenstehen der Kopf esorganisa-
tion und der ubrigen Organisation des Menschen betrachtet. Dasjenige,
was an die Hauptesorganisation gekniipft ist, was also namentlich als
das Vorstellungsleben des Menschen durch das Haupt sich offenbart,
das ist ja etwas, was - wenn wir zunachst nur bleiben in der Zeit der
nachatlantischen Menschheitsentwickelung - weit zuriickgeht in dieser
nachatlantischen Menschheitsentwickelung. Wenn wir die Zeit ins Auge
fassen, die unmittelbar auf die grofie atlantische Katastrophe folgte,
das ist also im 6., 7., 8. Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung,
dann kommen wir allerdings zuriick fiir die Gegenden, die damals fiir
die zivilisierte Welt in Betracht kommen, zu einer Seelenstimmung der
Menschheit, die sich kaum mehr mit der unsrigen vergleichen laiSt.
Dasjenige, was dazumal der Mensch in seinem Bewufitsein hatte, was
des Menschen Auffassung der Welt charakterisierte, das ist schwer mit
dem zu vergleichen, was jetzt unsere Sinnesanschauung, unsere Ge-
dankenauffassung der Welt charakterisiert. In meiner «Geheimwissen-
schaft im Umrifi» habe ich diese Kultur, die in so alte Zeiten zuriick-
reicht, die urindische genannt. Wir konnen sagen: Bis zu dem Grade
war die Menschheitsorganisation, die dazumal vorzugsweise an das
Haupt gebunden war, von der unsrigen verschieden, dafi eigentlich das
Rechnen mit Raum und Zeit, wie es uns eigen ist, dieser alten Bevolke-
rung gar nicht eigen war. Es war im Uberschauen der Welt mehr ein
Cberblick iiber unermefiliche Raumesweiten, und es war auch ein
Ineinanderschauen der verschiedenen Zeitmomente. Dieses starke Be-
tonen von Raum und Zeit in der Weltauffassung, das war in dieser
alten Zeit nicht vorhanden.
Davon finden wir die ersten Anklange erst gegen das 5., 4. Jahrtau-
send, namentlich in der Zeit, die wir bezeichnen als die urpersische Zeit.
Da ist aber auch noch die ganze Stimmung des seelischen Lebens eine
solche, die sich schwer mit dem vergleichen laik, was in unserer Zeit
des Menschen Seelen- und Weltenstimmung ist. Da ist vor alien Dingen
der Mensch immer darauf aus in dieser alten Zeit, alle Dinge so sich zu
interpretieren, dafi er Abstimmungen eines Lichten, Hellen und eines
Finsteren, Dunklen iiberall erblickt. Jene Abstraktionen, in denen wir
heute leben, die sind jener alten Erdenbevolkerung noch vollig fremd.
Es ist noch etwas von einer universellen Gesamtanschauung vorhanden,
ein Bewufitsein des Durchdrungenseins alles Anschaubaren vom Lichte
und seines Abschattierens in Dunkelheiten. So sah man auch die morali-
sche Weltordnung an. Man empf and einen Menschen, der wohlwollend
war, giitig war, als licht, als hell, einen Menschen, der mifkrauisch war,
eigensiichtig war, als einen dunklen Menschen. Man sah gewissermafien
noch aurisch um den Menschen herum dasjenige, was seine moralische
Individuality war. Und wenn man zu einem Menschen dieser alten
urpersischen Zeit gesprochen hatte von dem, was wir heute Natur-
ordnung nennen, da hatte er gar nichts davon verstanden. Natur-
ordnung in unserem Sinne gab es in seiner Licht- und Schattenwelt
nicht. Derm fur ihn war Licht- und Schattenwelt da, und er nannte
zum Beispiel in der Tonwelt auch eine gewisse Nuance des Tonens hell,
licht, eine gewisse Nuance des Tonens dunkel, schattig. Fiir ihn war die
Welt eine Licht- und Schattenwelt. Und das, was sich ausdriickte durch
dieses Hell-Dunkel, das waren ihm geistige und zugleich Naturgewal-
ten. Es war fiir ihn kein Unterschied zwischen geistigen und Natur-
gewalten. So etwas, wie wir heute unterscheiden zwischen Naturnot-
wendigkeit und menschlicher Freiheit, das ware ihm als Wahnsinn
erschienen, denn fiir ihn gab es diese Zweiheit nicht, menschliche Will-
kiir und Naturnotwendigkeit. Fiir ihn war gewissermafien alles zu
umfassen unter einer geistig-physischen Einheit. Soil ich bildlich Ihnen
etwas aufzeichnen — die Bedeutung wird es erst erhalten durch das, was
folgen wird wie der Charakter dieser urpersischen Weltanschauung
war, so miifite ich ungef ahr solch eine Linie hinzeichnen, wie die Welten-
schlange, das Symbol des Alls, die einheitlich die Menschheitsanschau-
ung umfafite.
Tafei 10 )iJ J/J/J 'J/ /t
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1 /
/
Dann, nachdem etwas iiber zwei Jahrtausende die Seelenstimmung
der Menschen so war, trat ja dasjenige auf, dessen Nachklange wir noch
wahrnehmen in der chaldaischen Weltanschauung, in der agyptischen
Weltanschauung und in einer besonderen Form in derjenigen Welt-
anschauung, deren Abglanz uns im Alten Testamente erhalten ist. Da
tritt in einer gewissen Weise schon etwas auf, was naher ist unserer
gegenwartigen Weltanschauung. Da bekommt man schon die Nuance
von einer gewissen Naturnotwendigkeit herein in das menschliche Vor-
stellen. Aber diese Naturnotwendigkeit ist noch weit entfernt von dem,
was wir heute die mechanische oder auch nur die vitale Naturordnung
nennen. Es fallt noch zusammen fur diese Zeit das Naturgeschehen mit
dem gottlichen Wollen, mit der Vorsehung. Vorsehung und Natur-
geschehen ist noch eines. Der Mensch wufite: Wenn er seine Hand
bewegt, so ist es das Gottliche eigentlich in ihm, das ihn durchdringt,
das seine Hand bewegt, seinen Arm bewegt. Wenn ein Baum durch den
Wind geschuttelt wurde, so war ihm die Anschauung dieses sich schiit-
telnden Baumes nicht anders als die Anschauung des bewegten Armes.
Er sah dieselbe gottliche Macht als Vorsehung in seinen eigenen Bewe-
gungen und in den Bewegungen des Baumes. Aber man unterschied
schon den Gott aufierhalb und den Gott innerhalb; nur dachte man ihn
als einheitlich, den Gott in der Natur, den Gott im Menschen, nur war
er derselbe. Und man war sich klar in dieser Zeit, dafi allerdings im
Menschen etwas ist, womit gewissermafien die Vorsehung, die aufien
in der Natur ist, und die Vorsehung, die innen im Menschen ist, ein-
ander begegnen.
So empfand man in dieser Zeit den AtmungsprozeS des Menschen.
Man sagte, wenn ein Baum sich schuttelt, das ist der Gott aufierhalb,
und wenn ich meinen Arm bewege, das ist der Gott innerhalb. Wenn
ich die Luft einziehe, innerlich verarbeite und wiederum nach aufien
lasse, dann ist das der Gott von aufien, der hereingeht und wiederum
hinausgeht. So empfand man dasselbe Gottliche draufien, drinnen, aber
in einem Punkt zugleich draufien, drinnen. Man sagte sich: Indem ich
Atmungswesen bin, bin ich zugleich ein Wesen der Natur drauflen, zu
gleicher Zeit ich selbst.
Soli ich ebenso, wie ich die urpersische Weltanschauung Ihnen cha-
rakterisiert habe durch diese Linie (vorhergehende Zeichnung), soil ich
Ihnen die des dritten Zeitalters charakterisieren, so miifite ich sie durch
diese Linie charakterisieren (in das Oval wird eine Lemniskate ge-
zeichnet, siehe S. 106 oben).
Diese Linie wiirde darstellen auf der einen Seite draufien das Natur-
dasein, auf der anderen Seite das Menschendasein, aber in dem einen
Punkt, im Atmungsprozesse, sich iiberkreuzend.
Tafel 10
Das wird anders im vierten Zeitalter, in dem griechisch-lateinischen
Zeitalter. Da tritt vor die Menschen schroff hin der Gegensatz des
Aufien und des Innen, des Naturdaseins und des menschlichen Daseins.
Da beginnt der Mensch sich im Gegensatz zu fiihlen gegen die Natur.
Und wenn ich Ihnen wiederum charakteristisch bezeichnen soli, wie
jetzt der Mensch beginnt zu fiihlen im griechischen Zeitalter, so mtifite
ich das so zeichnen (es wird in die Lemniskate hineingezeichnet) :
Tafel 10
Auf der einen Seite empfindet er das Aufiere, auf der anderen Seite
das Innere, und zwischen beiden ist nicht mehr der uberkreuzende
Punkt.
Es bleibt gewissermafien dieses, was der Mensch mit der Natur ge-
meinsam hat, aufierhalb des Bewufkseins. Es fallt schon aus dem Be-
wufltsein hinaus. In der indischen Jogakultur versucht man es wieder
hereinzubekommen. Daher ist die indische Jogakultur ein atavistisches
ZurQckgehen auf frvihere Entwickelungsstufen der Menschheit, weil
man wieder hereinzubekommen sucht ins Bewufitsein den Atmungs-
prozefi, den man im dritten Zeitalter naturgemafi als das empfand,
worinnen man sich zugleich draufien und zugleich drinnen fiihlte.
Dieses vierte Zeitalter beginnt ja im 8. vorchristlichen Jahrhundert.
Und da begannen dann audi jene spatindischen Jogaiibungen, die wie-
derum zuriickzurufen suchten atavistisch dasjenige, was man friiher
gehabt hatte, insbesondere audi in der indischen Kultur hatte, was aber
verlorengegangen war.
Also dieses Bewufitsein des Atmungsprozesses, das ging verloren.
Und wenn man sich fragt: Warum versuchte es die indische Jogakultur
wiederum zuriickzurufen, was glaubte sie eigentlich dadurch zu er-
ringen? - so mulS man sagen: Ja, was dadurch errungen werden sollte,
das war ein wirkliches Verstandnis der Aufienwelt. Denn dadurch, dafi
der Atmungsprozefi verstanden wurde im dritten Kulturzeitalter, da-
durch verstand man innerlich in sich etwas, was zu gieicher Zeit ein
Aufierliches war.
Das ist es, was auf einem anderen Wege wiederum errungen werden
raufi. Denn wir leben noch - das vierte Zeitalter hort ja erst auf etwa
mit dem Jahre 1413, also iiberhaupt erst in der Mitte des 15. Jahrhun-
derts - unter den Nachwirkungen dieser Kultur, die durchaus in der
menschlichen Seelenstimmung ein Zwiefaches hat. Wir haben durch
unsere Hauptesorganisation eine unvollstandige Naturanschauung, das,
was wir die Aufienwelt nennen, und wir haben durch unsere Innen-
organisation, durch die Organisation des ubrigen Menschen, ein unvoll-
standiges Wissen von uns selbst. (Es werden zwei voneinander getrennte Tafel 10
Gebilde skizziert.) Dazwischen bleibt uns dasjenige aus, fallt uns hin- rec s
weg, in dem wir zugleich einen Prozefi der Welt und einen Prozefi von
uns selbst sehen wiirden.
Nun handelt es sich darum, dafi wiederum errungen werden mufi,
aber jetzt in bewufiter Weise wiederum errungen werden mufi das-
jenige, was verlorengegangen ist. Das heifit, wir miissen wiederum zum
Erfassen von etwas kommen, was im Inneren des Menschen ist, was zu
gieicher Zeit der Aufienwelt und dem Inneren angehort, was sich wie-
derum iibergreift. (Um die beiden Gebilde wird eine Lemniskate ge-
zogen.)
Das mufi das Bestreben des fiinften nachatlantischen Zeitraums sein.
Das Bestreben des fiinften nachatlantischen Zeitraums mufi sein, wie-
derum etwas im Menscheninneren zu finden, wo sich in dem, was wir
in uns finden, zu gleicher Zeit ein aufierer Prozefi abspielt.
Sie werden sich wohl erinnern, daft ich auf dieses wichtige Faktum
bereits hingedeutet habe; dafi ich hingedeutet habe in meinem letzten
Aufsatz der «Sozialen Zukunft», wo ich scheinbar die Bedeutung dieser
Dinge fiir das soziale Leben behandelt habe, wo aber deutlich gerade
darauf hingedeutet ist, dafi etwas gefunden werden mufi, wo der
Mensch zu gleicher Zeit etwas in sich ergreift, was er erkennt als einen
Prozefi der Welt. Wir konnen als Menschen der Gegenwart dies nicht
etwa dadurch erreichen, dafi wir zuriickgreifen auf die Jogakultur; die
ist etwas Vergangenes. Denn, sehen Sie, der Atmungsprozefi selbst hat
sich verandert. Das konnen Sie natiirlich heute nicht auf der Klinik
nachweisen. Aber der Atmungsprozefi des Menschen ist seit dem dritten
nachatlantischen Kulturzeitalter ein anderer geworden. Grob gespro-
chen konnte man sagen: Im dritten nachatlantischen Kulturzeitalter
atmete der Mensch noch Seele, jetzt atmet er Luft. Nicht blofi etwa
unsere Vorstellungen sind materialistisch geworden, die Realitat selber
hat ihre Seele verloren.
Ich bitte Sie, in dem, was ich jetzt sage, nicht etwas Unerhebliches zu
Tafel 10
sehen. Denn denken Sie, was das bedeutet, dafi sich die Realitat, in der
die Menschheit lebt, selber so umgewandelt hat, dafi unsere Atemluft
etwas anderes ist, als sie etwa vor vier Jahrtausenden war. Nicht etwa
blofi das Bewufitsein der Menschheit hat sich verandert, o nein, in der
Atmosphare der Erde war Seele. Die Luf t war die Seele. Das ist sie heute
nicht mehr, beziehungsweise sie ist es in anderer Art. Die geistigen
Wesenheiten elementarer Natur, von denen ich gestern gesprochen
habe, die dringen wiederum in sie ein, die kann man atmen, wenn man
heute Jogaatmen treibt. Aber dasjenige, was in der normalen Atmung
vor drei Jahrtausenden erlangbar war, das kann nicht auf kiinstliche
Weise zuruckgebracht werden. Dafi das zuriickgebracht werden konne,
ist die grofie Illusion der Orientalen. Das, was ich jetzt sage, ist etwas,
was durchaus eine Realitat beschreibt. Jene Beseelung der Luft, die zu
dem Menschen gehort, die ist nicht mehr da. Und deshalb konnen die
Wesen, ich mochte sie die antimichaelischen Wesen nennen, von denen
ich gestern gesprochen habe, in die Luft eindringen und durch die Luft
in den Menschen, und auf diese Weise gelangen sie in die Menschheit, so
wie ich das gestern beschrieben habe. Und wir konnen sie nur vertrei-
ben, wenn wir an die Stelle des Jogamafiigen das Richtige setzen von
heute. Wir miissen uns klarwerden dariiber, dafi dieses Richtige an-
gestrebt werden mufi. Dieses Richtige kann nur angestrebt werden,
wenn wir uns einer viel feineren Beziehung des Menschen zur Aufien-
welt bewufit werden, so dafi mit Bezug auf unseren Atherleib etwas
stattfindet, das immer mehr und mehr in unser Bewufitsein herein-
kommen mufi, ahnlich wie der Atmungsprozefi. Wie wir beim Atmungs-
prozefi frische Sauerstoffluft einatmen und unbrauchbare Kohlenstoff-
luft ausatmen, so ist ein ahnlicher Prozefi vorhanden in alien unseren
Sinneswahrnehmungen. Denken Sie einmal, Sie sehen etwas. Nehmen
wir einen radikalen Fall. Nehmen wir an, Sie sehen eine Flamme an,
Sie schauen auf eine Flamme hin. Da geschieht etwas, was sich ver-
gleichen lafit, nur viel feiner ist es, mit dem Einatmen. Machen Sie dann
das Auge zu - und Sie konnen ahnliche Dinge mit jedem der Sinne
machen -, machen Sie dann das Auge zu, so haben Sie das Nachbild der
Flamme, das sich sogar nach und nach verandert, wie Goethe sagt, ab-
klingt. An diesem Prozefi des Aufnehmens des Lichteindruckes und des
nachherigen Abklingens ist im wesentlichen aufter dem, was rein phy-
siologisch ist, der menschliche Atherleib sehr beteiligt. Aber in diesem
Prozefi steckt etwas sehr, sehr Bedeutsames. Da drinnen ist nunmehr
das Seelische, das vor drei Jahrtausenden mit der Luft ein- und aus-
geatmet worden ist. Und wir miissen lernen, in einer ahnlichen Weise
den Sinnesprozeft in seiner Durchseelung einzusehen, wie man vor drei
Jahrtausenden den Atmungsprozeft eingesehen hat.
Das hangt zusammen damit, daft man sagen kann, der Mensch lebte
vor drei Jahrtausenden in einer Art Nachtkultur. Jahve gab sich durch
seine Propheten kund aus den Traumen der Nacht heraus. Wir aber
miissen die Feinheiten unseres Verkehres mit der Welt ausbilden so, daft
wir in unserem Aufnehmen der Welt nicht bloft sinnliche Wahrnehmun-
gen haben, sondern Geistiges haben. Wir miissen uns gewifi werden, daft
wir mit jedem Lichtstrahl, mit jedemTon, mit jeder Warmeempfmdung
und deren Abklingen in seelischen Wechselverkehr mit der Welt treten,
und dieser seelische Wechselverkehr mufi fur uns etwas Bedeutsames
werden. Aber wir konnen uns auch unterstiitzen, so daft es so mit uns
werde.
Ich habe Ihnen ja dargestellt, daft das Mysterium von Golgatha her-
eingefallen ist in den vierten nachatlantischen Zeitraum, der etwa,
Tafel 10 wenn wir genau rechnen wollen, beginnt mit dem Jahre 747 vor Chri-
stus, und schlieftt mit dem Jahre 1413 nach Christus. In das erste Drittel
dieses Zeitraumes fallt das Mysterium von Golgatha. Dasjenige aber,
wodurch die Menschen zunachst dieses Mysterium von Golgatha be-
griffen haben, das waren noch die Nachklange der alten Denkweise,
der alten Kultur. Die Art des Begreifens des Mysteriums von Golgatha,
die muft eine durchaus neue werden. Denn die alte Art, das Mysterium
von Golgatha zu begreifen, ist abgebraucht. Sie ist nicht mehr gewach-
sen dem Mysterium von Golgatha. Und viele Versuche, die gemacht
worden sind, das menschliche Denken f ahig zu machen, das Mysterium
von Golgatha zu begreifen, haben sich als nicht mehr geeignet erwiesen,
heraufzureichen zu dem Mysterium von Golgatha.
Sehen Sie, alle die Dinge, die aufterlich materiell auftreten, sie haben
auch ihre geistig-seelische Seite. Und alle die Dinge, die geistig-seelisch
auftreten, sie haben auch ihre aufterlich materielle Seite. Daft die Luft
der Erde entseelt worden ist, so daft der Mensch nicht mehr die ur-
spriinglich beseelte Luft atmet, das hatte eine bedeutsame geistige Wir-
kung in der Entwickelung der Menschheit. Denn der Mensch hatte,
indem er hereinbekam mit der Atmung die Seele, mit der er selber ur-
spriinglich verwandt war, wie es am Beginne des Alten Testamentes
stent: Und der Gott blies dem Menschen den Odem ein als lebendige
Seele -, er hatte durch dieses Einatmen des Seelischen eine Moglichkeit:
er bekam ein Bewufitsein von der Praexistenz des Seelischen, von dem
Bestehen der Seele, bevor sie heruntergestiegen ist in den physischen
Leib durch die Geburt oder durch die Empfangnis. Und in demselben
Mafie, in dem der Atmungsprozeft aufhorte beseelt zu sein, verlor der
Mensch das Bewufitsein der Praexistenz des Seelischen. Und schon
sogar als Aristoteles auftrat in diesem vierten nachatlantischen Zeit-
raum, da war keine Moglichkeit mehr vorhanden, mit menschlicher
Fassungskraft die seelische Praexistenz zu durchschauen, Keine Mog-
lichkeit war dafiir mehr vorhanden.
Wir stehen eben historisch vor dem merkwurdigen Faktum, daft das
grofite Ereignis hereinbricht in die Erdenentwickelung, das Christus-
Ereignis, daft aber die Menschheit erst heranreifen mufi, um es zu ver-
stehen. Sie ist noch fahig, mit den alten Resten des Fassungsvermogens,
das aus der Urkultur herriihrt, aufzufangen die Strahlen des Myste-
riums von Golgatha. Dann aber verliert sich diese Fassungskraft, und
die Dogmatik entfernt sich immer mehr und mehr vom Verstandnis des
Mysteriums von Golgatha. Die Kirche verbietet an die Praexistenz zu
glauben nicht deshalb, weil die Praexistenz nicht mit dem Mysterium
von Golgatha vereinbar ware, sondern weil die menschliche Fassungs-
kraft durch die Entseelung der Luft aufhorte, das Bewufksein in die
Seele als Kraft hereinzubekommen, das Bewufitsein von der Praexistenz.
Aus all dem, was Kopfbewufitsein wurde, verschwindet die Praexistenz.
Wenn wir das Beseeltsein unserer Sinnesempfindungen wieder haben Tafel 10
links
werden, dann werden wir wiederum einen Kreuzungspunkt haben, und in s
in diesem Punkt werden wir den menschlichen Willen, der heraufstromt
aus der dritten Bewufitseinsschichte, wie ich es Ihnen in diesen Tagen
charakterisiert habe, erfassen. Da werden wir zu gleicher Zeit etwas
Subjektiv-Objektives haben, wonach Goethe so lechzte. Da werden wir
wiederum die Moglichkeit haben, in feiner Art zuerst zu erfassen, wie
merkwiirdig eigentlich dieser Sinnesprozefi des Menschen im Verhaltnis
zur Aufienwelt ist. Das sind ja alles grobe Vorstellungen, als wenn die
Aufienwelt auf uns blofi wirkte und wir dann blofi reagierten darauf .
All das Zeug, das da geredet wird, das sind ja blofi grobklotzige Vor-
stellungen. Die Wirklichkeit ist vielmehr diese, dafi ein seelischer Pro-
zefi vor sich geht von aufien nach innen, der erfafit wird durch den tief
unterbewufiten, inneren seelischen Prozefi, so dafi die Prozesse sich
iibergreifen. Von aufien wirken die Weltgedanken in uns herein, von
innen wirkt der Menschheitswille hinaus. Und es durchkreuzen sich
Menschheitswillen und Weltengedanken in diesem Kreuzungspunkte,
wie sich im Atem das Objektive mit dem Subjektiven einstmals iiber-
kreuzt hat. Wir miissen fuhlen lernen, wie durch unsere Augen unser
Wille wirkt, und wie in der Tat die Aktivitat der Sinne leise sich hinein-
mischt in die Passivitat, wodurch sich Weltengedanken mit Mensch-
heitswille kreuzen. Diesen neuen Jogawillen, den miissen wir ent-
wickeln. Damit wird uns wiederum etwas Ahnliches vermittelt, wie vor
drei Jahrtausenden den Menschen in dem Atmungsprozefi vermittelt
wurde. Unsere Auffassung mufi eine viel seelischere, eine viel geistigere
werden.
Nach solchenDingen strebte die Goethesche Weltanschauung. Goethe
wollte das reine Phanomen erkennen, was er das Urphanomen nannte,
wo er nur zusammenstellte dasjenige, was in der Aufienwelt auf den
Menschen wirkt, wo sich nicht hineinmischt der luziferische Gedanke,
der aus dem Kopf des Menschen selbst kommt. Dieser Gedanke sollte
nur zur Zusammenstellung der Phanomene dienen. Goethe strebte nicht
nach dem Naturgesetz, sondern nach dem Urphanomen. Das ist das
Bedeutsame bei ihm. Kommen wir aber zu diesem reinen Phanomen, zu
diesem Urphanomen, dann haben wir in der Aufienwelt etwas, was uns
moglich macht, auch die Entf altung unseres Willens im Anschauen der
Aufienwelt zu verspuren, und dann werden wir uns aufschwingen
wiederum zu etwas Objektiv-Subjektivem, wie es zum Beispiel die alte
hebraische Lehre noch hatte. Wir miissen lernen, nicht immer nur von
dem Gegensatz zu sprechen zwischen dem Materiellen und dem Geisti-
gen, sondern wir miissen das Ineinanderspiel des Materiellen und des
Geistigen in einer Einheit gerade im sinnlichen Auffassen erkennen.
Geradeso wie das, was vor drei Jahrtausenden die Jahve-Kultur war,
so wird fur uns dasjenige sein, was eintritt, wenn wir die Natur nicht
mehr materiell sehen, und auch nicht wie etwa Gmtav Theodor Fechner
in die Natur etwas Seelisches hineinphantasieren. Wenn wir in der
Natur das Seelische mitempfangen lernen mit der Sinnesanschauung,
dann werden wir das Christus-Verhaltnis zu der aufieren Natur haben.
Da wird das Christus-Verhaltnis zur aufieren Natur etwas sein wie eine
Art geistigen Atmungsprozesses.
Wir konnen uns dadurch unterstiitzen, dafi wir immer mehr ein-
sehen, aber jetzt einsehen durch den gesunden Menschenverstand: Ja,
Praexistenz ist etwas, was unserem Seelendasein zugrunde liegt. Und
wir miissen die rein egoistische Vorstellung von der Postexistenz, die
eine rein egoistische ist, die nur aus unserem Bediirfnis, nach dem Tode
da zu sein, entspringt, wir miissen diese egoistische Postexistenzvorstel-
lung erganzen durch das Wissen von der Praexistenz des Seelischen.
Wir miissen uns auf eine andere Art wiederum aufschwingen zu der
Anschauung der wirklichen Ewigkeit der Seele. Das ist dasjenige, was
man die Michael-Kultur nennen kann. Wenn wir durch die Welt schrei-
ten in dem Bewufitsein, mit jedem Blick, mit jedem Ton, den wir horen,
stromt Geistiges, Seelisches wenigstens in uns ein, und zu gleicher Zeit
stromen wir in die Welt Seelisches hinaus, dann, dann haben wir das
Bewufitsein errungen, das die Menschheit fur die Zukunft braucht.
Ich komme noch einmal auf das Bild zuriick. Sie sehen eine Flamme.
Sie schliefien die Augen, haben das Nachbild, das abklingt. Ist das blofi
ein subjektiver Prozefi? Der heutige Physiologe sagt so. Es ist nicht
wahr. In dem Weltenather bedeutet das einen objektiven Prozefi, wie
in der Luft die Anwesenheit der Kohlensaure, die Sie ausatmen, einen
objektiven Prozefi bedeutet. Sie pragen dem Weltenather ein das Bild,
das Sie nur wie ein abklingendes Nachbild empfinden. Das ist nicht
blofi subjektiv, das ist ein objektiver Vorgang. Hier haben Sie das Ob-
jektive. Hier haben Sie die Moglichkeit, zu erkennen, wie etwas, was
sich in Ihnen abspielt, in feiner Art zu gleicher Zeit ein Weltenvorgang
ist, wenn Sie sich nur bewufit werden: Sehe ich eine Flamme an, mache
die Augen zu, lasse sie abklingen - es klingt ja auch ab, wenn Sie die
Augen offen lassen, nur bemerken Sie es dann nicht -, dann ist das
etwas, was nicht blofi in mir vorgeht, das ist etwas, was in der Welt
vorgeht. Das ist aber nicht blofi bei der Flamme so. Trete ich einem
Menschen gegenuber und sage: Dieser Mensch hat das oder jenes gesagt,
was wahr oder nicht wahr sein kann -, so ist das eine Beurteilung, eine
moralische oder eine intellektuelle Handlung im Inneren. Das klingt
ebenso ab wie die Flamme. Das ist ein objektiver Weltenvorgang. Wenn
Sie iiber Ihren Nebenmenschen Gutes denken: es klingt ab, ist im Wel-
tenather als ein objektiver Vorgang; wenn Sie Boses denken: es klingt
ab als ein objektiver Vorgang. Sie konnen nicht etwa in Ihrem Kammer-
chen abschliefien dasjenige, was Sie iiber die "Welt wahrnehmen oder
urteilen. Sie machen es zwar scheinbar fur Ihre Auffassung in sich, aber
es ist zu gleicher Zeit ein objektiver Weltenvorgang. Wie sich das dritte
Zeitalter bewufit war, dafi der Atmungsprozefi zu gleicher Zeit etwas
ist, was im Menschen vorgeht und was ein objektiver Prozefi ist, so
mufi die Menschheit sich in der Zukunft bewulk werden, dafi das See-
lische, von dem ich gesprochen habe, zu gleicher Zeit ein objektiver
Weltenvorgang ist.
Diese Wandlung des Bewufitseins, das ist etwas, was fordert, dafi
grofiere Starke in der menschlichen Seelenstimmung Platz greife, als sie
heute der Mensch gewohnt ist. Das ist das Einlassen der Michael-
Kultur: das Sich-Durchdringen mit diesem Bewufksein. Wir mussen
gewissermafien, wenn wir das Licht als den allgemeinen Reprasentan-
ten der Sinneswahrnehmung hinstellen, uns dazu aufschwingen, das
Licht beseelt zu denken, so wie es selbstverstandlich war fiir den Men-
schen des 2., des 3. vorchristlichen Jahrtausends, die Luft beseelt zu
denken, weil sie das auch war. Wir mussen uns griindlich abgewohnen,
dasjenige in dem Lichte zu sehen, was das materialistische Zeitalter
gewohnt ist, in dem Lichte zu sehen. Wir mussen uns griindlich abge-
wohnen zu glauben, daft von der Sonne ausstrahlen blofi jene Schwin-
gungen, von denen uns unsere Physik und das allgemeine Menschheits-
bewufitsein heute redet. Wir mussen uns klarwerden dariiber, dafi da
Seele durch den Weltenraum dringt auf den Schwingen des Lichtes.
Und zu gleicher Zeit mussen wir einsehen, dafi das so nicht war in der
Zeit, die unserem Zeitalter vorangegangen ist. In der Zeit, die unserem
Zeitalter vorangegangen ist, ist dasselbe an die Menschheit durch die
Luft herangekommen, was jetzt an uns herankommt durch das Licht.
Sehen Sie, das ist ein objektiver Unterschied in dem Erdenprozeft. Und
wenn wir im Grofien denken, so konnen wir sagen: Luftseelenprozefi,
Lichtseelenprozefi. (Es wird an die Tafel geschrieben:)
^ Tafel 11
Luftjee|ehpro2«/3 | Licbfieelenpro^ep
!
Und das ist etwa dasjenige, was wir in der Entwickelung der Erde
beobachten konnen. Und mitten hinein f allt, den Obergang des einen in
das andere bedeutend, das Mysterium von Golgatha. Es geniigt nicht
fiir die Gegenwart und fiir die Zukunft der Menschheit, dafi man in
Abstraktionen von dem Geistigen fabelt, dafi man in irgendeinen nebu-
losen Pantheismus oder dergleichen verfallt, sondern es handelt sich
darum, dafi man dasjenige, was die heutige Menschheit eigentlich nur
empfindet wie einen materiellen Prozefi, dafi man das anf angt auch in
seiner Beseeltheit zu erkennen.
Es handelt sich darum, dafi man anfangen lerne zu sprechen: Es gab
eine Zeit vor dem Mysterium von Golgatha, da hatte die Erde eine
Atmosphare. In dieser Atmosphare war die Seele, die zum Seelischen
des Menschen gehorte. Jetzt hat die Erde eine Atmosphare, die ist ent-
leert des Seelischen, das zum Seelischen des Menschen gehort. Dafiir ist
in das Licht, das uns vom Morgen bis zum Abend umfafit, eingezogen
dasselbe Seelische, das vorher in der Luft war. Dafi der Christus sich
mit der Erde verbunden hat, das gab die Moglichkeit dazu. So dafi Luft
und Licht auch geistig-seelisch etwas anderes geworden sind im Laufe
der Erdenentwickelung.
Es ist eine kindskopfige Darstellung, wenn man Luft und Licht in
gleicher Weise rein materiell beschreibt fiir die Jahrtausende, in denen
sich die Erdenentwickelung abgespielt hat. Luft und Licht sind inner-
lich etwas anderes geworden. Wir leben in einer anderen Atmosphare,
in einem anderen Lichtkreis, als unsere Seelen in friiheren Erdenverkor-
perungen gelebt haben. Erkennen lernen dasjenige, was aufierlich ma-
teriell ist, als Geistig-Seelisches, darauf kommt es an. Das wird nicht
eine wirkliche Geisteswissenschaft geben, wenn die Leute auf der einen
Seite das rein materielle Dasein beschreiben, so wie man es heute ge-
wohnt ist, und dann - ja, so wie eine Dekoration - nebenher sagen:
Aber in diesem Materiellen ist iiberall auch Geistiges! Ja, in dieser Be-
ziehung sind die Menschen ganz merkwiirdig, in dieser Beziehung
wollen sie heute durchaus sich auf das Abstrakte zuruckziehen. Das-
jenige aber, was notwendig ist, das ist: in der Zukunft nicht in abstrak-
ter Weise ein Materielles und ein Geistiges zu unterscheiden, sondern in
dem Materiellen selber das Geistige zu suchen, dafi man es beschreiben
konne als das Geistige zugleich, und in dem Geistigen den Ubergang ins
Materielle, die Wirkungsweise im Materiellen zu erkennen. Dann erst
werden wir auch wirklich wiederum, wenn wir das haben, eine Er-
kenntnis des Menschen selbst erringen. «Blut ist ein ganz besonderer
Saft», aber das, wovon man heute redet in der Physiologie, das ist kein
ganz besonderer Saft, das ist halt ein Saft, dessen chemische Zusammen-
setzung man versucht ebenso anzugeben wie irgendeine andere Stoff-
zusammensetzung. Das ist ja nichts Besonderes. Aber wenn man den
Ausgangspunkt erst gewinnt, die Metamorphose von Luft und Licht
seelisch richtig einsehen zu konnen, dann wird man allmahlich auf-
steigen konnen, auch den Menschen selber wiederum in alien seinen
einzelnen Gliedern geist-seelisch zu begreifen, dann wird man nicht
abstrakten Stoff und abstrakten Geist haben, sondern Geist, Seele und
Leib ineinanderwirkend. Das wird Michael-Kultur sein.
Das ist etwas, was unsere Zeit fordert. Das ist etwas, das mit alien
Fasern des seelischen Lebens von den Menschen, die heute die Zeit ver-
stehen wollen, aufgefafit werden sollte. Es ist seit langer Zeit immer
Widerstand geleistet worden gegen alles dasjenige, was als ein Un-
gewohntes in die menschliche Weltanschauung hereingetragen werden
mufite. Ich habe ja ofter das niedliche Beispiel, das an etwas Grob-
klotziges sich gewendet hat, angefiihrt: 1835 - also wir sind noch nicht
ein Jahrhundert driiber hinaus - ist das gelehrte Medizinalkollegium in
Bayern gefragt worden, als man die erste Eisenbahn von Fiirth nach
Niirnberg bauen wollte, ob es hygienisch ist, solch eine Eisenbahn zu
bauen? Da sagte das Medizinalkollegium - das Dokument ist vorhan-
den, es ist kein Marchen — , man solle keine Eisenbahn bauen, denn die
Leute wiirden nervos werden, die in dieser "Weise sich iiber den Erd-
boden bewegen wiirden. - Aber dann setzte man noch hinzu: Wenn es
schon solche Menschen geben wiirde, die durchaus wollten Eisenbahnen
fordern, dann miisse man links und rechts hohe Bretterwande auf-
fuhren, damit diejenigen, an denen die Eisenbahnen vorbeifahren, nicht
Gehirnerschutterung kriegen. - Ja, sehen Sie: Eines ist ein solchesUrteil,
das man fallt, ein anderes ist der Entwickelungsgang der Menschheit.
Wir lacheln heute iiber ein solches Dokument, wie es das bayerische
Medizinalkollegium 1 835 geliefert hat. Aber nun, nicht wahr, so ohne
wei teres haben wir kein Recht zu lachen: trifft uns heute etwas ahn-
liches, verhalten wir uns wieder geradeso. Denn so absolut unrecht
konnen wir auch nicht wiederum dem bayerischen Medizinalkollegium
geben. Wenn man den Nervenzustand der gegenwartigen Menschheit
vergleicht mit dem Nervenzustande derjenigen Menschheit, die vor
zwei Jahrhunderten da war, so sind die Leute nervos geworden. Viel-
leicht hat das Medizinalkollegium blofi etwas iibertrieben, aber nervos
geworden sind die Leute. Nur handelt es sich bei der Fortentwickelung
der Menschheit nicht um solche Dinge, sondern darum, dafi gewisse
Impulse, die herein wollen, wirklich hereinkommen in die Erden-
entwickelung, dafi sie nicht zuriickgewiesen werden. Und es ist schon
etwas gegen die Bequemlichkeit der Menschen, was da herein will von
Zeit zu Zeit in die menschliche Kulturentwickelung, und man mufi
ablesen dasjenige, was Pflicht ist in bezug auf die menschliche Kultur-
entwickelung aus der Objektivitat, nicht aus der menschlichen Bequem-
lichkeit heraus, nicht einmal aus der besseren menschlichen Bequemlich-
keit heraus. Und ich schliefie heute aus dem Grunde mit diesen Worten,
weil ja es ganz zweifellos ist, von alien Seiten kiindigt es sich an, dafi
ein gewisser, schon recht stark anschwellender Kampf gerade zwischen
dem anthroposophischen Erkennen und den verschiedenen Bekennt-
nissen eintreten wird. Die Bekenntnisse, die in altgewohnten Geleisen
bleiben wollen, die sich nicht aufschwingen wollen zu einer Neu-
erkenntnis des Mysteriums von Golgatha, sie werden die starke Kampf-
position, die sie bereits eingenommen haben, immer mehr verstarken,
und es ware sehr, sehr leichtsinnig, wenn wir uns nicht bewufk wiirden,
dafi dieser Kampf losgeht.
Nun, sehen Sie, ich bin durchaus gar nicht erpicht auf einen solchen
Kampf, insbesondere nicht auf den Kampf mit der katholischen Kir-
che, der, wie es scheint, von der anderen Seite jetzt in solcher Hef tigkeit
aufgedrangt wird. Derjenige, der auch die tieferen historischen Impulse
der heutigen Bekenntnisse schliefilich gut kennt, der wird sehr unwillig
das Altehrwiirdige bekampfen. Aber wenn der Kampf aufgedrangt
wird, dann ist er eben nicht zu vermeiden. Und das heutige Priestertum
ist durchaus nicht geneigt, irgendwie hereinkommen zu lassen dasjenige,
was hereinkommen mufi: das Geisteswissenschaftliche. Man kann auch
voraussehen, dafi der notwendige Kampf gegen so etwas, wie ich es
Ihnen neulich vorgelesen habe, ja eigentlich grotesk ist: dafi also gesagt
wird, man solle sich unterrichten iiber anthroposophisch orientierte
Geisteswissenschaft aus den mir gegnerischen Schriften, denn meine
eigenen Schriften seien ja durch den Papst verboten fur die Katholiken.
Das ist gar nicht lacherlich, das ist eine tiefernste Sache! Ein Kampf,
der in dieser Weise grotesk auftritt, der fahig ist, solches Urteil in die
Welt zu senden, ein solcher Kampf ist nicht leichthin zu nehmen. Und
insbesondere ist er dann nicht leichthin zu nehmen, wenn man ihn gar
nicht gern eingeht. Denn sehen Sie, nehmen wir das Beispiel der katho-
lischen Kirche. Mit der evangelischen ist es ja nicht anders, die katho-
lische ist nur machtiger, da haben wir die altehrwiirdigen Einrich-
tungen. Man braucht nur dasjenige, was den Priester umhiillt, wenn er
Messe liest, jedes einzelne Stuck des Mefigewandes, man braucht nur
jeden einzelnen Akt der Messe zu verstehen, dann hat man uraltheilige,
ehrwiirdige Einrichtungen, Einrichtungen, die sogar alter sind als das
Christentum, denn das Mefiopfer ist nur im christlichen Sinne um-
gewandelter, uralter Mysterienkultus. Darinnen steckt das heutige
Priestertum, das sich solcher Kampf mittel bedient! Wenn man also auf
der einen Seite die allertief ste Verehrung hat sowohl fiir Kultus wie fur
Symbolik desjenigen, was da ist, und auf der anderen Seite sieht, mit
welch schlechten Mitteln verteidigt wird dasjenige, was da ist, und mit
welch schlechten Mitteln angegriffen wird dasjenige, was in die Mensch-
heitsentwickelung herein will, dann sieht man erst, welcher Ernst heute
notwendig ist, um zu diesen Dingen Stellung zu nehmen. Es ist ganz
wahrhaftig etwas, was wohl studiert, was wohl durchdrungen werden
mufi. Und dasjenige, was von dieser Seite angekiindigt ist, es ist erst im
Anfange. Und es ist nicht an der Zeit, nicht richtig, dem gegenuber zu
schlafen, sondern durchaus die Augen dafur zu scharfen! Nicht wahr,
wir konnten uns lange, durch zwei Jahrzehnte hindurch, durch die ja
nahezu die anthroposophische Bewegung in Mitteleuropa getrieben
wird, das sektiererisch Schlafrige gonnen, das so schwer in unseren
eigenen Kreisen zu bekampfen war, und das noch so tief im Gemiite der
Menschen drinnensteckt, die in der anthroposophischen Bewegung
drinnenstehen. Aber die Zeit ist voruber, wo wir uns gonnen konnten,
schlafriges Sektierertum zu treiben. Das ist tief wahr, was ich ofter hier
betont habe, dafi wir notig haben, die weltgeschichtliche Bedeutung der
anthroposophischen Bewegung wirklich ins Auge zu fassen und iiber
Kleinigkeiten hinwegzusehen, aber auch die kleinen Impulse ernst und
grofi zu nehmen.
SIEBENTER VORTRAG
Dornach, 6. Dezember 1919
Sie haben in verschiedenen Betrachtungen gehort, wie zu einer wirk-
lichen Erkenntnis der Menschenwesenheit es notig ist, die Gliederung
dieser Menschenwesenheit in drei Glieder wirklich zu verfolgen. Rela-
tiv selbstandig organisiert sind innerhalb der menschlichen Wesenheit
das Haupt - grob gesprochen naturlich -, die Brustorgane und die Glied-
mafienorgane; wobei wir uns allerdings vorzustellen haben, dafi zu den
Gliedmafienorganen ein gut Teil von demjenigen gehort, was innerhalb
des Rumpfes liegt. Nun haben Sie auch entnehmen konnen aus Vor-
tragen und aus meiner Darstellung in den «Seelenratseln», wie zusam-
menhangt mit dem menschlichen Haupte das Denk- und Vorstellungs-
leben, wie zusammenhangt mit alldem, was die rhythmische Tatigkeit
beim Menschen - also wie gesagt, grob gesprochen - das Brustsystem ist,
alles dasjenige, was Fiihlsphare ist, und wie zusammenhangt dieWillens-
sphare, die aber beim Menschen das eigentliche Geistige darstellt, mit
dem Gliedma$ensystem,mit der Gliedmafienorganisation. Relativ selb-
standig sind diese drei Systeme des menschlichen Organismus. Relativ
selbstandig, nur eben zusammenwirkend, sind auch das Vorstellungs-
leben, das Gefuhlsleben und das Willensleben. Nun wissen Sie ja, daft
vom geistigen Gesichtspunkte aus am besten erfafit wird, worin sich
diese drei Systeme unterscheiden, wenn man sagt: Im gewohnlichen
Wachleben wacht der Mensch vollstandig eigentlich nur durch sein
Kopfsystem, durch all dasjenige, was, seelisch gesprochen, mit dem
Vorstellungs- und Denkleben zusammenhangt. Dagegen ist alles das-
jenige, was mit dem Gefuhlsleben, also mit dem eigentlichen rhyth-
mischen System, leiblich gesprochen, zusammenhangt, eigentlich auch
wahrend des wachen Lebens ein dieses Wachleben durchsetzendes
Traumleben. "Was in unserer Gefuhlssphare vor sich geht, wissen wir
durch unsere wachen Vorstellungen mittelbar, aber niemals unmit-
telbar durch die Gefuhle selbst. Und noch dunkler bleibt das Wil-
lensleben, das wirklich seinem eigentlichen Inhalte nach von uns
nicht anders erfafit wird als das Schlafesleben als solches. So daft
wir genauer, als das gewohnlich geschieht, aussprechen konnen, in-
wiefern dem menschlichen gewohnlichen Bewufitsein unterbewufite
Zustande zugrunde liegen: Unterbewufite Vorstellungen liegen zu-
grunde dem Gefiihlsleben, und wenn ich den Komparativ bilden
darf, noch unbewufitere Vorstellungen liegen zugrunde dem Willens-
leben.
Es ist nun sehr wichtig, dafi man sich klarmacht, dafi eigentlich in
jedem der drei menschlichen Systeme Denken, Fiihlen und Wollen ent-
halten sind. Im Kopfsystem, im Denksystem ist durchaus auch Fiihl-
leben und Willensleben vorhanden, nur sind diese viel schwacher ent-
wickelt als das Vorstellungsleben. Ebenso sind Gedanken in der Ge-
fiihlssphare vorhanden, traumhaft nur uns zum Bewufitsein kommend,
schwacher eben als in der Kopfsphare. Was aber gewohnlich nicht be-
riicksichtigt wird in unserer Zeit abstrakter Wissenschaftlichkeit, das
ist, dafi diese unterbewufiten Glieder der menschlichen Wesenheit in
demselben Mafie objektiver sind, als sie uns subjektiv weniger zum Be-
wufksein kommen. Was heilk das? Das herfit, dasjenige, was wir durch
unser Vorstellungsleben, durch unser Hauptes- oder Kopf esleben haben,
das sind Vorgange, die verhaltnismafiig in uns vorgehen. Dasjenige
aber, was wir durch unser rhythmisches System, durch unser Brust-
system erleben, was in unserer Gefuhlssphare vor sich geht, das ist kei-
neswegs blofi unser individuelles Eigentum, das ist etwas, was zu gleicher
Zeit in uns vorgeht, aber objektive Weltvorgange darstellt. Das heiftt,
wenn Sie etwas fiihlen, so ist das ja allerdings ein Erlebnis in Ihnen
selbst, aber es ist zu gleicher Zeit etwas, was in der Welt geschieht, was
in der Welt eine Bedeutung hat. Und es ist gerade aufierordentlich in-
teressant, zu verfolgen, welche Weltvorgange unserem Gefiihlsleben
zugrunde liegen. Nehmen wir an, Sie erleben irgend etwas, das Ihre
Gefiihle aufierordentlich stark in Anspruch nimmt, ein Sie freudig oder
traurig erregendes Ereignis. Sie wissen, das Gesamtleben des Menschen
lauft so ab, dafi wir einteilen konnen dieses Gesamtleben des Menschen
in ungefahr siebenjahrige Perioden. Die erste Periode geht ungefahr Tafel 12
von der Geburt bis zum Zahnwechsel, die zweite Periode geht bis zur
Geschlechtsreife, die dritte geht bis zum Beginn des einundzwanzigsten
Jahres - alles das ist approximativ -, und so geht es weiter fort. Das ist
eine Gliederung des menschlichen Lebenslaufes. (Siehe Zeichnung
S. 124: waagrechte Linie mit senkrechten Markierungen.)
Wenn wir diese Gliederung ins Auge fassen, so kommen wir zu Kno-
tenpunkten der menschlichen Entwickelung, die im Beginn des mensch-
lichen Erdenlebens ganz deutlich sich ausdriicken in dem Zahnwechsel,
in der Geschlechtsreife, die dann mehr oder weniger sich verhiillen, fiir
Tafel 12 den, der aber beobachten kann, noch sehr deutlich sind spater. (Es wer-
den die Knotenpunkte skizziert.) Denn das, was so um das einundzwan-
zigste Jahr herum mit dem Seelisch-Leiblichen des Menschen vorgeht,
das ist fiir den, der beobachten kann, ebenso deutlich wahrnehmbar,
wie etwa die Geschlechtsreife fiir die aufiere Physiologie wahrnehmbar
ist. Aber es wird gewohnlich weniger beobachtet. Nun, damit haben wir
mehr eine allgemeine Gliederung des menschlichen Lebenslaufes. Wenn
aber nun so etwas auftritt, wie ich gesagt habe, irgendein bedeutsames
Ereignis, zum Beispiel zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechts-
reife, das sehr erregend in der Gefiihlssphare wirkt (es wird die Spirale
rechts gezeichnet, rot), dann findet etwas sehr Eigentumliches statt, das - weil
heute ja nur roh beobachtet wird - in der Wirklichkeit eben gewohnlich
nicht beobachtet wird. Aber dieses Ereignis findet doch statt. Gewisser-
mafien ist der Eindruck da, der Gefiihlseindruck schwingt ab im Be-
wufitsein. Aber wenn es sich um einen Gefiihlseindruck handelt, dann
geht, ganz abgesehen von dem, was in Ihrem Bewufitsein, in Ihrem
Seelenleben iiberhaupt sich abspielt, in der objektiven Welt etwas vor.
Und wir konnen das, was in der objektiven Welt vorgeht, vergleichen
wie mit einer Art von Schwingungserregung: es breitet sich aus in der
Welt. Und das Merkwiirdige ist, dafi es sich nicht endlos ausbreitet,
sondern wenn es sich genug ausgebreitet hat, wenn gewissermafien seine
Elastizitat an einem Ende angekommen ist, dann schwingt es wieder
links zuriick (linker Halbbogen), und es erscheint im nachsten siebenjahrigen
Zeitraum so, dafi es wieder zuruckkommt und in irgendeiner Weise ein
von aufien in Ihr Seelenleben eindringender Impuls ist. Ich will nicht
sagen — weil das doch zusammenhangt mit der individuellen Lebens-
gestaltung -, dafi ungef ahr nach sieben Jahren immer solch ein Ereignis
zuruckkommt, das ware nicht richtig. Aber es fallt in den nachsten
siebenjahrigen Zeitraum hinein, wird nur vom Menschen nicht beachtet.
Wir gehen fortwahrend mit unserem Seelenleben durch solche Dinge
durch, die in unser Gefiihlsleben hereinschlagen und die die Ruckwir-
kung der Welt auf dasjenige sind, was wir in der vorhergehenden sieben-
jahrigen Periode in der Gefuhlssphare irgendwie erlebt haben. Also ein
solches Ereignis, das uns irgendwie gefuhlsmafiig erregt, das tont wie-
derum im nachsten Lebensabschnitte in unser Seelenleben herein. Die
Menschen beachten solche Dinge gewohnlich nicht. Wer sich ein wenig
Miihe gibt, kann solche Dinge schon aufierlich beobachten.
Wer hatte es denn noch nicht erlebt, dafi bei irgendeinem Menschen,
den man gut kennt, plotzlich vielleicht eine Mifistimmung auf tritt, man
weift gar nicht, woher es kommt. Der Mensch verandert sich aus hei-
terem Himmel heraus, wie man oftmals sagt. Wenn man den Dingen
nachgeht und wirklich ein Auge, ein Seelenauge haben kann fur das
besondere Verhalten eines Menschen, wenn man namentlich fiihlen
kann, was ein solcher Mensch zwischen den Worten sagt, oder was er in
den Worten sagt, dann wird man zuriickgehen konnen auf irgendein
solches - wie ich es charakterisiert habe - friiheres gefiihlsmafiiges, ihn
erregendes Ereignis. Und in der ganzen Zwischenzeit ist eigentlich etwas
in der Welt vorgegangen, was nicht vorgegangen ware, wenn der
Mensch nicht jene Gefiihlserregung gehabt hatte. Aber das Ganze ist
ein Vorgang, der aufier dem, dafi ihn der Mensch erlebt, sich auch noch
objektiv aufier dem Menschen abspielt. Sie sehen, wie viele Gelegen-
heiten da sind, dafi sich diese Dinge aufierhalb des Menschen abspielen,
die durch den Menschen da sind, und die einfach objektive Weltvor-
gange sind.
In diese objektiven Weltvorgange hinein mischt sich dasjenige, was
unter den Elementarwesen geschieht, auch solchen Elementarwesen, wie
ich sie neulich charakterisiert habe, aufierhalb des Menschen. Ich habe
sie ja in einer anderenBeziehung zusammengebracht mit dem Atmungs-,
mit dem rhythmischen System. Hier sehen Sie sie auf dem Umwege
durch die Gefuhlserregungen mit dem rhythmischen System zusammen-
wirkend. Diese Dinge notigen uns, wenn wir sie richtig verstehen, zu
sagen: Der Mensch erzeugt fortwahrend etwas um sich herum wie eine
recht grofie Aura. Aber in das, was er da an Wellen aufwirft, in das
mischen sich hinein Elementarwesen, welche, je nachdem der Mensch
ist, das, was da zuruckkommt, beeinflussen konnen. Denken Sie also,
die Sache ist so: Sie haben eine Erregung; die strahlen Sie aus. Wenn sie
Ihnen zuruckkommt, ist sie nicht unbeeinflufit, sondern in der Zwi-
schenzeit machen sich Elementarwesen mit dieser Erregung zu tun. Und
wenn sie dann zuriickwirkt auf den Menschen, dann bekommen Sie mit
dem, was diese Elementarwesen angef angen haben mit dem, was aufier
Ihnen ist, die Wirkung der Elementarwesen zuriick. (Der rechte Halb-
bogen wurde gezeichnet. Die Zeichnung ist nun vollstandig.)
Tafel 12
Durch das, was der Mensch da als eine geistige Atmosphare verbrei-
tet, kommt er in Wechselwirkung mit Elementarwesen. Alles dasjenige,
was sich fur den Menschen schicksalsmafiig abspielt innerhalb des
Lebenslaufes, hangt mit diesen Dingen zusammen. Wir haben ja auch
innerhalb unseres Lebenslaufes eine Art Erfullung unseres Schicksals.
Nicht wahr, wenn wir heute irgend etwas erleben, so hat das eine Be-
deutung fur spater. Das ist aber der Weg, wodurch uns tatsachlich unser
Schicksal gezimmert wird. Und an dem Zimmern unseres Schicksals
wirken solche Elementarwesen mit, die sich zu uns hingezogen fuhlen
durch unsere eigene Natur. Da fuhlen sie sich angezogen, da wirken sie
mit auf uns ein.
Sie sehen da hinein in eine Wechselwirkung zwischen dem Menschen
und seiner Umgebung, und Sie sehen gewissermafien das Spielen von
geistigen Kraften in der Umgebung. Wenn man dieses Spiel verfolgt,
dann klart sich vieles auf, was fur den Menschen schicksalsmafiig wird.
Die Einsicht in diese Verhaltnisse, die ist unserer «aufgeklarten» Zeit
- aufgeklarten mufi man namlich immer in Gansefiifichen schreiben -
sehr fernliegend, und es ragen, ich mochte sagen, nur die Traditionen
friiherer Zeiten, in denen der Mensch durch elementarere Bewufitseins-
stufen mehr mit der Wirklichkeit zusammenhing als heute, in unsere
Zeit herein. Diese Traditionen, die finden Sie sehr schon ausgedriickt
in denjenigen Dichtungen der Vorzeit, in denen Schicksalsmafiiges fiir
den Menschen gekniipft wird an das Eingreifen von elementaren We-
senheiten. Und wirklich eines der schonsten Gedichte, die uns erhalten
sind, und die da handeln von solchem schicksalsmafiigen Eingreifen
von Elementarwesenheiten in unserer Umgebung, ist dasjenige, das Sie
jetzt in eurythmischer Darstellung oftmals bekommen. Sie sehen da,
wie schicksalsmaftig eingreifen dieElementarwesen aus Erlkonigs Reich.
Sie wissen ja, das Gedicht heifit:
Erlkonigs Tochter
Herr Oluf reitet so spat und weit
Zu bieten auf seine Hochzeitsleut.
Da tanzen die Elfen auf grunem Land,
Erlkonigs Tochter reicht ihm die Hand.
«Willkommen Herr Oluf, was eilst von hier?
Tritt her in den Reihen und tanz mit mir!»
«Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Friihmorgen ist mein Hochzeitstag.»
«H6r an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Zwei giildne Sporen schenk ich dir.
Ein Hemdlein von Seide, so weifi und fein,
Meine Mutter bleicht's mit Mondenschein.»
«Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,
Friihmorgen ist mein Hochzeitstag.»
«H6r an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,
Einen Haufen Goldes schenk ich dir.»
«Einen Haufen Goldes nahm ich wohl,
Doch tanzen ich nicht darf und soll!»
«Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir,
Soli Seuch und Krankheit folgen dir!»
Da haben Sie das Hineinweben der elementarischen Welt in das Schick-
salsmafiige des Menschen, insofern dieses dann ubergreift in die auf-
falligste Schicksalserscheinung: Krankheit und Tod.
Sie tat einen Schlag ihm auf sein Herz.
Ich bitte Sie, solche Dinge zu beachten. Diese Dinge, die sind nicht so in
alten Dichtungen - von Herder ist ja das nur aus der Volksdichtung
auf genommen — , wie sie in neueren Dichtungen stehen. Unseren Kultur-
dichtungen gegeniiber darf man wohl sagen, dafi ungefahr neunund-
neunzig Prozent derselben zu viel sind. Die Dichtungen, die wirklich
hervordringen aus dem alten Wissen, die sind immer so, dafi sie dem
Tatsachlichen, dem Wirklichen entsprechen. Niemals wiirde hier stehen:
sie tat einen Schlag ihm auf den Kopf, oder auf den Mund, oder auf die
Nase, sondern:
Sie tat einen Schlag ihm auf sein Herz,
Noch nimmer fuhlt er solchen Schmerz.
Mit einemRhythmusorgan mufi das zusammenhangen, deshalb das Herz.
Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd.
«Reit heim zu deinem Fraulein wert.»
Und als er kam vor Hauses Tur
Seine Mutter zitternd stand dafiir.
«H6r an, mein Sohn, sag an mir gleich,
Wie ist dein' Farbe blafi und bleich?»
«Und sollt sie nicht sein blafi und bleich,
Ich war in Erlenkonigs Reich. »
«H6r an, mein Sohn, so lieb und traut,
Was soli ich sagen deiner Braut?»
«Sag ihr, ich sei im Wald zur Stund
Zu proben da mein Pferd und Hund.» —
Friihmorgens, als der Tag kaum war,
Da kam die Braut mit der Hochzeitsschar.
Sie schenkten Met, sie schenkten Wein.
«Wo ist Herr Oluf, der Brautigam mein!»
«Herr Oluf, er ritt in Wald zur Stund
Er probt allda sein Pferd und Hund.»
Die Braut hub auf den Scharlach rot -
Da lag Herr Oluf, und er war tot.
Das, worauf ich Sie aufmerksam machen will, ist eben die dichterisch
durchaus sachgemafie Wiedergabe dessen, was sich um den Menschen
herum in einer solchen Schicksalsstunde abspielt, und was eigentlich
immer um den Menschen herum sich abspielt, besonders stark aber her-
vortritt in jenen Zusammenhangen, die man wahrnehmen kann bei der
periodischen Wiederkehr die Gefiihlssphare erregender Erlebnisse.
Denn die kehren immer so wieder, dafi sie in unser Schicksal eingreif en,
aber nicht ganz unverandert, sondern nachdem sie hindurchgegangen
sind durch dasjenige, was solche Elementarwesen mit ihnen angefangen
haben. Genauso wie wir in der aufieren physischen Luft leben, wie wir
unter den Ergebnissen des mineralischen, pflanzlichen, tierischen Rei-
ches leben, genauso leben wir mit unseren zunachst unterbewufken
Menschheitsteilen, mit unserem rhythmischen System in der geistigen
Sphare der Elementarwesen. Und da wird so viel von unserem Schick-
sal gezimmert, als gezimmert werden kann eben im Lebenslaufe zwi-
schen Geburt und Tod.
Nur dadurch, dafi wir mit dem Haupte voll wach sind, ragen wir
heraus aus diesem Wechselspiel mit den Elementarwesen. Nicht ein-
gegliedert in das Reich der Elementarwesen sind wir nur durch unser
waches Hauptleben. Da ragen wir gewissermafien iiber die Oberflache
des elementarischen Meeres, in dem wir als Menschen fortwahrend
schwimmen, heraus.
Sie sehen hier die Wiederkehr der Ereignisse, die schicksalsmafiige
Wiederkehr der Ereignisse schon innerhalb des gewohnlichen Lebens
durch dasjenige, was sich fiir unser rhythmisches System abspielt und
fur unser Gliedmafiensystem. Das geht auch Wechselwirkungen mit
der Umgebung ein, aber kompliziertere, viel, viel kompliziertere, und
auch die schwingen wieder zuriick, nur haben sie eine weitere Schwin-
gungsausbauchung. Sie kommen erst wiederum im nachsten Erden-
leben oder in einem der nachsten Erdenleben zuriick. So dafi wir sagen
konnen, es braucht dasjenige, was wir unser Schicksal, unser Karma
nennen, fiir uns gar nicht so sehr etwas Ratselhaftes zu sein, wenn wir
anschauen, wie es nur ist die Vergrofierung desjenigen, was wir inner-
halb des Menschenlebens selbst studieren konnen in der Wiederkehr
solcher Ereignisse. Sie kommen namlich nicht unverandert zuriick,
diese Ereignisse, sie kommen ganz stark verandert zuriick.
Ich mache Sie auf eines aufmerksam. Ich habe in padagogischen Vor-
tragen, wo ich sie auch gehalten habe, immer darauf aufmerksam ge-
macht, dafi wahrend der Volksschulzeit ein wichtiger Knotenpunkt des
Lebens so urn das neunte Lebensjahr herum da ist. Man sollte im Volks-
schulunterrichte diesen wichtigen Knotenpunkt des Menschenlebens
sehr, sehr wohl beachten. Bis dahin sollte man zum Beispiel nicht an-
ders die Naturkunde mit dem Menschen betreiben, als dadurch, dafi
man die Beschreibung der Naturvorgange - fabelhaft, legendenhaft
und dergleichen - ankniipft an das menschliche moralische Leben.
Dann erst sollte man beginnen, weil erst jetzt der Mensch reif wird
dazu, mit eigentlicher einfacher, elementarer Naturbeschreibung. Was
man Lehrplan nennen kann, ergibt sich namlich ganz aus einer wirk-
lichen Beobachtung der menschlichen Wesenheit bis ins einzelne. Ich
habe ja darauf schon aufmerksam gemacht in dem Aufsatz, den Sie iiber
«Die padagogische Grundlage der Waldorfschule» haben. Auch da
habe ich auf diesen Zeitpunkt im ungef ahr neunten Jahre hingewiesen.
Dieser Zeitpunkt, man kann ihn so charakterisieren, dafi man sagt: Das
Ich-Bewufitsein bekommt eine neue Gestalt. Der Mensch wird fahig,
die aufiere Natur mehr objektiv zu betrachten. Friiher verbindet er
alles, was er in der aufieren Natur sieht, mit seinem eigenen Wesen.
Nun entwickelt sich das Ich-Bewufitsein aber schon in dem ersten sie-
benjahrigen Lebensabschnitt, mit zwei, zweieinhalb Jahren und so wei-
ter. Aber im zweiten Lebensabschnitte, da kommt es ungefahr um das
neunte Lebensjahr zurtick. Das ist sozusagen eine der auffalligsten
Riickkehrungen, dieses Zuruckkehren des Ich-Bewufitseins um das
neunte Lebensjahr herum. Das Ich-Bewufitsein kommt da in geistigerer
Form zuriick, wahrend es mehr seelisch so im zweiten oder dritten
Lebensjahr ist. Das ist nur eines der Ereignisse, die in ganz auffalliger
Weise zuriickkommen. Man kann das aber auch fur unbedeutendere
Ereignisse im Menschenleben durchaus erschauen.
Diese Intimitaten des Menschenlebens, die werden fur die Zukunft
der menschlichen Entwickelung dringend, ganz dringend notwendig
sein. Die Einsicht in solche Dinge wird allmahlich allgemeine Bildung
werden miissen. Diese allgemeine Menschenbildung andert sich ja von
Zeitraum zu Zeitraum. Heutzutage, nicht wahr, sind wir schon un-
gliicklich, wenn unsere Kinder zehn Jahre alt geworden sind und ge-
wisse Dinge noch nicht rechnen konnen. Die Romer waren es noch gar
nicht; aber sie waren ungliicklich, wenn ein solcher Junge die Zwolf-
tafelgesetze noch nicht gekannt hat, wahrend wir wieder weniger Sorg-
falt darauf verwenden, dafi unsere Kinder die Gesetzesbestimmungen
kennen. Es ware auch mit unserer Seelenverfassung schlimm bestellt,
wenn es noch geschahe. Aber dasjenige, wovon man glaubt, dafi es all-
gemeines Bewufitsein sein mufi, das andert sich, und wir stehen jetzt am
Ausgangspunkte einer Zeit, wo aus der Entwickelung der Erde, der
Menschheit heraus solche Intimitaten des Seelenlebens zum allgemeinen
Bewufitsein kommen miissen. Der Mensch muB dahin kommen, sich
genauer kennenzulernen, als man das bis jetzt fur notig gehalten hat.
Sonst wiirden diese Dinge in der ungunstigsten Weise auf die Verfas-
sung des ganzen Menschenlebens zuriickwirken.
DafS wir nicht wissen, wo irgend etwas, das uns erregt, seinen Ur-
sprung hat, das hat ja nicht zur Folge, daiK es in unserem Seelenleben
nicht vor sich geht. Die Dinge kommen zuruck, sie iiben ihren Einfluft
auf unser Seelenleben aus. Wir konnen sie uns nicht erklaren, wir
nehmen sie gar nicht einmal in unser Bewufitsein auf. Die Folge davon
ist, dafi wir allerlei Zustande kriegen. Und die Leute leiden heute sehr
unter solchen Zustanden, die man einfach hinnimmt, von denen man
natiirlich nicht weifi, dafi sie zuruckfuhren auf friihere Erlebnisse. Was
gefiihlsmaftig ist, kommt in irgendeiner Weise zuruck. Sie konnen sich
das, ich mochte sagen, gedachtnismafiig einfach durch das zusammen-
halten, was ich ofter wie eine Art Reprasentanz fiir diese Dinge sage.
Lehren wir ein Kind beten, das heiftt, Gebetsstimmung gefiihlsmafiig
entwickeln, so schwingt das auch einmal zuruck. Allerdings, es schwingt
spater zuruck, nach sehr langer Zeit, es schwingt auch zwischendurch
zuruck, aber es schwingt wieder weiter und schwingt wiederum zu-
riick. Nach sehr langer Zeit kommt das Beten dadurch zuruck, dafi wir
die Seelenstimmung des Segnens entwickeln konnen. Deshalb sage ich
so haufig: Kein bejahrter Mensch wird segnen konnen wirksam durch
die Imponderabilien, der nicht in seiner Kindheit beten gelernt hat.
Das Beten wandelt sich um ins Segnen. Das sind die Ruckkehrungen
des Lebens.
Diese Dinge wird man nach und nach verstehen mtissen. Dafi diese
Dinge heute noch nicht verstanden werden, das ist der Grund, warum
auch nicht die grofie Bedeutung des Mysteriums von Golgatha von den
Menschen durchschaut werden kann. Was hat es denn schliefilich fiir
die Menschen, die so ganz in der heutigen Bildung befangen sind, fiir
eine Bedeutung, wenn man ihnen sagt: nachdem der Christus durch das
Mysterium von Golgatha gegangen ist, verband er sich mit dem Leben
der Erdenmenschheit? Die Menschen wollen sich ja gar keine Vorstel-
lung davon machen, wie sie selbst in Wechselbeziehung stehen zu dem,
worinnen der Christus ist. Fiir unsere Kopfvorstellung ist nicht viel
bemerklich von dem Einflufi des Christus-Impulses. Sobald wir aber
hinunterschauen ins Unbewuftte, in die Fuhlsphare und Willenssphare,
dann leben wir erstens in der Sphare der Elementarwesen, aber diese
Sphare der Elementarwesen, die wird fiir uns zu gleicher Zeit durch-
woben von dem Christus-Impuls. Wir tauchen durch unser rhyth-
misches System, physiologisch gesprochen, durch unsere Fiihlsphare, in
das Gebiet hinunter, mit dem sich der Christus fur das Erdendasein ver-
einigt hat. Da finden wir also sozusagen den Ort, an dem der Christus
real, nicht nur durch Tradition oder durch eine subjektive Mystik,
sondern real, objektiv zu finden ist. Wir leben aber zu gleicher Zeit in
der Epoche, von welcher an die Ereignisse, die von diesem Orte kom-
men, wie ich Ihnen neulich auseinandergesetzt habe, eine grofie objek-
tive Bedeutung fur das Menschenleben haben, denn sie gewinnen all-
mahlich fiir die menschlichen Entschliisse, fiir das, was die Menschen
tun, wenn sie sich dagegen strauben, einen unbewufiten Einflufi. Wenn
die Menschen eingehen darauf, konnen sie einen bewufiten Einflufi
erleben, das heifit, wir konnen mit ihnen rechnen, wir konnen gewisser-
mafien die geistigen Welten, die zu uns gehoren, aufrufen, mit uns zu
wirken.
Auch aufierlich lafit sich erkennen, wie wir in dieser Beziehung an
einem Wendepunkt der Menschheitsentwickelung stehen. Ich brauche
ja nur auf eine Tatsache hinzuweisen, von der ich Ihnen von dem einen
oder anderen Gesichtspunkte aus schon ofter einmal gesprochen habe.
Wenn wir Geschichtsbetrachtungen nehmen, gewohnliche, heute dar-
gestellte Geschichte, so werden wir uns sagen: Diese Geschichtsbetrach-
tungen sind eigentlich noch nicht vorgedrungen zu dem Mysterium von
Golgatha. Nehmen Sie einmal nur das, was Ihnen gewohnlich vor-
gelegen hat als Weltgeschichte. Gewifi, es werden Ihnen da geschildert
die Zeiten des alten assyrischen, babylonischen Reiches, des alten Per-
serreiches, des agyptischen Reiches, Griechenlands, Roms. Dann wird
vielleicht erwahnt, dafi auch das Mysterium von Golgatha stattgefun-
den hat, dann wird aber weiter verfolgt die Geschichte iiber die Volker-
wanderungen hin und so weiter, fiir die einen bis zu Ludwig XIV. oder
bis zur Franzosischen Revolution oder Poincare, fiir die anderen bis
zum Untergang der Hohenzollern und so weiter. Aber von dem Fort-
walten des Christus-Impulses finden Sie in der gewohnlichen Fable
convenue, die man «Geschichte» nennt, nichts, gar nichts. Es ist fiir die
geschichtliche Betrachtung eigentlich so, wie wenn fiir sie der Christus-
Impuls ausgeschaltet wiirde. Es ist merkwiirdig, wie zum Beispiel ein
solcher Historiker wie Ranke, der ein glaubiger Christ war und auf den
Christus-Impuls subjektiv sehr viel gegeben hat, als Historiker das
Christus-Ereignis in die Geschichte nicht hereinbringen kann. Er kann
nichts damit anfangen. Es spielt in der geschichtlichen Darstellung das
Christus-Ereignis keine Rolle. So dafi wir sagen konnen: Eur diejenige
Geisteserkenntnis des Menschen, die sich bisher in seiner Geschichte
offenbart, ist das Christentum eigentlich noch nicht da. Und erst unsere
anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft rechnet in positiver
Weise, indem sie Geschichte darstellt, mit der Notwendigkeit des vier-
ten nachatlantischen Zeitraums, durch die hereinbrechen mufite in die
konkrete geschichtliche Entwickelung das Ereignis von Golgatha. Und
wir stellen Geschichte so dar, wie Sie wissen, dafi dieses Ereignis von
Golgatha in unserer Geschichtsdarstellung drinnensteht. Ja, wir gehen
weiter: Wir stellen nicht nur die Geschichtsentwickelung des Menschen
dar, indem wir das Ereignis von Golgatha aufnehmen, sondern wir
stellen auch die Weltentwickelung, die kosmische Entwickelung so dar,
dafi wir das Mysterium von Golgatha in der kosmischen Entwickelung
drinnen haben.
Wenn Sie meine «Geheimwissenschaft im Umrifi» auf sich wirken
lassen, so werden Sie sehen, dafi da nicht nur geredet wird von Sonnen-
finsternissen, die vergangen sind, oder Mondenfmsternissen, die ver-
gangen sind, oder irgendwelchen Explosionen oder Eruptionen im Wel-
tenall, sondern da wird als von einem kosmischen Ereignis von dem
Christus-Ereignis gesprochen. Und sonderbar: Wenn man von der Ge-
schichte zunachst nur sagen kann, dafi die Historiker, die sogenannten
Historiker keine Moglichkeit finden, das Christus-Ereignis einzureihen
in den Fortgang des historischen Werdens, da werden die offiziellen
Vertreter der Bekenntnisse geradezu wild. Wenn sie horen: hier ist
etwas wie anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die von
dem Christus-Ereignis als einem kosmischen Ereignis spricht, da be-
ginnen die Leute, die die offiziellen Vertreter der Bekenntnisse sind,
furchtbar zu schimpfen. Daraus ersehen Sie, wie wenig diese Bekennt-
nisse geneigt sind, die grofien Anforderungen unserer Zeit wirklich zu
erfiillen, das Christus-Ereignis in Zusammenhang zu bringen mit den
Weltereignissen uberhaupt. Man mufi sagen: Leute, die heute oftmals
von dem Christus sprechen, sogar Theologen, sie sprechen von diesem
Christus gar nicht anders, als sie von irgendeinem allgemeinen gott-
lichen Wesen sprechen, nicht anders, als die alten Juden oder die Juden
noch heute von ihrem Jahve oder Jehova sprechen. Und ich habe Ihnen
ja neulich gesagt: Sie konnen das Buch von Harnack «Das Wesen des
Christentums» nehmen und den Christus-Namen iiberall da, wo er ihn
braucht, ausstreichen und den allgemeinen Gottes-Namen hinsetzen,
dann andert sich der Sinn nicht, weil der Mann gar keine Ahnung hat
von dem Spezifischen des Christentums. Ja, das Buch «Das Wesen des
Christentums» von Harnack, das ist Seite fur Seite eine Schilderung des
Gegenteiles des Wesens des Christentums, denn es handelt gar nicht
vom Christentum, es handelt von einer allgemeinen Jahve-Lehre. Es ist
sehr wichtig, auf diese Dinge hinzuweisen, denn diese Dinge hangen
durchaus mit den notwendigsten Forderungen unserer Gegenwart zu-
sammen. Und dasjenige, was einstrdmen mufi in die menschliche Kul-
turentwickelung, das ist das Bewufksein der Menschen von dem Vor-
handensein nicht nur einer allgemeinen, abstrakten geistigen Welt,
sondern der konkreten geistigen Welt, in der wir drinnen leben mit
dem, was wir fuhlen und wollen und tun, und aus der wir nur heraus-
ragen durch dasjenige, was wir denken, durch unser Haupt nur heraus-
ragen. Es ist schon so, dafi in der Tat eine neue Art Weltanschauung
dadurch gerechtfertigt wird, dafi man anstrebt die wirkliche Durch-
dringung desjenigen, was wir fuhlen und wollen und tun, mit dem
Christus-Impuls.
Dafi unsere Astronomie, unsere Entwickelungslehre ganz in abstrak-
ten Formeln sich entfaltet haben in der neueren Zeit, das ist nur da-
durch moglich geworden, dafi der Christus-Impuls zunachst nicht
innerlich die Menschen ergriffen hat, sondern Tradition geblieben ist
und hochst subjektiv die Menschen ergriffen hat, aber sie nicht ergrif-
fen hat so innerlich, dafi die innerlichen Erlebnisse solche sind, die zu
gleicher Zeit objektive Weltenerlebnisse sind, das heifit, wo wir im
Wechselspiel stehen mit dem, was geistig um uns herum vorgeht.
Man sieht heute da oder dort wohl ein starkes Bewufitsein davon
aufdammern, dafi neue Impulse fur die Menschheitsentwickelung not-
wendig sind. Aber dazu konnen sich die Menschen so schwer entschlie-
fien, zu einem konkreten Geistesleben zu greifen. Wenn sie vom Geiste
sprechen, so haben sie immer doch mehr oder weniger die Sehnsucht, im
Abstrakten drinnen zu leben.
Selbst das Bewufitsein von unserer Stellung zu unseren Gedanken
muft sich in einer gewissen Weise andern. Von dem einen oder dem an-
deren Gesichtspunkte aus habe ich ja schon aufmerksam gemacht auf
das, was ich hiermit eigentlich meine, denn ich habe ja of tmals auch in
offentlichen Vortragen darauf hingedeutet, dafi das Vortragen von
anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft gerade in unserer
Gegenwart nicht unter irgendeinem Programmziel erfolgt, nicht aus
der Vorliebe, sich gerade nach dieser Richtung hin fur irgendein Ideal
zu begeistern, sondern aus der Einsicht in dasjenige, was der Mensch-
heit heute not tut. Und damit mufi wieder angekniipft werden an ge-
wisse Seelenverfassungen friiherer Zeiten, die auch vorhanden waren
in Epochen, in denen die Menschen mehr zusammenhingen mit ihrer
wirklichen geistigen Umgebung. In friiheren Zeiten war das anders.
Heute sollten wir aber das ganz besonders stark fiihlen. Ich habe es
ofters ausgefiihrt: Von aufien kann uns eigentlich heute als Mensch
nichts mehr bliihen. Wir miissen die Fortschrittsimpulse fiir die Men-
schenentwickelung von innen heraus, von unserem Zusammenhang mit
der geistigen Welt aus holen, und wir miissen eigentlich ein gutes Auge
dafur haben, wie dasjenige, was wir erleben, ohne dafi wir selber etwas
dazu tun, eigentlich immer mehr und mehr Niedergangserlebnisse wer-
den. Wir befinden uns gewissermafien schon im Abstieg der Erden-
entwickelung, und wir miissen als Menschen uns hinaufschwingen,
damit wir iiber die Erdenentwickelung hinauskommen durch unseren
Zusammenhang mit der geistigen Welt. Dadurch aber wird das, was
wir erkenntnismafiig anstreben, empfunden werden miissen als eine
Kraft, die uns moglich macht, als Gesamtheit des Menschentums so in
nachste Entwickelungsstadien hiniiberzugehen, wenn die Erde unter
uns abstirbt, wie wir in andere Entwickelungsstadien im Kleinen iiber-
gehen, wenn der Leib abstirbt, wenn wir durch die Pforte des Todes
gehen. Wir gehen als einzelner Mensch durch die Pforte des Todes, das
heifit, in die geistige Welt ein, der Leib stirbt unter uns ab. So wird es
einstmals im Gesamten derMenschheit sein. Diese Menschheit wird sich
in der Gesamtheit zum Jupiterdasein - ich nenne es Jupiterdasein -
hiniiber entwickeln. Die Erde wird Leichnam. Wir sind jetzt schon in
der Absterbe-Entwickelung. Der einzelne Mensch kriegt Runzeln, kriegt
graue Haare. Die Erde hat heute fur den Geologen, der wirklich beob-
achten kann - ich habe Ihnen erst neulich dariiber gesprochen -, deut-
liche Zeichen ihres Altwerdens. Sie stirbt unter uns ab. Dasjenige, was
wir heute geistig aufsuchen, das ist also in der Tat ein Entgegenarbeiten
gegen den Prozefi des Alterns bei der Erde. Dieses Bewufitsein, das ist
es, womit wir uns durchdringen sollen.
Von einem anderen Gesichtspunkt aus haben friihere Zeiten ihr
Mysterienwissen bezeichnet als etwas, was der Heilkraft, auch der
physischen Heilkraft verwandt ist. Dieses Bewufitsein mufi auch heute
wiederum beginnen, die Menschheit zu durchdringen. Es mufi das Stre-
ben nach derErkenntnis das Bewufitsein erzeugen: man tut damit etwas
fur dieWeiterentwickelung der ganzen Menschheit. Zu diesem Bewufit-
sein wird man natiirlich niemals kommen, wenn man das Konkrete, das
uns umspielt in der Weise, wie ich es beschrieben habe, nicht ins Auge
faik, denn da wird man dasjenige, was der Mensch fiihlt und will und
tut, eigentlich nur als seine eigene personliche Angelegenheit ansehen.
Man wird nicht wissen, dafi das etwas ist, was sich da draufien auch
abspielt. Aber es wird notwendig sein, dafi - und da mufi ich jetzt eine
Anmerkung machen, die vielleicht nicht so ganz allgemein verstandlich
sein kann - auch die, ich will sagen, exakteren Seiten des menschlichen
Wissens solchen Bestrebungen entgegenkommen. Die sind aber heute
noch gar nicht auf der Hohe, wirklich gar nicht auf der Hohe. Sie kon-
nen zum Beispiel heute noch immer die unmoglichsten Vorstellungen in
der exakten Wissenschaft finden. Ich will nur einiges erwahnen, was
vielleicht allgemein verstandlich sein kann. Sagen wir, die Leute stellen
sich gewohnlich trivial vor (es wird gezeichnet): Irgendwo ist die Tafel 12
Sonne. Von der Sonne geht Licht aus nach alien Seiten, wie von einer
anderen Lichtquelle. Und Sie konnen es iiberall verfolgen, dafi die
Leute, die mit mathematischen Vorstellungen dieser Ausbreitung des
Lichtes folgen, sagen: Na ja, das Licht breitet sich eben aus ins Unend-
liche, und dann verschwindet es irgendwie. An seiner eigenen Schwache
geht es, indem es sich ausbreitet ins Unendliche, dann verloren. - Aber
so ist es nicht. Alles, was sich so ausbreitet, gelangt an eine Grenze, und
Tafel 12
von dieser Grenze schwingt es wiederum zuriick, kommt als etwas an-
deres wiederum zu seinem Ursprung zuriick. Das Sonnenlicht geht nicht
in die Unendlichkeit, sondern schwingt in sich selbst wiederum zuriick,
nicht als Licht, jedoch als etwas anderes; aber es schwingt wiederum
zuriick.
Und so ist es im Grunde genommen mit jedem Lichte. So ist es im
Grunde genommen mit alien Wirkungen. Alle Wirkungen unterliegen
im Grunde genommen dem Gesetze der Elastizitat, die eine Elastizitats-
grenze hat. Solche Vorstellungen aber, die f inden Sie heute gang und
gabe in unserer sogenannten exakten wissenschaftlichen Darstellung,
und man rechnet heute viel zu wenig mit den Wirklichkeiten. Wenn Sie
Physiker waren, wiirde ich Sie darauf aufmerksam machen, wie die
Leute heute in der Physik rechnen mit Weg, der zuriickgelegt wird, und
mit Zeit. Und dann nennen sie die Geschwindigkeit, die man gewohn-
lich mit c oder v bezeichnet, eine Funktion von Weg und Zeit, und
stellen es als einen Quotienten dar (es wird an die Tafel geschrieben
«Weg», «Zeit» und die Formel:)
Tafel 12 ^ vS
Aber das ist durchaus falsch. Nicht die Geschwindigkeit ist ein Resul-
tat, sondern die Geschwindigkeit ist das Elementare, das irgend etwas,
sei es ein Materielles oder ein Geistiges, in sich tragt, und wir zerlegen
die Geschwindigkeit in den Weg, in Raum und in die Zeit. Wir ab-
strahieren die zwei Dinge heraus. Raum und Zeit als solche sind nichts
Reales. Geschwindigkeiten sind in der Welt etwas Reales, verschiedene
Geschwindigkeiten. Das ist eine Anmerktmg, die ich nur fur Physiker
mache, die Physiker werden mich aber verstehen, daft selbst in all den
Dingen, die heute zugrunde gelegt werden theoretisch unserem Zeit-
wissen, briichige Bedingungen waken. Oberall sind Bedingungen drin-
nen, die nur dadurch darinnen stecken, dafi wir nicht imstande sind,
das Geistige als ein Konkretes zu erf assen.
Das ist das Erfordernis der Michael-Zeit, dafi die Menschheit in die
Lage komme, das Geistige in seiner Konkretheit zu erfassen, das heifit,
mit der menschiichen Umgebung so zu rechnen, dafi man ebenso, wie
man sagt, Luft und Wasser ist in der Umgebung, die verschiedenen
elementaren und hoheren Wesenheiten in der Umgebung weifi. Das ist
es, worauf es ankommt, und das ist etwas, was Menschenbildung wieder
werden mufl, wie es in alten Zeiten auch Menschenbildung war. Man
will das nur nicht zugeben. Man will durchaus solche Umschwunge in
der Menschheitsentwickelung, wie sie stattgefunden haben zum Beispiel
in der Mitte des 15. Jahrhunderts, nicht zugeben. An Einzelheiten kann
man aber nachweisen, daft das so ist.
Irgendein, ich weift nicht, Schwede oder Norweger, hat vor kurzer
Zeit ein Buch geschrieben, worinnen er viel aus Alchimisten zitiert. Da
zitiert er besonders eine Stelle aus einem Alchimisten, worinnen alles
mogliche vorkommt, Merkur, Antimon und so weiter. Und nun sagt
jener Schriftsteller von heute, der - wie man es seinem Buche ansieht -
ein ganz exzellenter Chemiker von heute ist: er kann sich nichts vor-
stellen bei diesem chemischen Rezept, das da bei einem Alchimisten an-
gegeben ist. - Er kann sich wirklich nichts darunter vorstellen, aus
dem einfachen Grunde, weil, wenn der heutige Chemiker von Merkur
redet, von Quecksilber, so ist ihm dies das Mineral Quecksilber; wenn
der heutige Chemiker von Antimon redet, so ist ihm dies das Metall und
so weiter. Die Worte bedeuten aber in dem Buche, das er zitiert, etwas
ganz anderes, gar nicht das auftere Metall, sondern gewisse Vorgange,
die im menschiichen Organismus drinnen vorkommen. Es ist mensch-
liche Innenerkenntnis. Schreibt man sie auf in dem Sinne, wie sie pre-
sent, gegenwartig war in dem Bewufttsein des Schrif tstellers, den da der
gute Herr von heute zitiert, so kann man sie heute lesen wie die Be-
schreibung eines Laboratoriumvorganges, der mit Retorten arbeitet und
dergleichen beschreiben kann. Nur gewinnt man keinen Sinn daraus.
Man kann die Dinge nur als Unsinn ansehen. Es hat aber einen Sinn,
sobald man weifl, was in diesen alten Zeiten mit Antimon, mit Merkur
und so weiter gemeint war, und dafi da zwar sich audi ein Aspekt ergab
fur das aufiere Mineral, dafi aber vor alien Dingen mit diesen Vor-
gangen innere Vorgange der menschlichen Natur gemeint waren, fiir
die man aber andere Mittel hatte, als man sie heute hat. Daher mufi
derjenige, der die Literatur vor dem 15. Jahrhundert liest, mit ganz
anderem Sinn lesen als der, der nachher liest. An solchen Dingen konnte
man auch aufierlich das ganze Umwandeln der Seelenverf assung stu-
dieren. Nun leben wir heute eben in einer Zeit, in der man beginnen
mufi, auf solche Dinge, auf die die Menschheit durch Jahrhunderte kei-
nen Wert gelegt hat, einen starken Wert zu legen.
ACHTER VORTRAG
Dornach, 7. Dezember 1919
Was ich Ihnen in diesen Wochen zu sagen hatte, gipf elt ja in der Tat-
sache, daft wir wirklich gegeniiberstehen dera Hereinbrechen einer
geistigen Welt in unsere gegenwartige Welt, welche im wesentlichen
das Ergebnis jener Kulturentwickelung ist, die begonnen hat urn die
Mitte des 15. Jahrhunderts. Urn die Mitte des 15. Jahrhunderts wird
alles anders in der als zivilisiert bekannten Welt. Dasjenige, was sich
die Menschen vor dieser Mitte des 15. Jahrhunderts in ihr Bewufitsein
hereinbrachten, handelte mehr iiber das Innere der menschlichen Or-
ganisation. Sie konnen in alten Schriften, soweit sie heute iiberhaupt
noch zu haben sind - ich sprach davon schon gestern -, in Ausdriicken
geredet finden, die sehr ahnlich sind unseren chemischen, physikalischen
Ausdriicken und so weiter. Aber der heutige Chemiker oder Physiker
wird die Dinge wirklich nicht verstehen, die in diesen Biichern stehen,
aus dem einfachen Grunde, weil er glaubt, mit diesen Dingen seien
aufiere Prozesse geschildert. Diese aufieren Prozesse sind da nicht ge-
schildert, innere Prozesse sind geschildert, Vorgange im Inneren des
menschlichen physischen oder atherischen Leibes. Erst seit der Galilei-,
Giordano Bruno-Zeit beginnt dieMenschheit die Aufmerksamkeit mehr
auf die aufiere Welt zu lenken, und heute sind wir so weit, daft wir eine
Naturerkenntnis haben, welche aber schon alles Denken, namentlich
auch das populare Denken und Empf inden beeinfluftt hat, daft wir
eine Naturerkenntnis haben, die von vielem spricht im mineralischen,
pflanzlichen, tierischen Reiche, die aber in gar keiner Weise Aufkla-
rung geben kann iiber das Wesen des Menschen selbst, auch nicht iiber
das physisch-leibliche Wesen des Menschen. Heute mufi bereits der
Mensch aber die Frage aufwerfen: Wie verhalte ich mich selber als
Mensch zu dem, was die aufteren Naturreiche sind, zu dem, was mich
umgibt als Tier-, Pflanzen-, Mineralreich, als aufteres physisches Men-
schenreich, als das Reich von Luft und Wasser, von Feuer und Wolken,
von Sonne und Mond und Sternen? Wie verhalte ich mich als Mensch
dazu?
Nun konnen wir diese Frage nicht griindlich beantworten, wenn wir
nicht auf mancherlei von dem wiederholentlich eingehen, was wir iiber
den Menschen betrachtet haben. Nehmen wir zunachst den Menschen,
wie er als Sinnes-, Verstandeswesen vor uns stent, so konnen wir sagen:
Wir nehmen durch unsere Augen, durch unsere Ohren, durch die an-
deren Sinnesorgane, die dennoch, wenn sie fur den iibrigen Leib da sind,
Hauptesorgane, Kopfesorgane sind, die aufiere Welt wahr. Wir ver-
arbeiten dann diese aufiere Welt durch diejenigen Ideen und Begriffe,
die an unser Gehirn als Werkzeug gebunden sind. Wir behalten - denn
das ist zu unserer inneren Integritat als Mensch notwendig - von dem,
was wir so erlebt haben durch unsere Sinne, was wir durchdacht haben
durch unsere sogenannte verstandige Intelligenz, unsere Erinnerungs-
vorstellung zuriick. Und es ist schliefilich das, was wir zunachst auf-
nehmend aus der Aufienwelt haben, was durch unsere Sinne von der
Aufienwelt in uns geschieht, was wir durch unsere Intelligenz aus die-
sem aulKerlich Aufgenommenen machen, dasjenige, was wir als Erinne-
rungsvorstellung zuriickbehalten. Was sind wir denn eigentlich mit
Bezug auf das, dafi wir als Menschen, so wie ich es jetzt geschildert
habe, der Welt gegeniibertreten?
Gehen Sie von einem einfachen Phanomen der Sinnesempfanglich-
keit aus. Ich habe schon einmal auf dies Phanomen in den letzten Tagen
hingewiesen. Gehen Sie aus davon, dafi Sie mit Ihren Augen eine Flamme
sehen. Sie machen das Auge zu: Sie haben ein Nachbild dieser Flamme.
Dieses Nachbild der Flamme, das Sie in Ihrem Auge mittragen, ver-
schwindet nach und nach. Goethe, der sich immer anschaulich iiber
diese Dinge ausspricht, sagt: Es tont das Nachbild ab. — Es stellt sich
die urspriingliche Konstitution des Auges und des damit verbundenen
Nervenapparates wiederum her, nachdem diese verandert worden sind
durch den Lichteindruck, der auf das Auge gemacht worden ist. Das,
was da in Ihrem Sinnesorgan sich abspielt, das ist nur der einfachere
Vorgang fiir dasjenige, was sich mit Ihrem Gedachtnis, mit Ihrer Er-
innerung abspielt, wenn Sie aufiere Eindriicke im allgemeinen empf an-
gen, sie iiberdenken und sie Ihnen bleiben als Erinnerungsvorstellungen.
Der Unterschied ist nur der, wenn Sie mit Ihrem Auge einen Eindruck
aufnehmen, ich will sagen also eine Flamme, dann die Vorstellung der
Flamme haben, und das wiederum abklingt, so dauert das nur kurz.
Wenn Sie mit dem ganzen Menschen etwas aufnehmen, es uberdenken,
sich spater immer wieder erinnern konnen, wenn dieses grofie Nachbild
der Erinnerung kommt, so dauert das lange, dauert unter Umstanden
fur diese Erlebnisse Ihr ganzes Leben hindurch. Worauf beruht das?
Ja, wenn Sie das einf ache Abbild, das Sie im Auge haben, das vielleicht
nur ein paar Minuten oder vielleicht nur Teile von einer Minute nach-
klingt, wiederum zum Versinken bringen, so ist es nur deshalb, weil das
nicht durch Ihren ganzen Organismus weiter durchgeht, sondern in
einem Teil, in einer Partie Ihres Organismus bleibt. Dasjenige, was Er-
innerungsvorstellung wird, das geht zunachst durch einen grofien Teil
- ich werde ihn gleich naher bezeichnen - Ihrer Gesamtorganisation,
stofit von da aus in den Atherleib hinein, durch den Atherleib in den
umliegenden Weltenather. Und in dem Augenblicke, wo nicht nur ein
Bild als Sinnesbild im einzelnen Organ hangen bleibt, sondern durch
einen grofien Teil des Gesamtmenschen geht, sich in den Atherleib hin-
einschiebt, nach aufien geht, nach aufien stofit, da kann es fur das ganze
Leben als Nachbild bleiben. Es handelt sich nur darum, dafi der Ein-
druck tief genug ist, und dafi er den Atherleib ergreift, und der Ather-
leib ihn nicht behalt, sondern ihn an den aufieren Ather der Welt iiber-
tragt, ihn dort einschreibt, ihn dort einzeichnet. Glauben Sie nicht, dafi
wenn Sie sich an Sachen erinnern, dies blofi ein Vorgang Ihres Inneren
ist. Sie konnen zwar nicht, wenn Sie ein Erlebnis haben, dieses immer,
obzwar es heute schon viele Menschen mit sehr vielen Erlebnissen tun,
in Ihr Notizbuch einschreiben und dann wieder herausnehmen, es wie-
der ablesen. Aber das, woran Sie sich erinnern, schreiben Sie in den
Weltenather ein, und der Weltenather ruft es in Ihnen, wenn Sie sich
erinnern sollen, wiederum als einen Siegelabdruck hervor. Das Erinnern
ist keine blofie personliche Angelegenheit, das Erinnern ist ein Aus-
einandersetzen mit dem Weltenall. Sie konnen nicht allein sein, wenn
Sie sich als innerlich sich haltender Mensch an Ihre Erlebnisse erinnern
wollen. Sich nicht erinnern an Erlebnisse, das zerstort die Wesenheit
des Menschen.
Bedenken Sie nur einmal, was es heifit, ich habe das Beispiel ofter
angefuhrt: ein Mann, den ich sehr gut kannte, der eine bedeutsame Stel-
lung einnahm, der bekam plotzlich einmal den Drang, zur Eisenbahn
zu gehen, ohne Grund, und sich dort ein Billett zu kaufen, um in ihm
unbekannte Fernen, in denen er gar nichts zu tun hatte, zu fahren. Das
alles tat er in einem ganz anderen Bewufitseinszustande. Aber in der
Zeit, wahrend er da fuhr, wufite er nichts von dem, worin er sonst war
und er kam erst wieder zu sich, als er sich in Berlin in der Kurfursten-
strafie in einem Armenasyl angenommen f and. Die ganze Zeit war aus-
geloscht aus seinem Bewufitsein von der Zeit an, als er in Darmstadt
eingestiegen war. Man hat nachher aus Angaben verschiedener Leute
herausfinden konnen, dafi er in Budapest war, in Lemberg war, und
von Lemberg wiederum nach Berlin gefahren ist, und er kam wiederum
zum Bewufitsein, als er in einem Armenasyl in Berlin war. Bedenken
Sie, der Verstand war vollstandig in Ordnung, nichts war in Unord-
nung von dem Verstande. Er wufite ganz genau in der Zeit von seinem
Einsteigen in Darmstadt bis zu seiner Annahme in Berlin im Armen-
asyl, was man tut, um sich Fahrkarten zu losen, was man tut, um sich
in der Zwischenzeit zu verpflegen und so weiter. Aber in der Zeit, als
er das ausfuhrte, hatte er von seinem iibrigen Leben keine Erinnerung.
Und nachher hatte er zwar wieder die Erinnerung seines friiheren Le-
bens bis zur Abf ahrt in Darmstadt, aber keine Erinnerung an die ganze
Reise. Was da geschehen war, konnte man nur aus aufieren Mitteilun-
gen feststellen. Das ist ein Beispiel. Ich konnte viele ahnliche Beispiele
erzahlen. Es soil dieses Beispiel nur darauf aufmerksam machen, wie
unser Leben ware, wenn nicht eine kontinmerlich fortlaufende Erinne-
rung durchginge durch alle unsere Erlebnisse. Denken Sie sich, wenn
fiir irgendeine Zeit aufierhalb derjenigen, die Sie verschlafen haben
- an die erinnern Sie sich ja natiirlich nicht -, aber denken Sie sich,
wenn fiir irgendeine Zeit aufierhalb derjenigen, die Sie verschlafen
haben, keine Erinnerung da sein wiirde, was Sie da iiber Ihr Ich als
Mensch denken mufiten. Dasjenige, was zu unserer Sinnesempfanglich-
keit gehort, zu unserer Intelligenz gehort, es ist unsere personliche An-
gelegenheit. In dem Augenblicke, wo die Sache anfangt, erinnerungs-
mafiig zu werden, ist dasjenige, was der Mensch in seinem Seelenleben
erlebt, eine Auseinandersetzung mit dem Universum, eine Auseinander-
setzung mit der Welt. In der Intensitat, in der es notwendig ist, weifi die
gegenwartige Menschheit noch nicht, dafi dies, was ich auseinander-
gesetzt habe, eine Tatsache ist. Aber es wird zu den Bestandteileri der
Zukunftsbildung der Menschheit gehoren, die beim atherischen Men-
schen zur Erinnerung f iihren, nicht als eine blofi personliche Angelegen-
heit sie zu betrachten, sondern als etwas, wodurch der Mensch der Welt
verantwortlich ist.
Ich habe Ihnen, als ich diese Vortragsserie hier begann, davon ge-
sprochen, wie zunachst einmal vorhanden war in der Zeit, in die wir
gewohnlich in der Geschichte zuriickgehen, zum Beispiel noch bei den
Griechen, ein Landbewufitsein, das nicht weit ging. Wie dann dieses
Bewufitsein sich umwandelte in ein Erdbewufitsein, aber erst in der
neueren Zeit eintreten raufi fur die Zukunft der Menschheit ein kos-
misches, ein Weltbewufitsein, wie sich der Mensch wiederum wissen
mufi - das war ja auch in Urzeiten der Fall - als ein Burger des ganzen
Kosmos. Der Weg dazu wird sein, klar und deutlich in sich die Verant-
wortlichkeit zu fuhlen fur das Gedachte, das zur Erinnerung fiihren
kann.
Dasjenige aber, was ich Ihnen bis jetzt geschildert habe, gehort, wie
ich Ihnen sagte, einem grofien Teile des Menschen an, nicht aber eigent-
lich dem ganzen Menschen. Und um Ihnen zu charakterisieren, was hier
der Fall ist, mufi ich es Ihnen schematisch andeuten. Nehmen wir an,
Tafel 13
das ware die Sinnesregion (weifi), wobei ich alle Sinne zusammenfasse,
auch die Verstandesregion, dann kamen wir bis gewissermaften zu dem-
jenigen im menschlichen Organismus (rot), das die Gedanken, die wir
hegen, zuriickwirft (Pfeile, rot), so dafi sie Erinnerungen werden kon-
nen, dasjenige, was im Menschen zusammenstofit mit der Objektivitat
des Kosmos. Ich habe Ihnen schon einmal auf die Stellen im Menschen-
leib hingedeutet, in denen der Mensch zusammenstofk mit dem Kosmos.
Wenn Sie verfolgen, sagen wir zum Beispiel einen Nerv, der von
irgendeiner Stelle des Leibes nach dem Riickenmark geht - ich zeichne
schematisch so finden Sie fur jeden solchen Nerv auch einen anderen,
Tafel 13
iftfaib
"" 'VP'"*-
'/' '"V
oder wenigstens annahernd fiir jeden solchen Nerv auch einen anderen,
der irgendwoher wiederum zuruckfiihrt irgendwohin. Die Sinnes-
physiologen nennen das eine einen sensitiven Nerv, das andere einen
motorischen Nerv.
Nun, liber diesen Unsinn, dafi es sensitive und motorische Nerven
gabe, habe ich ja des ofteren schon gesprochen. Aber das Wichtige ist,
dafi eigentlich jede ganze Nervenbahn an dem Umfang des Menschen
entspringt und wiederum zum Umfang zuriickgeht, aber irgendwo
unterbrochen ist; wie ein elektrischer Draht, wenn er einen Funken
uberspringen lafit, so ist eine Art Uberspringen, ein sensitives Fluidum
von dem sogenannten sensitiven bis zu dem sogenannten motorischen
Nervenanfang. Und an der Stelle - also solche Stellen sind unzahlige,
wenigstens sehr viele, in unserem Riickenmark zum Beispiel, in anderen
Partien unseres Leibes - an diesen Stellen sind auch die Raumesstellen,
wo der Mensch sich nicht allein selber angehort, wo er dem Weltenall
angehort. Wenn Sie alle diese Orte miteinander verbinden, dazu auch
die Ganglien des Sympathikus nehmen, dann bekommen Sie diese
Grenze, auch leiblich-physiologisch diese Grenze. So dafi Sie sagen
konnen: Sie halbieren gewissermafien den Menschen - es ist dieses mehr
als die Halfte, aber nehmen wir an, wir halbieren den Menschen - und
betrachten ihn wie ein grofies Sinnesorgan, betrachten das Aufnehraen
durch die Sinne iiberhaupt als die Sinnesempf anglichkeit, das Verarbei-
ten durch den Verstand als eine weitere f einere Sinnestatigkeit, das Ent-
stehen der Erinnerungsbilder als Nachbilder, die aber bleibend sind fur
das Leben zwischen Geburt und Tod, weil aufgestofien wird, wenn die
Erinnerung sich bildet, an dem Weltenather. Unser eigener Ather stofit
an den Weltenather auf , und es f inden Auseinandersetzungen zwischen
uns und dem Weltenather statt. Der andere Teil des Menschen, der ist
der, welcher gewissermafien zu seinem Endorgan die Gliedmaflen hat,
alles, was Gliedmaften sind. So wie dieser eine Teil die Sinnessphare zum
Endorgan hat (das Wort « Sinnessphare » wird angeschrieben), so hat Tafel 13
der andere Teil des Menschen die anwachsenden Gliedmafien (es wird
an der ersten Zeichnung S. 143 weitergezeichnet) : die Fiifie wachsen an,
die Arme wachsen an. Es ist natiirlich grob und schematisch gezeichnet.
Das ist dasjenige, wo von ich ebenso alles, was willensartig ist, nach
innen zeichnen miifite, wie ich von den Sinnen aus gezeichnet habe alles,
was intelligenzartig ist, und das schliefit sich an den anderen Teil des
Menschen an. Dieses Willensartige ist der andere Pol des menschlichen
Wesens. Zwischen beiden liegt eben die Grenze, die innere Grenze, die
Sie bekommen, wenn Sie alle Nervenendigungen und alle Ganglien ver-
binden. Da bekommen Sie, wenn Sie diese Grenze von der einen Seite
etwas iiberschreiten, so dafi Sie sich denken, diese Grenze ware ein Sieb
und auf der einen Seite drangte durch die Locher dieses Siebes der Wille Tafel 13
(siehe Zeichnung Seite 143, orange), auf der anderen Seite drangte In-
telligenz durch die Locher dieses Siebes (gelb) - dann bekommen Sie in
der Mitte das Gemiit, die Fiihlsphare. Denn alles das, was zum Fiihlen
gehort, ist eigentlich halb Wille und halb Intelligenz. Der Wille drangt
von unten, die Intelligenz von oben: das gibt das Fiihlen. Im Fiihlen ist
immer traumhaft auf der einen Seite die Intelligenz, auf der anderen
Seite schlafend der Wille darinnen.
Nachdem wir so gewissermafien den Menschen geisteswissenschaft-
lich prapariert haben - auf der einen Seite den Intelligenzpol, auf der
anderen Seite den Willenspol — , nachdem wir gesehen haben, dafi die
physischen Organe nach oben der Ausdruck des Intelligenzpoles sind,
konnen Sie nun fragen: Mit was in der Aufienwelt stimmt dasjenige,
was da im Menschen drinnen ist — wir haben jetzt die zwei Pole, die
zwei Seiten des Menschenwesens kennengelernt - eigentlich uberein?
Mit nichts, mit gar nichts in Wirklichkeit. Wir haben in der Aufienwelt
ein mineralisches, ein pflanzliches, ein tierisches Reich. Mit keinem die-
ser Reiche stimmt dasjenige, was der Mensch im Inneren ist, auch leib-
lich ist, irgendwie wahrhaftig uberein.
Sie werden jetzt einen gewichtigen Einwand machen konnen, einen
Einwand, der selbstverstandlich furchtbar nahe liegt. Sie werden sagen:
Nun ja, wir bestehen doch aus denselben Stoffen wie die Aufienwelt,
denn wir essen diese Stoffe und vereinigen uns also mit den Stoffen des
mineralischen Reiches, indem wir uns unsere Speisen salzen, andere
mineralische Stoffe zu uns nehmen, ebenso Pflanzen. Es gibt ja auch
Fleischesser, nicht wahr, die vereinigen sich auch mit den Substanzen
der Tiere und so weiter. Es ist aber so, dafi in diesem Glauben, wir hat-
ten nun wirklich in der eigenen Leiblichkeit etwas zu tun mit den Stof-
fen der Aufienwelt, ein furchtbarer Irrtum steckt. Das was unsere
Leiblichkeit eigentlich tut, ist, dafi sie sich fortwahrend wehren mufi
gegen die Einfliisse der Aufienwelt, auch gegen die Einflusse, die mit
den Nahrungsmitteln in uns kommen. Diese Tatsache ist sogar unseren
Mitmenschen heute noch sehr schwer verstandlich zu machen, denn das
Wesentliche unseres Leibes besteht nicht darinnen, dafi wir die Nah-
rungsstoffe aufnehmen, sondern dafi wir sie wieder herausschaffen.
Manches schaffen wir sehr rasch heraus, manches aber erst im Laufe
von sieben, acht Jahren. Aber nichts von dem, was Sie heute gegessen
haben, tragen Sie nach acht Jahren noch in sich. Denn das ist alles aus-
getauscht, und die Tatigkeit Ihres Leibes besteht im Herausschaffen,
nicht im Aufnehmen.
Dafi Sie aufnehmen miissen, das hat namlich fur Ihren Leib im
Grunde keine andere Bedeutung, als was der Boden fur Ihr Gehen ist.
Wenn Sie keinen Boden unter den Fiifien hatten, konnten Sie nicht
gehen, aber Sie haben mit dem Boden als Mensch nichts zu tun, er mufi
Sie nur halten. So mufi blofi Ihre Leibestatigkeit eine Widerlage haben,
sie mufi fortwahrend auf etwas aufstofien, daher mufi man fortwahrend
essen, damit die Leibestatigkeit auf etwas auf stofit. Gerade wie Sie ver-
sinken wiirden in den Boden, so wiirde die Leibestatigkeit versinken in
die Nullitat, wenn sie nicht fortwahrend an dem Boden, der bereitet
wird — aber jetzt durchdringt er eben den ganzen Leib -, aufstofien
wiirde. Sie essen nicht, um die Nahrungsmittel mit sich zu vereinigen,
sondern Sie essen, um die Tatigkeit vermitteln zu konnen, die zum
Herausschaffen der Nahrungsmittel notwendig ist. Denn in der Tatig-
keit des Herausschaffens der Nahrungsmittel besteht Ihre Menschen-
wesenheit. Und so wenig, wie Sie den Fufiboden zu der Sohle Ihres
Fufies rechnen diirfen, so wenig durfen Sie dasjenige, was in dem Nah-
rungsmittel ist, soweit es irgendwie in der Aufienwelt vorhanden ist, zu
Ihrer Menschlichkeit rechnen, wenn Sie die Wahrheit denken wollen.
Der Mensch ist im ganzen nichts weiter als eine Reaktion gegen das-
jenige, was seine Umwelt ist. Eine Reaktion ist der Mensch, durchaus
eine Reaktion. Denn der Mensch ist im Grunde genommen durch und
durch Tatigkeit.
Das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, findet ja in sehr ver-
schiedener Weise statt fur die Organe der Sinnes- und Intelligenzsphare,
ganz anders fur die Organe der Willenssphare. Gewifi, insofern ist der
Mensch eine polarische Wesenheit. Aber mit dem, was in der Aufien-
welt ist, hat dasjenige, was da in diesen zwei Polen der menschlichen
polarischen Wesenheit vor sich geht, nicht viel zu tun.
Wir haben in der Aufienwelt das mineralische, das pflanzliche Reich.
Dieses mineralische, dieses pflanzliche Reich, das ist nicht innerlich
stark verwandt mit unserem eigenen Wesen. Wollen wir etwas auf-
suchen, womit dieses Mineral- und pflanzliche Reich verwandt ist,
dann miissen wir in die Welt schauen, die wir durchleben vor unserer
Geburt, die wir durchmachen, bevor wir durch Geburt beziehungsweise
Konzeption aus der geistigen Welt in die physische Welt herabsteigen.
Wenn wir den Blick iiber die Pflanzenwelt und iiber die mineralische
Welt werfen, dann miissen wir uns eigentlich sagen: Ich war vor meiner
Geburt in einer geistigen Welt. Diese geistige Welt schaue ich nicht
durch meine physischen Sinne, denke sie nicht durch meinen physischen
Verstand. Aber diese Welt, die mir also wie durch einen Schleier ver-
hiillt ist, wenn ich Sinnesmensch bin, diese Welt offenbart sich aufier-
lich in der Pflanzenwelt und in ihrer Grundlage, der mineralischen
Welt. Viel mehr mit unserem aufierweltlichen Leben hat mineralische
und pflanzliche Welt zu tun, als mit unserem Leben zwischen Geburt
und Tod. Naturlich nicht diejenigen Pflanzen, die wir durch unsere
Sinne in der Umgebung sehen, die sich uns hier offenbaren: die sind die
Wirkungen derjenigen Krafte, mit denen wir zwischen Tod und neuer
Geburt zusammenhangen. Und das Tierreich hat auch nicht sehr viel
mit demjenigen zu tun, was wir als Menschenwesenheit sind, hat eher
zu tun mit der Zeit unmittelbar nach dem Tode, von der es eine aufier-
liche, polarisch entgegengesetzte Offenbarung ist. So dafi wir sagen
konnen: Was im Menschen ist, lernen wir nicht kennen, wenn wir die
Umgebung des Menschen naturwissenschaftlich kennenlernen. Und so
ist es denn der Fall, dafi diejenige Wissenschaft, welche die Gegenwart
hat, welche die Gegenwart besonders schatzt, eine Wissenschaft ist, die
nichts vom Menschenwesen eigentlich in Wirklichkeit enthalt. Sie kon-
nen alles dasjenige, was nach naturwissenschaftlicher Methode heute
erforscht wird, von Grund aus kennen, und Sie lernen dadurch gar
nichts kennen uber die Wesenheit des Menschen, denn in dem natur-
wissenschaftlichen Erkennen ist die Wesenheit des Menschen nicht ent-
halten.
Nun sind aber seit den letzten vier Jahrhunderten alle unsere popu-
laren Vorstellungen entsprungen aus der Popularisierung der natur-
wissenschaftlichen Methode. Naturwissenschaftlich denkt im Grunde
genommen heute schon selbst der Bauer auf dem Lande draufSen, wenn
er das auch noch in seine eigenen Worte kleidet. Naturwissenschaftlich
denkt im Grunde genommen selbst der Katholizismus mit seinem dog-
matischen Materialismus. Naturwissenschaftliches Denken beherrscht
im Grunde genommen alles. Aber wir sind ja heute in dem Zeitpunkte
angelangt, in dem es notwendig geworden ist, die soziale Ordnung auf-
zubauen. Einen groJSen Teil der heute zivilisierten Welt - und dieser
Teil wird immer grofier und grofier und schliefilich zur ganzen zivili-
sierten Welt werden - drangt es heute, einen sozialen Neuaufbau zu
errichten. Die Menschen denken nach uber den sozialen Aufbau. Soziale
Forderungen leben heute in der zivilisierten Menschheit. Woraus sind
sie entsprungen? Sie sind aus sehr unterbewufiten Impulsen in der Men-
schennatur entsprungen. Womit will man sie befriedigen? Mit Ergeb-
nissen naturwissenschaftlichen Denkens. Und die naturwissenschaft-
lichen Ergebnisse nennt man heute im weitesten Umkreise «soziales
Denken», weil man diese Ergebnisse anwendet auf das soziale Leben
der Menschen.
So ist es geschehen, dafi imOstenEuropas aus rein naturwissenschaft-
lich-materialistischem Denken eine neue Staats-Sozial-Ordnung auf-
gerichtet werden soli. Die Manner, die Dr. Helphand, der sich Parvus
nennt, nach der Anleitung von Ludendorff und Hindenburg nach Rut-
land importiert hat, damit sie dort den Bolschewismus machen, diese
Manner sind die verkorperten naturwissenschaftlichen Methoden. Man
kann sogar sagen: Die praktische Probe, was die naturwissenschaftliche
Methode wird, wenn sie in den Kopfen gewisser Sozialrevolutionare
Wurzel fafit, zeigen uns die Manner des Bolschewismus. Die verkor-
perte naturwissenschaftliche Methode haust heute in Rufiland durch
Helphands Schaffnerdienste, denn er hat den plombierten Wagen ge-
fiihrt durch Deutschland durch, um die Manner des Bolschewismus
unter der Agide von Ludendorff und Hindenburg nach Rufilahd zu
fiihren.
Man soil die Tragweite dieser verkorperten naturwissenschaftlichen
Methode nicht iibersehen! Ich habe Sie auf einige Tatsachen aufmerk-
sam gemacht. Es gibt zwei Philosophen, hochst biirgerlich spiefiige
Philosophen waren es. Der eine hat gelehrt an der Ziircher Universitat,
Avenarius, ein Mensch, der ganz gewifi darauf gehalten hat, ein burger-
lich-spiefiiges Denken zu entwickeln. Der andere ist Ernst Mach, der in
Prag, in Wien gelehrt hat. Ich habe ihn selbst 1882 in der Wiener Aka-
demie der Wissenschaften vortragen horen. Er ist mir immer so etwas
wie die Inkarnation biirgerlicher SpiefSigkeit und Rechtschaffenheit
erschienen, dieser Ernst Mach. "Wenn Sie heute nach der «Staatsphilo-
sophie» des Bolschewismus fragen, so ist es nicht ein Zufall, sondern
eine innereNotwendigkeit, dafi die Avenariussche und Machsche Philo-
sophic die Staatsphilosophie ist, denn diese Dinge gehoren zusammen:
aufierste Konsequenz naturwissenschaftlicher Methode umgewandelt in
Metamorphose auf soziales Denken. Deshalb mufi man die Sache auch
ernst nehmen. Zuerst bliihte das naturwissenschaftliche Denken als
soziale Bliite im Osten auf. Es wird schon weiter aufbliihen, wenn man
nicht die Sache an der Wurzel anpackt, am naturwissenschaftlich-
materialistischen Leben selber.
Es handelt sich darum, daft heute eine gewisse Welle des Denkens
und Empfindens durch die Welt geht. Erregt wird diese Welle durch
das sozialwissenschaftliche materialistische Denken. Indem diese Welle
sich ausbreitet, ergreift sie heute das notwendig soziale Denken, wird
da zur zerstorerischen Gewalt der Menschheit, zur absoluten zerstore-
rischen Gewalt der Menschheit. Die leitenden, fiihrenden Kreise haben
nicht die Macht und Kraft gehabt, hineinzugiefien in das menschliche
Denken eine wirklich tragende geistige Welle. Deshalb ist auf gegangen
in den breiten Massen des Proletariats die materialistische Welle, im
sozialen Denken der breiten Masse des Proletariats. Und der Marxis-
mus, der wiederum so grotesk aufgelebt ist in den letzten vier bis fiinf
Jahren, das ist die soziale Bliite und Frucht der materialistisch natur-
wissenschaftlichen Methode im sozialen Denken. Man sollte nicht ver-
kennen, dafi das die Konfiguration der gegenwartigen zivilisierten Welt
ist. Sieht man sie nicht, so verschlaft man die wichtigsten Erscheinun-
gen und Symptome dieses Lebens. Man ist nicht voll Mensch in der
Gegenwart, wenn man diese Erscheinungen verschlaft.
Einzelne Menschen ragen heraus aus dem allgemeinen Urteil. Diese
einzelnen Menschen fiihlen heute schon bis zu einem gewissen Grade:
Wenn wir so fortdenken und fortempfinden, wie wir es getan haben,
konnen wir nicht weiter, es geht nicht. Wir kommen in das Chaos
immer weiter hinein. Darum sind Weckruf e von der Art wie der Fol-
gende heute zwar selten, aber sie sind schon da, diese Weckrufe. Einen
solchen Weckruf lassen Sie mich Ihnen vorlesen.
Im 31./32.Heft der kultursozialistischenWochenschrift «NeueErde»
in Wien erschien ein interessanter Aufsatz unter dem Titel «Welt-
anschauungskrise» von Karl Polanyi. Darin wird gesagt, dafi ein all-
gemeiner Widerwille gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung ein-
gesetzt habe, zugleich mit einer Abkehr vom marxistischen Soziaiismus.
«Es herrscht heute noch eine Verquickung von Marxismus und Sozia-
lismus, die das Argernis alles modernen Denkens ist. Jeder Anlauf zur
intellektuellen Forderung der brennendsten sozialen Probleme der Zeit
scheitert in dem Sumpf e dieser geistigen Niederung ...»
«... Der Ausbruch des Weltkrieges war die Wende fur alles kapita-
listische und damit marxistische Denken. Die Fiihrer der Menschheit
erkannten es klar und die Massen fiihlten es dumpf , da£ nimmermehr
die sogenannten Lebensinteressen die Welt beherrschen, sondern Krafte
ganz anderer Art und anderen Wesens. Erwiesen sich doch die allgegen-
wartigen wirtschaftlichen Interessen, denen die Imperialisten nach-
jagten und gegen die die Sozialisten im Windmiihlenkampf ankiimpf-
ten, nicht bloft als irreal und abstrakt bis zurPhrasenhaftigkeit, sondern
auch als blofier okonomischer Aberglaube und leeres Hirngespinst. Klar
trat es vor Augen, dafi nicht das Materielle, sondern die Vorstellung
von diesem Materiellen die Triebkraft ist, und ware diese Vorstellung
noch so f alsch und noch so irrig, — daft es mithin die Vorstellungen und
nicht das Materielle ist, was die Massen lenkt. Ja, auch die Vorstellung
des materiellen Interesses, dieses angeblich Konkretesten und Wirklich-
sten, wird erst historisch wirksam, sobald sie zum Glauben erhoht wird,
wenn erst die Opfer nicht mehr gezahlt werden, die man ihr darbringt,
und ihr Selbstwert allein fur alles Irrationelle, das in ihrem Namen ver-
iibt wird, zur Entschadigung und zur Rechtfertigung dient. Diese Zeit
allerungeheuerlichster Paradoxe glaubte an den Egoismus. Er wurde
nicht mehr abgeleugnet, nicht mehr idealistisch iibertuncht; im Gegen-
teil! Die Menschheit zog in den Tod im geheiligten Namen von wirt-
schaftlichen Lebensinteressen, die sie mit einem Glorienschein umgab,
und des Sacro Egoismo, der sich selbst zum Himmel erhoben hatte. Das
Materielle hatte sich selbst zum einzigen Ideellen erklart und damit
vollendete die materialistische Welt ihre Bahn. Hatten doch diese Idea-
lisierung des Materiellen als des einzig Wirklichen und Wesenhaften die
Kapitalisten schon Vaterland genannt, die Marxisten aber of fen: Sozia-
lismus!»
«Utilitaristische Ethik, materialistische Geschichtsauffassung, posi-
tivistische Erkenntnislehre, deterministische Philosophic: sie sind in der
neuen Atmosphare nicht mehr lebensfahig. Der Marxismus aber als
Weltanschauung ist auf diese Pfeiler aufgebaut. Seine Zeit ist um.»
So sehen Sie den Weckruf einer Seele, die immerhin das Negative, in
das Chaos unserer Zeit Hineinfiihrende sieht. Und jetzt kommt die
Frage, eine furchtbare Schicksalsfrage. Diese ist: «Was soil an seine
Stelle treten?»
Diese Frage wirft derselbe auf, der alles das geschrieben hat, was ich
Ihnen eben vorgelesen habe. Er sagt weiter: «Die Beantwortung dieser
Frage ist fur das Schicksal des Marxismus nicht bestimmend. Fur auf-
richtige und nach Klarheit strebende Geister ist dies ein untergeord-
netes Bedenken. Erlosche auch die Sonne, man miifite sich eher im Dun-
keln zurechtfinden, als ein Irrlicht fiir die Sonne auszugeben.»
«Was aber unserem Geschlechte die Sonne verdunkelt, ist eine neue,
noch hellere und strahlendere, die am Horizont auf geht. Vom Alpdruck
einer Entwickelungslehre befreit, in deren Tretmiihle wir zur ewigen
Zusammenarbeit verurteilt, ruhelos und heimatlos, unser sinnloses Da-
sein fristeten, aus der Halluzination einer verkehrten Geschichtsauffas-
sung erwacht, die imWeltgeschehen nicht das Echo der Rufer im Streite,
sondern in ihrem Rufe das blofSe Echo des Weltgeschehens zu horen
wahnte, der Zwangsvorstellung eines clownhaften Determinismus ent-
wachsen, die unsere Willensfreiheit als Zufallsspiel hinter der Szene
wirkender Kraf te hinstellte, von dem Glauben an der toten Menge end-
lich zum Glauben an uns selbst geboren, werden wir die Kraft und die
Berufung in uns finden, die Forderungen des Sozialismus nach Gerech-
tigkeit, nach Freiheit und nach Liebe auch zur Wirklichkeit der Mensch-
heit zu machen.»
Ja, eine sehnsiichtige Seele, die sieht: wir steuern dem Chaos ent-
gegen, die sogar die schicksalsschwere Frage aufwirft: Was soil an seine
Stelle treten? — und die dann fortsetzt mit der Antwort, und die alten
Phrasen nur aufzutischen hat, die eben zu Worthulsen geworden sind:
Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe. Lange genug sind sie gepredigt
worden. Der konkrete Weg ist in dieser Phrase wahrhaftig nicht ent-
halten.
«Der marxistische Sozialismus verdunkelt heute blofi die Schicksals-
frage, vor der die Menschheit steht, er unterbindet die freien Krafte
einer radikalen Losung, halt das Denken im Halbdunkel einer iiber-
lebten Dogmenwelt, versagt das Handeln durch dunkle Weissagungen,
obskure Autoritaten und mystische Symbole. Er verstellt der Mensch-
heit die freie Aussicht.»
Richtig: «Er verstellt der Menschheit die freie Aussicht» — aber durch
Phrasen wird diese Aussicht nicht frei gemacht! Und dann fahrt der
Verfasser weiter fort: «Die Kirche hat ihren Beruf um tausend Jahre
iiberlebt. Der Marxismus mag uns iiberleben, aber der neue Geist, der
aus dem Jammer dieses Weltkrieges der Menschheit geboren wurde,
wird ihn gewifi uberdauern.»
Aber wo ist der neue Geist? So sagt der Verfasser, der, wie es scheint,
eine Empf indung hat fiir die Nullitat unserer Zeit, fiir dasjenige, was in
das Chaos hineinfuhrt. Nun, ein Freund von uns, der lang schon inner-
halb unserer Weltanschauung stent, fiigt zu dem, was ich Ihnen eben
vorgelesen habe, einige Zeilen hinzu. Das, was ich Ihnen bisher vor-
gelesen habe, ist eben von demjenigen, der sieht, dafi etwas Neues kom-
men musse, der aber schliefSlich bei den alten Phrasen bleibt. Unser
Freund fiigt hinzu: «Hier sehen wir eine "Weltauffassung, die einsieht,
dafi der Marxismus, wie er heute in seiner konsequentesten Form im
Bolschewismus auftritt, zum alten Denken gehort. Er ist nur das Wider-
spiel der alten kapitalistischen Welt. Er krankt ebenso wie diese am
Geistesleben. Ist er im Wirtschaftlichen ihr Gegner, so ist er mit ihr in
der geistigen Grundlage eins. An seine Stelle und an die der modernen
naturwissenschaftlichen Weltanschauung soil treten eine neue, die aus
einer <Philosophie der Freiheit> hervorgegangene anthroposophische
Weltanschauung. »
Das sind allerdings wenige Zeilen, von einem Freunde unserer Be-
wegung hinzugefiigt, aber klar ist es dem, der hineinschaut in das Ge-
triebe des heutigen Menschtums, daft ja, weil die Dinge so sind, diese
anthroposophische Geisteswissenschaft auftreten will. Und ehe man
nicht zugeben wird, dafi der Krankheitsprozefi unseres gegenwartigen
Lebens nur geheilt werden kann durch anthroposophisch orientierte
Geistesforschung, wird aus dem Chaos nicht herauszukommen sein.
Man kann deshalb ohne Unbescheidenheit sagen: Wenn sich nur
recht viele fanden, welche auf die Frage: «Was soil an seine Stelle
treten ?» - dieselbe Antwort geben wiirden wie der Dr. Kolisko in Wien
sie diesem Karl Polanyi gegeben hat. Solange man glauben wird, dafi
das Heil unserer Bewegung in irgendeiner Sektiererei zu suchen ist, wird
man niemals den Sinn dieser Bewegung erkennen. Erst wenn man ein-
sehen wird, dafi wir es zu tun haben mit einer Weltangelegenheit, wird
man den Sinn dieser Bewegung erkennen.
Nur derjenige kann ein wirklicher Trager dieser Weltanschauung
sein, der in dieser Weise ihren Sinn nicht nur erkennt, sondern zum
innersten Impuls des eigenen Willens macht. Ich mochte nicht durch
viele Worte verbramen dasjenige, was ich in diesem Vortrage Ihnen
sagen wollte. Wir werden uns ja in nicht allzulanger Zeit hier zu ahn-
lichen Besprechungen wieder sehen. Wir brauchen gar nicht einmal Ab-
schied zu nehmen, denn es wird diesmal nicht so lange dauern.
Aber ich mufi doch sagen, dafi es einem tiefen Bediirfnis meines Her-
zens entsprechen wiirde, wenn recht viele von Ihnen die Worte, durch
die ich hinweisen wollte auf ein Wichtigstes in unserer jetzigen Welten-
lage, gerade in den nachsten Wochen recht stark beherzigen wiirden.
Wir haben von mancherlei schadigenden Einflussen aus der elemen-
tarischen Welt in dieser unserer jetzigen Zeit gesprochen. Sie wissen,
dafi eine alte, wahre Anschauung, die man nur richtig verstehen mufi,
davon spricht, dafi mit dem Ende des burgerlichen Jahres, wenn die
Weihnachtszeit heranriickt, jene Tage kommen, in denen der geistigste
Einflufi, der innerhalb der Erdensphare auf den Menschen geschehen
kann, am intensivsten ist.
Suchen wir vielleicht gerade in dieser Zeit, die durch Jahrhunderte
hindurch Menschen so wichtig und wesentlich war - die in unserer Zeit
nicht viel mehr ist als eine Zeit, «passende Geschenke» zu geben -,
suchen wir in dieser Zeit vielleicht doch, einem alten Seelengebrauche
entsprechend, unsere Zuflucht bei jenen auch alten geistigen Machten,
die immerhin noch auf unser Menschenschicksal Einflufi gewinnen
konnen, wenn wir den ganzen Ernst auf unsere Seele wirken lassen, der
in der Beziehung der geistigen Welt zur menschlichen Welt besteht!
Das ist dasjenige, was ich heute zu Ihnen sprechen wollte.
Wenn ich wiederum hier vortragen werde, wird es Ihnen ja bekannt-
gegeben werden.
NEUNTER VORTRAG
Dornach, 12. Dezember 1919
Da sich unsere Abreise noch urn einigeTage verzogert hat, bin ich heute,
morgen und ubermorgen in der Lage, hier zu Ihnen zu sprechen. Es ge-
reicht mir das zur besonderen Befriedigung, da eine Anzahl Freunde
aus England hier angekommen sind, zu denen ich auf diese Weise auch
noch vor der Abreise einiges werde sprechen konnen.
Diese Freunde werden gesehen haben, dafi unserBau desGoetheanum
in den schweren Jahren fortgeschritten ist. Er konnte ja allerdings bis
zum heutigen Tage nicht vollendet werden, und wir konnen auch kaum
heute irgendeinen Zeitpunkt seiner Vollendung mit Bestimmtheit vor-
aussagen. Aber dasjenige, was heute schon vorhanden ist, wird Ihnen
zeigen, aus welchen geistigen Grundlagen heraus dieser Bau erwachsen
ist und wie er zusammenhangt mit der geistigen Bewegung, die hier ver-
treten wird. Daher wird es gerade bei dieser Gelegenheit, wo ich nach
langer Zeit auch wiederum zu unseren englischen Freunden in grofierer
Zahl sprechen kann, gestattet sein, heute den Ausgangspunkt der Be-
trachtungen gerade von unserem Bau selbst zu nehmen. Wir werden
dann in den beiden folgenden Tagen an dasjenige, was im Zusammen-
hang mit dem Bau gesagt werden kann, einiges andere anschliefien kon-
nen, von dem behauptet werden darf, dafi es vielleicht gerade in der
Gegenwart wichtig ist ausgesprochen zu werden.
Wer unseren Bau, der ja heute wenigstens seiner Idee nach schon zu
liberschauen ist, betrachtet, dem wird der eigentumliche Zusammen-
hang dieses Baues mit unserer geistigen Bewegung auffallen, und er
wird einen Eindruck bekommen, vielleicht gerade aus diesem Bau,
dieser Reprasentanz unserer Geistesbewegung, welcher Art diese Be-
wegung sein will. Denken Sie, wenn irgendeine, wenn auch noch so aus-
gebreitete sektiererische Bewegung in die Notwendigkeit sich versetzt
gefuhlt hatte, fur ihre Versammlungen ein solches Haus zu bauen, was
wiirde geschehen sein? Nun, es wiirde, entsprechend den Bedurfnissen
dieser Gesellschaft oder Vereinigung, ein mehr oder weniger grower Bau
aufgefuhrt worden sein in diesem oder jenem Baustile, und Sie hatten
vielleicht innerhalb dieses Baues durch das eine oder durch das andere
mehr oder weniger sinnbildliche Zeichen einen Hinweis gefunden auf
dasjenige, was in diesem Bau gemacht werden soil. Sie hatten vielleicht
auch da oder dort ein Bild gef unden, das hingewiesen hatte auf das, was
in diesem Bau beabsichtigt wird gelehrt oder sonst vorgebracht zu wer-
den. Das alles, werden Sie bemerkt haben, hat sich so fur diesen Bau des
Goetheanum nicht vollzogen. Dieser Bau ist nicht nur in auflerlicher
Weise zum Gebrauche der anthroposophischen Bewegung oder der An-
throposophischen Gesellschaft hingestellt worden, sondern so wie er
dasteht, in alien seinen Einzelheiten, ist er herausgeboren aus dem, was
in geistiger Beziehung und auch sonst unsere Bewegung vor der Welt
vorstellen will. Diese Bewegung konnte sich nicht damit begnugen, ein
Haus aufzurichten in diesem oder jenemBaustile, diese Bewegung fiihlte
sich in dem Augenblicke, in dem die Rede sein konnte von dem Bau
eines solchen eigenen Hauses, gedrungen, einen eigenen Stil aus den
Grundlagen unserer Geisteswissenschaft heraus zu finden, einen Stil,
durch den in alien Einzelheiten ausgedriickt ist dasjenige, was als gei-
stige Substanz durch diese unsere Bewegung fliefit. Hier zum Beispiel
ware undenkbar gewesen, ein beliebiges Haus in einem beliebigen Bau-
stil gerade fur diese unsere Bewegung etwa herstellen zu lassen. Daraus
sollte man von vornherein schliefien, wie weit abstehend dasjenige ist,
was mit dieser Bewegung gedacht ist, von irgendwelcher, sei es auch
noch so stark verbreiteten sektiererischen oder ahnlichen Bewegung.
Wir hatten notig, nicht blofi ein Haus zu bauen, sondern einen Baustil
zu finden, der genau dasselbe ausspricht, was durch jedes Wort, durch
jeden Satz unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft
ausgesprochen wird.
Ja, ich habe die Uberzeugung, daft wenn man hinlanglich eingehen
wird auf das, was in den Formen dieses Baues wirklich empfunden wer-
den kann - beachten Sie, ich sage: empfunden werden kann, nicht
spintisiert werden kann — , dafi der, welcher dies empfinden kann, aus
den empfundenen Formen dieses Baues wird ablesen konnen dasjenige,
was sonst ausgesprochen wird durch das Wort.
Dies ist keine Aufierlichkeit, dies ist etwas, was innerlichst zusam-
menhangt mit der ganzen Art, wie diese geistige Bewegung gedacht ist.
Diese geistige Bewegung will etwas anderes sein, als namentlich jene
geistigen Bewegungen, welche in der Menschheit nach und nach herauf-
gekommen sind seit dem Beginne der fiinften nachatlantischen Kultur-
periode, sagen wir, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Und die Uber-
zeugung liegt zugrunde, dafi es heute, dafi es dieser Gegenwart notwen-
dig ist, etwas anderes in die Evolution der Menschheit hineinzustellen,
als sich bisher seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in diese Menschheits-
evolution hineingestellt hat. Das Charakteristischste fur alles dasjenige,
was sich in der zivilisierten Menschheit in den letzten drei bis vier Jahr-
hunderten vollzogen hat, scheint mir das Folgende zu sein: Die aufiere
Lebenspraxis im weitesten Umkreise, die sich ja im starken Mafie
mechanisiert hat, bildet heute ein Reich fixr sich. Sie bildet ein Reich fur
sich, welches gewissermafien wie ein Monopol in Anspruch nehmen
diejenigen, die sich einbilden Lebenspraktiker zu sein. Neben dieser
aufieren Lebenspraxis, die sich auf alien Gebieten des sogenannten prak-
tischen Lebens ausgestaltet hat, haben wir eine Summe von geistigen
Anschauungen, Weltanschauungen, Philosophien oder wie man es
nennen will, die im Grunde genommen nach und nach, aber insbeson-
dere im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte, lebensfremd ge-
worden sind, die gewissermafien in dem, was sie dem Menschen geben
an Gefiihlen, an Empfindungen, iiber der eigentlichen Lebenspraxis
schweben. Und so krafi ist die Differenz zwischen diesen beiden Stro-
mungen, dafi man sagen kann: Mit unserer Gegenwart ist die Zeit an-
gebrochen, in der sich diese zwei Stromungen durchaus nicht mehr ver-
stehen, oder vielleicht besser gesagt, in denen sie keine Ankniipfungs-
punkte finden, um gegenseitig aufeinander zu wirken. Wir versorgen
heute unsere Fabriken, wir bringen unsere Eisenbahnen zum Fahren
iiber die Schienen und wir schicken unsere Dampfschiffe iiber dieMeere,
wir lassen unsere Telegraphen und Telephone spielen, wir tun das alles,
indem wir gewissermafien die Lebensmechanik automatisch ablaufen
lassen und uns selber hineinspannen lassen in diese Lebensmechanik.
Und wir predigen daneben. Man predigt eigentlich viel. Die alten Kir-
chenbekenntnisse predigen in den Kirchen, die Politiker predigen in den
Parlamenten, die verschiedenen Bestrebungen auf den verschiedenen
Gebieten reden von den Forderungen des Proletariats, von den Forde-
rungen der Frauen. Viel, viel wird gepredigt, und der Inhalt dieses
Predigens, er ist ja im Sinne des heutigenMenschheitsbewufitseins etwas
gewifi klar Gewolltes. Aber wenn wir uns fragen wiirden: Wo ist die
Briicke zwischen dem, was wir predigen und dem, was unser aufier-
liches Leben in seiner Praxis zimmert, so wiirden wir, wenn wir ehrlich
und wahrheitsgemafi antworten wollten, eine richtige Antwort nicht
finden aus der gegenwartigen Zeitbewegung heraus.
Nur deshalb erwahne ich die f olgende Erscheinung, weil dies am an-
schaulichsten durch diese Erscheinung zutage tritt: Sie wissen ja, es
gibt fur die heutige Menschheit aufier alien iibrigen Gelegenheiten zu
predigen allerlei Geheimgesellschaften. Nehmen wir von diesen Ge-
heimgesellschaf ten, sagen wir, die gewohnlichen Freimaurerlogen, auch
diejenigen mit ihren allertiefsten Graden oder hochsten Graden, da
finden wir eine Symbolik: Dreieck, Kreis, Winkelmafi und ahnliches.
Wir finden sogar ein in solchen Zusammenhangen haufig gebrauchtes
Wort: Der Baumeister aller Welten.
Was ist das alles? Ja, wenn wir zuriickgehen ins 9., 10., 11. Jahrhun-
dert und uns die zivilisierte Welt ansehen, innerhalb welcher diese Ge-
heimgesellschaften, diese Freimaurerlogen wie eine Cr&me in der Zivili-
sation sich ausbreiteten, da finden wir, dafi all die Instrumehte, die
heute als Symbol auf dem Altare dieser Freimaurerlogen liegen, ver-
wendet worden sind zum Hausbau und zum Kirchenbau. Man hat
Winkelmafie, man hat Kreise, das heifit Zirkel gehabt, hat Wasser-
waagen gehabt, Lote, man hat sie verwendet in der aufieren Lebens-
praxis. In den Freimaurerlogen halt man, in Ankniipfung an die Dinge,
die ihren Zusammenhang mit der Lebenspraxis vollstandig verloren
haben, Reden und sagt allerlei schone Sachen dariiber, die ja gewifi sehr
schon sind, die aber dem aufieren Leben, der aufieren Lebenspraxis voll-
standig f remd sind. Wir sind zu Ideen gekommen, zu Gedankengebilden
gekommen, denen die Stofikraft fehlt, um ins Leben einzugreifen. Wir
sind allmahlich dahin gekommen, dafi unsere Menschen vom Montag
bis Samstag arbeiten und sonntags sich die Predigt anhoren. Diese zwei
Dinge haben nichts miteinander zu tun. Und wir brauchen oftmals,
indem wir predigen, die Dinge, die in alteren Zeiten mit der aufieren
Lebenspraxis in innigem Zusammenhang gestanden haben, als Symbole
fiir das Schone, fiir das Wahre, sogar fur das Tugendhafte. Aber die
Dinge sind lebensf remd. Ja, wir sind soweit gekommen zu glauben, dafi,
je lebensf remder unsere Predigten sind, sie sich desto mehr in die geisti-
gen Welten erheben. Die gewohnliche profane Welt, die ist etwas Min-
derwertiges. Und heute sieht man hin auf allerlei Forderungen, die aus
den Tiefen der Menschheit aufsteigen, aber man versteht diese Forde-
rungen in ihrem Wesen eigentlich nicht. Denn was ist wohl oftmals fiir
ein Zusammenhang zwischen jenen Gesellschaftspredigten, die in mehr
oder weniger schonen Zimmern gesprochen werden dariiber, wie der
Mensch gut ist, dariiber, wie man, nun, sagen wir, alle Menschen liebt
ohne Unterschied von Rasse, Nation und so weiter, Farbe sogar, was ist
denn fiir ein Zusammenhang zwischen diesen Predigten und dem, was
aufierlich geschieht und was wir mit dadurch fordern, was wir mit da-
durch treiben, dafi wir unsere Coupons abschneiden und uns auszahlen
lassen unsere Renten aus den Banken, die damit die aufiere Lebenspraxis
versorgen, mit wahrhaftig ganz anderen Prinzipien also als diejenigen
sind, von denen wir als den Prinzipien der guten Menschen sprechen in
unseren Stuben. Wir begriinden zum Beispiel theosophische Gesellschaf-
ten, in denen wir fiir alle Menschen gerade von Briiderlichkeit reden,
aber wir haben in dem, was wir reden, nicht die geringste Stofikraft,
um dasjenige irgendwie zu beherrschen, was auch durch uns geschieht,
wenn wir unsere Coupons abschneiden. Denn indem wir die Coupons
abschneiden, setzen wir eine ganze Summe von volkswirtschaftlichen
Dingen in Bewegung. Unser Leben zerf allt ganz und gar in diese zwei
voneinander getrennten Stromungen.
So kann es vorkommen — ich erzahle nicht ein Schulbeispiel, sondern
ein Beispiel aus dem Leben -, es kann vorkommen, ist sogar vorgekom-
men, dafi eine Dame mich aufsuchte und sagte: Ja, da kommt jemand
und fordert von mir einen Beitrag, der aber dann verwendet wird dazu,
Leute zu unterstiitzen, die Alkohol trinken. Das kann ich doch als Iheo-
sophin nicht tun! - So sagte die Dame. Ich konnte nur antworten:
Sehen Sie, Sie sind Rentiere, wissen Sie denn, wieviel Brauereien mit
Ihrem Vermogen gegriindet und unterhalten werden? - Es handelt sich
fiir dasjenige, auf was es ankommt, nicht darum, dafi wir auf der einen
Seite predigen zur wolliistigen Befriedigung unserer Seele, und auf der
anderen Seite uns ins Leben hineinstellen so wie es die Lebensroutine,
die durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte heraufgekommen ist,
einmal fordert. Wenige Menschen sind heute iiberhaupt geneigt, auf
dieses Grundproblem der Gegenwart einzugehen. Woher kommt die-
ses? Es kommt daher, dafi wirklich dieser Dualismus ins Leben ge-
treten ist - und am starksten geworden ist in den letzten drei bis vier
Jahrhunderten — zwischen dem aufSeren Leben und zwischen unseren
sogenannten geistigen Bestrebungen. Die meisten Menschen reden,
wenn sie heute vom Geiste reden, von etwas ganz Abstraktem, Welten-
fremdem, nicht von etwas, das in das alltagliche Leben einzugreifen
vermag.
Die Frage, das Problem, auf das damit hingedeutet wird, das mufi an
seiner Wurzel angepackt werden. Ware hier auf diesem Hiigel im Sinne
dieser Bestrebungen der letzten drei bis vier Jahrhunderte gehandelt
worden, dann hatte man sich vielleicht an einen beliebigen Architekten
gewendet, einen beriihmten Architekten und hatte einen schonen Bau
hier auffiihren lassen, der ja gewifi hatte sehr schon sein konnen aus
irgendeinem Baustil heraus. Darum konnte es sich nie handeln. Denn
wir waren dann hineingegangen in diesen Bau, wir waren umgeben ge-
wesen von ailem moglichen Schonen aus diesem oder jenem Stil, und
wir hatten drinnen Dinge gesprochen, die zu diesem Bau gepafit hatten,
ungef ahr so, wie eben all die schonen Reden, die heute gehalten werden,
passen zu der aufieren Lebenspraxis, welche die Menschen pflegen. Das
konnte nicht so sein, denn so war nicht die Geisteswissenschaft gemeint,
die sich anthroposophisch orientieren will. Diese war vom Anfang an
anders gemeint. Die war so gemeint, dafi nicht aufgerichtet wurde der
alte falsche Gegensatz zwischen Geist und Materie, wobei dann vom
Geiste in abstracto gehandelt wird und dieser Geist keine Moglichkeit
hat, in das Wesen und Weben der Materie unterzutauchen. Wann
spricht man berechtigt vom Geiste, wann spricht man in Wahrheit vom
Geiste? Nur dann spricht man in Wahrheit vom Geiste, spricht man
berechtigt vom Geiste, wenn man den Geist als Schopfer meint des-
jenigen, was materiell ist. Es ist schlimmste Rede vom Geiste, wenn
auch diese schlimmste Rede vom Geiste oftmals heute als die schonste
angesehen wird, wenn man von dem Geiste als im Wolkenkuckucks-
heim spricht, in einer solchen Weise spricht, dafi dieser Geist gar nicht
beriihrt werden sollte von dem Materiellen. Nein, von dem Geiste mufi
man so sprechen, dafi man den Geist meint, der die Kraft hat unmittel-
bar unterzutauchen in das Materielle. Und wenn man von der Geistes-
wissenschaf t spricht, so darf diese nicht nur so gedacht werden, daft sie
sich blofi erhebt uber die Natur, sondern dafi sie zu gleicher Zeit voll-
wertige Naturwissenschaft ist. Wenn man vom Geiste spricht, so mufi
der Geist gemeint sein, mit dem sich der Mensch verbinden kann so, dafi
dieser Geist auch in das soziale Leben durch die Vermittlung des Men-
schen hinein sich verweben kann. Ein Geist, von dem man blofi im Salon
spricht als dem, welchem man durch das Gutsein und durch die Bruder-
liebe wohlgefallen will, und der sich wohl hiitet unterzutauchen in das
unmittelbare Leben, ein solcher Geist ist nicht der wahre Geist. Ein sol-
cher Geist ist eine menschliche Abstraktion, und die Erhebung zu ihm
ist nicht die Erhebung zum wirklichen Geist, sondern sie ist gerade der
letzte Ausfluft des Materialismus.
Daher mufiten wir einen Bau aufrichten, der in alien seinen Einzel-
heiten herausgedacht ist, herausgeschaut ist aus demjenigen, was sonst
auch in unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft lebt.
Und damit hangt es auch zusammen, dafi in dieser schweren Zeit her-
vorgegangen ist eine Behandlung der sozialen Frage aus dieser Geistes-
wissenschaft, die nicht im Wolkenkuckucksheim weilen will, sondern
die Lebenssache sein wollte vom Anfange ihres Wirkens an, die gerade
das Entgegengesetzte sein wollte von jeder Art von Sektiererei, die ab-
lesen wollte dasjenige, was in den grofien Forderungen der Zeit liegt,
und die dienen wollte diesen Forderungen der Zeit. Gewifi, an diesem
Bau ist vieles nicht gelungen. Aber es handelt sich heute wahrhaftig
auch nicht darum, dafi alles gleich gelinge, sondern es handelt sich
darum, dafi in gewissen Dingen ein Anfang, ein notwendiger Anfang
gemacht werde. Und dieser notwendige Anfang scheint mir wenigstens
mit diesem Bau gemacht worden zu sein. So werden wir, wenn dieser
Bau einstmals fertig sein wird, nicht in irgend etwas, was uns als fremd-
artigeWande umgibt, dasjenige vollziehen, was wir zu vollziehen haben
werden, sondern so wie die Nufischale zur Nufifrucht gehort und in
ihrer Form ganz angepafit ist dieser Nufifrucht, so wird angepafit sein
jede einzelne Linie, jede einzelne Form und Farbe dieses Baues dem-
jenigen, was durch unsere geistige Bewegung fliefit.
Es ware schon notwendig, dafi in der Gegenwart wenigstens von
einer Anzahl von Menschen dieses Wollen eingesehen werde, denn auf
dieses Wollen kommt es an.
Ich mufinoch einmal zurikkkommen auf manches Charakteristische,
das in den letzten drei bis vier Jahrhunderten in der Evolution der zivi-
lisierten Menschheit zutage getreten ist. Wir haben in dieser Evolution
der zivilisierten Menschheit Erscheinungen, die uns so recht charakte-
ristisch ausdriicken die tieferen Grundlagen desjenigen, was sich in der
Gegenwart im Leben der Menschen ad absurdum fiihrt; denn ein Ad-
absurdum-Fuhren ist es. Es ist zwar so, dafi heute ein grofier Teil der
Menschenseelen eigentlich schlaft, wirklich schlaft. Ist man irgendwo,
wo gewisse Dinge, die heute, ich mochte sagen, als wirkliche Wider-
bilder, Gegenbilder alles zivilisierten Lebens sich abspielen, ist man
irgendwo, wo diese Gegenbilder einem nicht direkt vor Augen treten,
aber doch in zahlreichen Gegenden der heutigen zivilisierten Welt sich
abspielen und bedeutungsvoll, symptomatisch sind fur dasjenige, was
immer weiter und weiter um sich greifen mufi, dann findet man: Ja, die
Menschen sind mit ihren Seelen draufien, aufierhalb der wichtigsten
Zeitereignisse. Die Menschen leben in den Alltag hinein, ohne sich klar
vor Augen zu halten, was eigentlich in der Gegenwart vorgeht, solang
sie nur nicht unmittelbar beriihrt werden von diesen Vorgangen. Aber
allerdings, es liegen auch die eigentlichen Impulse dieser Vorgange
in den Tiefen des unterbewufken oder unbewufiten Seelenlebens der
Menschen.
Zugrunde liegend dem Dualismus, den ich angefiihrt habe, ist ja
heute ein anderer: der Dualismus, der sich zum Beispiel ausspricht - ich
meine ein charakteristisches Beispiel anzufiihren - durch Miltons « Ver-
lorenes Paradies». Aber es ist das nur ein aufieres Symptom fur etwas,
was durch das ganze modeme Denken, Empf inden, Fiihlen und Wollen
geht. Wir haben im neueren Menschheitsbewufitsein das Gefiihl eines
Gegensatzes zwischen dem Himmel und der Holle, andere nennen es
Geist und Materie. Es sind nur im Grunde genommen Gradunterschiede
zwischen dem Himmel und der Holle des Bauern draufien auf dem
Lande und zwischen Materie und Geist des sogenannten aufgeklarten
Philosophen unserer Tage. Die eigentlichen Denkimpulse, die zugrunde
liegen, sind genau die gleichen. Der eigentliche Gegensatz ist der zwi-
schen Gott und Teufel, zwischen dem Paradies und der Holle. Sicher ist
es den Menschen: Das Paradies ist gut, und es ist schrecklich, dafi die
Menschen aus dem Paradiese herausgekommen sind; das Paradies ist
etwas Verlorenes, es mufi wieder gesucht werden, und der Teufel ist ein
schrecklicher Widersacher, der entgegensteht all denjenigen Machten,
die man verbindet mit dem Begriff des Paradieses. Menschen, die keine
Ahnung davon haben, wie Seelengegensatze walten bis in die aufiersten
Ranken unserer sozialen Gegensatze und sozialen Forderungen hinein,
die konnen sich gar nicht vorstellen, welche Tragweite in diesem Dua-
lismus liegt zwischen Himmel und Holle oder zwischen dem verlorenen
Paradiese und der Erde. Man mufi heute schon recht Paradoxes sagen,
wenn man die Wahrheit sagen will, man kann eigentlich kaum heute
iiber manche Dinge die Wahrheit sagen, ohne daft diese Wahrheit wie
ein Wahnsinn oftmals unseren Zeitgenossen erscheint. Aber so wie im
paulinischen Sinne die Weisheit der Menschen eine Torheit vor Gott
sein kann, so konnte die Weisheit der Menschen von heute, oder der
Wahnsinn der Menschen von heute, auch Wahnsinn sein fur die An-
schauung der Menschen der Zukunft. Die Menschen haben sich all-
mahlich in einen solchen Gegensatz zwischen der Erde und dem Para-
diese hineingetraumt, sie bringen das Paradiesische zusammen mit dem,
was als das eigentlich Menschlich-Gottliche anzustreben ist, und wissen
nicht, dafi das Anstreben dieses Paradiesischen ehenso schlimm fixr den
Menschen ist, wenn er es ohne weiteres will, als das Anstreben des Ge-
gensatzes ware. Denn wenn man die Struktur der Welt so vorstellt, wie
sie als Vorstellung zugrunde liegt dem «Verlorenen Paradies» von Mil-
ton, dann tauft man um eine der Menschheit abtragliche Macht, wenn
sie einseitig angestrebt wird, in die gottlich-gute Macht und stellt ihr
einen Gegensatz gegeniiber, der kein wahrer Gegensatz ist: den Gegen-
satz des Teufels, den Gegensatz desjenigen, was in der menschlichen
Natur an dem Guten Widerstrebendem liegt.
Der Protest gegen diese Anschauung soil liegen in jener Gruppe, die
im Osten unseres Baues innen aufgestellt werden soil, eine neuneinhalb
Meter hohe Holzgruppe, in der an die Stelle, oder durch die an die Stelle
des luziferischen Gegensatzes zwischen Gott und dem Teufel dasjenige
gesetzt wird, was dem Menschheitsbewufitsein der Zukunft zugrunde
liegen mufi: die Trinitat zwischen dem Luziferischen, dem Christus-
Gemafien und dem Ahrimanischen.
Von dem Geheimnis, das da zugrunde liegt, hat die neuere Zivilisa-
tion so wenig ein Bewufitsein, dafi man das Folgende sagen kann. Wir
haben aus gewissen Griinden, iiber die ich vielleicht auch noch hier wie-
derum sprechen werde, diesen Bau «Goetheanum» genannt, als bauend
auf Goethescher Kunst- und Erkenntnisgesinnung. Aber zu gleicher Zeit
mufi gerade hier gesagt werden: In dem Gegensatze, den Goethe in sei-
nem «Faust» aufgerichtet hat zwischen den guten Machten und dem
Mephistopheles, liegt derselbe Irrtum wie in Miltons «Verlorenem Pa-
radies» : auf der einen Seite die guten Machte, auf der anderen Seite die
schlechte Macht Mephistopheles. In diesem Mephistopheles hat Goethe
bunt durcheinandergeworfen das Luziferische auf der einen Seite, das
Ahrimanische auf der anderen Seite, so dafi in der Goetheschen Mephi-
stopheles-Figur fur den, der die Sache durchschaut, zwei geistige Indi-
vidualitaten durcheinandergemischt sind, unorganisch durcheinander-
gemischt sind. Erkennen mufi der Mensch, wie sein wahres Wesen nur
ausgedriickt werden kann durch das Bild des Gleichgewichtes: Wie der
Mensch auf der einen Seite versucht ist, gewissermafien iiber seinenKopf
hinauszuwollen, hinauszuwollen in das Phantastisch-Schwarmerische
hinein, hinauszuwollen in das falsch Mystische hinein, hinauszuwollen
in all dasjenige, was phantastisch ist. Das ist die eine Macht. Die andere
Macht ist diese, die den Menschen gewissermafien herunterzieht in das
Materialistische, in das Niichterne, Trockene und so weiter. Nur dann
verstehen wir den Menschen, wenn wir ihn auffassen seinem Wesen
nach als strebend nach dem Gleichgewichte zwischen, sagen wir, auf
dem einen Waagebalken dem Ahrimanischen, auf dem anderen Waage-
Tafei 14 balken dem Luziferischen. (Siehe Zeichnung, S. 165.)
Der Mensch hat fortwahrend die Gleichgewichtslage zwischen die-
sen beiden Machten anzustreben, zwischen demjenigen, das ihn hinaus-
fiihren mochte iiber sich selbst, und demjenigen, das ihn herabziehen
mochte unter sich selbst. Nun hat die neuere Geisteszivilisation ver-
f Tafel 14
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wechselt das Phantastisch-Schwarmerische des Luziferischen mit dem
Gottlichen. So daft in dem, was als Paradies geschildert wird, in der Tat
die Schilderung des Luzif erischen vorliegt, und daft man die furchtbare
Verwechselung begeht zwischen dem Luzif erischen und dem Gottlichen,
weil man nicht weift, daft es darauf ankommt, die Gleichgewichtslage
zwischen zwei den Menschen nach der einen oder nach der anderen
Seite hin zerrenden Machten zu halten.
Diese Tatsache muftte zunachst auf gedeckt werden. Wenn der Mensch
streben soli nach demjenigen, was man das Christliche nennt, worunter
aber heute sonderbare Dinge oftmals verstanden werden, dann muft er
sich klar sein, daft dies nur ein Streben sein kann in der Gleichgewichts-
lage zwischen dem Luzif erischen und dem Ahrimanischen, und daft
namentlich die drei bis vier letzten Jahrhunderte so sehr ausgeschaltet
haben die Erkenntnis des wirklichen Menschenwesens, daft man von
dem Gleichgewichte wenig weift und das Luziferische umgetauft hat in
das Gottliche in dem «Verlorenen Paradies», und einen Gegensatz ge-
macht hat aus dem Ahrimanischen, der kein Ahriman mehr ist, aber der
zum modernen Teufel oder zur modernen Materie oder zu irgend etwas
dergleichen geworden ist. Dieser Dualismus, der in Wirklichkeit ein
Dualismus ist zwischen Luzifer und Ahriman, dieser Dualismus spukt
im Bewufttsein der modernen Menschheit als der Gegensatz zwischen
Gott und dem Teufel. Und das «Verlorene Paradies» muftte eigentlich
aufgefaftt sein als eine Schilderung des verlorenen luzif erischen Reiches,
es ist nur umgetauft.
So stark mufi man heute in den Geist der neueren Zivilisation hinein-
weisen, well es notig ist, daft die Menschheit sich klar werde daniber,
wie sie auf eine abschiissige Bahn - es ist eine historische Notwendig-
keit, aber Notwendigkeiten sind doch auch dazu da, daft man sie be-
greif t -, wie sie auf eine abschiissige Bahn gekommen ist und, wie gesagt,
nur durch die radikalste Kur wiederum aufwarts kommen kann. Oft-
mals versteht man heute unter der Schilderung der geistigen Welt eine
Darstellung dessen, was iibersinnlich ist, was aber nicht lebt hier auf
unserer Erde. Man mochte mit einer geistigen Anschauung f luchten von
dem, was uns hier auf unserer Erde umgibt. Man weifi nicht, dafi man
- indem man also flieht in ein abstraktes geistiges Reich - gerade nicht
den Geist, sondern die luziferische Region findet. Und manches, was
sich heute Mystik nennt, was sich heute Theosophie nennt, ist ein Auf-
suchen der luziferischen Region. Denn das blofie Wissen von einem
Geiste, das kann dem heutigen Geistesstreben der Menschen nicht zu-
grunde liegen, weil es angemessen ist diesem heutigen, diesem gegen-
wartigen Geistesstreben, zu erkennen den Zusammenhang zwischen
den geistigen Welten und der Welt, in die wir hineingeboren werden,
um zwischen der Geburt und dem Tode in ihr zu leben.
Diese Frage sollte uns vor alien Dingen dann gerade beriihren, wenn
wir den Blick nach geistigen Welten richten: Warum werden wir aus
den geistigen Welten heraus in diese physische Welt hineingeboren? -
Nun, wir werden in diese physische Welt hineingeboren - und ich werde
morgen und iibermorgen dasjenige, was ich heute skizziere, genauer
ausfuhren -, weil es hier auf dieser Erde Dinge zu erfahren, Dinge zu
erleben gibt, die in den geistigen Welten nicht erlebt werden konnen,
sondern um diese zu erleben, mufi man heruntersteigen in diese physi-
sche Welt, und man mufi aus dieser physischen Welt die Ergebnisse
dieses Erlebens hinauftragen in die geistigen Welten. Man mufi, um das
zu erreichen, aber auch in diese physische Welt untertauchen, mufi
gerade mit seinem Geist erkenntnismafiig in diese physische Welt unter-
tauchen. Um der geistigen Welt willen mufi man in diese physische
Welt untertauchen.
Nehmen wir einmal, um es radikal zu sagen, was ich aussprechen
will, einen normalen Menschen der Gegenwart, der sich redlich ernahrt,
seine gehorige Anzahl von Stunden schlaft, fruhstuckt, zu Mittag und
zu Abend ifit und so weiter, und der auch geistige Interessen hat, sogar
hohe geistige Interessen, der Mitglied, sagen wir, einer theosophischen
Gesellschaft wird, weil er geistige Interessen hat, da alles mogliche
treibt, um zu wissen, was in den geistigen Welten vorgeht. Nehmen wir
einen solchen Menschen, der sozusagen im kleinen Finger alles dasjenige
hat, was in dieser oder jener theosophischen Literatur der Gegenwart
notifiziert wird, der aber sonst nach den gewohnlichen Usancen des
Lebens lebt. Nehmen wir ihn, diesen Menschen! Was bedeutet all sein
Wissen, das er sich aneignet mit seinen hoheren geistigen Interessen?
Es bedeutet etwas, was hier auf dieser Erde ihm einige innerliche see-
lische Wollust bereiten kann, so einen richtigen luziferischen Genufi,
wenn es auch ein raffinierter, verfeinerter Seelengenufi ist. Es wird
nichts davon durch des Todes Pforte getragen, gar nichts davon wird
durch des Todes Pforte getragen. Denn es kann unter solchen Menschen
- und sie sind sehr haufig - solche geben, die, trotzdem sie im kleinen
Finger haben, was ein Astralleib, ein Xtherleib und so weiter ist, keine
Ahnung davon haben, was vorgeht, wenn eine Kerze brennt. Sie haben
keine Ahnung davon, welche Zauberkunststiicke aufgefuhrt werden,
damit draufien die Tramway fahrt. Sie fahren zwar damit, aber sie
wissen nichts davon. Aber noch mehr : sie haben zwar im kleinen Finger,
was Astralleib, Atherleib ist, Karma, Reinkarnation, aber sie haben
keine Ahnung davon, was gesprochen wird, angestrebt wird zum Bei-
spiel heute in den Versammlungen proletarischer Menschen. Es interes-
siert sie nicht. Es interessiert sie nur, wie der Atherleib ausschaut, wie
der Astralleib ausschaut, es interessiert sie nicht, welche Wege das Kapir
tal macht, indem es seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts die eigentlich
herrschende Macht geworden ist. Das Wissen vom Atherleib, Astral-
leib, das niitzt nichts, wenn die Menschen gestorben sind. Gerade das
mufi man aus einer wirklichen Erkenntnis der geistigen Welt heraus
sagen. Es hat erst dann einen Wert, wenn dieses geistige Erkennen das
Instrument wird, um unterzutauchen in das materielle Leben und da
im materiellen Leben dasjenige auf zunehmen, was in den geistigen Wel-
ten selber nicht aufgenommen werden kann, was aber hineingetragen
werden mufi.
Wir haben heute eine Naturwissenschaft, die wird an unseren Uni-
versitaten auf den verschiedensten Gebieten gelehrt. Es wird experi-
mentiert, es wird geforscht und so weiter. Da kommt die Naturwissen-
schaft zustande. Mit dieser Naturwissenschaft speisen wir unsere Tech-
nik, mit dieser Naturwissenschaft heilen wir heute auch schon die Men-
schen, tun alles mogliche. Daneben gibt es kirchliche Bekenntnisse. Aber
ich frage Sie, haben Sie schon Kenntnis genommen von dem Inhalte so
gewohnlicher Sonntagnachmittagspredigten, wo zum Beispiele gespro-
chen wird von dem Reich Christi und so weiter? Welche Beziehung ist
zwischen der Naturwissenschaft und dem, was da gesprochen wird?
Zumeist gar keine. Beide Dinge gehen nebeneinander her. Die einen
glauben, sie haben die rechte Kraft, um iiber Gott und den Heiligen
Geist und alles mogliche zu reden. Wenn sie auch sagen, sie empf anden
die Dinge, sie reden doch in abstrakten Formen, in abstrakten Anschau-
ungen dariiber. Die anderen reden von einer geistlosen Natur. Keine
Briicke wird geschlagen! Dann haben wir in der neueren Zeit selbst
allerlei theosophische Anschauungen bekommen, mystische Anschau-
ungen bekommen. Ja, diese mystischen Anschauungen, sie reden iiber
alles mogliche Lebensferne, aber sie reden nicht vom Menschenleben,
weil sie nicht die Kraft haben, unterzutauchen in das Menschenleben.
Ich mochte einmal fragen, ob denn im rechten Sinne von einem Welten-
schopfer geredet ware, wenn man ihn so ausdachte, dafi er ja ein sehr
interessanter schoner Geist ware, aber niemals hatte zur Weltschopfung
kommen konnen? Die geistigen Machte, von denen heute oftmals ge-
redet wird, die hatten niemals zur Weltschopfung kommen konnen,
denn die Gedanken, die wir iiber diese entwickeln, die sind nicht einmal
imstande einzugreifen in dasjenige, was unser Wissen iiber die Natur
oder unser Wissen iiber das soziale Leben der Menschen ist.
Ich darf vielleicht, ohne unbescheiden zu werden, an einem Beispiel
erlautern, was ich meine. In einem meiner letzten Biicher - «Von Seelen-
ratseln» — habe ich darauf aufmerksam gemacht, und ich habe es ja ofter
in miindlichen Vortragen ausgesprochen, welcher Unsinn gelehrt wird
in der heutigen Physiologie, also auch einer Naturwissenschaft: der Un-
sinn, dafi es zweierlei Nerven im Menschen gibt, motorische Nerven,
die dem Willen zugrunde liegen, und sensitive Nerven, die den Wahr-
nehmungen, den Empfindungen zugrunde liegen. Nun, seit es Telegra-
Tafel 14 phie gibt, hat man ja das Bild von der Telegraphie. Also: vom Auge geht
rechts ^ Nerv 2um Zentralorgan, dann vom Zentralorgan aus geht er wie-
derum zu irgendeinem Gliede. Wir sehen irgend etwas sich da bewegen
als ein Glied, da geht der Telegraphendraht von diesem Organ, vom
Auge, zum Zentralorgan, das setzt den Bewegungsnerv in Tatigkeit,
dann wird die Bewegung ausgefiihrt.
Diesen Unsinn lafit man die Naturwissenschaf t lehren. Man mufi sie
ihn lehren lassen, denn man redet in einer abstrakten geistigen An-
schauung von allem moglichen, nur entwickelt man nicht solche Ge-
danken, die positiv eingreifen konnen in das Naturgetriebe. Man hat
nicht die Starke in dem, was die geistigen Anschauungen sind, urn ein
Wissen iiber die Natur selbst zu entwickeln. Es gibt namlich nicht einen
Unterschied zwischen motorischen und sensitiven Nerven, sondern das-
jenige, was man Willensnerven nennt, sind auch sensitive Nerven, sie
sind nur dazu da, um unsere eigenen Glieder dann wahrzunehmen,
wenn Bewegungen ausgefiihrt werden sollen. Das Schulbeispiel der
Tabes, das beweist gerade das Gegenteil dessen, was bewiesen werden
soli. Ich will nicht weiter darauf eingehen, weil unter Ihnen nicht ent-
sprechende physiologische Vorkenntnisse sind. Ich wiirde allerdings
iiber diese Dinge im Kreise von physiologisch, biologisch vorgebildeten
Leuten einmal sehr gerne dariiber reden. Hier will ich aber nur darauf
aufmerksam machen, dafi wir auf der einen Seite eine Naturwissen-
schaft haben, auf der anderen Seite ein Reden und Predigen von geisti-
gen Welten, das nicht eindringt in irgendwelche realen Welten, die uns
in der Natur vorliegen. Das aber brauchen wir. Wir brauchen eine Er-
kenntnis des Geistes, die so stark ist, dafi sie zu gleicher Zeit Natur-
wissenschaft werden kann. Die werden wir nur erlangen, wenn wir das
Wollen beriicksichtigen, auf das ich Sie heute hier aufmerksam machen
wollte. Hatten wir eine sektiererische Bewegung begriinden wollen, die
nur auch irgendeine Dogmatik iiber das Gottliche und Geistige hat und
die einen Bau braucht, so hatten wir irgendeinenBau aufgefiihrt, respek-
tive auffuhren lassen. Da wir das nicht wollten, sondern da wir schon
in dieser aufieren Handlung andeuten wollten, dafi wir untertauchen
wollen in das Leben, muflten wir uns auch diesen Bau ganz aus dem
Wollen der Geisteswissenschaft heraus selber bauen.Und an den Einzel-
heiten, dieses Baues wird man einmal sehen, dafi tatsachlich wichtige
Prinzipien, die heute unter dem Einflusse der erwahnten zwei Dualis-
men in das falscheste Licht geriickt werden, auf ihre gesunde Grund-
lage gestellt werden konnen. Ich mochte Sie nur auf eines heute noch
aufmerksam machen.
Sehen Sie sich einmal die aufeinanderfolgenden sieben Saulen an, die
auf jeder Seite unseres Hauptbaues stehen (es wird gezeichnet): Da
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haben Sie dariiber Kapitale, darunter Sockel. Die sind nicht gleich,
sondern jeder f olgende entwickelt sich aus dem vorhergehenden. So dafi
Sie eine Anschauung bekommen des zweiten Kapitals, wenn Sie sich
lebensvoll in das erste und seine Formen hineinversetzen, lebendig wer-
den lassen den Gedanken der Metamorphose als Organisches, und jetzt
wirklich einen so lebendigen Gedanken haben, dafi dieser Gedanke
nicht abstrakt ist, sondern dafi er dem Wachsen folgt. Dann konnen Sie
das zweite Kapital aus dem ersten entwickelt sehen, das dritte aus dem
zweiten, das vierte aus dem dritten und so weiter bis zum siebenten.
So ist versucht worden, in lebendiger Metamorphose ein Kapital, ein
Architravstiick und so weiter aus dem anderen heraus zu entwickeln,
nachzubilden dasjenige Schaffen, das als geistiges Schaffen in derNatur
selber lebt, indem die Natur eine Gestalt aus der anderen hervorgehen
lalk. Ich habe das Gefiihl, dafi kein Kapital anders sein konnte als es
nun ist.
Aber dabei hat sich etwas sehr Merkwurdiges herausgestellt. Wenn
heute die Leute von Evolution reden, da sagen sie oftmals: Entwicke-
lung, Entwickelung, Evolution, erst das Unvollkommene, dann das
etwas weiter Vollkommene, das mehr Diff erenzierte und so fort, und
immer werden die vollkommeneren Dinge auch die komplizierteren.
Das konnte ich nicht durchfuhren, als ich die sieben Kapitale auseinan-
der entstehen liefi nach der Metamorphose, sondern als ich zum vierten
Kapital kam, ergab sich mir, daft ich dieses vierte, da ich nun das nach-
ste, das f iinf te, das vollkommener sein sollte, als das vierte, auszubilden
hatte als das komplizierteste. Das heifit, als ich nicht wie Haeckel oder
Darwin nur in Gedanken die abstrakten Dinge verfolgte, sondern als
ich die Formen so machen mufite, wie die Form hervorgeht aus dem
Vorhergehenden - so wie in der Natur selbst eine Form nach der an-
deren aus den Vitalkraf ten hervorgeht -, da war ich genotigt, zwar die
fiinfte Form in ihren Flachen kunstvoller zu machen als die vierte, aber
nicht komplizierter, sondern einf acher wurde die ganze Form. Und die
sechste wurde wieder einfacher und die siebente wieder einfacher. Und
so stellte sich mir heraus, daft Evolution nicht ein Fortschreiten zu
immer Differenzierterem und Dif ferenzierterem ist (es wird die Gerade
an die Tafel gezeichnet), sondern dafl Evolution ein Ansteigen ist zu
einem hoheren Punkte, dann aber wiederum ein Fallen in Einfacheres
und Einfacheres.
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Das ergab sich einf ach aus dem Arbeiten selbst. Und ichkonnte sehen,
wie dieses im kiinstlerischen Arbeiten sich ergebende Prinzip der Evo-
lution dasselbe ist, wie das Prinzip der Evolution in der Natur.
Denn betrachten Sie das menschliche Auge, so ist es ja sicher voll-
kommener als die Augen mancher Tiere. Aber die Augen mancher Tiere
sind komplizierter als das Menschenauge. Sie haben zum Beispiel innen
eingeschlossen gewisse bluterfiillte Organe, den Schwertfortsatz, den
Facher, die beim Menschen nicht da sind, gewissermafien auf gelost sind.
Das menschliche Auge ist wieder vereinfacht gegeniiber den Formen
mancher Tieraugen. Verfolgen wir die Entwickelung des Auges, so fin-
den wir: es ist zuerst primitiv, einf ach, dann wird es immer komplizier-
ter und komplizierter, dann aber vereinfacht es sich wiederum, und das
Vollkommenste ist nicht das Komplizierteste, sondern wiederum ein
Einfacheres als das in der Mitte Stehende.
Und man war dazu genotigt, es selbst so zu machen, indem man
kunstlerisch das ausbildete, was eine innere Notwendigkeit auszubilden
hiefi. Nicht wurde hier angestrebt iiber etwas zu forschen, sondern die
Verbindung mit den Vitalkraften selbst wurde angestrebt. Und in un-
serem Bau hier wurde angestrebt die Formen so zu gestalten, dafi in
diesem Gestalten dieselben Krafte drinnen liegen, die als der Geist der
Natur dieser Natur zugrunde liegen. Ein Geist wird gesucht, der nun
tatsachlich schopferisch ist, der in den Produktionen der Welt drinnen
lebtj der nicht blofi predigt. Das ist das Wesentliche. Das ist auch der
Grund, warum es manches absetzte hier gegeniiber denen, die auch
unseren Bau ausgestalten wollten mit alien moglichen Symbolen und
dergleichen. Es ist kein einziges Symbol im Bau, sondern alles sind die
Formen, die dem Schaffen vom Geist in der Natur selbst nachgebildet
sind.
Damit aber ist der Anfang eines Woliens gegeben, das seine Fort-
setzung finden mufi. Und zu wiinschen ware es, dafi gerade dieser Ge-
sichtspunkt der Sache verstanden wurde, dafi verstanden wiirde, wie in
der Tat gesucht werden sollen Urquellen menschlichen Intendierens,
menschlichen Schaffens, die auf alien Gebieten notwendig sind fur die
neuere Menschheit. Wir leben ja heute mitten in Forderungen. Aber es
sind alles einzelne Forderungen, aus den verschiedenen Lebenskreisen
heraus spriefien diese Forderungen auf. Wir brauchen aber auch eine
Zusammenfassung. Sie kann nicht von irgend etwas kommen, was nur
im Umkreise des aufieren sichtbaren Daseins schwebt, denn allem Sicht-
baren liegt das Ubersichtbare zugrunde, und dieses mufi man heute
erfassen. Ich mochte sagen: Man sollte gar sehr hinhoren auf die Dinge,
die heute geschehen, und man wird finden, dafi es gar kein so absurder
Gedanke ist, dafi das Alte zusammenfallt. Dann mufi aber etwas da
sein, das an die Stelle treten kann. Doch um mit diesem Gedanken sich
zu befreunden, braucht man einen gewissen Mut, der nicht im aufieren
Leben erworben wird, sondern der innerlichst erworben werden mufi.
Dieser Mut, ich mochte ihn nicht def inieren, mochte ihn charakteri-
sieren. Die schlafenden Seelen von heute werden ganz gewifi entzuckt
sem, wenn da oder dort irgend jemand auftritt und so malen kann wie
Raffael oder wie Leonardo. Das ist begreiflich. Aber wir miissen heute
den Mut haben zu sagen, nur derjenige hat ein Recht Raffael und Leo-
nardo zu bewundern, der weifi, dafi heute nicht so geschaffen werden
kann und darf, wie Raffael und Leonardo geschaffen haben. Schliefl-
lich kann man etwas sehr Philistroses sagen, um das zu veranschau-
lichen: Nur derjenige hat ein Recht heute, die geistige Tragweite des
pythagoraischen Lehrsatzes anzuerkennen, der nicht glaubt, dafi der
pythagoraische Lehrsatz heute erst entdeckt werden soli. Ein jegliches
Ding hat seine Zeit, und aus der konkreten Zeit heraus miissen die
Dinge begriff en werden.
Man braucht heute tatsachlich mehr, als manche Leute aufbringen
mochten, wenn sie sich auch irgendeiner geistigen Bewegung anschlie-
fien; man braucht heute die Erkenntnis, dafi wir vor eine Erneuerung
des Daseins der Menschheitsentwickelung uns stellen miissen. Es ist bil-
lig, zu sagen, unsere Zeit ist eine Ubergangszeit. Jede Zeit ist eine Uber-
gangszeit, es kommt nur darauf an, dafi man weifi, was ubergeht. Also
diese Trivialitat mochte ich nicht aussprechen, daft unsere Zeit eine
Ubergangszeit ist, aber das andere mochte ich sagen : Immerfort spricht
man davon, die Natur und das Leben machen keine Spriinge. Man ist
sehr weise, wenn man das ausspricht: Sukzessive Entwickelung, nir-
gends Spriinge! - Nun, die Natur macht fortwahrend Spriinge. (Es wird
gezeichnet:) Sie bildet stufenweise aus das grime Laubblatt, sie bildet es
um zum andersartigen Kelchblatt, zum farbigen Blumenblatt, zu den
Staubgefafien, zum Stempel.
Die Natur macht fortwahrend Spriinge, indem sie ein einzelnes Ge-
bilde bildet; das grofiere Leben macht fortwahrend Umschwiinge. Wir
sehen im Menschenleben, wie sich mit dem Zahnwechsel ganz neue Ver-
haltnisse einstellen, wie sich mit der Geschlechtsreife ganz neue Verhalt-
nisse einstellen. Und wiirde die Beobachtungsgabe der gegenwartigen
Menschen nicht so grob sein, so wiirde man um das zwanzigste Jahr
herum eine dritte Epoche und so weiter, und so weiter im Menschen-
leben wahrnehmen konnen.
Aber auch die Geschichte selbst ist ein Organismus, und solche
Spninge finden statt. Man geht an ihnen voruber. Die Menschen haben
heute kein Bewufitsein davon, welch bedeutungsvoller Sprung ge-
schehen ist um die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts, oder eigentlich
in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Aber dasjenige, was sich damals ein-
geleitet hat, das will in der Mitte unseres Jahrhunderts sich erfiillen.
Und es ist wahrhaf tig keine Spintisiererei, sondern etwas, was sich alien
exakten Wahrheiten an die Seite stellen kann, wenn man davon spricht,
dafi die Ereignisse, die die Menschheit so bewegen, und die solche Kul-
mination in der letzten Zeit erlangt haben, hintendieren nach etwas,
das man wirklich herausfinden kann als sich vorbereitend und als stark
hereinbrechend in die Menschheitsevolution fur die Mitte dieses Jahr-
hunderts. Auf solche Dinge mufi derjenige eingehen, der nicht aus
irgendwelcher Willkiir heraus Ideale fur die Menschheitsentwickelung
aufstellen will, sondern der mit den schaffenden Kraften der Welt
Geisteswissenschaft finden will, die dann auch einlaufen kann in das
Leben.
ZEHNTER VORTRAG
Dornach, 13.Dezember 1919
Gestern habe ich Ihnen gesprochen von den Beziehungen anthropo-
sophisch orientierter Geisteswissenschaft zu den Formen unseres Baues.
Ich wollte besonders darauf hinweisen, dafi die Beziehungen dieses
Baues zu unserer Geisteswissenschaft nicht aufierliche sind, sondern dafi
gewissermafien der Geist, der waltet in unserer Geisteswissenschaft, ein-
geflossen ist in diese Formen. Und ein besonderer Wert mufi darauf
gelegt werden, dafi gewissermafien behauptet werden kann, dafi ein
wirkliches, empfindungsgemafies Verstehen dieser Formen ein Ablesen
des inneren Sinnes bedeutet, der in unserer Bewegung vorhanden ist.
Ich mochte heute noch auf einiges auf den Bau Beziigliches eingehen,
urn dann daran ankniipfend einige wichtige Dinge aus der Anthropo-
sophie Ihnen heute oder morgen vorzubringen.
Sie werden sehen, wenn Sie sich den Bau betrachten, dafi sein Grund-
rifi zwei ineinandergreif ende Kreise sind, ein kleinerer und ein grofierer,
so dafi ich etwa schematisch den Grundrifi so zeichnen konnte (es wird Tafel 16
der Grundrifi gezeichnet).
Der ganze Bau ist von Osten nach Westen orientiert. (Es wird die
Ost-West-Linie gezogen.) Nun werden Sie gesehen haben, dafi diese
Ost-West-Linie die einzige Symmetrie-Achse ist, dafi also alles symme-
trisch auf diese Achse hin orientiert ist.
Im iibrigen haben wir es nicht zu tun mit einem blofien mechani-
schen Wiederholen der Formen, wie man es sonst in der Baukunst fin-
det, etwa mit gleichen Kapitalen oder dergleichen, sondern wir haben
es zu tun, wie ich schon gestern ausfiihrte, mit einer Evolution der For-
men, mit einem Hervorgehen spaterer Formen aus fruheren Formen.
Sie finden, abschliefiend den aufieren Umgang, sieben Saulen zur
Linken und sieben zur Rechten. (Die Saulen werden angedeutet.) Und Tafel 16
ich habe schon gestern erwahnt, dafi diese sieben Saulen Kapitale und
Sockel haben und iiber sich die entsprechenden Architrave, die in fort-
laufender Evolution ihre Formen entwickeln.
Wenn Sie diesen Grundrifi empfinden, dann werden Sie einfach in
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diesen zwei ineinandergreif enden Kreisen - aber Sie miissen es empfin-
dungsgemafi erf assen - etwas haben, was hinweist auf die Entwickelung
der Menschheit. Ich habe schon gestern gesagt, dafi ungefahr in der
Mitte des 15. Jahrhunderts ein ganz bedeutungsvoller Einschnitt in der
Entwickelung der Menschheit zu verzeichnen ist. Dasjenige, was man
schulmafiig und aufierlich «Geschichte» nennt, das ist ja nur eine Fable
convenue, denn die verzeichnet aufiere Tatsachen so, daft dabei der
Schein hervorgerufen wird, als wenn es mit dem Menschen im wesent-
lichen schon im 8., 9. Jahrhunderte so gestanden hatte, wie es etwa im
18. oder 19. Jahrhundert gestanden hat. Es sind ja sogar schon neuere
Geschichtsschreiber darauf gekommen, zum Beispiel Lamprecht, dafi
dies ein Unsinn ist, dafi in der Tat die Seelenverfassung und Seelen-
stimmung der Menschen eine ganz andere war vor und nach dem an-
gedeuteten Zeitpunkte. Und wir in der Gegenwart stehen in einer Ent-
wickelung drinnen, die wir nur verstehen konnen, wenn wir uns bewufk
werden, dafi wir mit eigenartigen Seelenkraften uns der Zukunft ent-
gegen entwickeln, und daft diejenigen Seelenkrafte, die ihre Entwicke-
lung durchgemacht haben bis in diejenige des 15. Jahrhunderts, zwar
jetzt noch, man konnte sagen, in den Menschenseelen spuken - sie klin-
gen ab — , dafi sie aber zu dem gehoren, was untergeht, zu dem, was ver-
urteilt ist dazu, aus der Menschheitsevolution her auszuf alien. Ober
diesen wichtigen Umschwung in der Menschheitsentwickelung mufi
man ein Bewulksein entwickeln, wenn man iiberhaupt fahig werden
soli, iiber die Angelegenheiten der Menschheit in der Gegenwart und
in der nachsten Zukunft mitzureden.
Solche Dinge driicken sich besonders da aus, wo die Menschen be-
deutungsvoll hinweisen wollen auf dasjenige, was sie fiihlen, was sie
empfinden. Wir brauchen uns ja nur an eines in der Entwickelung der
Baukunst zu erinnern, was wir hier ja schon angefiihrt haben, auf das
ich aber heute erneut wiederum hinweisen will, urn an einem Beispiele
zu zeigen, wie die Entwickelung der Menschheit fortschreitet.
Betrachten Sie einmal die Formen eines griechischen Tempels. Wie
kann man die Formen eines griechischen Tempels verstehen? Man kann
sie nur verstehen, wenn man sich klar dariiber ist, dafi der ganze Bau-
gedanke dieses griechischen Tempels daraufhin orientiert ist, den Tem-
pel zum Wohnhaus des Gottes oder der Gottin zu machen, die man als
Standbild darinnen hatte. Alle Formen des griechischen Tempels waren
ein Unding, wenn man ihn nicht so auffafite, dafi er die Umhullung,
das Wohnhaus des Gottes oder der Gottin ist, die drinnenstehen sollten.
Schreiten wir vor von den Formen des griechischen Tempels zu den
nachsten, wiederum signifikanten Formen des Bauens, so kommen wir
zu dem gotischen Dom. Wer in einen gotischen Dom hineingeht und das
Gefuhl hat, er habe mit diesem gotischen Dom etwas Abgeschlossenes,
Fertiges vor sich, der versteht die Formen des gotischen Baues nicht,
ebensowenig wie derjenige die Formen des griechischen Tempels ver-
steht, der ihn auch so betrachten kann, dafi kein Gotterbild drinnen-
steht. Ein griechischer Tempel ohne Gotterbild - wir brauchen es uns
ja nur drinnen zu denken, aber es mufi eben, um die Form zu verstehen,
drinnen gedacht werden -, ein griechischer Tempel ohne Gotterbild ist
eine Unmoglichkeit fur das empfindende Verstandnis. Ein gotischer
Dom, der leer ist, ist auch eine Unmoglichkeit fur den Menschen, der
wirklich so etwas empf indet. Der gotische Dom ist erst f ertig, wenn die
Gemeinde drinnen ist, wenn er mit Menschen angefiillt ist, und eigent-
lich nur dann, wenn er mit Menschen angefiillt ist und zu den Menschen
gesprochen wird, so dafi der Geist des Wortes iiber der Gemeinde oder
in den Herzen der Gemeinde waltet. Dann ist der gotische Dom fertig.
Aber die Gemeinde gehort dazu, sonst sind die Formen nicht verstand-
lich.
Was haben wir denn da eigentlich fiir eine Evolution vor uns von
dem griechischen Tempel bis zum gotischen Dom? Das andere sind im
Grunde genommen Zwischenformen, was auch dariiber irrtiimliche
Geschichtsauslegung sagen moge. Was haben wir denn da fiir eine Evo-
lution vor uns? Wenn wir auf die griechische Kultur hinblicken, diese
Bliite der vierten nachatlantischen Periode, so mtissen wir sagen: Im
griechischen Bewufitsein lebte noch etwas von dem Verweilen gottlich-
geistiger Gewalten unter den Menschen, nur dafi die Menschen dazu
verhalten waren, ihren Gottern, die sie sich selbst nur in den Bildern
vergegenwartigen konnten,Wohnhauser zu bauen. Der griechische Tem-
pel war das Wohnhaus des Gottes oder der Gottin, von denen man das
Bewufitsein hatte: sie gehen herum unter den Menschen. Ohne dieses
Bewufitsein der Gegenwart gottlich-geistiger Machte ist die Hinein-
stellung des griechischen Tempels in die griechische Kultur gar nicht zu
denken.
Schreiten wir nun vorwarts von der Bliite der griechischen Kultur zu
dem Auslauf dieser Kultur gegen das Ende der vierten nachatlantischen
Periode, also gegen die Zeiten des 8., 9., 10. nachchristlichen Jahrhun-
derts, so kommen wir hinein in die Formen der gotischen Baukunst, die
da fordert die Gemeinde. Alles entspricht dem Empfindungsleben der
Menschen der damaligen Zeit. Die Menschen waren in ihrer Seelen-
stimmung naturlich anders in dieser Zeit, als in der Hochblute des grie-
chischen Denkens. Das Bewufitsein von der unmittelbaren Gegenwart
gottlich-geistiger Machte war nicht vorhanden, die gottlich-geistigen
Machte waren fern in ein Jenseits versetzt. Das irdische Reich war viel-
fach angeklagt als ein solches des Abfallens von den gottlich-geistigen
Machten. Das Materielle sah man an als etwas, das zu meiden ist, von
dem der Blick abzuwenden ist, der dagegen hinzuwenden ist zu den
geistigen Machten. Und der eine Mensch suchte im Anschlufi an den
anderen in der Gemeinde - gewissermafien aufsuchend den Gruppen-
geist der Menschheit - das Walten des Geistigen, das damit auch den
Charakter eines gewissen Abstrakten gewonnen hatte. Daher machen
die Formen der Gotik auch einen abstrakt-mathematischen Eindruck
gegeniiber den mehr dynamisch wirkenden Formen der griechischen
Baukunst, die etwas haben vom wohnlichen Umfassen des Gottes oder
der Gottin. In den gotischen Formen ist alles aufstrebend, es ist alles
darauf hinweisend, dafi in geistigen Fernen gesucht werden mufi das-
jenige, wonach die Seele diirstet. Dem Griechen war sein Gott und seine
Gottin da. Er horte gewissermafien mit seinem Seelenohr deren Raunen.
Die sehnsuchtige Seele nur konnte in Formen, die nach oben zuliefen,
das Gottliche ahnen in der Zeit der Gotik,
So war die Menschheit gewissermafien mit Bezug auf ihre Seelen-
stimmung sehnsiichtig geworden, baute auf Sehnsuchten, baute auf das
Suchen, glaubte in diesem Suchen glucklicher sein zu konnen durch den
Zusammenschlufi in der Gemeinde, aber war immer iiberzeugt, dafi das-
jenige, was als das Gottlich-Geistige anzuerkennen ist, nicht etwas ist,
was unmittelbar unter den Menschen waltet, sondern was in geheimnis-
vollen Untergriinden sich verbirgt. Wenn man nun dasjenige, was man
da sehnsiichtig erstrebte, sehnsiichtig suchte, ausdriicken wollte, konnte
man es nur so ausdriicken, dafi man irgendwie es ankmipfte an ein
Geheimnisvolles. DerZeitausdruck fiir diese ganze Seelenstimmung der
Menschen ist der Tempel oder der Dom, konnten wir auch sagen, der in
seiner eigentlichen, typischen Form der gotische Dom ist. Aber wenn
man wiederum dasjenige, was man als das allerhochst Geheimnis voile
ersehnte, in das geistige Blickfeld riickte, so mufite man gerade in der
Zeit, in der man vom Irdischen ins Oberirdische sich erheben wollte,
von der blofien Gotik zu etwas anderem iibergehen, das, man mochte
sagen, nun nicht die physische Gemeinde vereinte, sondern den ganzen
zusammenstrebenden Geist der Menschheit oder die zusammenstreben-
den Seelengeister der Menschheit nach einem Mittelpunkt, nach einem
geheimnisvollen Mittelpunkt hinstreben liefi.
Wenn Sie sich etwa vorstellen die Gesamtheit der menschlichen See-
len wie von alien irdischen Himmelsrichtungen her zusammenstro-
mend, so haben Sie gewissermafien die Menschheit der ganzen Erde auf
dieser Erde vereint als in einem grofien Dome, den man nun nicht
gotisch dachte, obwohl er denselben Sinn haben sollte wie der gotische
Dom. Solche Dinge wurden im Mktelalter angekniipft an das Biblische.
Und wenn man sich etwa vorstellt, dafi die zweiundsiebzig Jiinger
- man braucht ja nicht an physische Geschichte zu denken, sondern an
das Geistige, das in diesen Zeiten durchaus die physische Anschauung
der Welt durchwebte — , wenn Sie sich also vorstellen, wie nach dem
Geiste der Zeit gedacht war, daft die zweiundsiebzig Junger Christi sich
nach alien Himmelsrichtungen verbreiteten und in die Seelen den Geist
pflanzten, der zusammenstromen sollte in dem Mysterium Christi: so
haben Sie in all dem, was wiederum von jenen zuriickstromte, in deren
Seelen die Junger den Christus-Geist hineingetragen haben, in den
Strahlen, die von all diesen Seelen aus alien Himmelsrichtungen kom-
men, dasjenige, was in umfassendster, in universellster Weise der friih-
mittelalterliche Mensch dachte als das zum Geheimnis Hinstrebende.
Ich brauche vielleicht nicht alle zweiundsiebzig zu zeichnen, aber ich
Tafei 16 kann es andeuten (es wird gezeichnet). Ich deute das nur an, denken
rec s Sie sich aber, es waren das zweiundsiebzig Pfeiler. Von diesen zwei-
undsiebzig Pfeilern wiirden also die Strahlen kommen, welche aus der
Gesamtmenschheit nach dem Geheimnisse Christi hinstreben. Umschlie-
fien Sie das Ganze mit einer irgendwie gearteten Wandung - gotisch
wiirde es dann nicht sein, aber ich sagte ja auch schon, warum man
nicht bei dem Gotischen streng stehen blieb deren Grundrifi ein Kreis
ist, und denken Sie sich hier die zweiundsiebzig Pfeiler, so wiirden Sie
den Dom haben, der gewissermafien die ganze Menschheit umfafit.
Denken Sie sich auch den von Osten nach Westen orientiert, so haben
Sie darinnen natiirlich einen ganz anderen Grundrifi zu empfinden als
bei unserem Bau, der aus den zwei Kreisstiicken zusammengesetzt ist.
Die Empfindung diesem Grundrifi gegeniiber mufi eine ganz andere
sein, und ich versuchte, skizzenhaft Ihnen diese Empfindung zu be-
schreiben. Es wiirde dann zu denken sein, dafi die Hauptorientierungs-
linien eines solchen Baues, der nach diesem Grundrifi aufgebaut ist,
Kreuzesform haben, und man wiirde sich etwa zu denken haben, dafi
Hauptgange nach dieser Kreuzesform angeordnet waren.
So dachte sich allerdings der mittelalterliche Mensch seinen Ideal-
Tafel 16 Dom. Wir wiirden (es wird weitergezeichnet), wenn das hier Osten, das
hier Westen ist, dann hier Norden und Siiden haben und dann wiirden
im Norden, Siiden und Westen drei Tore sein, hier im Osten wiirde eine
Art Hauptaltar sein, und bei jedem Pfeiler wiirde eine Art Seitenaltar
sein. Da aber, wo die Kreuzesbalken sich durchschneiden, da wiirde
stehen miissen der Tempel des Tempels, der Dom des Domes: da wiirde
gewissermafien die Zusammenfassung des Ganzen sein, im Kleinen eine
Wiederholung desjenigen, was das Ganze ist. Wir wiirden etwa in der
modernen, abstrakt gewordenen Sprache sagen: Hier wiirde stehen ein
Sakramentshauschen, aber in der Form des Ganzen.
Tafel 16
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Denken Sie sich dies, was ich Ihnen hier auf gezeichnet habe, in einem
Stil, in einem Baustil, der erst angenahert ist an die eigentliche Gotik,
der noch allerlei romanische Formen in sich schliefit, aber der durchaus
die Orientierung hat, die ich Ihnen hier angedeutet habe, dann habe ich
Ihnen damit die Skizze des Graltempels aufgezeichnet, wie sich ihn der
mittelalterliche Mensch vorstellte, jenes Graltempels, der gewisser-
mafien das Ideal des Bauens war in der Zeit, die sich dem Ausgang der
vierten nachatlantischen Epoche naherte: Ein Dom, in dem zusammen-
stromten die Sehnsuchten der ganzen nach Christus hin orientierten
Menschheit, so wie in dem einzelnen Dom zusammenstromten die Sehn-
suchten der Glieder der Gemeinde, und so, wie sich verbunden fiihlten
im griechischen Tempel die Menschen, auch wenn sie nicht drinnen
waren - denn der griechische Tempel fordert nur, dafi der Gott oder
die Gottin drinnen ist, nicht die anderen Menschen -, so also wie sich
verbunden fuhlten die griechischen Menschen eines Territoriums durch
ihren Tempel mit ihrem Gott oder ihrer Gottin. Will man sachgemafi
sprechen, so kann man sagen: Indem der Grieche von seinem Verhalt-
nis zu dem Tempel redete, schilderte er die Sache etwa in folgender
Weise. So wie er von irgendeinem Menschen der Erde, meinetwegen
dem Perikles, sagte: Der Perikles wohnt in diesem Hause - so drtickt
dieser Satz: Der Perikles wohnt in diesem Hause - nicht aus, dafi der
Mensch selber, der das ausspricht, irgendeine Eigentums- oder sonstige
Beziehung zu dem Hause hat, aber er empfindet doch die Art, wie er
verbunden ist mit dem Perikles, indem er sagt: Der Perikles wohnt in
diesem Hause! - Genau mit derselben Empfindungsnuance wiirde der
Grieche sein Verhaltnis auch ausgesprochen haben zu dem, was im Bau-
stil zu lesen war, damit ausdruckend: die Athene wohnt in diesem
Hause, das ist das Wohnhaus der Gottin, oder: der Apollo wohnt in
diesem Hause!
Das konnte die mittelalterliche Gemeinde, die den Dom hatte, nicht
sagen. Denn das war nicht das Haus, in welchem die gottlich-geistige
Wesenheit wohnte, das war das Haus, das ausdrikkte in jeder einzelnen
Form den Versammlungsort, in dem man die Seele hinstimmte zu dem
Geheimnisvoll-Gottlichen. Daher war in dem, ich mochte sagen, «Ur-
tempel» vom Ausgange der vierten nachatlantischen Zeit, in der Mitte
der Tempel des Tempels, der Dom des Domes. Und von dem Ganzen
konnte man sagen: Geht man hier hinein, dann kann man darinnen sich
erheben zu den Geheimnissen des Weltenalls! - In den Dom mufite man
hineingehen. Von dem griechischen Tempel brauchte man blofi zu
sagen: Das ist das Haus des Apollo, das ist das Haus der Pallas. - Und
der Mittelpunkt jenes Urtempels, wo sich die Balken des Kreuzes
schneiden, der Mittelpunkt, der barg den Heiligen Gral, der war da
aufbewahrt.
Sehen Sie, in dieser Art mufi man die Stimmung verfolgen, durch
welche die einzelnen geschichtlichenPerioden charakterisiert sind, sonst
lernt man dasjenige, was eigentlich geschehen ist, nicht kennen. Und
man kann vor alien Dingen ohne eine solche Betrachtung nicht kennen-
lernen, welche seelischen Krafte sich wiederum in unserer Gegenwart
ansetzen.
Also, der griechische Tempel umschlofi den Gott oder die Gottin,
von denen man wufite: Sie sind unter den Menschen anwesend. Aber
das fiihlte der mittelalterliche Mensch nicht, der fiihlte gewissermafien
die irdische Welt Gott-verlassen, gottlich verlassen. Er fiihlte die Sehn-
sucht, den Weg zu finden zu den Gottern oder zu dem Gotte.
Wir stehen ja heute aller dings erst am Ausgangspunkt, denn es sind
ja nur ein paar Jahrhunderte seit dem grofien Umschwung in der Mitte
des 15. Jahrhunderts verflossen. Die meisten Menschen sehen kaum das-
jenige, was da aufgeht, aber es geht etwas auf, es wird anders mit den
Seelen der Menschen. Und dasjenige, was nun wiederum in die Formen
hineinfliefien mufi, in denen man das Zeitbewufitsein verkorpert, das
mufi auch wieder anders sein. Diese Dinge lassen sich aller dings nicht
mit dem Verstande, mit dem Intellekt ausspintisieren, diese Dinge las-
sen sich nur empfinden, fiihlen, kunstlerisch anschauen. Und derjenige,
der sie auf abstrakte Begriffe bringen will, der versteht sie eigentlich
nicht. Aber man kann doch in der verschiedensten Weise charakteri-
sierend auf diese Dinge hinweisen. Und so mufi gesagt werden: Der
Grieche fiihlte gewissermafien den Gott oder die Gottin wie seine Zeit-
genossen, wie seine Mitbewohner. Der mittelalterliche Mensch hatte
den Dom, der dem Gotte nicht als Wohnhaus diente, der aber gewis-
sermafien die Einlaflpforte sein sollte zu dem Wege, der zu dem Gott-
lichen fiihrt. Die Menschen versammelten sich in dem Dom und such-
ten gewissermafien aus der Gruppenseele der Menschheit heraus. Das ist
das Charakteristische, dafi diese ganze mittelalterliche Menschheit
etwas hatte, das nur zu verstehen ist aus dem Gruppenseelenhaften
heraus. Der einzelne, individuelle Mensch kam bis in die Mitte des
15. Jahrhunderts nicht so in Betracht wie seit jener Zeit. Seit jener Zeit
ist dasjenige, was das Wesentlichste im Menschen ist, das Streben, Indi-
vidualist zu sein, das Streben, individuelle Personlichkeitskrafte zu-
sammenzufassen, gewissermafien einen Mittelpunkt in sich selber zu
finden.
Man versteht auch nicht dasjenige, was in den verschiedensten sozia-
len Forderungen unserer Zeit aufsteigt, wenn man nicht dieses Waken
des Individualgeistes in jedem einzelnen Menschen kennt, dieses Stehen-
wollen eines jeden einzelnen Menschen auf der Grundlage seines Wesens.
Dadurch aber wird fiir den Menschen etwas ganz besonders wichtig
in dieser Zeit, die mit der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat und
gegen das vierte Jahrtausend zu erst enden wird. Damit tritt etwas ein,
was fiir diese Zeit von ganz besonderer Wichtigkeit ist. Denn sehen Sie,
es ist etwas Unbestimmtes ausgedriickt, wenn man sagen mufi: Jeder
Mensch strebt nach seiner besonderen Individualitat. Der Gruppen-
geist, selbst wenn er nur kleinere Gruppen umfafit, ist etwas viel Fa£-
bareres als dasjenige, was jeder einzelne Mensch aus dem Urquell seiner
Individualitat heraus erstrebt. Daher kommt es, dafi ganz besonders
wichtig wird fiir diesen Menschen der neueren Zeit das zu verstehen,
was man nennen kann: Gleichgewicht suchen zwischen den entgegen-
gesetzten Polen.
Das eine will gewissermafSen iiber den Kopf hinaus. Alles, was den
Menschen dazu bringt, Sch warmer, Phantast,Wahnmensch zu sein, was
ihn erfiillt mit unbestimmten mystischen Regungen nach irgendeinem
unbestimmten Unendlichen, ja, was ihn selbst erfiillt, wenn er Pantheist
oder Theist oder irgend so etwas ist, was man ja heute so haufig ist, das
ist der eine Pol. Der andere Pol ist der der Nuchternheit, der Trocken-
heit, trivial gesprochen, aber nicht unwirklich gesprochen gegeniiber
dem Geiste der Gegenwart, wahrhaftig nicht unwirklich gesprochen:
der Pol der Philistrositat, der Pol des Spiefibiirgertums, der Pol, der uns
hinunterzieht zur Erde in den Materialismus hinein. Diese zwei Kraf te-
pole sind im Menschen, und zwischen denen darinnen steht das Men-
schenwesen, hat es das Gleichgewicht zu suchen. Auf wie viele Arten
kann man denn das Gleichgewicht suchen? Sie konnen sich das wie-
Tafei 17 derum durch das Bild der Waage vorstellen (es wird gezeichnet). Auf
wie viele Arten kann man denn das Gleichgewicht suchen zwischen
zwei nach entgegengesetzten Richtungen ziehenden Polen?
Nicht wahr, wenn hier auf der einen Waagschale funfzig Gramm
oder funfzig Kilogramm sind, und hier auch, so ist Gleichgewicht. Aber
wenn hier auf der einen Waagschale ein Kilogramm ist, und hier auf der
anderen "Waagschale auch ein Kilogramm, so ist auch Gleichgewicht,
und wenn hier tausend und hier tausend sind, so ist auch Gleichgewicht.
Tafel 17
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7
Auf unendlich viele Arten konnen Sie das Gleichgewicht suchen.
Das entspricht den unendlich vieien Arten, individueller Mensch zu
sein. Daher ist fur den gegenwartigen Menschen so wesentlich, einzu-
sehen, dafi sein "Wesen in dem Streben nach Gleichgewicht zwischen
den entgegengesetzten Polen besteht.Und das Unbestimmte des Suchens
nach Gleichgewicht ist eben jenes Unbestimmte, von dem ich Ihnen vor-
hin gesprochen habe.
Daher kommt der Mensch der Gegenwart mit seinem Suchen nur zu-
recht, wenn er sich mit diesem Suchen anlehnt an das Streben nach dem
Gleichgewichte.
So wichtig, wie es f iir den Griechen war, zu fuhlen, in dem Gemein-
wesen, dem ich angehore, waltet die Pallas, waltet der Apollo, das ist
das Haus der Pallas, das ist das Haus des Apollo, so wichtig es fur den
mittelalterlichen Menschen war, zu wissen: es gibt einen Versammlungs-
ort, der birgt etwas - seien es die Reliquien eines Heiligen, sei es der
Heilige Gral selber -, es gibt einen Versammlungsort, in dem, wenn
man sich da versammelt, die Seelensehnsuchten nach dem unbestimm-
ten Geheimnisvollen stromen konnen, so wichtig ist es fiir den moder-
nen Menschen, ein Empfinden dafiir zu entwickeln, was er ist als in-
dividueller Mensch: dafi er als individueller Mensch ein Sucher des
Gleichgewichtes ist zwischen zwei entgegengesetzten, zwei polarischen
Kraften. Man kann seelisch das so ausdriicken, daf$ man sagt: Auf der
einen Seite waltet das, wodurch der Mensch gewissermafien iiber seinen
Kopf hinaus will, das Schwarmerische, das Phantastische, dasjenige,
was Lust entwickeln will, die nicht sich kummert um die realen Be-
dingungen des Daseins. So wie man das eine Extrem seelisch so bezeich-
nen kann, so das andere Extrem so, daft es hiniiberzieht nach der Erde,
nach dem Niichternen, Trockenen, trocken Intellektuellen und so wei-
ter. Physiologisch ausgedriickt kann man auch so sagen: Der eine Pol
ist alles dasjenige, wo das Blut hinkocht, und kocht es zu stark, so wird
es fieberhaft. Physiologisch ausgedriickt 1st der eine Pol alles dasjenige,
was mit den Kraften des Blutes zusammenhangt, der andere Pol alles
dasjenige, was zusammenhangt mit dem Knochigwerden, dem Petrifi-
zieren des Menschen, was, wenn es ins physiologische Extrem geht, zur
Sklerose in den verschiedensten Formen fuhren wiirde. Und zwischen
der Sklerose und dem Fieber als den radikalen Endpolen mufi auch
physiologisch der Mensch sein Gleichgewicht bewahren. Das Leben
besteht im Grunde genommen in dem Gleichgewichtsuchen zwischen
dem Niichternen, Trockenen, Philistrosen und dem Schwarmerisch-
Phantastischen. Seelisch gesund sind wir, wenn wir das Gleichgewicht
finden zwischen dem Schwarmerisch-Phantastischen und demTrocken-
Philistrosen. Korperlich gesund sind wir, wenn wir im Gleichgewichte
leben konnen zwischen dem Fieber und der Sklerose, der Verknoche-
rung. Und das kann auf unendlich viele Weise geschehen, darinnen
kann die Individuality leben.
Das ist dasjenige, worin der Mensch gerade in der modernen Zeit
erfuhlen mulS den alten Apollo-Spruch «Erkenne dich selbst». Aber
«Erkenne dich selbst» nicht in irgendeiner Abstraktion: «Erkenne dich
selbst in dem Streben nach Gleichgewicht.* Deshalb haben wir imOsten
des Baues aufzustellen dasjenige, was den Menschen empfinden lassen
kann dieses Streben nach Gleichgewicht. Und das soil in der gestern
erwahnten plastischen Holzgruppe zur Darstellung kommen, die als
Mittelpunktsfigur hat die Christus-Gestalt, die Christus-Gestalt, die
versucht worden ist so zu gestalten, dafi man sich vorstellen kann: So
hat wirklich der Christus in dem Menschen Jesus von Nazareth ge-
wandelt im Beginne unserer Zeitrechnung in Palastina. Die konven-
tionellen Bilder des bartigen Christus, sie sind ja eigentlich erst Schop-
fungen des 5., 6. Jahrhunderts, und sie sind wahrhaf tig nicht irgendwie,
wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, portratgetreu. Das ist ver-
sucht worden: einen portratgetreuen Christus zu schaffen, der der
Reprasentant zugleich sein soil des suchenden, des nach Gleichgewicht
Tafel 17 strebenden Menschen. (Es wird gezeichnet.)
Sie werden dann an dieser Gruppe zwei Figuren sehen: Hier den
stiirzenden Luzifer, hier den hinaufstrebenden Luzifer. Hier unten,
gewissermafien verbunden mit Luzifer, eine ahrimanische Gestalt, und
hier eine zweite ahrimanische Gestalt. Hineingestellt der Menschheits-
reprasentant zwischen der ahrimanischen Gestalt: dem Philistrosen,
dem Niichtern-Trocken-Materialistischen; und der Luzifer-Gestalt:
dem Schwarmerischen, Phantastischen. Der Ahriman-Gestalt: alldem,
was den Menschen fiihrt zur Petrifizierung, zur Sklerose; der Luzifer-
Gestalt: Reprasentanz alles dessen, was den Menschen fiebrig iiber das
Mafi derjenigen Gesundheit hinausfuhrt, das er ertragen kann.
Und so kommt man, nachdem gewissermafien in die Mitte hinein-
gestellt ist der gotische Dom, der kein solches Bildnis umschliefit, son-
dern entweder die Reliquien der Heiligen oder auch den Heiligen Gral
- also irgend etwas, was nicht mehr mit unmittelbar hier Wandelnden
zusammenhangt -, so kommt man, ich mochte sagen, wiederum zuriick
zu dem, dafi der Bau etwas Umschliefiendes wird, aber jetzt umschliefit
die Menschenwesenheit in ihrem Streben nach Gleichgewicht.
Wenn das Schicksal es will und einmal dieser Bau vollendet werden
kann, wird gewissermafSen der, welcher darinnen sitzt, unmittelbar vor
sich haben das, was ihm nahelegt, indem er hinsieht auf die Wesenheit,
die der Erdenevolution Sinn gibt, auszusprechen: Die Christus-Wesen-
heit. Aber die Sache soil kiinstlerisch empfunden werden. Es darf das
nicht spintisierend etwa nur als der Christus intellektuell gedacht wer-
den, sondern es mufi empfunden werden. Das Ganze ist kiinstlerisch
gedacht, und was kiinstlerisch in den Formen zum Ausdruck kommt,
das ist das Wichtigste. Dennoch aber soli es gerade rein empfindungs-
gemafi, ich mochte sagen, mit Ausschlufi des Intellektuellen, das nur die
Leiter zur Empfindung sein soil, dem Menschen nahelegen, nach dem
Osten hinzuschauen und sagen zu konnen: «Das bist Du», aber jetzt
nicht eine abstrakte Definition des Menschen, denn das Gleichgewicht
kann auf unendlich viele Arten hergestellt werden. Nicht ein Gotter-
bild ist umschlossen — denn es gilt ja auch fur die Christen, dafi sie sich
von dem Gotte kein Bild machen sollen -, nicht ein Gotterbild ist um-
schlossen, aber dasjenige ist umschlossen, was aus dem Gruppenseelen-
haften des Menschen sich herausgebildet hat zu der Individual-Kraft-
wesenheit jedes einzelnen Menschen. Und dem Wirken und Weben des
Individual-Impulses ist Rechnung getragen in diesen Formen.
Wenn Sie das, was ich jetzt gesagt habe, nicht mit dem Verstande
denken — das ist ja heute eine beliebte Art — , sondern wenn Sie es mit
dem Gefiihl durchdringen und sich denken, dafi nichts symbolisiert ist
oder verstandesmafiig ausgedacht ist, sondern vor allem wenigstens ver-
sucht worden ist, es ausstromen zu lassen in kiinstlerischen Formen,
dann haben Sie das Grundprinzip, das sich in diesem Bau des Goethe-
anum ausdriicken soli. Dann haben Sie aber auch die Art und Weise,
wie zusammenhangt mit dem inneren Geist der Menschheitsevolution
das, was sein will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. In
dieser Zeit kommt man dieser anthroposophisch orientierten Geistes-
wissenschaft nicht nahe, wenn man denWeg nicht sucht aus den grofien
Forderungen heraus der neueren Zeit der menschlichen Gegenwart und
der nachsten menschlichen Zukunft. Wir miissen wirklich anders reden
lernen iiber dasjenige, was eigentlich die Menschen der Zukunft ent-
gegentragt.
Es gibt jetzt mancherlei auf sich stolze Geheimgesellschaften, die
aber im Grunde genommen mehr oder weniger nichts anderes sind als
doch nur Trager dessen, was noch hereinragt aus der Zeit vor der gro-
fien Wende im 15. Jahrhundert. Das driickt sich ja oftmals auch sehr
aufierlich aus. Auch wir haben es ja oftmals erfahren konnen, dafi in
unsere Reihen hereinragt solches Streben. Wie oft und oft wird, wenn
man das besonders Wertvolle eines sogenannten okkulten Strebens aus-
driicken will, darauf hingewiesen, wie alt die Sache ist. Wir hatten zum
Beispiel einmal einen Mann unter uns, der wollte so ein bifichen sich
aufspielen als einen Rosenkreuzer. Und der hat uberhaupt, wenn er
etwas gesagt hat, was zumeist nichts anderes war als seine hochst eigene,
triviale Privatmeinung, nie versaumt zu sagen: wie die «alten» Rosen-
kreuzer gesagt haben. Aber das «alte» hat er nie ausgelassen. Und wenn
man nachschaut bei mancherlei der gegenwartigen Geheimgesellschaf-
ten, iiberall sieht man den Wert der Dinge, die man vertritt, darinnen,
dafi man auf das hochste Alter hinweisen kann. Manche gehen zuriick
auf das Rosenkreuzertum - in ihrer Art selbstverstandlich -, manche
natiirlich noch viel weiter, besonders ins alte Agypten, und wenn irgend
jemand agyptische Tempelweisheit heute verschleifien kann, dann fallt
schon ein grofier Teil der Menschheit auf die blofie Ankiindigung hin
herein.
Die meisten unserer Freunde wissen, dafi wir stets betont haben: mit
diesem Streben nach dem Alten hat diese anthroposophisch orientierte
Geistesbewegung nichts zu tun. Sie strebt nach dem, was jetzt unmittel-
bar aus der geistigen Welt heraus sich fur diese physische Welt offen-
bart. Daher mufi sie iiber vieles anders reden, als auch ernst zu neh-
mende, aber doch auf das Antiquierte bauende Geheimgesellschaften,
die gegenwartig noch in dem Geschehen der Menschheit eine grofie
Rolle spielen. Wenn Sie solche Leute reden horen - es wird ihnen ja aus
dem eigenen Willen heraus heute manchmal der Mund geoffnet -, die
eingeweiht sind in gewisse Geheimnisse der gegenwartigen Geheim-
gesellschaften, so werden Sie horen, wie sie hauptsachlich von drei
Dingen reden. Erstens von jenem Erlebnis, das der wirkliche Sucher
nach der geistigen Welt hat, wenn er die Schwelle zur geistigen Welt
iiberschreitet, das darinnen besteht, dafi man nicht umhin kann, sobald
man die Schwelle zur geistigen Welt iiberschreitet, zusammenzukom-
men mit Machten, welche die wirklichen Feinde der Menschheit sind,
welche die wahren, realen, wesenhaften Gegner des hier auf der Erde
lebenden physischen Menschen sind, so wie dieser physische Mensch
von den gottlichen Machten intendiert wird. Das heifit: Es wissen diese
Leute, dafi dasjenige, was sich vor dem gewohnlichen Menschenbewufit-
sein verhiillt, durchwoben ist von denjenigen Machten, die mit einem
gewissen Rechte genannt werden diirf en die wesenhaften Ursachen von
Krankheit und Tod, mit denen aber audi verwoben ist all dasjenige,
was mit der menschlichen Geburt zusammenhangt. Und Sie konnen
dann horen von jenen Menschen, die von solchen Dingen etwas wissen,
dafi liber diese Dinge geschwiegen werden miisse - ich sag es im Kon-
junktiv -, weil man der prof anen Menschheit - so sagt man, man meint
eigentlich die unreifen Seelen, die sich nicht stark genug gemacht haben
dazu, und aller dings gehort ja dazu ein grofier Teil der Menschheit -
nicht offenbaren konne, was da jenseits des normalen Bewufitseins ist.
Das zweite Erlebnis ist, dafi der Mensch in dem Augenblicke, wo er
die Wahrheit erkennen lernt - die Wahrheit kann man erst erkennen
lernen, wenn man die Geheimnisse des Obersinnlichen kennen lernt
auch erkennen lernt, inwiefern alles dasjenige, was man durch blofie
sinnliche Beobachtung der Umwelt aussagen kann, Illusion, Tauschung
ist; wenn das noch so exakt erforscht ist, ja, dann erst recht Tauschung
ist. Dieses Verlieren des Bodens unter den Fiifien, den insbesondere der
heutige Mensch braucht, das Verlieren des f esten Bodens, so dafi er sagen
kann: Das ist eine Tatsache, denn ich habe es gesehen — das hort auf
nach dem Uberschreiten der Schwelle.
Das dritte ist, dafi in dem Augenblicke, wo wir beginnen Menschen-
werk zu verrichten - sei es, indem wir mit Werkzeugen arbeiten oder
den Boden bearbeiten, iiberhaupt Menschenwerk verrichten, nament-
lich aber dann, wenn wir Menschenwerk verrichten, indem wir es in das
Gewebe des sozialen Organismus einweben -, dafi wir dann etwas
machen, was nicht blofi uns als Menschen angeht, sondern etwas machen,
was dem ganzen Universum angehort. Der Mensch glaubt heute selbst-
verstandlich, wenn er eine Lokomotive konstruiert, oder wenn er ein
Telephon macht oder einen Blitzableiter oder einen Tisch, oder wenn er
einen Kranken heilt oder audi nicht heilt, ihn krank bleiben lafit, oder
irgend etwas anderes tut, das seien Dinge, die sich nur abspielen inner-
halb der Menschheitsentwickelung auf der Erde. Nein, dasjenige, was
ich angedeutet habe in meinem Mysteriendrama «Die Pforte der Ein-
weihung», dafi sich im ganzen Weltenall Ereignisse abspielen, wenn hier
etwas geschieht - erinnern Sie sich an die Szene zwischen Strader und
Capesius -, das ist eine tiefe Wahrheit.
An diese drei Erlebnisse kniipfen die Menschen an, die heute etwas
wissen von den Dingen, welche aber in diesen Gesellschaften in der
Form von vor der Mitte des 15. Jahrhunderts aufbewahrt werden und
oftmals hochst mifiverstanden aufbewahrt werden. An diese Dinge
kniipfen die Menschen an, indem siehinweisen: erstens auf das Geheim-
nis von Krankheit, Gesundheit, Geburt und Tod, zweitens auf das
Geheimnis der grofien Illusion im Sinnlichen, drittens auf das Geheim-
nis der universellen Bedeutung des Menschenwerkes. Und sie sprechen
in einer gewissen Weise davon. Uber alle diese Dinge - und gerade liber
diese wichtigsten Dinge - mufi in der Zukunf t anders gesprochen werden
als in der Vergangenheit. Und eine Vorstellung davon mochte ich Ihnen
geben, wie anders in der Vergangenheit uber solche Dinge gesprochen
worden ist, was dann herausgeflossen ist in das allgemeine Bewufitsein,
durchdrungen hat das gewohnliche Naturwissen, das gewohnliche so-
ziale Denken und so weiter, und wie in der Zukunf t gesprochen werden
mufi da, wo man wirklich von der Wahrheit spricht, wie dann heraus-
fliefien mufi dasjenige, was aus den geheimen Quellen des Erkenntnis-
strebens kommt, in die aufiere Naturerkenntnis, in die aufiere soziale
Anschauung und so weiter.
Von dieser gewaltigen Metamorphose - die man aber heute ver-
stehen soli, weii die Menschen aus dem Gruppenbewufitsein heraus
vollig erwachen mussen zum individuellen Bewufitsein — , von dieser
grofien Metamorphose, von dieser historischen Metamorphose mochte
ich Ihnen noch sprechen.
ELFTER VORTRAG
Dornach, 14. Dezember 1919
Ich mochte heute noch, zum Teil mehr ins Allgemeine gehend, einiges
besprechen in Ankniipfung an das gestern und vorgestern Gesagte. Auch
aus jenen beiden Betrachtungen werden Sie ja entnehmen konnen, dafi
Geisteswissenschaft, wie sie hier gedacht wird, herausgeboren sein soil
aus den tiefsten und ernstesten Forderungen der Menschheitsentwicke-
lung in unserer Zeit und fur die nachste Zukunft. Ich habe es ja oft er-
wahnt, dafi es sich hier nicht um solche Ideale handelt, die aus der Sub-
jektivitat des Menschen entspringen, sondern um dasjenige, was ab-
gelesen wird der geistigen Entwickelungsgeschichte der Menschheit.
Und dieser geistigen Entwickelungsgeschichte der Menschheit kann
man wahrhaftig ablesen, dafi die Wissenschaft der Initiation, also die
Wissenschaf t, die ihre Erkenntnisse heriiberholt von jenseits der Schwelle
zur geistigen Welt, fur die Weiterentwickelung der Menschheit durch-
aus notig ist. Gegen alles, was fiir eine wirkliche Erkenntnis der geisti-
gen Welt heute geltend gemacht werden kann, lehnen sich aber auch
diejenigen Machte auf, die das Alte vertreten. Und die Auflehnung
jener Menschen, in denen gewissermafien die Machte des Alten leben,
sie mulS iiberwunden werden. Das Wort von der Notwendigkeit des
Umlernens und Umdenkens in bezug auf die wichtigsten Angelegen-
heiten der Menschheitsentwickelung, es mufi griindlich und ernst ver-
standen werden. Deshalb mochte ich Sie bitten, gerade darauf Wert zu
legen, dafi unsereTendenz darauf gehen musse, alles blofi Sektiererische,
das auch noch in dem anthroposophischen Gemtit wuchert, zu uber-
winden und die Welt- und Menschheitsbedeutung der anthroposophisch
orientierten Geisteswissenschaft wirklich zu sehen.
Die Menschen sind heute noch lange nicht erwacht aus dem Schlafe,
in den sie eingehiillt worden sind durch jeneEntwickelung, die ich Ihnen
ja auch in gewissen Grundziigen schon geschildert habe, die begonnen
hat um die Mitte des 15. Jahrhunderts. GewilS, was da der Menschheits-
evolution einverleibt worden ist, die aufierliche Naturwissenschaf t mit
ihren grofien Triumphen, die materialistische Auffassung der Welt-
gesetzmafiigkeit und damit die ja heute so klar zutage tretenden irr-
tiimlichen sozialen Ideen, das alles, was von dieser Seite her die Mensch-
heit in den Schlaf gehiillt hat, das wirkt machtig fort. Und ein gedeih-
licher Fortschritt wird nicht moglich sein, ohne die Menschheit aus die-
sem Schlafe aufzuriitteln. Vergessen wir nur ja nicht, dafi die Erkennt-
nis des Geistigen machtige Feinde hat an all denjenigen, welche vor
alien Dingen das fortgesetzt wissen wollen, was sie gewohnt worden
sind zu denken, fortgesetzt wissen wollen aus der reinen Denkbequem-
lichkeit heraus. Man kann nicht sagen: Wenn von dieser Seite her Feind-
lichkeit und Gegnerschaft gegen die Geisteswissenschaft, wie sie hier
gemeint ist, um so mehr sich erhebt, je mehr diese Geisteswissenschaft
bekannt wird, dann solle man nicht diese Hemmnisse beriicksichtigen.
Gewifi, es konnte eine mogliche Anschauung sein, ganz unberiicksich-
tigt zu lassen, was sich so erhebt. Allein, das ware ein ganz falscher
Gedanke in unserer heutigen Zeit, denn man lafit ja auch nicht un-
beriicksichtigt dasjenige, was sich etwa als Ungeziefer an uns heran-
machtj sondern man versucht es von sich aus zu entfernen und manch-
mal mufi man es entfernen auf unsanfte Weise. Das ist etwas, was von
Fall zu Fall selbstverstandlich entschieden werden mufi.
Diese Dinge miissen auch aus den Notwendigkeiten der Zeit heraus
begriffen werden. Deshalb mufi es mit ganz besonderer Befriedigung
aufgenommen werden, wenn in dieser unserer immer schwieriger wer-
denden Zeit sich doch nun Menschen finden, die ergriffen werden von
jener Willenskraft, die notwendig ist, um fur unsere Sache einzutreten.
Aber es sind leider noch viel zu wenige da von der Art derjenigen, die
den ganzen Ernst dessen durchdringen, was heute fiir die Evolution der
Menschheit auf dem Spiele steht. Es stehen auf der einen Seite jene, die,
nicht aus irgendwelchen geistigen Griinden, sondern aus einer Denk-
bequemlichkeit und anderen Rucksichten, nicht heraus wollen aus dem,
woran sie sich gewohnt haben seit langer Zeit. Auf der anderen Seite
miissen diejenigen dastehen, die mit ihrem ganzen Wesen sich entgegen-
stemmen dem, was reif ist zum Untergange. Und wir miissen nicht
glauben, dafi die Nachsicht mit dem, was reif ist zum Untergange,
irgend etwas sein darf, was uns heute zuriickha.lt. In den letzten fiinf
bis sechs Jahren hatten die Menschen lernen konnen, wie die alten Dinge
sich ad absurdum fiihren. Und jene, die es noch nicht gelernt haben,
werden reichlich Gelegenheit haben, es in der nachsten Zeit zu lernen.
Aber es mufi in uns das Feuer sein fur dasjenige, was als Neues der
Menschheitsevolution eingepflanzt werden soil.
Deshalb erf iillte es mich mit einer gewissen Befriedigung, als ich vor-
gelegt bekam den Brief, dessen Hauptinhalt ich Ihnen heute zur Ein-
leitung mitteilen mochte. Es handelt sich darum, dafi in Reutlingen,
einer Nachbarstadt von Stuttgart, jener selbe Professor aufgetreten ist,
urn wiederum mit ebenso tdrichten Griinden loszuwettern gegen das-
jenige, was gewollt wird von seiten der anthroposophisch orientierten
Geisteswissenschaft, wie er es in jener torichten Schrift getan hat, von
deren Inhalt ich Ihnen vor kurzem hier gesprochen habe. Jedenfalls
wird jener Professor, eine der Zierden — denn so sind die Zierden jetzt
auf dieser Seite -, eine der Zierden der Tubinger Universitat - an
anderen Universitaten der Welt sind sie nicht anders — jetzt ebenso ge-
sprochen haben, wie er gesprochen hat in jener Schrift. Da trat ihm ent-
gegen, aber diesmal - das geht aus einem Brief hervor — mit dem wirk-
lichen Elan, der notwendig ist heute, wenn man den volligen Ernst
ermifit von dem, was auf dem Spiele steht, unser Freund Dr. Walter
Stein. Und von jener Diskussion, die sich da vor einigenTagen abgespielt
hat, schreibt unser Freund, Dr. Stein, an seine Frau hierher: «Gestern
war ich in Reutlingen, wo Professor Traub gegen Steiner sprach. Ich
meldete mich zur Diskussion. Es war ein Kampf auf Leben und Tod.
Ich stellte Traub als einen gewissenlosen, der Materie, die er behandelt,
ganzlich unkundigen Menschen hin. Sein Schlufiwort brachte er nur
noch stammelnd hervor. Er war gebrochen. Der Stadtpfarrer, der er-
offnete, wurde von mir durch Bibeltexte so in die Enge getrieben, dafi
er sagte in bezug auf die Stelle, wo Christus von der Reinkarnation
spricht : Hier irrt Christus, - der Stadtpfarrer von Reutlingen. Da stand
ich auf und rief : Hort! das ist heute Religion, ein Gott, der irrt! — Das
Publikum tobte, Man wollte mich zuerst unterbrechen, mir das Wort
entziehen, rief: zur Sache! scharrte und stampfte. Ich aber sprach vollig
ruhig, zeigte mit einer Hand auf Professor Traub und sprach: dies ist
die Autoritat! Ich bekam Beifall und siegte. Der Mann ist fertig. Ich
bin noch heute halb tot.»
Dafi ein starker Hafi sich auf tun werde gegen jene anthroposophisch
orientierte Geisteswissenschaft, die nun schon seit zwei Jahrzehnten
hier getrieben wird in Europa, das konnte man voraussehen, konnte
jeder voraussehen, der eben wufite und weifi, wie innig verbunden mit
den Machten, die zum Fortschritte der Menschheit aufgerufen werden
miissen in der Gegenwart und der nachsten Menschheitszukunft, das
ist, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt
wird. Aber mit Schlafmiitzigkeit, mit derjenigen Gesinnung, die sich
durch geistige Ideen und Begrif f e ein wenig Wollust in der Seele schaf-
fen will, darf diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft
nicht verwechselt werden. Und wenn der Dr. Stein empfindet, es han-
delte sich dabei um einen Kampf auf Leben und Tod, so ist das die
Empfindung von etwas durchaus Richtigem. Wir stehen am Anfange.
Gegen uns tobt der Kampf des Vernichtungswillens. Wir haben niemals
Anstalten gemacht, insoferne wir den richtigen Impuls unserer Geistes-
wissenschaft verstanden haben, aggressiv vorzugehen. Aber wir diirfen
nicht vermeiden dasjenige, was notwendig ist gegeniiber dem aggres-
siven Wesen, das immer mehr und mehr von auften kommen wird. Da
darf uns nicht der Mut sinken, da diirfen wir nicht mit Schlafmiitzig-
keit vorgehen wollen. Bequem wird es nicht sein, die Wahrheit der
Menschheitsevolution einzufugen, und Nachsicht ist wahrhaftig nicht
dasjenige, mit dem wir uns bei gewissen Dingen giirten diirfen. Denn
wir sind ja weit gekommen, wenn die Herren, die offiziell das Christen-
tum zu vertreten haben, dann, wenn sie nicht mehr weiter konnen, sogar
bereit sind, zu sagen: Hier irrt Christus! - Selbstverstandlich, der Herr
Stadtpfarrer irrt nicht! Aber wenn dasjenige, was der Herr Stadt-
pfarrer zu sagen hat, nicht stimmt mit dem, was offenbarer Bibeltext
ist, dann irrt Christus, nicht der Herr Stadtpfarrer! Das ist aber iiber-
haupt die Gesinnung, der man heute begegnet, die man nur nicht sehen
will, weil es unbequem ist, sie zu sehen. Man konnte sie sehen auf alien
Gebieten, wenn man nur wollte.
Fur diejenigen aber, welche die Zusammenhange im Leben sehen
konnen, ist es auch klar, daiS das europaische Ungliick der letzten Jahre,
wenn es sich auch scheinbar aufierlich abgespielt hat, innig zusammen-
hangt mit dem, was die Menschen gewohnt worden sind zu denken, und
- verzeihen Sie den etwas trivialen, banalen Ausdruck - wovon die
Menschen so gern sprechen: Wie wir es so herrlich weit gebracht haben
- und sich dabei vor Wollust die Finger ablecken.
Was aber notwendig ist, das ist: innerlich sachlich werden. Unter
dem Einflufi der neueren Kultur haben die Menschen die Sachlichkeit
verloren. Personliches spielt iiberall. Und wenn einmal die Geschichte
der letzten fiinf bis sechs Jahre geschrieben wird, wird sie nur geschrie-
ben werden konnen aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen heraus.
Dann wird in diesen Kapiteln der Weltgeschichte viel stehen davon,
wie unendlich das Personliche hineingespielt hat in die grofien welt-
geschichtlichen Ereignisse. Ich sagte, unmoglich wird es sein ohne gei-
steswissenschaftliche Grundlagen, von den Ereignissen der letzten
fiinf bis sechs Jahre zu sprechen. Ich brauche ja nur dasjenige anzudeu-
ten, was ich hier auch schon ofter angedeutet habe. Von den dreifiig bis
vierzig Menschen, die 1914 in leitenden hervorragenden Stellungen
beteiligt waren an dem, was man den Ausbruch des Weltkrieges nennt
- ungenaues Sprechen liebt man ja heute, weil es geeignet ist, die Wahr-
heit zu verhiillen; es war weder ein Ausbruch, es war etwas ganz an-
deres, noch war es ein Weltkrieg: es war etwas ganz anderes, was noch
lange nicht zu Ende ist — , von den dreifiig bis vierzig damals beteiligten
Menschen war eine grofie Anzahl nicht vollsinnig, hatte nicht alle
Krafte der Seele und des Geistes beisammen. Da aber, wo das Bewufit-
sein getriibt ist, da sind die Tore, wo die ahrimanischen Machte beson-
iers leicht Zutritt haben zu dem, was Menschenentschliisse sind, was
Menschenwollungen sind.
Die ahrimanischen Machte haben wesentlich mitgewirkt im Aus-
gangspunkte jener Ereignisse, die 1914 gespielt haben. Man wiirde heute
schon, wenn man nur wollte, aus dem rein aufierlichen Verfolgen der
Sache ersehen konnen, wie notwendig es ist, der Menschheitsevolution
geistige Erkenntnis einzufiigen. Wie weit entfernt ist man aber aus den
Denk- und Empfindungs- und Gefuhlsgewohnheiten heraus, derlei
Dinge mit vollem Ernste zu betrachten. Da ist auf der einen Seite die
Tatsache - und noch mehr die bevorstehende Tatsache, dafi die Zeit reif
ist zum Auf treten von Menschen, die eine geeignete, bef ahigte Seele dem
entgegenbringen konnen, was seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhun-
derts an geistigen Impulsen hereinbricht in unsere physische Welt.
Neben dem, dafi wir hineingesegelt sind in eine materialistische Zeit,
besteht ja die andere Tatsache, dafi die Tore, die von der geistigen Welt
zu der unsrigen gehen, seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts
offen stehen, und dafi Menschen, die diesen geistigen Impulsen ihre ge-
offnete Seele, ihr geoffnetes Bewufitsein entgegenbringen, Beziehungen
zur geistigen Welt haben konnen. Gewifi, die Zahl derer, in deren Be-
wufitsein heute schon die geistige Welt hereinspielt, mag klein sein. Aber
es ist die Tatsache vorhanden, dafi die geistige Welt in manches Men-
schengemiit hereinspielt. Und wir konnen sagen: Die nachsten zehn,
zwanzig, dreifiig Jahre, bis zur Mitte des Jahrhunderts werden solche
sein, in denen immer mehr und mehr Menschen gelernt haben werden,
leise hinzuhorchen auf ihr Inneres, um dieses Innere entgegenzuhalten
den hereinwollenden Impulsen der geistigen Welt.
Diejenigen Menschen, welche heute solche Impulse aus der geistigen
Welt empfangen, welche heute wissen um die Wahrheiten und Erkennt-
nisse, die herein miissen in die Menschheitsevolution, sie wissen das Fol-
gende: Wenn nicht durch diese von solchen Menschen zu handhabende
Wissenschaft der Initiation befruchtet wird dasjenige, was wir Natur-
erkenntnis nennen, dasjenige namentlich, was wir Kunst nennen, so
geht die Menschheit einem raschen Verfalle, einem furchtbaren Verfalle
entgegen. Lassen Sie drei Jahrzehnte noch so gelehrt werden, wie an
unseren Hochschulen gelehrt wird, lassen Sie noch durch dreifiig Jahre
so iiber soziale Angelegenheiten gedacht werden, wie heute gedacht
wird, dann haben Sie nach diesen dreifiig Jahren ein verwiistetes Eu-
ropa. Sie konnen noch so viele Ideale auf diesem oder jenem Gebiete
aufstellen, Sie konnen sich die Miinder wund reden iiber Einzelforde-
rungen, die aus dieser oder jener Menschengruppe hervorgehen, Sie
konnen in dem Glauben reden, dafi mit noch so eindringlichen Forde-
rungen etwas getan werde fiir die Menschenzukunft - alles wird um-
sonst sein, wenn die Umwandlung nicht geschieht aus dem Fundamente
der Menschenseelen heraus: aus dem Denken der Beziehung dieser Welt
zur geistigen Welt. Wenn nicht da umgelernt wird, wenn nicht da um-
gedacht wird, dann kommt die moralische Sintflut iiber Europa!
Es handelt sich gerade darum, einzusehen, was es eigentlich heifien
wiirde, wenn eine Anzahl von Menschen, welche in das Wissen vom
Jenseits der Schwelle hineinschauen, erkennen miissen: Die Konfusion,
die materialistischen Neigungen, die sozialen Irrtiimer gehen weiter
und die Menschen wollen nicht umdenken und umlernen - und wenn
diese wenigen im Besitze der Initiationswissenschaf t befindlichen Per-
sonen sehen miifiten, wie die Menschheit abwarts geht aus reiner Denk-
und Empfindungsbequemlichkeit! Aber man soil sich nicht Tauschun-
gen hingeben dariiber, wie viele Antriebe zu einer solchen Sachlage
heute in der sogenannten zivilisierten Welt walten. Viele Antriebe wal-
ten da, denn ist es nicht eigentlich naturlicher zu erwarten, dafi die
Menschheit von heute in ihrem Hochmut alles ablehnt, was von seiten
der Wissenschaft der Initiation kommt? Die Menschheit ist doch so
unendlich gescheit in jedem einzelnen ihrer Individuen! Die Menschheit
ist so geneigt, zu verhohnen alles dasjenige, was nur errungen werden
kann dadurch, dafi man arbeitet an dem Fortgange der eigenen Seele.
Die Menschheit glaubt doch, ohne etwas zu lernen, alles zu wissen.
Weder die natiirlichen noch die sozialen Probleme der heutigen Zeit
sind zu losen ohne ein Befruchten des menschlichen Denkens, Empfin-
dens und Wollens von der geistigen Welt aus. Es ist ja fiir viele Men-
schen heute geradezu ein Phantasiegebilde, wenn man von dieser Wis-
senschaft der Initiation spricht, wenn man von so etwas redet wie von
der Schwelle zur geistigen Welt. Es ist richtig, es kann nicht jeder heute
iiber die Schwelle zur geistigen Welt gehen; aber es ware eigentlich kei-
nem verwehrt, die Wahrheit dessen einzusehen, was diejenigen sagen,
die iiber die Schwelle zur geistigen Welt gegangen sind. Unrichtig ist es,
wenn von dieser oder jener Seite immer wieder und wiederum gesagt
wird: Ja, wie soil ich denn einsehen, dafi das richtig ist, was der oder
jener als Initiationswissenschaft vorbringt, wenn ich nicht selber in die
geistige Welt hineinsehen kann. — Unrichtig ist es. Der gesunde Men-
schenverstand, der nicht irregeleitet ist durch irrtumliche natiirliche
oder soziale Ideen von heute, der kann von sich aus entscheiden, ob
Wahrheitsduktus waltet in dem, was irgend jemand spricht. Irgend
jemand spricht von geistigen Welten: man mufi nur alles zusammen
nehmen, die Art, wie gesprochen wird, der Ernst, in dem die Dinge auf-
gefafit werden, die Logik, die entfaltet wird und so weiter, dann wird
man sich ein Urteil dariiber aneignen konnen, ob dasjenige, was als
Kunde von der geistigen Welt gebracht wird, Scharlatanismus ist, oder
ob es einen Fond hat. Dies kann jeder entscheiden, und bei niemandem
ist ein Hindernis vorhanden, das fruchtbar zu machen im naturlichen
und im sozialen Denken, was aus dem Quell des geistigen Lebens her-
ausgeholt wird von jenen, die berechtigt sind, von dem Prinzip der
Initiation zu sprechen.
Diejenigen Krafte der Menschheitsentwickelung, die den Menschen
unbewuftt geleitet haben, so daft er hat vorwartskommen konnen, sie
sind erschopft und erschopf en sich ganz bis zur Mitte des Jahrhunderts,
approximativ gesprochen. Aus den Tiefen der Seelen miissen die neuen
Krafte heraufgeholt werden. Und einsehen mufi der Mensch, wie er in
den Tiefen seiner Seele zusammenhangt mit den Wurzeln des geistigen
Lebens.
Das Oberschreiten der Schwelle, das kann ja natiirlich heute nicht
jeder leisten. Denn der Mensch ist gewohnt worden im Laufe der letz-
ten Jahrhunderte, alles dasjenige, was ihm entgegentritt, so zu betrach-
ten, daft es sich in der Zeit abspielt. Aber das erste, was erfahren wird
jenseits der Schwelle, das ist, daft es eine Welt gibt, in der die Zeit, wie
wir sie auff assen, keine Bedeutung hat. Heraus mufi man aus dem zeit-
lichen Vorstellen. Deshalb ist es so niitzlich, wenn Menschen, die sich
vorbereiten wollen zum Verstandnisse der geistigen Welt, wenigstens
damit beginnen, ruckwartsgehend vorzustellen. Sagen wir, ein Drama,
das aufterlich ja beginnt mit dem ersten Akt und zum funften fort-
schreitet, von riickwarts angefangen bis zum Anfang hin des ersten
Aktes vorzustellen; eine Melodie nicht in der Aufeinanderfolge, wie sie
gespielt wird, sondern die Tone riickwarts verlaufend vorzustellen und
zu empfinden, das Tageserleben nicht vom Morgen bis zum Abend,
sondern riickwarts verlaufend vom Abend bis zum Morgen vorzustel-
len. Dadurch gewohnen wir unser Denken ernstlich an das Aufheben
der Zeit. Wir sind gewohnt dem alltaglichen Leben gegeniiber, die Dinge
so vorzustellen, daft nach dem ersten das zweite, nach dem zweiten das
dritte, nach dem dritten das vierte und so weiter geschieht (die Zahlen Tafel is
werden angeschrieben), und wir denken immer so, daft unser Denken
das Bild des aufteren Geschehens ist. Fangen wir nun einmal an, so zu
denken, dafi wir von riickwarts nach vorne denken, von riickwarts
nach vorne empfinden, dann miissen wir uns einen innerlichen Zwang
antun, und dieser Zwang ist gut, denn dieser Zwang zwangt uns hinaus
aus der gewohnlichen Sinneswelt. Die Zeit verlauf t von eins, zwei, drei,
Tafel 18 1 2 3 f 5 9 10
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vier und so weiter in dieser Richtung (Pf eil nach rechts). Wenn wir um-
gekehrt denken, statt vom Morgen bis zum Abend vom Abend bis zum
Morgen, so denken wir der Zeit entgegen (Pfeil nach links). Wir heben
die Zeit auf .
Konnen wir ein solches Denken auch so fortsetzen, dafi wir, soweit
wir nur kommen, zuriickdenken in unserem Leben, dann haben wir sehr
viel gewonnen. Denn wer nicht aus der Zeit herauskommt, kann nicht
in die geistige Welt hineinkommen.
Tafel 19 Wir sagen, der Mensch gliedere sich in physischen Leib, Atherleib,
s Astralleib und Ich. Nur der physische Leib und der Atherleib kommen
zunachst f iir die physische Welt, fur die sinnliche Welt in Betracht. Der
Atherleib hat noch ein Erdengeschehen in der Zeit, der astralische Leib
kann erst gefunden werden, wenn man aus der Zeit herauskommt, Der
physische Leib ist im Raume. Das Ich, das wahre Ich kann erst gefun-
den werden, wenn man aus dem Raum herauskommt. Denn die Welt,
in der das wahre Ich ist, ist raumlos.
Zweierlei also ist es, was zu den ersten Erlebnissen gehort: dafi wir
herauskommen aus der Zeit und herauskommen aus dem Raum, wenn
wir die Schwelle iiberschreiten zur geistigen Welt. Ich habe f riiher ofter
mal hingewiesen auf mancherlei, was zu den raumlosen Vorstellungen
fiihren kann, indem ich Sie auf die Dimensionen aufmerksam gemacht
habe, nicht in so kindlicher Weise, wie oftmals von den Spiritisten iiber
den vierdimensionalen Raum gesprochen wird und dergleichen, son-
dern in ernstererWeise. Aber bedenken Sie, was Ihnen von all dem, was
Sie Inhalt Ihres Bewufitseins nennen, verlorengeht, wenn Sie nicht mehr
im Raume und nicht mehr in der Zeit sind. Ihr Leben ist ganz angepafk
an Raum und Zeit. Auch das seelische Leben des Menschen ist ganz
angepafit an Raum und Zeit. Sie kommen in eine Welt, an die Sie nicht
angepalk sind: das Nichtangepafitsein an die Welt bedeutet Schmerz-
empfindung, Leidempfindung. So dafi ohne die Oberwindung von
Schmerz und Leid nicht hineinzukommen ist zunachst in die geistige
Welt. Die Menschen bringen es sich nicht zum Bewufitsein, aber sie
scheuen vor der geistigen Welt aus Furcht zuriick, weil sie das Ab-
grundartige einer Welt, in der nicht Raum und Zeit ist, nicht betreten
mochten.
Wenn ich Ihnen nur diese erste Erfahrung des Erlebens jenseits der
Schwelle wiederum vor das Geistesauge rufe, so wird Ihnen lebendig
bewufit sein, dafi ja in wenigen Menschen heute der innerlich starke Mut
vorhanden ist, um gewissermafien in das Bodenlose und Zeitlose sich
auch erfahrungsgemafi zu begeben. Aber durch ihr Schicksal sind ge-
wisse Menschen dazu verbunden, die Schwelle zu iiberschreiten. Und
ohne die Weisheit, die herubergeholt werden kann von jenseits der
Schwelle, ist nicht weiterzukommen. Sie fiihlen daraus, was notwendig
ist. Notwendig ist, dafi in der Zukunft vergrofiert werde dasjenige, was
man Vertrauen des einen Menschen zum anderen nennen kann. Es ware
eine soziale Tugend, eine soziale Grundtugend. In unserer Zeit der so-
zialen Forderungen ist diese Tugend am wenigsten vorhanden, denn die
Menschen fordern, dafi fur die Gemeinschaft gelebt werde, aber keiner
hat das Vertrauen zum anderen. In unserer Zeit der sozialen Forderun-
gen walten die allerunsozialsten Instinkte. Notwendig wird es sein,
damit die allgemeine Menschheitserziehung so vorwartskomme, dafi die
Menschen in die geistige Welt hineinwachsen, notwendig wird es sein,
dafi denjenigen, die von der Wissenschaft der Initiation mit Recht
reden diirfen, Vertrauen entgegengebracht werde, nicht Vertrauen aus
blindem Autoritatsglauben heraus, sondern aus gesundem Menschen-
verstand. Denn man kann immer einsehen, was als Kunde gebracht
wird von jenseits der Schwelle, wenn man nur den gesunden Menschen-
verstand wirklich anwenden will.
Und da mufi man immer wiederum von dem gesunden Menschen-
verstand, hinsehend auf der einen Seite zu ihm, den Blick wenden zu
dem, was einem heute entgegentritt. Wenn auch nicht alle Leute so
offenbar sagen: «Da irrt Christus» - aber in der Art sprechen die Leute,
so ist die Logik des heutigen Lebens. Und wenn dann die Menschen
kommen und sagen, sie konnen nicht unterscheiden zwischen dem, was
aus geistigen Welten heraus mit innerer Logik verkiindigt wird, und
dem was die Universitatsprofessoren sagen, dann liegt eben nicht der
gesunde Menschenverstand vor oder wenigstens nicht der Wille zum
gesunden Menschenverstand. Man kann doch ohne weiteres aus seinem
gesunden Menschenverstand heraus sagen, wenn einer spricht «da irrt
Christus», so ist weiter mit ihm nicht zu rechnen von diesem Gesichts-
punkte aus.
Wir haben verloren eine wirkliche Wissenschaft der Seele. Wir haben
sie nicht mehr. Und ich habe ja auch in offentlichen Vortragen, neulich
erst wieder in Basel und an anderen Orten, hingewiesen darauf, warum
wir die Wissenschaft von der Seele verloren haben. Die Wissenschaft
vom Geiste ist ja zum Beispiel der katholischen Kirche schon im 9. Jahr-
hundert unbehaglich geworden; ich habe das ofter erwahnt. Deshalb ist
der Geist, wie ich ja auch schon oft auseinandergesetzt habe, auf dem
achten allgemeinen okumenischen Konzil zu Konstantinopel, 869, ab-
geschafft worden. Damals wurde das Dogma gegeben, der Mensch
diirfe nicht denken, wenn er rechter Christ ist, dafi er bestiinde aus Leib,
Seele und Geist, sondern nur aus Leib und Seele, und dafi die Seele
geistige Eigenschaften habe. Heute lehrt das noch die Psychologie,
glaubt es aus unbefangener Wissenschaft heraus zu lehren, spricht aber
nur das Dogma von 869 nach. Aber auch in bezug auf alles dasjenige,
was auf die Seele hinweisen soli, wurde monopolisiert in Form des
Glaubens, in Form des Bekenntnisses, in Form des Dogmas durch die
Bekenntniskirchen. Alles das, was vom Menschen heraus Erkenntnis
des Seelischen sein soli, es wurde von den Bekenntnisgemeinschaften
monopolisiert. Und der eigentlichen Erkenntnis, der freien Erkenntnis
wurde nur die aufiere Natur iiberlassen. Kein Wunder, dafi wir heute
keine Seelenwissenschaft haben. Denn die weltliche Gelehrsamkeit hat
sich eben nur der Wissenschaft der Natur hingegeben, da die Wissen-
schaft von der Seele monopolisiert und die Wissenschaft vom Geiste
abgeschafft war. Wir haben keine Wissenschaft der Seele. Wir konnen,
wenn wir auf dem fufien, was heute tonangebende Wissenschaft ist,
nicht weiterkommen. Denn wenn wir auf dem fufien, was heute die
Wortpsychologie ist - viel mehr ist sie ja nicht — , da konnen wir nicht
zu einem wirklichen Verstandnisse desjenigen kommen, was in der Seele
waltet. Sie wissen ja aus meiner Darstellung, die ich gegeben habe in
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?», dafi beim Uber-
schreiten der Schwelle zur geistigen Welt im Bewulksein auseinander-
treten Denken, Fiihlen und Wollen. Im gewohnlichen heutigen gang-
baren Bewufttsein bilden Denken, Fiihlen und Wollen eine Art von
Chaos; sie sind ineinandergeschichtet. In dem Augenblicke, wo die
Schwelle zur geistigen Welt iiberschritten wird, in dem Augenblicke,
wo man sich nur anschicken will, erfahrungsgemafi die Initiations-
wissenschaft zu gewinnen, werden im Bewufitsein Denken, Fiihlen,
Wollen selbstandige Machte. Sie werden selbstandig. Da lernt man sie
kennen, da lernt man in Wirklichkeit erst unterscheiden Denken vom
Fiihlen und vom Wollen.
Namentlich lernt man unterscheiden das Denken vom Wollen. Das
Denken, das in uns waltet als Menschen, wenn wir es nicht seinem In-
halte nach nehmen, sondern wenn wir es nehmen hinsichtlich seiner
Kraftnatur, wenn wir also die Denkkraft in uns nehmen, dann ist
gerade dasjenige, was Denkkraft ist, etwas wie ein Hereinleuchten des-
jenigen, was wir vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfangnis
in geistigen Welten erlebt haben. Und die Willenswesenheit im Men-
schen ist etwas Embryonales, etwas Keimhaftes, das erst vollstandig
zur Entwickelung kommt post mortem, nach dem Tode. So dafi wir
sagen konnen: Wenn dieses hier (siehe folgendes Schema) der mensch- Tafel 19
liche Lebenslauf ist zwischen Geburt und Tod, so ist innerhalb des
menschlichen Lebenslaufes das Denken, so wie es im Menschen lebt, nur
ein Schein, denn seine wahre Natur, die liegt vor der Geburt beziehungs-
weise vor der Empfangnis, und dasjenige, was Wollen ist, ist nur ein
Keim, denn dasjenige, was sich aus diesem Keim entwickelt, entwickelt
sich erst nach dem Tode. Grundverschieden sind in der menschlichen
Natur Denken und Wollen.
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Wo II en
Wenn jetzt jemand mit der Logik der Gegenwart kommt, die alles
hiibsch einschachtelt, die gern Systeme macht, so sagt er: Uns ist heute
gesagt worden, das Denken, das ist die Kraft, die aus dem vorgeburt-
lichen Leben hereinspielt, das Wollen, das ist die Kraft, die in das nach-
todlicheLeben hineinweist.Nun hat man definiert, hiibsch auseinander-
geschalt durch Definition Denken und Wollen. Aber mit Definitionen
ist nichts gegeben. Man sieht gewohnlich nicht das Ungemigende einer
jeden Definition. Es sind ja manche Definitionen, besonders solche, die
als wissenschaftlich gelten, sehr gescheit sich ausnehmend, aber alle
haben sie irgendwo einen Haken, der einen erinnert an jene Definition,
welche im alten Griechenland einmai gegeben worden ist auf die Frage:
Was ist der Mensch? - Der Mensch ist ein zweibeiniges Wesen, das keine
Federn hat - worauf am nachstenTag einSchiiler einen gerupf ten Halm
gebracht hat und sagte, das ist ein Mensch, denn es ist ein zweibeiniges
Wesen, das keine Federn hat. - Er hat ihn vorher sorgfaltig gerupft. So
einfach Hegen die Dinge namlich nicht, daft man sie mit dem gewohn-
lichen Intellektwerkzeuge so handhaben kann. Denn, sehen Sie, man
kann ganz schon sagen: Von dem, was wir erfahren als Denken, miissen
wir behaupten, es habe seine wahre Wesenheit vor der Geburt und in
uns herein spielt nur etwas wie ein Spiegelbild vom Denken. - Hier liegt
eine gewisse Schwierigkeit vor. Sie werden sie aber bei einer geringen
Denkanstrengung iiberwinden.
Tafel 19 Nicht wahr, wenn Sie hier einen Spiegel haben und Sie haben hier
einen Gegenstand, zum Beispiei eine Kerze, so haben Sie also hier ein
Spiegelbild: Sie konnen das Bild von dem Gegenstande unterscheiden,
Sie werden es nicht verwechseln. Wenn Sie irgendwie, durch einen
Schirm meinetwillen, die Kerze selbst zugedeckt haben, so werden Sie
im Spiegel nur das Bild sehen. Das Bild wird alles machen, was die
Kerze macht. Sie konnen aus dem Bilde alles ablesen, was die Kerze
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\ Tafel 19
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macht. Sie sind gewohnt, raumlich zu denken, deshalb konnen Sie sich
lekht vorstellen, wie das Bild sich zur Wirklichkeit der Kerze verhalt.
Aber das, was in uns die Denkkraft ist, ist als Kraft ein Spiegelbild, und
die Wirklichkeit liegt vor der Geburt. Die reale Kraft, deren Bild wir
anwenden in diesem Leben, liegt vor der Geburt. Daher ist der Grund-
satz des menschlichen Bewufitseins, der sich ergibt, wenn man auf sein
eigenes Bewufitsein sieht: Ich denke, also bin ich nicht. Cogito ergo non Tafel 19
sum! — Das ist das Grundsatzliche, das man begreifen mufi, dafi im
Denken Bildnatur waltet, und dafi die Kraft des Denkens vor der Ge-
burt liegt. Die neuere Entwickelung hat damit eingesetzt, das Gegenteil
als Grundaxiom der Philosophic hinzustellen: cogito ergo sum, was ein
Unsinn ist. Sie sehen, wie die neuere Menschheit durch ihre Priifung
durchgehen mufi. Aber wir sind am Scheidepunkte. Wir miissen um-
denken lernen iiber die Fundamente des Seelenlebens.
Damit hatten wir das Denken in einer gewissenWeise auf sein Wesen
zuriickgefuhrt, und wir konnten jetzt etwas ahnliches behaupten fiir
das Wollen. Das Wollen ist nicht wie Bild und Spiegelbild, aber wie
Keim und Vollendung aufzufassen mit Bezug auf die Willenskraf t zwi-
schen Geburt und Tod und das, was daraus wird nach dem Tode. Diese
Einrichtung, dafi wir vom Denken das Bild, vom Wollen den Embryo
haben, das allein ermoglicht uns die Freiheit zwischen Geburt und Tod.
Sie konnen dariiber nachlesen sowohl in meinen Biichern «Vom Men-
schenratsel», «Von Seelenratseln», wie auch in der zweiten Auflage
meiner «Philosophie der Freiheit», wo diese Dinge auch philosophisch
behandelt sind.
Nun aber kommt das Eigentiimliche, woraus Sie ersehen miissen, wie
wenig das bequeme alltagliche Denken geniigt, um in die Wirklichkeit
hineinzukommen. Man hat das Wesen des Denkens erfa£t. Aber wenn
wir dieses Wesen des Denkens in uns erfassen, so miissen wir uns zu-
gleich sagen: Dieses Denken ist nicht blofi Denken, sondern in diesem
Denken ist auch eine Kraft des Wollens. Mit demselben inneren Wesen,
mit dem wir denken, wollen wir zugleich. Es ist nur in der Hauptsache
Denken, es hat einen Unterton des Wollens, ebenso hat aber unser Wol-
len einen Unterton des Denkens. Wir haben in der Tat zweierlei in uns:
Etwas, was hauptsachlich Denken ist, was aber einen Unterton des
Tafel 19 Wollens hat (in das auf Seite 204 begonnene Schema wird neben das
Wort Denken in Klammern Wollen geschrieben) ; etwas, was haupt-
sachlich Wollen ist, was aber einen Unterton des Denkens hat (neben
das Wort Wollen wird in Klammern Denken geschrieben). Wenn Sie
die Wirklichkeit betrachten, so kommen Sie nicht zu reinlichen Begrif-
fen, die Sie einschachteln konnen in Systeme, sondern das eine ist immer
zu gleicher Zeit in einem gewissen Sinne das andere. Erst wenn man
diese Dinge durchdringt, dann bekommt man eine Anschauung von ge-
wissen Zusammenhangen des Menschen mit Welten, die aufierhalb der-
jenigen sind, die wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren
horen, in denen wir aber nicht minder drinnen sind, als in dieser Welt
der Sinne. Wir konnen nicht sagen, dafi uns andere Welten als die Sin-
nenwelt nichts angehen, wir sind mitten in ihnen drinnen. Wir miissen
uns klar sein, dafi, indem wir hier auf diesem Erdboden herumgehen,
wir durchaus ebenso, wie wir durch die sinnliche Luft gehen, durch die
geistigen Welten gehen.
Beziehungen, sage ich, zu den geistigen Welten, sie ergeben sich, wenn
man in diese Feinheiten des menschlichen Seelenlebens hineinsieht.
Durch das, was mehr Denken ist und nur einen Unterton des Wollens
hat, durch das hangen wir mit einer gewissen Art des geistigen Seins der
geistigen Welten zusammen. Und wiederum mit einer anderen Art der
geistigen Welten hangen wir zusammen durch dasjenige, was mehr Wol-
len und weniger Denken ist. Das hat schon seine tiefere Bedeutung.
Denn dasjenige, was wir so finden, das pragt sich im Menschenleben
aus, und die Differenzierungen, die in der Welt vorhanden sind, die
kommen davon her, dafi immer die eine oder die andere Kraft der
menschlichen Natur sich nach der einen oder nach der anderen Seite
mehr ausbildete. Diejenigen Krafte, die in dem Wollen liegen, das den
Unterton des Denkens hat, die wurden zum Beispiel im eminentesten
Sinne in der althebraischen Kultur ausgebildet. Und diejenigen Krafte
des menschlichen Seelenwesens, welche hauptsachlich im Denken f ufien,
das einen Unterton des Wollens hat, die wurden in dem, was man die
alte heidnische Kultur nennt, ausgebildet. (Zu dem auf Seite 204 be-
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(£enkenO Wollen (alfhebraisch)
gonnenen Schema werden noch die Worte «althebraisch» und «heid-
nisch» dazugeschrieben.) Und gegenwartig haben wir die zwei Stro-
mungen nebeneinander laufend. Gegenwartig haben wir in der zivili-
sierten Welt durcheinanderlaufend die eine Stromung, die eine Fort-
setzung des alten Heidentums ist, in der Naturanschauung, und die
andere Anschauung, die eine Fortsetzung des alten Hebraertums ist, sie
haben wir in der sozialen Anschauung der Gegenwart, in unseren ethi-
schen, in unseren religiosen Begriffen.
Und im einzelnen Menschen selbst lebt heute dieser Dualismus. Auf
der einen Seite betet der Mensch heidnisch die Natur an, auf der an-
deren Seite ist er, ohne dafi er eine richtige Naturbasis f indet, aufter dafi
er die Denkgewohnheiten heniberzieht in die sogenannte Sozialwissen-
schaft oder Soziologie, nachdenkend iiber das soziale, sogar das ethische
Leben. Und wenn er dann philosophiert, dann sagt er: Auf dem einen
Gebiete findet er die Freiheit, auf dem anderen Gebiete findet er die
Naturnotwendigkeit, und dann findet er sich hinein in ein Gespensti-
sches zwischen Freiheit und Naturnotwendigkeit, zwischen denen es
keine Brttcke geben soil, und dergleichen mehr, und die Verwirrung ist
eine ungeheure.
Aber diese Verwirrung ist in vieler Beziehung der Inhalt des heutigen
Lebens, der Inhalt des heutigen untergehenden Lebens. Denn was fehlt
in diesem unserem heutigen Leben? Wir haben eine Naturanschauung:
sie ist blofi die Fortsetzung des alten Heidentums. Wir haben eine mo-
ralische, soziale Anschauung: sie ist bloft die Fortsetzung des Alten
Testaments. Das Christentum ist eine Episode gewesen, die man zu-
nachst historisch begrif fen hat, aber heute ist es sozusagen wie durch das
Sieb der menschlichen Kultur durchgefallen. Es ist im Grunde genom-
men das Christentum nicht da. Denn bei den Menschen, die oftmals
vom Christus reden, konnen Sie es so machen, wie ich es Ihnen empfoh-
len habe bei Harnacks « Wesen des Christentums». Adolf Harnacks
« Wesen des Christentums» konnen Sie so behandeln, dafi Sie iiberall
dort, wo er «Christus» schreibt, das Wort «Christus» ausstreichen und
«Gottvater» hinschreiben, oder Sie konnen auch einen blofien panthe-
istischen «Gott» und dergleichen hinsetzen, es wird im Grunde ge-
nommen im wesentlichen alles stimmen. Und wo es nicht stimmt, da
redet er einen Unsinn, Pradikate, die nicht zu den Subjekten gehoren.
Alle diese Dinge miissen heute gesagt werden, denn hier muft aus
dem Fundamente heraus erkannt werden, was Inhalt des Zukunfts-
bewufitseins sein mufi. Ebenso, sehen Sie, redet die heutige Entwicke-
lungslehre davon: Der Mensch hat sich heraus entwickelt aus niederen
Wesen und so weiter, diese niederen Wesen haben sich bis zu ihm herauf
entwickelt. Gewifi, Sie brauchen nur meine «Geheimwissenschaft im
Umrifi» nachzulesen, so werden Sie sehen, dafi das von einer Seite her
auch von uns gesagt werden mufi. Aber die Sache liegt so, dafi wenn
wir das menschliche Haupt in Betracht ziehen, so ist dieses menschliche
Haupt, wie wir es heute auf unseren Schultern tragen, bereits wiederum
in absteigender Entwickelung. Wiirde unser ganzer Organismus - bitte,
mich jetzt wohl zu verstehen - dieselbe Organisation haben wie unser
Haupt, so wiirden wir f ortwahrend sterben miissen. Wir leben nur durch
dasjenige, was in unserem ubrigen Organismus Vitalkraft ist und immer
heraufgeschickt wird in das Haupt. Die Krafte, durch die wir zuletzt
sterben, sind in unserem Haupt waltend, sind in unserem Haupte. Das
Haupt ist ein fortwahrend absterbendes Wesen, es ist in riicklaufiger
Entwickelung. Deshalb kann im Haupte auch das Seelisch-Geistige
seine Entwickelung gewinnen. Denn wenn Sie sich schematisch das
Haupt vorstellen, so miissen Sie sich vorstellen: seine aufsteigende Ent-
wickelung ist bereits in eine ruckwartige Entwickelung ubergegangen;
hier ist eine Leere. (Es wird gezeichnet, siehe Schema unten.) Und in Tafel is
das Leere, in das fortwahrend Zerstortwerdende geht Seele und Geist
hinein. Das ist buchstablich wahr. Wir tragen durch unser Haupt Seele
und Geist aus dem Grunde, weil unser Haupt bereits in absterbender
Entwickelung ist. Das heifit, in unserem Haupte sterben wir fortwah-
rend. Und der Unterton von Wollen, der unserem Denken eignet, der
liegt in unserem Haupte. Aber dieser Unterton von Wollen, der ist ein
fortwahrender Antrieb, ein fortwahrender Impuls zum Sterben, zum
Oberwinden der Materie.
w h Tafel 18
Wenn wir nun wirklich sterben, dann tritt dieses Wollen ein. Und
indem unser Leib der Erde iibergeben wird, wird durch unseren ganzen
Leib, schon physisch, im Erdenleib das fortgesetzt, was bis zu unserem
Tode von unserer Geburt an in unserem Haupte sich abspielt. Sie tragen
Ihr Haupt auf Ihren Schultern. Darinnen spielt sich durch sich selbst
der Prozefi ab - er wird nur fortwahrend aufgefrischt und verhindert
durch das, was vom iibrigen Organismus heraufspielt der sich dann
abspielt, wenn Sie durch Feuer oder Verwesung der Erde iibergeben
werden. Da setzt sich fort dasselbe, was Sie zwischen Geburt und Tod
innerhalb Ihrer Haut tun. Das setzt sich in der Erde fort: Die Erde
denkt nach demselben Prinzip, wie Sie mit Ihrem Menschenkopfe den-
ken, dadurch dafi Sie in ihr sich auflosen, dafi in die Erde Leichname
versenkt werden. Indem wir durch die Pforte des Todes gehen, tragen
wir durch unseren sich auflosenden Leichnam in die physische Erde
hinein den Prozefi, den wir sonst fur uns konfiszieren wahrend unseres
Lebens zwischen Geburt und Tod. Das ist eine Wahrheit der Natur-
wissenschaft. Solche Wahrheiten miissen die Menschen in der Zukunft
kennen. Die heutige Naturwissenschaft ist in bezug auf solche Dinge
eine Kinderei, denn sie kommt nicht dazu, iiber diese Dinge zu denken,
iiber diese Dinge zu forschen.
Und umgekehrt: Dasjenige, was wir in unserem Kopf als Zersto-
rungsentwickelung haben, das ist ja die Fortsetzung desjenigen, was
vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfangnis vorhanden war.
Das Zerstoren beginnt erst mit unserer Geburt, denn da bekommen wir
ja erst den Kopf, vorher war es kein Zerstoren. Jetzt beriihren wir wirk-
lich den Rand eines aufierordentlich bedeutsamen Geheimnisses des
Weltendaseins. Das, was in unserem Haupte lebt, wodurch wir mit den
anderen Menschen, wodurch wir mit der aufieren Natur in Beziehung
treten, das ist die Fortsetzung dessen, was sich in den geistigen Welten
abspielt, bevor wir in den physischen Leib hereintreten. Wenn man das
griindlich durchschaut, dann kommt man dahin, einzusehen, wie die
Krafte aus den geistigen Welten hereinspielen in diese physische Welt.
Am anschaulichsten ist das, wenn man diese Dinge nicht in abstracto
betrachtet, sondern in concreto.
Ein Beispiel (die Zahlen werden an die Tafel geschrieben) : 1832 ist
Goethe gestorben. Das Zeitalter, das der ersten Generation nach seinem
Tode angehort, bis 1 865, das war nicht so, dafi in es viele Krafte von
seinem Geist aus hereinspielten. Ich wahle ein Beispiel; selbstverstand-
lich spielen auch von anderen Menschen die Krafte ebenso herein, es ist
1 1S32
1898!- JL
1931 ~ M.
796?
nur ein representatives Beispiel. Also bis zum Jahre 1865 wiirde der-
jenige, der auf Goethes Seele die Aufmerksamkeit gerichtet hatte, wenig
bemerkt haben von einem Hereinspielen seiner Krafte. Dann, nach den
ersten 33 Jahren, beginnt schon das, was in unsere Erdenentwickelung
von ihm her hereinspielt aus der geistigen Welt. Und immer starker und
starker wurde das bis zum Jahre 1898. Wenn man es dann weiter ver-
folgt, iiber dieses Zeitalter hinaus, so kann man sagen: Die erste Periode
des Hereinspielens der tibersinnlichen Krafte Goethes in unsere Erden-
kultur ist also 1865 bis 1898. Wie gesagt, bis 1865 war es nicht bedeut-
sam, dann beginnt es. Nach 33 Jahren haben wir dann 1931 den Ablauf
einer weiteren Periode, und das wtirde die zweite sein. Und 1964 hatten
wir dann den Ablauf der dritten Periode.
Wir konnen sagen, dafi an einem solchen Beispiele wirklich gelernt
werden kann, wie schon verhaltnismafiig bald nachdem der Mensch die
Pf orte des Todes durchschritten hat, die Krafte, die er dann entwickelt,
mitspielen bei dem, was hier auf der Erde vor sich geht. Man mufi nur
wissen, wie diese Krafte hereinspielen. Derjenige, der geistig, das heifit
wirklich spirituell arbeitet, der weifi wie in den Kraften, mit denen er
arbeitet, die Krafte der geistigen Welten mitwirken. Und wenn ich vor-
gestern gesagt habe, dafi in der Mitte dieses Jahrhunderts ein wichtiger
Zeitpunkt ist, so ist das wie an diesem Beispiel hier, auf Grund solcher
Beobachtungen geschehen, aus denen gesehen werden kann, wie die
Krafte aus den geistigen Welten hereinspielen in die physische Welt.
Diese Mitte des Jahrhunderts fallt aber zu gleicher Zeit zusammen
mit dem Ablauf derjenigen Zeit, in der gewissermafien die noch ata-
vistisch zuriickgebliebenen Krafte von vor der Mitte des 15. Jahrhun-
derts in die argste Dekadenz kommen. Und die Menschheit mufi vor
der Mitte dieses Jahrhunderts den Entschlufi fassen, sich dem Spiri-
tuellen zuzuwenden. Man trifft ja heute noch immer viele Menschen,
die sagen: Ja warum kommt denn das Ungliick? Warum helfen die
Gotter nicht? - Wir sind einmal in der Zeitepoche der Menschheits-
entwickelung, wo die Gotter gleich helfen, wenn die Menschen ihnen
entgegenkommen, aber wo die Gotter darauf angewiesen sind nach
ihren Gesetzen, mit freien Menschen, nicht mit Puppen zu arbeiten.
Und hier bin ich an dem Punkt, auf den ich gestern hinwies. Wenn,
sagen wir, ein erkennender Mensch selbst noch der Griechenzeit, ja der
Zeit bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts, hinwies auf die Phanomene,
auf die Erscheinungen von Geburt und Tod des Menschen, so konnte er
hinweisen auf die Gotterwelt, hinweisen, wie gewoben wird aus den
gottlichen Welten heraus das Schicksal des Menschen durch Geburt und
Tod. Heute mussen wir anders reden, heute mussen wir so reden, dafi
dem Menschen das Schicksal bestimmt ist durch seine vorhergehenden
Erdenleben und durch die Art und Weise, wie er dadurch bestimmt ist,
die Krafte schafft, nach denen die gottlichen Welten an ihn heran-
kommen konnen. Wir miissen lernen, umgekehrt zu denken in bezug
auf das Verhaltnis des Menschen zu den gottlich-geistigen Welten, wir
miissen lernen, im Menschen die Quelle zu suchen, aus der heraus sich
die Krafte entwickeln, durch welche die einen oder die anderen gott-
lichen Wesen an einen herankommen konnen. An diesem wichtigen
Zeitpunkt der Erdenentwickelung sind wir einmal angelangt. Und was
aufierlich geschieht, das mufi heute verstanden werden als ein Ausdruck
fur innerliches Geschehen, das nur verstanden werden kann vom Ge-
sichtspunkte geisteswissenschaftlicher Einsicht. Jeder Mensch hat die
Moglichkeit heute, ich mochte sagen, die aufiersten Mundungen der
Geschehnisse zu beobachten. Es sind ja genug Menschen gemordet wor-
den in den letzten vier bis fiinf Jahren. Zehn bis zwolf Millionen sind
es in der zivilisierten Welt mindestens, wahrscheinlich mehr, dreimal so
viel sind zuKriippeln geschlagen worden in den verschiedenenLandern,
unsere Zivilisation hat es wirklich herrlich weit gebracht! Aber das
wird man nach und nach erkennen miissen als die Mundungen, und die
Quelle wird man zu suchen haben bei dem, was in den menschlichen
Seelen vorgeht bei jenem Sich-Entgegenstemmen gegen die herein-
brechen-wollende geistige Welt, die das Menschenwesen in die Zukunft
tragen will. Und alle Dinge miissen heute von diesem Gesichtspunkte
aus betrachtet, das heifit vertieft werden, richtig vertieft werden.
Man konnte heute sagen, daft vielleicht manches, was geschehen ist,
richtiger ausgesprochen ware, wenn man die Gesichtspunkte andern
wiirde. Grob gesprochen sage ich jetzt etwas, was diesen Vortrag ganz
aktuell abschliefien soil, wie ja die Nuance diesen drei Vortragen gerade
gegeben worden ist durch die uns befriedigende Anwesenheit einer An-
zahl unserer englischen Freunde: Man kann heute sprechen von Siegern
und Besiegten. Es ist auffallig, ein auff alliger Gesichtspunkt, aber viel-
leicht ist es nicht der wichtigste. Vielleicht ist ein anderer Gesichtspunkt
viel wichtiger, und dieser andere Gesichtspunkt, der konnte vielleicht
von Folgendem genommen werden.
Ich habe hier von dieser selben Stelle aus einmal eine Ausfiihrung
vorgelesen von Fercher von Steinwand, jenem deutsch-osterreichischen
Dichter, der in den fiinfziger Jahren des 19. Jahrhunderts sich iiber die
Zukunft des deutschen Volkes ausgesprochen hat. Der Vortrag ist schon
deshalb bemerkenswert, weil er vor dem damaligen Konig von Sachsen
und dessen Ministern gehalten worden ist. In diesen fiinfziger Jahren
- Sie haben es gehort, die damals da waren - hat Fercher von Steinwand
davon gesprochen, wie sein deutsches Volk dazu pradestiniert ist, in
Zukunft einmal so etwas ahnliches darzustellen, wie die Zigeuner da-
mals dargestellt haben. Es war ein tiefer Blick, den Fercher von Stein-
wand in die Entwickelung der Menschheit getan hat. Diesen Dingen
kann mit voller Objektivitat ins Auge geschaut werden. Wenn man mit
voller Objektivitat diesen Dingen ins Auge schaut, dann wird man viel-
leicht einen anderen Gesichtspunkt als den heute haufig eingenomme-
nen wahlen. Man wird fragen: Wie steht es denn eigentlich mit dem,
was sich gewandelt hat, gewandelt hat bei den sogenannten Besiegten,
gewandelt hat bei den sogenannten Siegern?
Nun, die eigentlichen Sieger, das ist ja das anglo-amerikanische
Wesen. Und dieses anglo-amerikanische Wesen ist durch die Krafte, die
ich ja auch hier ofter charakterisiert habe, zur kunftigen Weltherrschaft
bestimmt.
Nun kann man fragen: Da das deutsche Volk ausgeschaltet sein wird
von dem Miterleben der Dinge, durch welche die aufiere Welt in der
Zukunft beherrscht sein wird, was geht da eigentlich vor? Es fallt die
Verantwortlichkeit - nicht die des Individuums natxirlich -, aber die
Volksverantwortlichkeit fallt ja weg, die Verantwortung fur die
Menschheitsereignisse. Nicht die des Individuums, aber die Volksver-
antwortwortlichkeit fallt weg bei denjenigen, die niedergetreten sind,
denn das sind sie. Sie konnen sich auch nicht wieder erheben. Alles das,
was gesagt wird nach dieser Richtung, 1st Kurzsichtigkeit. Die Verant-
wortung fallt weg. Um so grofier wird die Verantwortung auf der an-
deren Seite. Dort wird die eigentliche Verantwortung liegen. Die aufiere
Herrschaft wird leicht zu erringen sein. Die wird errungen durch
Krafte, die nicht das eigene Verdienst sind. Wie die letzte Naturnot-
wendigkeit vollzieht sich dieser aufiere Ubergang der aufieren Herr-
schaft. Aber die Verantwortlichkeit wird etwas tief Bedeutsames fur
die Seelen sein. Denn die Frage steht schon im Schicksalsbuche der
Menschheit niedergeschrieben: Wird sich bei denjenigen, denen die
aufiere Herrschaft wie durch eine aufiere Notwendigkeit zufallt, eine
geniigend grofie Anzahl von Menschen finden, welche die Verantwort-
lichkeit fiihlt, dafi hineingestellt werden in diese rein aufierliche, mate-
rialistische Herrschaft — denn eine rein aufierliche, materialistische
Herrschaft wird es sein, tauschen Sie sich dariiber nicht — , dafi in diese
rein aufierliche, materialistische Herrschaft, in diese Kulmination der
materialistischen Herrschaft hinein versetzt werden die Antriebe des
spirituellen Lebens? Und das darf nicht allzu langsam geschehen! Die
Mitte dieses Jahrhunderts ist ein sehr bedeutungsvoller Zeitpunkt.
Fuhlen sollte man gerade die ganze Schwere der Verantwortlichkeit,
wenn man gewissermafien vom aufieren Naturschicksal dazu aus-
ersehen ist, die Herrschaft des Materialismus - denn die Herrschaft des
Materialismus wird es sein - in der aufieren Erdenwelt anzutreten.
Denn diese Herrschaft des Materialismus tragt zu gleicher Zeit den
Keim des Zerstorens in sich. Das Zerstoren, das begonnen hat, wird
nicht aufhoren. Und die auftere Herrschaft heute antreten bedeutet:
die Krafte der Zerstorung, die Krafte der Menschenkrankheit zu iiber-
nehmen, in ihnen zu leben. Denn dasjenige, was die Menschheit in die
Zukunft hineintragen wird, das wird aus dem neuen Keim des Geistes
hervorgehen. Der wird gepflegt werden mussen. Und dafiir gibt es die
Verantwortlichkeit gerade auf jener Seite, der die Weltherrschaft zu-
fallt.
Auch in diesen Dingen darf heute nicht unernst gedacht werden. In
diesen Dingen muE gnindlich gedacht werden, in diesen Dingen diirfen
wir auch nicht blofi scheinbar spirituell und in Wahrheit materialistisch
sein. Zwei Dinge hort man heute sehr haufig. Das eine ist, dafi die Men-
schen sagen: Ach, was redet ihr von sozialen Gedanken, aus Gedanken
wird doch nie Brot! - Es ist der billige Einwand, der heute sehr haufig
gemacht wird. Und das andere ist, dafi man sagt: Wenn die Leute wie-
der arbeiten, dann ist alles wieder gut, dann nimmt die soziale Frage
ein anderes Gesicht an. — Beide Satze sind verkappter Materialismus,
denn beide Satze gehen darauf hinaus, das geistige Leben zu verleugnen.
Erstens, wodurch unterscheiden wir uns von der Tierwelt? Die Tiere
gehen hin, holen sich ihre Nahrung, soweit sie da ist, nach ihren ein-
gepflanzten Instinkten. Wenn nicht genug da ist, miissen sie verhungern.
Was hat der Mensch voraus? Er arbeitet an dem Zustandekommen der
Nahrung. In dem Augenblicke, wo er beginnt zu arbeiten, beginnt der
Gedanke. Und in dem Augenblicke erst, wo der Gedanke beginnt, be-
ginnt auch die soziale Frage. Und wenn der Mensch arbeiten soil, so
mufi er einen Antrieb des Arbeitens haben. Die Antriebe, die bisher da
waren, werden in der Zukunft nicht mehr da sein. Neuer Antriebe be-
darf es zur Arbeit. Und es kann gar nicht die Frage sein: wenn die Leute
wiederum arbeiten, so wird alles gut gehen - nein, wenn die Menschen
aus einem Weltverantwortlichkeitsgefuhle Gedanken geben werden, die
ihre Seelen tragen, dann werden die Krafte, die aus diesen Gedanken
hervorgehen, sich iiberleiten auf Hand und Wille, und Arbeit wird ent-
stehen. Aber alles hangt am Gedanken. Und der Gedanke selbst hangt
daran, dafi wir unsere Herzen offnen den Impulsen der geistigen Welt.
Von Verantwortung und von der Bedeutung des Gedankens mufi
heute viel gesprochen werden. Deshalb wollte ich in diesem Vortrage
gerade diese Nuance geltend machen.
Da es nun schon einmal so Schicksal ist, dafi man ja heute eigentlich
gar nicht fortkommt, wenn man reisen will, so werden wir auch mor-
gen noch da sein. Ich will deshalb morgen um achtUhr speziell sprechen
iiber die anthroposophische Grundlage, die geisteswissenschaftliche,
okkulte Grundlage der sozialen Frage. So dafi ich, bevor wir abreisen,
zu unseren Freunden auch noch von der sozialen Frage sprechen kann,
aber ich werde die tieferen Grundlagen der sozialen Frage geisteswis-
senschaftlich auseinandersetzen.
ZWOLFTER VORTRAG
Dornach, 15.Dezember 1919
Die Aufgaben, welche der Menschheit in der Gegenwart und in der
nachsten Zukunft gestellt sind, sind einschneidende, bedeutsame, grofie.
Und es handelt sich darum, dafi in der Tat ein starker seelischer Mut
aufgebracht werden mufi, urn etwas zur Bewaltigung dieser Aufgaben
zu tun. Wer heute diese Aufgaben sich besieht und einen wirklichen
Einblick sich zu verschaffen sucht in dasjenige, was der Menschheit not
tut, der mufi oftmals denken an die oberflachliche Leichtigkeit, mit der
heute die offentlichen, die sogenannten offentlichen Angelegenheiten
genommen werden. Man mochte sagen, die Menschen politisieren heute
ins Blaue hinein. Aus ein paar Emotionen heraus, aus ein paar ganz ego-
istischen oder volksegoistischen Gesichtspunkten heraus bilden sich die
Menschen ihre Anschauung iiber das Leben, wahrend es dem Ernste der
Gegenwart angemessen ware, eine gewisse Sehnsucht danach zu haben,
die tatsachlichen Untergriinde fiir ein gesundes Urteil wirklich zu ge-
winnen. Ich habe im Lauf e der letzten Monate und auch Jahre hier iiber
die verschiedensten Gegenstande, auch der Zeitgeschichte und der Zeit-
forderungen Vortrage gehalten und Betrachtungen angestellt, immer zu
dem Ziel, Tatsachen zu liefern, welche den Menschen in den Stand
setzen konnen, sich ein Urteil zu bilden, nicht um das Urteil vor Sie
fertig hinzustellen. Die Sehnsucht, die Tatsachen des Lebens kennenzu-
lernen, griindlicher und immer griindlicher kennenzulernen, um eine
wirkliche Unterlage fiir ein Urteil zu haben, darauf kommt es heute an.
Ich muiS dieses insbesondere deshalb sagen, weil die verschiedenen
Aufierungen, die verschiedenen schriftstellerischen Darlegungen, die
ich getan habe mit Bezug auf die sogenannte soziale Frage und mit
Bezug auf die Dreigliederung des sozialen Organismus, wirklich, wie
man deutlich sehen kann, viel zu leicht genommen werden, weil diesen
Dingen gegeniiber viel zu wenig die Fragen gestellt werden nach den
schwerwiegenden tatsachlichen Grundlagen. Die Menschen der Gegen-
wart kommen so schwer zu diesen tatsachlichen Grundlagen, weil sie,
trotzdem sie das nicht wahr haben wollen, eigentlich auf alien Gebieten
des Lebens Theoretiker sind. Diejenigen, die sich heute am meisten ein-
bilden, Praktiker zu sein, die sind die starksten Theoretiker, aus dem
Grund, weil sie sich gemeiniglich damit begniigen, ein paar Vorstel-
lungen, wenige Vorstellungen uber das Leben sich zu bilden und von
diesen wenigen Vorstellungen uber das Leben dieses Leben beurteilen
wollen, wahrend es heute nur einem wirklichen, universellen und um-
fassenden Eingehen auf das Leben moglich ist, ein sachgemafies Urteil
iiber dasjenige zu gewinnen, was notwendig ist. Man kann sagen, in
gewissem Sinne ist es heute eine wenigstens intellektuelle Frivolitat,
wenn man ohne sachgemafie Grundlagen ins Blaue hinein politisiert
oder lebensanschaulich phantasiert. Den Lebensernst mochte man auf
dem Grunde der Seelen heute wiinschen.
Wenn gewissermafien wie die andere Seite, auch die praktische Seite
unseres geisteswissenschaftlichen Strebens in der neuesten Zeit vor die
Welt hingestellt ist, die Dreigliederung des sozialen Organismus, so ist
es so, dafi schon der ganzen Art des Denkens und Vorstellens, die da
waltet in der Ausarbeitung dieses dreigliedrigen sozialen Organismus,
heute Vorurteile und namentlich Vorempfindungen entgegengebracht
werden. Diese Vorurteile, namentlich Vorempfindungen, woher stam-
men sie? Ja, der Mensch bildet sich heute Vorstellungen iiber dasjenige,
was die Wahrheit ist - ich rede jetzt immer vom sozialen Leben -, er
bildet sich Vorstellungen von dem, was das Gute, was das Rechte ist,
was das Niitzliche ist und so weiter. Und wenn er sich dann gewisse
Vorstellungen gebildet hat, dann ist er der Meinung, diese Vorstellun-
gen haben nun ganz absolute Geltung fur iiberall und fur immer. Zum
Beispiel, nehmen wir einen sozialistisch orientierten Menschen West-
oder Mittel- oder Osteuropas. Er hat ganz bestimmte sozialistisch for-
mulierte Ideale. Aber was hat er diesen sozialistisch formulierten Idea-
len gegeniiber gewissermafien fur Untergrundvorstellungen? Er hat die
Untergrundvorstellung: dasjenige, wovon er sich vorstellen muE, dafl
es ihn befriedigt, das miisse nun alle Menschen iiber die ganze Erde hin
befriedigen, und das miisse gelten ohne Ende fur das gesamte zukiinf tige
Erdendasein. Dafi alles dasjenige, was als Gedanke fur das soziale Leben
gelten soil, herausgeboren sein mufi aus dem Grundcharakter der Zeit
und des Ortes, dafiir hat man heute wenig Empfindung. Daher kommt
man auch nicht leicht darauf, wie notwendig es ist, dafi, mit verschie-
denen Nuancen, unserer heutigen europaischen Kultur mit ihrem ameri-
kanischen Anhange die Dreigliederung des sozialen Organismus ein-
gefiigt werde. Wird sie eingef iigt, so wird schon von selbst die Nuancie-
rung in bezug auf den Raum, das heifit auf die verschiedenen Gebiete
der Erdenvolker eintreten. Und auflerdem: Nach derjenigen Zeit,
nach welcher, der Menschheitsevolution wegen, die heute in den
«Kernpunkten der sozialen Frage» von mir erwahnten Ideen und
Gedanken nicht mehr gelten konnen, miissen eben andere wieder ge-
funden werden.
Es handelt sich nicht um absolute Gedanken, sondern es handelt sich
urn Gedanken fur die Gegenwart und fiir die nachste Menschheits-
zukunft. Aber um das in seiner vollen Tragweite einzusehen, wie not-
wendig diese Dreigliederung des sozialen Organismus in ein selbstan-
diges Geistesleben, in ein selbstandiges Rechts- und Staatsleben, in ein
selbstandiges Wirtschaftsleben ist, mull man einmal einen unbefangenen
Blick werfen auf die Art, wie in unserer europaisch-amerikanischen
Zivilisation zustandegekommen ist das Ineinanderwirken von Geist,
Staat und Wirtschaft. Dieses Ineinanderwirken der Faden, des Geistes-
fadens, des Rechts- oder Staatsfadens und des Wirtschaftsfadens ist
keineswegs etwas Leichtes. Unsere Kultur, unsere Zivilisation ist ein
Knauel, was aufgewickelt etwas ist, worinnen drei Faden verwickelt
sind, die ganz verschiedenen Ursprungs sind. Unser Geistesleben ist
wesentlich anderen Ursprunges als unser Rechts- oder Staatsleben und
wiederum ganz anderen Ursprunges als unser Wirtschaftsleben. Und
diese drei Stromungen mit verschiedenem Ursprunge, sie sind chaotisch
miteinander verwickelt. Ich kann heute naturlich nur skizzenhaft dar-
stellen, weil ich in der Kiirze - ich mochte sagen bis zum Urquell -
diese drei Stromungen verfolgen werde.
Unser Geistesleben, wie es sich zunachst darbietet fiir den, der die
Dinge aufierlich wirklich nimmt, sinnenf allig wirklich nimmt, es wird
dadurch von den Menschen angeeignet, dafi die Menschen auf sich wir-
ken lassen jene Fortsetzung des alten griechischen und lateinischen Kul-
turlebens, des griechisch-lateinischen Geisteslebens, wie es zunachst ge-
flossen ist durch das, was dann spater unsere Gymnasien geworden
sind, durch das, was unsere Universitaten geworden sind. Denn unsere
iibrige sogenannte humanistische Bildung bis in die Volksschule her-
unter ist ja ganz abhangig von dem, was als eine Stromung, sagen wir,
hereinfliefit (es wird gezeichnet, gelb, siehe Seite 229) zunachst vom Tafei 20
griechischen Elemente. Denn das, was wir als Geistesleben haben, als
unser europaisches Geistesleben, ist zunachst doch griechischen Ur-
sprungs, durch das Lateinische nur hindurchgegangen. Das Lateinische
ist eine Durchgangsstation. Allerdings hat sich in der neuesten Zeit mit
diesem von Griechenland her stammenden Geistesleben anderes ver-
mischt, welches aus dem stammt, was wir die Technik der verschieden-
sten Gebiete nennen, die dem Griechen noch nicht zuganglich war: die
Technik des mechanischen Wesens, die Technik des kaufmannischen
Wesens und so weiter. Ich konnte sagen: Zu unseren Universitaten sind
die technischen Hochschulen, die kommerziellen Hochschulen und so
weiter getreten, die ein neuzeitlicheres Element hinzubringen zu dem,
was durch unsere humanistischen, auf das Griechentum zuruckgehen-
den Schulen in unsere Seelen hineinfliefit; nicht etwa blofi in die Seelen
irgendeiner sogenannten gebildeten Klasse hineinfliefit, denn dasjenige,
was heute sozialistische Theorien sind, was in den Kopfen auch der
Proletarier spukt, es ist nur eine Ableitung desjenigen, was vom grie-
chischen Geistesleben eigentlich herstammt. Es ist nur durch verschie-
dene Metamorphosen durchgegangen. Dieses Geistesleben geht aber
seinem weiteren Ursprunge nach durchaus zuriick bis in den Orient
hinein. Und dasjenige, was wir finden bei Plato, was wir finden bei
Heraklit, bei Pythagoras, bei Empedokles, namentlich bei Anaxagoras,
das alles geht zuriick nach dem Orient. Dasjenige, was wir bei Aschylos,
bei Sophokles, bei Euripides finden, es geht zuriick nach dem Orient,
was wir bei Phidias finden, es geht zuriick nach dem Orient. Die grie-
chische Kultur geht durchaus zuriick nach dem Orient. Sie hat eine
bedeutende Wandlung durchgemacht auf dem Wege vom Orient nach
Griechenland. Im Orient driiben war diese Geisteskultur wesentlich
spiritueller, als sie im alten Griechenland war, und sie war im Oriente
ein Ausflufi desjenigen, was man nennen kann: die Mysterien des Gei-
stes, ich kann auch sagen die Mysterien des Lichtes (es wird wieder Tafel 20
gezeichnet, siehe Seite 229). Schon ein filtriertes, ein verdiinntes Geistes-
leben war das griechische gegeniiber jenem Geistesleben, von dem es
seinen Ursprung genommen hat, dem orientalischen Geistesleben. Dieses
beruhte auf ganz besonderen geistigen Erfahrungen. Wenn ich Ihnen
diese geistigen Erfahrungen beschreiben soil, so miifite ich sie Ihnen in
der folgenden Weise charakterisieren.
Natiirlich miissen wir in vorhistorische Zeiten zuriickgehen, denn
die Mysterien des Lichtes oder die Mysterien des Geistes sind durchaus
vorhistorische Erscheinungen. Wenn ich Ihnen darstellen soli den Cha-
rakter dieses Geisteslebens, wie es sich gebildet hat, so mufi ich das Fol-
gende sagen. Wir wissen ja, wenn wir sehr weit zuriickgehen in der
Menschheitsevolution, so finden wir immer mehr und mehr, dafi die
Menschen der alten Zeiten ein atavistisches Hellsehen, ein traumerisches
Hellsehen hatten, durch das sich ihnen die Geheimnisse des Weltenalls
enthullten. Und wir sprechen durchaus richtig, wenn wir sagen, dafi
iiber die ganze, im dritten, vierten, fiinften, sechsten, siebenten Jahr-
tausend vor dem Mysterium von Golgatha zivilisierte asiatische Erde
Menschen wohnten, denen sich fur ihr durchaus naturgebundenes, an
das Blut, an die leibliche Organisation gebundenes Hellsehen geistige
Wahrheiten offenbarten. Das war gewissermaften die im weiten Um-
kreis verbrekete Bevolkerung. Aber dieses atavistische Hellsehen, es
war in absteigender Entwickelung, es kam immer mehr und mehr in die
Dekadenz. Und dieses In-die-Dekadenz-Kommen des atavistischen
Hellsehens ist nicht blofi eine kulturhistorische Erscheinung, es ist zu-
gleich eine Erscheinung des sozialen Lebens der Menschheit.
Warum? Weil aus dieser weiten Masse der Erdenbevolkerung von
verschiedenen Zentren her, hauptsachlich aber von einem Zentrum in
Asien, gewissermalSen aufstand eine besondere Art von Menschen, eine
Art von Menschen mit besonderen Fahigkeiten. Diese Menschen hatten
aufier dem atavistischen Hellsehen, das ihnen in einer gewissen Bezie-
hung noch geblieben war - es stieg noch aus ihrem inneren Seelenleben
traumhaftes Erfassen der Geheimnisse der Welt auf — , aufier diesem
traumhaften Erfassen der Welt hatten sie aber noch dasjenige - und
zwar als erste Menschen der Menschheitsentwickelung -, was wir die
Denkkraft nennen. Sie hatten zuerst die aufdammernde Intelligenz.
Das war eine bedeutsame soziale Erscheinung, dafi jene alten Men-
schen, die nichts hatten als die traumhaft aufsteigenden Schauungen
iiber die Geheimnisse der Welt, Einwanderer in ihre Territorien kom-
men sahen, die sie noch verstehen konnten, weil die auch Schauungen
hatten, die aber etwas schon hatten, was sie selbst nicht hatten: die
Denkkraft. Das war eine besondere Menschensorte. Die Inder sahen
diejenige Kaste, die sie als die Brahmanen-Kaste bezeichneten, als die
Nachkommen dieser Menschen an, die mit dem atavistischen Hellsehen
die Denkkraft verbanden. Und als sie in die sudlichen Gegenden von
den hohergelegenen nordlichen Gegenden Asiens hinunterstiegen, da
machte sich fur sie geltend der Name Arier. Das ist die arische Bevolke-
rung. Ihr Urkennzeichen ist dieses, dafi sie - wenn ich mich jetzt des
spateren Ausdrucks bedienen darf - mit den plebejischen Fahigkeiten
des atavistischen Hellsehens die Denkkraft verbanden.
Und diejenigen Mysterien, die man die Mysterien des Geistes oder
namentlich die Mysterien des Lichtes nennt, wurden begriindet von sol-
chen Menschen, die das atavistische Hellsehen mit dem ersten Auf-
f lammen der Intelligenz, dem inneren Lichte des Menschen verbanden.
Und eine Dependenz desjenigen, was dazumal als ein erleuchtender
Funke in die Menschheit kam, ist unsere Geistesbildiing, aber eben
durchaus eine Dependenz.
Es hat sich in der Menschheit manches erhalten von dem, was da
geof f enbart worden war. Aber man mufi bedenken, dafi schon die Grie-
chen, gerade die gebildeteren Personlichkeiten unter den Griechen, die
alte atavistische Hellsehergabe hatten verglimmen, verloschen sehen,
und dafi ihnen geblieben war die Denkkraft. Bei den Romern ist nur die
Denkkraft geblieben. Bei den Griechen war noch das Bewufitsein vor-
handen, dafi auch die Denkkraft aus denselben Quellen heraufkommt,
aus denen das alte atavistische Hellsehen kam. Daher sprach Sokrates
noch durchaus etwas aus, was er als Erlebnis kannte, wenn er von sei-
nem Damon sprach, der ihm seine ja allerdings nur dialektischen, in-
telligenten Wahrheiten eingab.
Die Griechen haben auch kiinstlerisch bedeutsam hingestellt das
Herausragen des Intelligenzmenschen, besser gesagt, das Herauswach-
sen des Intelligenzmenschen aus der anderen Menschheit: Denn die
Griechen haben in ihrer Plastik — man studiere sie nur genau - drei stark
voneinander verschiedene Typen. Sie haben den arischen Typus, den
der Apollo-Kopf hat, der Pallas-Athene-Kopf, der Zeus-Kopf, der
Hera-Kopf . Vergleichen Sie die Ohren des Apollo mit den Ohren eines
Merkur-Kopfes, die Nase des Apollo mit der Nase eines Merkur-
Kopfes, da werden Sie sehen, welch anderer Typus das ist. Der Grieche
wollte hinweisen, wie im Merkur-Typus zusammengeflossen ist im
Griechentum mit der Intelligenz dasjenige, was altes, vergangenes Hell-
sehen war, das noch als Aberglaube fortlebte, das niedere Bildung war,
wie dieses auf dem Grunde der Kultur da war, und wie hinausragte der
Arier, dessen kiinstlerische Reprasentanz der Zeus-Kopf, Pallas-Athene-
Kopf und so weiter war. Und die ganz unten stehenden, mit den triiben
Uberresten des alten Hellsehertums vorhandenen Rassen, die auch noch
in Griechenland lebten, aber namentlich an der Peripherie von Grie-
chenland von den Griechen wahrgenommen wurden, sind wiederum in
einem anderen Typus plastisch erhalten: in dem Satyr-Typus, der wie-
der ganz anders ist als der Merkur-Typus. Vergleichen Sie die Satyr-
Nase mit der Merkur-Nase, die Satyr-Ohren mit den Merkur-Ohren
und so weiter. Der Grieche hat in seiner Kunst zusammenflieiSen lassen
dasjenige, was er in seinem Bewufitsein iiber sein Werden trug.
Das, was dadurch die Mysterien des Geistes oder des Lichtes in all-
mahlicher Filtrierung durch Griechenland dann auf die Neuzeit herauf-
kam, das hatte aber eine gewisse Eigentiimlichkeit als Geisteskultur.
Es war als Geisteskultur mit solcher inneren Stofikraft versehen, dafi es
aus sich heraus zu gleicher Zeit das Rechtsleben der Menschen begriin-
den konnte. Daher auf der einen Seite die Offenbarung der Gotter in
den Mysterien, die dem Menschen den Geist bringen, und die Einpf lan-
zung dieses von den Gottern erworbenen Geistes in den aufieren sozia-
len Organismus, in die Theokratien. Alles geht zuriick auf die Theo-
kratien. Und diese Theokratien waren nicht nur imstande, aus dem
Mysterienwesen selbst heraus sich mit dem Rechte zu durchdringen, mit
dem politischen Wesen zu durchdringen, sondern auch das Wirtschafts-
leben zu regeln aus dem Geiste heraus. Die Mysterienpriester der
Mysterien des Lichtes waren zu gleicher Zeit die okonomischen, die
wirtschaftlichen Verwalter ihrer Gebiete. Sie wirtschafteten nach den
Regeln der Mysterien. Sie bauten die Hauser, sie bauten die Kanale, sie
bauten die Briicken, sie sorgten auch fur das Bebauen des Bodens und
so weiter.
Das war in der Urzeit eine Kultur durchaus aus dem Geistesleben
heraus. Aber diese Kultur verabstrahierte. Aus geistigem Leben wurde
sie immer mehr und mehr eine Summe von Ideen. Im Mittelalter ist sie
schon Theologie, das heifit, eine Summe von Begriffen, statt des alten
geistigen Lebens, oder sie ist angewiesen darauf, weil man mit dem
geistigen Leben nicht mehr zusammenhing, abstrakt gehalten zu wer-
den, kurial gehalten zu werden. Denn wenn wir nach den alten Theo-
kratien zuruckblicken, da finden wir, dafi derjenige, der da herrscht,
von den Gottern in den Mysterien dazu seinen Auftrag erhalten hat.
Die letzte Dependenz ist der abendlandische Herrscher. Man sieht ihm
gar nicht mehr an, dafi er die letzte Dependenz des aus den Mysterien
von den Gottern mit seinem Auftrage hervorgegangenen Beherrschers
der Theokratie ist. Alles, was geblieben ist, ist Krone und Kronungs-
mantel. Das sind die aufieren Insignien, die nun spater mehr Orden
wurden. Den Titeln merkt man manchmal noch an, wenn man solche
Dinge versteht, wie sie zurikkgehen auf die Mysterienzeit. Aber alles
ist veraufierlicht.
Kaum weniger veraufierlicht ist dasjenige, was durch unsere Gym-
nasien und Universitaten walk als Geisteskultur, als letzter Nachklang
der gottlichen Botschaften der Mysterien. Es ist das Geistesleben in
unser Leben eingeflossen, aber es ist ganz abstrakt geworden, es ist
blofies Vorstellungsleben geworden. Es ist das geworden, wovon end-
lich die sozialistisch orientierten Kreise sagen: es ist eine Ideologic ge-
worden, das heifit, eine Summe von Gedanken, die nur Gedanken sind.
Zu dem ist wirklich unser Geistesleben geworden.
Unter diesem Geistesleben hat sich dasjenige heranentwickelt, was
das heutige soziale Chaos ist, weil das Geistesleben, das so filtriert ist,
das so verabstrahiert ist, alle Stofikraft verloren hat. Und wir sind
darauf angewiesen, das Geistesleben wiederum auf seine eigenen Grund-
lagen zu stellen, denn nur so kann es gedeihen. Wir mussen wiederum
von dem blofi gedachten Geist zu dem schaffenden Geist den Weg fin-
den. Das konnen wir nur, wenn wir aus dem staatlichen Geistesleben
heraus das freie Geistesleben zu entwickeln suchen, das dann auch die
Kraft haben wird, wiederum zum Leben eben zu erwachen. Denn
weder ein von der Kirche gegangeltes, noch ein vom Staate bewahrtes
und beschiitztes Geistesleben, nocb ein unter der Last des Wirtschaf tens
keuchendes Geistesleben kann fiir die Menschheit fruchtbar sein, son-
dern nur das auf sich selbst gestellte Geistesleben.
Ja, heute ist es an der Zeit, dafi wir den Mut in unseren Seelen auf-
bringen, frank und frei vor der Welt zu vertreten, dafi das Geistesleben
auf seinen eigenen Boden gestellt werden musse. Viele Menschen fragen
heute: Was sollen wir denn tun? Das Nachste, worauf es ankommt, das
ist, dafi wir die Menschen aufklaren iiber das, was notwendig ist. DaiS
wir moglichst viele Menschen gewinnen, die einsehen, wie notwendig es
ist, zum Beispiel das Geistesleben auf seinen eigenen Boden zu stellen,
dafi wir moglichst viele Menschen gewinnen, die es einsehen, dafi das-
jenige, was Padagogik des 19. Jahrhunderts fiir Volks-, Mittel- und
Hochschulen geworden ist, nicht weiter der Menschheit zum Heil ge-
reichen kann, sondern dafi neu gebaut werden miisse aus einem freien
Geistesleben heraus. Es ist noch wenig der Mut in den Seelen vorhanden,
wirklich in radikaler Weise diese Forderung zu stellen. Und man kann
sie ja nur stellen, wenn man dahin arbeitet, dafi moglichst viele Men-
schen die Einsicht in diese Verhaltnisse gewinnen. Alle andere soziale
Arbeit ist heute provisorisch. Das ist dasjenige, was das Wichtigste ist:
zu sehen, zu arbeiten, dafi immer mehr und mehr Menschen die Einsicht
in die sozialen Notwendigkeiten, von denen die eben charakterisierte
eine ist, gewinnen konnen. Aufklarung iiber diese Dinge verschaffen
mit alien Mitteln, die uns zur Verfiigung stehen, das ist es, worauf es
heute ankommt.
Wir sind noch nicht produktiv geworden in bezug auf das Geistes-
leben, und wir werden erst produktiv werden in bezug auf das Geistes-
leben. Ansatze dazu sind vorhanden, ich werde gleich davon sprechen,
aber wir sind noch nicht produktiv geworden in bezug auf das Geistes-
leben. Wir miissen produktiv werden durch die Verselbstandigung des
Geisteslebens.
Alles was auf der Erde entsteht, lafit Reste zuriick. Die Mysterien
des Lichtes sind in der heutigen orientalischen Kultur, im orientalischen
Geistesleben weniger filtriert als im Abendlande, aber doch durchaus
nicht mehr in der Gestalt, in der sie damals waren in der Zeit, die ich
geschildert habe. Doch kann man, wenn man das studiert, was die
Hindus heute noch haben, was die orientalischen Buddhisten haben, viel
eher den Nachklang desjenigen vernehmen, wovon wir selber unser Gei-
stesleben haben, nur ist es auf einer anderen Altersstuf e in Asien stehen-
geblieben. Aber wir sind unproduktiv, wir sind in hohem Grade unpro-
duktiv. Als sich im Abendlande dieKunde von demMysterium von Gol-
gatha verbreitet hat - woher nahmen die griechischen, die lateinischen
Gelehrten die Begriffe, um das Mysterium von Golgatha zu begreifen?
Sie nahmen sie aus der orientalischen Weisheit. Das Abendland hat das
Christentum nicht hervorgebracht, es ist aus dem Orient entnommen.
Und ein anderes: Als man die geistige Kultur in englisch sprechen-
den Gegenden recht unfruchtbar ftihlte und nach einer Befruchtung des
Geisteslebens seufzte, da gingen die Theosophen zu den unterworfenen
Indern und suchten dort ihre Quelle fur ihre neuzeitliche Theosophie.
Fur dasjenige, was man suchte, um das spirituelle Leben zu verbessern,
war keine fruchtbare Quelle im eigenen Leben da: man ging nach dem
Orient. Und neben diesem Signifikanten konnten Sie viele Beweise fiir
die Unfruchtbarkeit des Geisteslebens im Abendlande finden. Und
jeder Beweis fiir die Unfruchtbarkeit des Geisteslebens im Abendlande
ist zu gleicher Zeit ein Beweis fiir die Notwendigkeit der Verselbstan-
digung des Geisteslebens im dreigliedrigen sozialen Organismus.
Eine zweite Stromung in dem Knauelwickel ist die Staats- oder
Rechtsstromung. Da ist der Kniippel in unserer Kultur, die zweite
Stromung. Wenn sie der Mensch heute aufierlich anschaut, wenn er sich
aufterlich mit ihr bekannt macht, da sieht er sie, wenn unsere ehrwiirdi-
gen Richter auf ihren Richterstiihlen mit den Geschworenen sitzen und
liber die Verbrechen oder Vergehen richten, oder wenn die Verwal-
tungsbeamten in ihrer Biirokratie walten iiber unsere zivilisierte Welt
hin, zum Verzweifeln derjenigen, die so verwaltet werden. Alles das-
jenige, was wir Jurisprudenz, was wir Staat nennen, und alles, was in
Verbindung von Jurisprudenz und Staat als Politik entsteht, das ist
diese Stromung (siehe Zeichnung S. 229, weif5). Es ist — wie ich das Tafel 20
(orange) die Stromung des Geisteslebens nennen kann, so ist dieses die
Stromung des Rechtes, des Staates (weifi).
Woher kommt dies? Allerdings geht das auch auf Mysterienkultur
zuriick. Es geht zuriick auf agyptische Mysterienkultur, die durch die
sudlichen europaischen Gegenden gegangen ist, und die dann durch-
gegangen ist durch das niichterne, phantasielose Wesen der Romer, sich
verbunden hat im phantasielosen Wesen der Romer mit einem Seitenast
des orientalischen Wesens und da das katholische Christentum bezie-
Tafel 20 hungsweise das katholische Kirchentum geworden ist (siehe Zeichnung).
Dieses katholische Kirchentum, das ist im Grunde genommen, wenn
auch etwas radikal gesprochen, auch eine Jurisprudenz. Denn von ein-
zelnen Dogmen bis zu jenem gewaltigen, grofien Gerichte, das immer
als «Jiingstes Gericht» dargestellt wurde durch das ganze Mittelalter,
wurde das ganz andersartige Geistesleben des Orients, da es den agyp-
tischen Einschlag hatte aus den Mysterien des Raumes, im Grunde ge-
nommen verwandelt in eine Gesellschaft von Weltenrichtern mit Wel-
tenurteilen und Weltenbestrafungen und Sundern und Guten und
Bosen: Es ist eine Jurisprudenz. Und das ist das zweite Element, das in
unserem Geistesknauel in der Verwirrung, die wir Zivilisation nennen,
drinnen lebt und sich keineswegs organisch mit dem anderen verbunden
hat. Dafi es sich nicht verbunden hat, das kann jeder erfahren, der ein-
mal an die Umversitat geht und meinetwillen nacheinander hort eine
juristische Rede iiber Staatsrecht und nachher hort eine theologische
Rede, meinetwillen iiber kanonisches Recht sogar. Das liegt nebenein-
ander. Aber diese Dinge sind menschengestaltend gewesen. Selbst in
spateren Zeiten, wo man ihre Urspriinge vergessen hat, gestalten sie die
Menschengemiiter noch. Verabstrahierend wirkte das Rechtsleben auf
das spatere Geistesleben, aber im aufieren Leben war es in den Men-
schensitten, Menschengewohnheiten, Menscheneinrichtungen schaf-
fend. Und das, was in der dekadenten Geistesstromung des Orients der
letzte soziale Auslaufer war, was ist es denn, wovon man nicht mehr
Tafel 20 den Ursprung erkennt? Das ist die Feudal- Aristokratie (siehe Zeich-
nung). Dem Adeligen konnten Sie nicht mehr ansehen, dafi er seinen
Ursprung hat aus dem orientalisch theokratischen Geistesleben, denn er
hat alles abgestreif t, es ist nur noch die soziale Konf iguration geblieben.
Die Journalisten-Intelligenz, die bekommt manchmal so merkwiirdige
Alpdruckerscheinungen! Sie bekam solche Alpdruckerscheinung in der
neueren Zeit und erfand ein kurioses Wort, auf das sie besonders stolz
wurde: «Geistes-Aristokratie». Das konnte man ab und zu horen. Das-
jenige, was durch die romische Kirchenverfassung durchgehend, durch
die theokratisierende Jurisprudenz, die jurisprudenzende Theokratie
hindurchgehend, sich dann verweltlicht im mittelalterlichen Stadte-
wesen, sich vollig verweltlicht in der neueren Zeit, was ist das in der
aufiersten Dependenz? Das ist die Bourgeoisie (siehe Zeichnung). Und Tafel 20
so sind getreulich unter den Menschen durcheinandergewiirfelt diese
geistigen Krafte in ihren aufiersten Dependenzen.
Eine dritte Stromung verbindet sich schon auch noch damit. Wenn
Sie sie heute von aufien beobachten (Zeichnung, orange), wo zeigt sich
diese dritte Stromung aufierlich sinnenf allig besonders charakteristisch?
Ja, es gab fur Mitteleuropa geradezu eine Methode, gewissen Leuten zu
demonstrieren, wo sich diese aufiersten Dependenzen eines auch ur-
sprunglich anderen entfalteten. Das geschah, wenn der mitteleuropai-
sche Mensch seinen Sohn ins Kontor nach London oder nach New York
schickte, damit er dort die Usancen des Wirtschaftens lerne. In den
Usancen des Wirtschaftslebens, deren Ursprung in Volksgewohnheiten
der anglo-amerikanischen Welt liegen, da ist die letzte Konsequenz des-
jenigen zu sehen, was sich entwickelt hat in Dependenzen aus dem, was
ich nennen mochte, die Mysterien der Erde, von denen zum Beispiel die
Druiden-Mysterien nur eine besondere Abart waren. Die Mysterien der
Erde enthielten in Urzeiten europaischer Bevolkerung noch eine eigen-
tumliche Art des Weisheitslebens. Jener europaischen Bevolkerung, die
nichts wufite, ganz barbarisch war gegeniiber den Offenbarungen der
orientalischen Weisheit, gegeniiber den Mysterien des Raumes, gegen-
iiber dem, was dann zum Katholizismus wurde, jener Bevolkerung, die
entgegenkam dem sich ausbreitenden Christentum, ihr war eigen eine
eigentiimliche Art des Weisheitslebens, das ganz und gar physische
Weisheit war. Man kann historisch davon hochstens noch die aller-
aufiersten Gebrauche studieren, die in der Geschichte dieser Stromung
aufgezeichnet sind: wie zusammenhingen die Festlichkeiten derjenigen
Menschen, aus denen die Usancen, die Gewohnheiten Englands und
Amerikas geworden sind. Die Festlichkeiten wurden hier in ganz andere
Beziehungen gebracht als in Agypten, wo die Ernte mit den Sternen
zusammenhing. Hier war die festliche Gelegenheit die Ernte als solche,
und mit anderen Dingen als dort, mit Dingen, die durchaus dem Wirt-
schaftsleben angehoren, hingen die hochsten Festlichkeiten des Jahres
zusammen. Wir haben hier durchaus etwas, was auf das Wirtschafts-
leben zurikkgeht. Und wollen wir den ganzen Geist dieser Sache er-
fassen, dann miissen wir uns sagen: Von Asien heriiber und vom Suden
herauf verpflanzen Menschen ein Geistes- und Rechtsleben, das sie von
oben her empfangen haben und herunterfuhren zur Erde. Da, in der
dritten Stromung, spriefit ein Wirtschaftsleben auf, das sich hinauf-
entwickeln mufi, das sich hinaufranken mufi, das urspriinglich eigent-
lich in seinen Rechtsusancen, in seinen geistigen Einrichtungen ganz
und gar nur Wirtschaftsleben ist, so weit Wirtschaftsleben, dafi zum
Beispiel eines der besonderen Jahresf este darinnen bestand, dafi man die
Befruchtung derHerden als besonderes Fest zu Ehren derGotter feierte.
Und ahnliche Feste gab es: alles aus dem Wirtschaftsleben herausge-
dacht. Und wenn wir in die Gegenden Nordrufilands, Mittelrufilands,
Schwedens, Norwegens gehen, oder in diejenigen Gegenden, die bis vor
kurzer Zeit die Gegenden Deutschlands waren, nach Frankreich, wenig-
stens Nordfrankreich, und nach dem heutigen Grofibritannien, wenn
wir diese Gegenden durchgehen, iiberall finden wir ausgebreitet eine
Bevolkerung, die durchaus vor der Ausbreitung des Christentums in
alten Zeiten eine deutlich ausgesprochene Wirtschaftskultur hatten.
Und das, was noch als die alten Sitten, als Rechtssittenfest, Gotter-
festes-Sitte gefunden werden kann, ist Nachklang dieser alten Wirt-
schaftskultur. (Die Zeichnung an der Tafel ist nun vollstandig.)
Diese Wirtschaftskultur begegnet sich mit dem, was von der anderen
Seite kommt. Zunachst hat es diese Wirtschaftskultur nicht dazu ge-
bracht, ein selbstandiges Rechts- und Geistesleben zu entwickeln. Die
urspriinglichen Rechtsusancen sind abgeworfen worden, weil das romi-
sche Recht eingeflossen ist, die urspriinglichen Geistesusancen sind ab-
geworfen worden, weil das griechische Geistesleben eingeflossen ist.
Zunachst wird dieses Wirtschaftsleben steril, und arbeitet nach und
nach sich wiederum heraus, kann sich aber nur herausarbeiten, wenn es
die Chaotisierung mit dem von fremd her angenommenen Geistesleben
und Rechtsleben iiberwindet. Nehmen Sie das heutige anglo-amerika-
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nische Geistesleben. In diesem englisch-amerikanischen Geistesleben
haben Sie zwei sehr stark voneinander unterschiedeiie Dinge. Erstens
haben Sie iiberall mehr als sonstwo auf der Erde im anglo-amerikani-
schen Geistesleben die sogenannten Geheimgesellschaften, die ziemlich
starken Einflufi haben, viel mehr als die Leute wissen. Sie sind durch-
aus die Bewahrer alten Geisteslebens, und sie sind stolz darauf, die
Bewahrer agyptischen oder orientalischen Geisteslebens zu sein, das
ganz und gar filtriert, bis ins Symbol verfliichtigt ist; bis ins Symbol,
das man nicht mehr versteht, verfliichtigt ist, aber bei den Oberen eine
gewisse grofle Macht hat. Das ist aber altes Geistesleben, nicht auf Tafel 20
eigenem Boden erwachsenes Geistesleben. Daneben ist ein Geistesleben rec
da, das auf dem Wirtschaftsboden durchaus wachst, aber so kleine
Blumchen erst treibt, ganz als kleine Blumchen wuchert am "Wirtschafts-
boden.
Wer solche Dinge studiert und verstehen kann, der weifi gut, dafi
Locke, Hume, Mill, Spencer, Darwin und andere durchaus diese Bltim-
chen sind aus dem Wirtschaf tsleben heraus. Man kann ganz genau die
Gedanken eines Mill, die Gedanken eines Spencer aus dem Wirtschaf ts-
leben heraus gewinnen. Die Sozialdemokratie hat das dann zur Theorie
erhoben und betrachtet das Geistesleben als eine Dependenz des Wirt-
schaf tslebens. Das ist da zunachst vorhanden, alles herausgeholt aus
dem sogenannten Praktischen, eigentlich aus der Lebensroutine heraus,
nicht aus der wirklichen Lebenspraxis. So dafi da nebeneinandergehen
solche Dinge wie der Darwinismus, Spencerismus, Millismus, Humeis-
mus und die filtrierten Mysterienlehren, die dann ihre Fortsetzungen
finden in den verschiedenen sektiererischen Evolutionen, die Theoso-
phische Gesellschaft, die Quaker und so weiter. Das Wirtschaftsleben,
das herauf will, hat erst die kleinen Blumchen getrieben, ist noch gar
nicht weit. Dasjenige, was Geistesleben ist, dasjenige, was Rechtsleben
ist: fremde Pflanzen! Und am allermeisten fremde Pflanzen - das bitte
ich wohl zu beachten — , fremde Pflanzen um so mehr, je mehr wir in
der europaischen Zivilisation nach dem Westen gehen.
Denn in Mitteleuropa, da hat es immer etwas gegeben, was, ich
mochte sagen, wie ein Sich-Wehren war, ein Ankampf en war gegen das
griechische Geistesleben auf der einen Seite und das romisch-katholische
Rechtsleben auf der anderen Seite. Ein Sich-Aufbaumen hat es da
immer gegeben. Ein Beispiel fiir dieses Aufbaumen ist die mitteleuro-
paische Philosophic In England weifi man in Wirklichkeit eigentlich
nichts von dieser mitteleuropaischen Philosophic Man kann in Wirk-
lichkeit den Hegel nicht ubersetzen in die englische Sprache, es ist nicht
moglich. Man weifi nichts von ihm. Deutsche Philosophic nennt man ja
in England Germanismus und meint damit etwas, womit sich ein ver-
nunftiger Mensch nicht befassen kann. Aber gerade in dieser deutschen
Philosophic, mit Ausnahme einer Episode - wo namlich Kant durch
Hume griindlichverdorben worden ist, und dieses scheufilicheKantisch-
Humesche Element in die deutsche Philosophic hineingebracht worden
ist, das wirklich in den Kopfen der mitteleuropaischen Menschheit so
heilloses Unheil angerichtet hat -, mit Ausnahme dieser Episode haben
wir immerhin nachher die Nachbliite dieses Aufbaumens gerade in
Fichte, Schelling, Hegel. Und wir haben das Suchen nach einem freien
Geistesleben schon in Goethe> der nichts mehr wissen will von dem
letzten Nachklang der romisch-katholischen Jurisprudenz in dem, was
man Naturgesetz nennt. Fuhlen Sie ebenso, wie in dem schabig gewor-
denen Talar und in den sonderbaren Miitzen, die noch die Richter aus
der alten Zeit haben - heute machen sie Petitionen, dafi sie das ablegen
konnen — , fuhlen Sie ebenso in der Naturwissenschaft, in dem Natur-
gesetze, «Gesetz», das Juristische noch drinnen! Denn der ganze Aus-
druck «Naturgesetz» hat zum Beispiel der Goetheschen Naturwissen-
schaft gegeniiber, die nur mit dem Urphanomen, die nur mit der Ur-
tatsache arbeitet, keinen Sinn. Da ist zum ersten Mai radikal an-
gekampft - aber natiirlich ist das alles in dem Beginn geblieben -, das
war der erste Vorstofi nach dem freien Geistesleben: die Goethesche
Naturwissenschaft. Und in diesem Mitteleuropa gibt es sogar schon
den ersten Anstofi zu dem selbstandigen Rechts- oder Staatsleben. Lesen
Sie solch eine Schrift wie die Wilhelms von Humboldt. Der Mann ist
sogar preufiischer Unterrichtsminister gewesen. Lesen Sie die Schrift
von Wilhelm von Humboldt. Sie hat friiher — ich weifi nicht, wie viel
sie jetzt kostet - in derReclamschenUniversal-Bibliothek blofi zwanzig
Pfennige gekostet. Lesen Sie diese Schrift: «Ideen zu einem Versuch,
die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen», dann werden
Sie sehen den ersten Ansatz, das selbstandige Rechts- oder Staatsleben,
die Selbstandigkeit des eigentlichen politischen Gebietes zu kon-
struieren. Allerdings ist es eben niemals weiter als zu Ansatzen gekom-
men. Diese Ansatze liegen zuriick bis in die erste Halfte des 19. Jahr-
hunderts, sogar bis in das Ende des 18. Jahrhunderts. Aber man mufi
nur bedenken, dafi immerhin doch in diesem Mitteleuropa gerade nach
dieser Richtung hin wichtige Impulse da sind, Impulse, an die an-
gekniipft werden kann, die nicht unberiicksichtigt gelassen werden
sollen, die einmunden konnen in den Impuls vom dreigliedrigen sozia-
len Organismus.
Nietzsche hat in eines seiner ersten Biicher dasjenige Wort geschrie-
ben, das ich wieder zitiert habe in meinem Nietzsche-Buch gleich auf
den ersten Seiten, und mit dem geahnt wird etwas wie die Tragik des
deutschen Geisteslebens. Nietzsche versuchte dazumal in seiner Schrift
«David Straufi, der Bekenner und Schriftsteller» die Ereignisse von
1870/71, die Begriindung des Deutschen Reiches zu charakterisieren
mit dem Wort: «Exstirpation des deutschen Geistes zu Gunsten des
deutschen Reiches ». Seither ist dieser Kehlkopfschnitt des deutschen
Geistes griindlich durchgefuhrt worden. Und als in den letzten fiinf bis
sechs Jahren drei Viertel der Welt iiber dieses ehemalige Deutschland
sich hermachten - ich will nicht iiber die Ursachen und iiber die Schul-
digen sprechen, sondern eben nur die Konfiguration, die Weltlage an-
geben -, da war es im Grunde genommen schon der Leichnam des deut-
schen Geisteslebens. Aber wenn man so spricht, wie ich gestem ge-
sprochen habe, unbefangen die Tatsachen charakterisierend, so sollte
man nicht heraushoren, dafi nicht vieles noch drinnenliegt in diesem
deutschen Geistesleben, was trotz der zukiinftigen Zigeunerhaftigkeit
herauskommen muiS, was beachtet werden mufi, was beachtet sein will.
Denn woran sind im Grunde genommen die Deutschen zugrunde ge-
gangen? Man mufi sich auch diese Frage unbefangen einmal beantwor-
ten. Die Deutschen sind daran zugrunde gegangen, dafi sie es auch mit-
machen wollten mit dem Materialismus, und well sie kein Talent haben
zum Materialismus. Die anderen haben gute Talente fur den Materia-
lismus. Die Deutschen haben uberhaupt jene Eigentiimlichkeit, die ein-
mal Herman Grimm ausgezeichnet charakterisiert hat, indem er sagte:
Die Deutschen weichen in der Regel dann zuriick, wenn es ihnen heil-
sam ware, kiihn vorzuschreiten, und sie stiirmen furchtbar stark vor,
wenn es ihnen heilsam ware, sich zuruckzuhalten. - Es ist das ein sehr
gutes Wort fur eine innere Charaktereigenschaft gerade des deutschen
Volkes. Denn die Deutschen haben Stofikraft durch die Jahrhunderte
gehabt, aber nicht die Fahigkeit, die Stofikraft durchzuhalten. Goethe
konnte das Urphanomen hinstellen, aber es nicht bis zu den Anfangen
der Geisteswissenschaft bringen. Er konnte eine Geistigkeit entwickeln,
wie zum Beispiel in seinem «Faust» oder in seinem «Wilhelm Meister»,
welche die Welt hatte revolutionieren konnen, wenn die rechten Wege
gefunden worden waren. Dagegen brachte es die aufiere Personlichkeit
dieses genialen Menschen nur so weit, dafi er in Weimar Fett ansetzte
und ein Doppelkinn hatte, ein dicker Geheimrat wurde, der ungemein
fleifiig war auch als Minister, aber der doch gendtigt war, funfe grad
sein zu lassen, wie man sagt, gerade im politischen Leben.
Das sollte in der Welt eingesehen werden, dafi solche Erscheinungen
wie Goethe und Humboldt uberall die Ansatze darstellen, und daft die
Welt wahrhaftig zu ihrem Schaden, nicht zu ihrem Nutzen, unberiick-
sichtigt lassen konnte dasjenige, was innerhalb der deutschen Evolution
lebt, und was durchaus noch nicht ausgebaut ist, was herauskommen
muE. Denn die Deutschen haben schliefilich auch nicht die Anlage,
welche die anderen so grofiartig haben, je weiter wir nach Westen gehen:
uberall bis zu den letzten Abstraktionen aufzusteigen. Man nennt nur
dasjenige, was die Deutschen in ihrem Geistesleben haben, «Abstrak-
tionen», weil man es nicht erleben kann; und weil man das Leben selbst
ausprefit, so glaubt man, die anderen haben es auch nicht drinnen. Aber
die Deutschen haben nicht die Gabe, bis zu den aufiersten Abstraktionen
vorzudringen. Das zeigte sich insbesondere in ihrem Staatsleben, in die-
sem ungluckseligsten aller Staatsleben. Hatten die Deutschen von jeher
das grofie Talent fur den Monarchismus gehabt, das sich die Franzosen
bis zum heutigen Tage so glanzend bewahrt haben, so wiirden sie dem
«Wilhelminismus» niemals verfallen sein. Sie hatten nicht diese sonder-
bare, karikaturhafte Gestalt eines Monarchen dastehen zu lassen oder
hinzustellen brauchen. Die Franzosen nennen sich zwar Republikaner,
aber sie haben unter sich einen heimlichen Monarchen, der das Staats-
gefiige fest zusammenhalt, der die Gemuter furchtbar im Zaume halt:
denn im Grunde genommen ist uberall noch der Geist Ludwigs XIV.
da. Es ist nur noch in der Dekadenz naturlich, aber es ist da. Es ist schon
ein heimlicher Monarch in dem franzosischen Volke enthalten, das geht
im Grunde genommen aus jeder seiner Kulturaufierungen hervor. Und
jenes Talent zur Abstraktion, das in Woodrow Wilson zutage getreten
ist, das ist eben auf aufierem, politischem Gebiete das aufierste Talent
zur Abstraktion. Jene Vierzehn Punkte des Weltenschulmeisters, die in
jedem ihrer Worte das Geprage des Unpraktischen und Undurchfiihr-
baren tragen, die konnten nur entspringen aus dem Geiste heraus, der
ganz fur das Abstrakte gebaut ist, der gar keinen Sinn hat fur wahre
Wirklichkeiten.
Es wird einmal wohl zwei Dinge geben, die die Kulturgeschichte der
Zukunf t schwer begreifen wird. Das eine habe ich of ter mit den Worten
Herman Grimms vor Ihnen charakterisiert: es ist die Kant-Laplacesche
Theorie, an die manche Leute heute noch glauben. Herman Grimm sagt
in seinem «Goethe» so schon: man wird einmal jene Krankheit, von
den Leuten heute Wissenschaf t genannt, schwer begreifen konnen, die
sich in der Kant-Laplaceschen Theorie zum Vorschein bringt, wonach
aus einem allgemeinen Weltnebel durch Zusammenballung alles das ent-
standen ist, was wir heute um uns herum haben. Und das soli so weiter
gehen, bis das ganze Zeug wiederum in die Sonne zuriickfallt! Ein Aas-
knochen, um den ein hungriger Hund seine Kreise zieht, ist ein appetit-
licheres Stuck, als diese Phantasievorstellungen, diese phantastische
Vorstellung von der Weltentwickelung. - So meint Herman Grimm.
Naturlich wird es einmal grofie Schwierigkeiten haben, aus dem wissen-
schaftlichen Wahnsinn des 19. und 20. Jahrhunderts diese Kant-
Laplacesche Theorie zu erklaren.
Das zweite Stuck wird sein die Erklarung der unglaublichen Tat-
sache, dafi es jemals eine grofie Anzahl Menschen geben konnte, welche
den Humbug der Vierzehn Punkte von Woodrow Wilson ernst nah-
men, in einem Zeitalter, das sozial so ernst ist.
Studieren wir dasjenige, was in der Welt nebeneinander steht, dann
finden wir, wie in einer eigentiimlichen Weise sich durcheinander-
knauelnWlrtschaftsleben, politisches Rechtsleben, Geistesleben. Wollen
wir nicht zugrunde gehen unter dem in die alleraufierste Degeneration
gekommenen Geistes- und Rechtsleben, dann miissen wir uns hinwenden
zu dem dreigliedrigen sozialen Organismus, der aus den selbstandigen
Wurzeln heraus baut das Wirtschaftsleben, das emporkommen will, das
aber nicht emporkommen kann, wenn ihm kein Rechtsleben und kein
Geistesleben aus der Freiheit entgegenkommen. Die Dinge haben in der
ganzen Menschheitsevolution und im menschlichen Zusammenleben
ihre tiefen Wurzeln. Diese Wurzeln, sie miissen aufgesucht werden. Den
Menschen mufi heute verstandlich gemacht werden, wie da unten, ich
mochte sagen, ganz am Boden kriecht das Wirtschaf tsleben, eingef adelt
von anglo-amerikanischen Denkgewohnheiten, wie es sich nur hinauf-
ranken wird konnen, wenn es im Zusammenklang mit der ganzen Welt
arbeitet, mit dem, wofiir andere auch bef ahigt, andere auch begabt sind.
Sonst wird ihm das Erringen der Weltherrschaft zum Verhangnis
werden.
Geht der Gang der Welt so fort, wie er gegangen ist mit dem sich
degenerierenden, vom Oriente her kommenden Geistesleben, dann saust
dieses Geistesleben, wahrend es an einem Ende die erhabenste Wahrheit
war, am andern Ende in die furchtbarste Luge hinein. Nietzsche hat
schildern miissen, wie schon die Griechen sich vor der Lebensliige haben
bewahren miissen durch ihre Kunst. Und im Grunde genommen ist die
Kunst das Gotterkind, das die Menschen bewahrt vor dem Versinken in
die Luge. Wenn diesem ersten Zweige der Kultur nur einseitig nach-
gegangen wird, so miindet diese Stromung hinein in die Luge. In den
letzten fiinf bis sechs Jahren ist von alien weltgeschichtlichen Jahren
am allermeisten innerhalb der zivilisierten Menschheit gelogen worden.
Es ist fast iiberhaupt nicht die Wahrheit gesagt worden im offentlichen
Lebens, es war fast kein Wort, das durch die Welt gegangen ist, wahr.
Wahrend diese Stromung hineinmundet in die Luge (siehe Zeichnung Tafel 20
S. 229), miindet die mittlere Stromung hinein in die Selbstsucht. Und ein
Wirtschaftsleben wie das anglo-amerikanische, das in die Weltherr-
schaft ausmiinden sollte: wenn es sich nicht bequemt, sich durchdringen
zu lassen von dem selbstandigen Geistesleben und selbstandigen Staats-
leben, miindet ein in den dritten der Abgriinde des Menschenlebens, in
den dritten jener drei. Der erste Abgrund ist die Luge, die Entartung der
Menschheit durch Ahriman. Der zweite ist die Selbstsucht, die Ent-
artung der Menschheit durch Luzifer. Der dritte ist auf physischem
Gebiete Krankheit und Tod, auf Kulturgebieten: Kulturkrankheit,
Kulturtod.
Die anglo-amerikanische Welt mag die Weltherrschaft erringen:
ohne die Dreigliederung wird sie durch diese Weltherrschaft iiber die
Welt den Kulturtod und die Kulturkrankheit ergiefien, denn diese sind
ebenso eine Gabe der Asuras, wie die Liige eine Gabe des Ahriman, wie
die Selbstsucht eine Gabe des Luzifer ist. So ist das dritte, sich wiirdig
den anderen an die Seite Stellende, eine Gabe der asurischen Machte!
Man mufi aus diesen Dingen den Enthusiasmus nehmen, der einen
befeuern soil, nun wirklich zu suchen die Wege, moglichst viele Men-
schen aufzuklaren. Heute ist die Aufgabe des Einsichtigen: die Auf-
klarung der Menschheit. Wir miissen so viel als moglich dazu tun,
gegen jene Torheit, die sich Weisheit diinkt und die da glaubt, dafi sie es
so herrlich weit gebracht hat, gegen jene Torheit dasjenige hinzustellen,
was wir gewinnen konnen aus dem praktischen Aspekt der anthropo-
sophisch orientierten Geisteswissenschaft.
Habe ich noch mit diesen Worten ein wenig das Gefuhl in Ihnen er-
wecken konnen, welch tiefer Ernst in diesen Dingen heute stecken
mufi, dann habe ich vielleicht etwas von dem erreicht, was ich gern
gerade mit diesen Worten erreicht haben mochte. Wenn wir uns dann
nach ein paar Wochen wieder sehen, wollen wir von ahnlichen Dingen
weiter reden. Heute habe ich nur ein Gefuhl in Ihnen hervorrufen wol-
len davon, dafi es gegenwartig wirklich die wichtigste soziale Arbeit ist,
die Menschen im weitesten Umkreise aufzuklaren.
ANHANG
Die folgenden Wortlaute Rudolf Steiners waren in den friiheren Auflage bis 1983
folgendermafien im Band enthalten:
Einleitung zum Vortrag vom 28. November 1919: in den Hinweisen.
Schlufiworte zum Vortrag vom 30. November 1919: in den Hinweisen.
Einleitung zum Vortrag vom 7. Dezember 1919: im «Anhang» nach den Hinweisen.
Einleitung zum Vortrag vom 28. November 1919
Eine kleine Einleitung mufi ich dem Vortrag vorausschicken, weil ich
Sie doch gewissermaften informieren mufi, besonders in der jetzigen
Zeit, liber verschiedene Dinge, die vorgehen. Da mochte ich Ihnen
nur eine kleine Notiz vorlesen, die unser Freund Dr. Stein in der letzten
Nummer der «Dreigliederung des sozialen Organismus» geschrieben
hat - ein kleiner Artikel, der heifit «Neue Wahlverwandtschaften»:
«Am 11. November hielt im Sieglehaus in Stuttgart Domkapitular
Laun einen ganzlich unbedeutenden Vortrag iiber das Thema
<Theosophie und Christentum>, von dem wir keinerlei Notiz
nehmen wiirden, wenn er nicht nach einer sogleich zu charakteri-
sierenden Richtung symptomatisch gewesen ware. Der Vortragen-
de folgte namlich in seinem Gedanken - genauer miifke man sagen:
in seiner Satzeanordnung - den Ausfuhrungen der Broschiire des
Professors Traub, die den Titel tragt: <Steiner als Philosoph und
Theosoph>. Natiirlich blieb Traub unerwahnt, aber es war sympto-
matisch-interessant zu sehen, wie ein katholischer Domkapitular
gemeinsame Sache machte mit dem evangelischen Professor -
hinter den Kulissen. Katholische und evangelische Partei (denn
Religionen sind das doch nicht mehr) kampfen gemeinsam gegen
Steiner. Was sich vor aller Augen bekampft - hinter den Kulissen
versteht es einander. Welcher Art die Kampfmittel des Vortragen-
den waren, geht wohl zur Geniige hervor, wenn ich erwahne, dafi
nach dem Vortrag keiner Diskussion stattgegeben wurde und dafi
der Vortragende darauf hinwies, dafi, wer sich iiber Steiner orien-
tieren wolle, dies bei Gegnern Steiners, die er aufzahlte, tun konne,
nicht aber durch Steiners Schriften selbst, da dies der Papst verbo-
ten habe. Dr. J. W. Stein. »
Sie sehen, wie sehr es notwendig ist, ein unbefangenes Urteil sich
iiber die Menschen unserer Zeit anzueignen, und wie wenig es heute
mehr an der Zeit ist, so obenhin nur die Verhaltnisse zu beurteilen,
wie man dies leider auch vielfach in unseren Kreisen tut. Denn das
mufi immer wiederholt werden: die Zeiten sind sehr ernst, und es
geniigt nicht, dafi man den alten Autoritatsglauben in veranderter
Form zu seiner eigenen schlafrigen Bequemlichkeit weiter fortsetzt.
Schlufiworte zum Vortrag vom 30. November 1919
In dieser Beziehung [die kleinen Impulse grofi und ernst zu nehmen],
meine lieben Freunde, mufi man auch Alltagliches exemplifizieren.
Man kommt ja ohne das Exemplifizieren des Alltaglichen nicht hin-
aus auf irgend etwas Griindliches. Man wiirde die Dinge zu leicht
nehmen, wenn man nicht ins Alltagliche hineinleuchtete. Denken Sie
doch einmal, wie oft die Note aufgetaucht ist in den letzten Wochen,
wo gesagt worden ist: es ist einmal notwendig, dafi derjenige, der im
Ernste durchdringen will das, was in neuer Weltanschauung, an-
throposophisch orientiert, notwendig ist, dafi der es ernst nimmt auch
im alltaglichen Leben mit der Darstellung der Wahrheit. Verschweigen
kann ja jeder und bei sich behalten, so viel er will. Wenn er aber etwas
sagt selbst, so mufi er streben nach der Adaquatheit desjenigen, was
in seinen Worten liegt mit dem, was vorgeht. Ich mdchte sagen, es
klang mir noch in den Ohren mein eigenes Wort, denn es ist kaum
vierzehn Tage her, dafi ich die Wichtigkeit dieses auch aufieren
Wahrheitsstrebens betont habe, und wieviel ist mir innerhalb unserer
eigenen Bewegung in den letzten vierzehn Tagen wiederum nach
dieser Richtung entgegengetreten. Ich erwahne nur das eine, weil es
so grotesk ist.
Am letzten Donnerstag, nach kurzer Mitteilung, hatte ich einen
Vortrag in Basel vor der Lehrerschaft zu halten. Es war eine Tatsache
da, wenn man sagte, ich hatte ihn vor der Basler Lehrerschaft zu
halten, eine vollig adaquate Tatsache war es. Ein anderer, der auch
hier sitzt, horte an dem Tage, dafi die Ansicht bestiinde, dafi ich am
nachsten Sonnabend, das ware also gestern gewesen, diesen Vortrag
wiederholen wiirde in Basel, dafi ich denselben Vortrag wiederum
halten wiirde. - Das kam mir zu Ohren; es war nichts, auch nicht eine
Spur von Grundlage fur solch eine Mitteilung. - Es wurde darum die
Konklusion geschlossen, ich solle das nicht tun, denn da es eine
Synode gabe, so ware auf keinen ausgiebigen Besuch zu hoffen. Es
war aber gar keine Ursache, daft so ein Geriicht auftrat, denn es hatte
offenbar niemand die Absicht gehabt, so etwas zu arrangieren. Ich
sage das nicht, um einen einzelnen Fall zu nennen, sondern ich sage
das, um ein Exempel zu liefern fur etwas, daft auch in unseren
Kreisen Tag fur Tag da oder dort gesagt wird, daft etwas geschieht,
hinter dem gar nichts steckt. Geht man den Dingen nach: es ist
iiberhaupt nichts da, es ist gar nichts da, und doch werden die Dinge
erzahlt. Man muft sich mit ihnen beschaftigen, weil Menschen sie
erzahlen. Ja, meine lieben Freunde, es werden Ratschlage dieser Art,
es mit der Wahrheit vollig ernst zu nehmen, doch nicht blofi fur die
heute entseelte Luft gegeben, sondern sie werden gegeben, weil es
wirklich eine Tatsache ist, daft es heute fur jeden dringend notwendig
ist, damit er die richtige Seelenverfassung in das anthroposophische
Streben hineinbringt, auch in aufteren Dingen es absolut exakt damit
zu halten, daft man versucht, das, was man sagt, adaquat zu machen
dem, was ist, namentlich in bezug auch auf die alleraufterlichsten
Angelegenheiten des alltaglichen Lebens. Das sind Dinge, die schon
sehr ernst genommen werden sollen, wenn sie auch scheinbar recht
nebensachlich sind.
Einleitung zum Vortrag vom 7. Dezember 1919
Meine lieben Freunde, ich muft Sie auch heute wiederum in der
Einleitung plagen mit einer kleinen Mitteilung. Aber da wir ja heute
wohl die letzte unserer Betrachtungen haben vor unserer Abreise -
die Abwesenheit wird diesmal ja wohl kiirzer dauern -, so muft ich
diese mir wenig schmackhafte Mitteilung schon noch machen. Sie
gehort in die Reihe der zahlreichen Angriffe, die jetzt erfolgen und
unterscheidet sich von den anderen Ihnen bereits mitgeteilten Angriffen
dadurch, daft sie vielleicht noch um ein wesentliches Stuckchen
gemeiner ist als andere. Es erscheint ein Blatt hier - wie ich glaube
nicht sehr feme -, das sich nennt «Suisse-Belgique Outremer»; in
diesem Blatt findet sich ein Artikel iiber die «Kernpunkte der sozialen
Frage», und dieser Artikel beginnt mit den Worten:
«Quel abime, sie nous passons d'un Emil Waxweiler a un Rudolf
Steiner! L'un est, au premier abord, obscur dans sa terminologie,
mais sa pensee est d'une clarte aigue. L'autre developpe ses pensees
en une langue que ses intimes pourront trouver claire: mais sa
pensee nous parait eminemment obscure! L'ecrivain allemand est
theosophe. On affirme qu'il fut le conseiller intime, le confident et
l'inspirateur de Guillaume II, par deference nous ne repeterons
point Pexpression de <Raspoutine> de Guillaume II, par laquelle
nous Pavons entendu designer. »
[« Welch ein Abgrund tut sich auf, wenn wir von einem Emil
Waxweiler zu einem Rudolf Steiner ubergehen! Der eine ist auf
den ersten Blick obskur in seiner Ausdrucksweise, aber sein Denken
ist von einer strahlenden Klarheit. Der andere entwickelt seine
Gedanken in einer Sprache, die seine Anhanger klar finden mogen;
aber sein Denken erscheint uns aufierordentlich obskur! Der
deutsche Schriftsteller ist Theosoph. Man versichert, dafi er der
intime Berater, der Vertraute und Inspirator Wilhelms II. war; aus
Riicksicht wiederholen wir nicht die Bezeichnung <Rasputin> von
Wilhelm II., die wir auch schon gehort haben.»]
Nun, meine lieben Freunde, zuerst die Logik, die in diesem Falle
ein Stuck Moral ist - und da wir ja in der letzten Zeit iiber
mannigfaltiges Moralisches auch zu sprechen hatten, so reiht sich ja
das in unsere anderweitigen Betrachtungen nicht schlecht ein -,
zuerst die Logik, die ein Stuck Moral ist: Man verbreitet ein ganz
gemeines Geriicht, und man sagt zu gleicher Zeit, dafi man nichts zu
seiner Verbreitung beitragen will; man sagt, man will etwas nicht
behaupten - und behauptet es. Das ist die Logik vieler Menschen der
Gegenwart.
Nun mochte ich die Tatsachen dem entgegenstellen. Unsere Freunde
werden sich erinnern, dafi ich im Laufe der Jahrzehnte seit den
achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts - vielleicht konnen sich
diejenigen, die hier sind, nur an Jahrzehnte in geringerer Anzahl
erinnern, das macht aber nichts, weit zuriick wissen sich aber manche
zu erinnern, die hier sitzen, daft ich zahlreiche Vortrage gehalten
habe. Sie werden wissen, daft ich zu diesem «Guillaume II» nur die
eine Stellung hatte durch die ganze Zeit hindurch des absoluten
Ignorierens - eine andere Moglichkeit gab es ja nicht -, des absoluten
Ignorierens. Gegeniiber jener Stellung, welche wahrhaftig nicht nur
etwa allein in Deutschland, im ehemaligen Deutschland eingenommen
worden ist zu «Guillaume II», sondern auch im Auslande, ist das
doch wohl etwas abstechend, dafi hier auf unserem Boden, soweit ich
selber in Betracht komme, das absoluteste Ignorieren stattfand. Ich
habe - ich kann das sehr einfach darstellen - seit gestern nachgedacht
- gestern abends bekam ich diesen Artikel -, welches meine
Beziehungen zu «Guillaume II» eigentlich sind. Und ich habe diesen
Wilhelm II. gesehen einmal, indem ich safi im zweiten Rang eines
Berliner Theaters - da safi er in der Hofloge; ich war so weit entfernt,
wie von hier bis zu den dort in den letzten Reihen Sitzenden; da sah
ich ihn. Dann ging ich einmal uber die Friedrichstrafie, da ritt er unter
seinen Generalen, oder so etwas, mit dem Marschallstabe. Und dann
sah ich ihn noch einmal im Zuge schreiten, als er hinter dem Sarg der
Grofiherzogin Sophie von Sachsen- Weimar ging. Gesprochen habe
ich mit ihm noch nie ein Wort. In seiner Nahe war ich niemals. Das
ist die Wahrheit, meine lieben Freunde, und es gibt heute die
Moglichkeit, dafi die Wahrheit nicht nur von Skatbrudern beim
Dammerschoppen und von Kaffeetanten in einer solchen Weise
entstellt wird - das ist sie ja schon seit langerer Zeit -, sondern von
Menschen, die in «Zeitschriften» schreiben. Und, meine lieben Freun-
de, diese Zeitschriften werden gelesen, ohne dafi man sich darum
kummert, welche Gesinnung gegeniiber der Wahrheit in unserem
Zeitschriftenwesen heute ist. Da mufi man doch die Frage aufwerfen:
Welche Aussicht hat denn iiberhaupt gegeniiber einer solchen
bodenlosen Korruption eine geistige Bewegung, die sich in der Welt
geltend machen will, eine geistige Bewegung, die es wahrlich notig
hatte, nicht aus einem aufieren Geflunker, sondern aus dem innersten
Nerv ihres Existierens, ihrer Existenzmoglichkeit heraus zu sagen:
«Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit»? Wir mufiten oftmals gerade
gelegentlich der Betrachtungen der letzten Wochen, meine lieben
Freunde, immer wieder und wieder darauf aufmerksam machen:
wenn dasjenige, was ich hier Geisteswissenschaft nenne, in der Welt
wirklich durchdringen will, so ist dazu erforderlich, dafi ein Boden
ehrlichster und aufrichtigster Wahrhaftigkeit fiir dasjenige, was die
Geisteswissenschaft der Welt zu sagen hat, da sei. Und ich habe
oftmals darauf aufmerksam gemacht, dafi im Kleinsten es notwen-
dig ist von denjenigen, die sich beteiligen wollen an solch einer
geisteswissenschaftlichen Bewegung, zu sehen, wie selbst in den
unbedeutendsten Worten und in der unbedeutendsten Mitteilung
der alltaglichsten Tatsache absoluteste wortgetreue Wahrhaftigkeit
herrschen miisse. Denn dasjenige, was das Nichtgenaunehmen mit
der Wahrheit in der Alltaglichkeit ist, das hat eine innere Wachs-
tumskraft, das wachst, das hat eine eigene Vitalitat, und das
wachst sich dann aus zu diesen Dingen, die eigentlich nicht mehr
charakterisiert werden konnen, weil sie alles Mafi des Menschlich-
Gemeinen uberschreiten, weil in Menschen, die in einer solchen
Weise ihre gemeine Verleumdungssucht auf Papier mit Druk-
kerschwarze vervielfaltigen diirfen, dasjenige steckt, was unsere Kul-
tur korrupt macht. Und es ist durchaus eine Wahrheit, dafi, solange
nicht der Kampf aufgenommen wird in ernstlicher und ehrlicher
Weise gegen alles dasjenige, was aus solcher Ecke herauskommt, die
Menschheit weiter in die Dinge hineinsegeln wird, die heute nun
griindlich wahrzunehmen sind.
Man muE, meine lieben Freunde, anschauen dasjenige, was in der
Welt geschieht, an solchen Symptomen. Deshalb ist es hier notwendig,
dafi Kleines und Grofies, was gegen den Wahrheitssinn verstofk,
immer wieder geriigt werde. Derjenige, der eine Ahnung davon hat,
was verbunden wird heute mit der Personlichkeit des Rasputin, der
weifi zu gleicher Zeit, aus welch bodenlos gemeiner Ecke eine solche
Verleumdung heraus gemiinzt ist. Sie sehen also, meine lieben Freunde,
nicht blofi von der kirchlichen Seite, von der die Angriffe immer
hef tiger werden, sondern auch von nichtkirchlicher Seite droht gar
mancherlei demjenigen, was sich hier geltend machen will als
geisteswissenschaftlicher Kultureinschlag. Und man mochte wahrhaftig
Worte finden, ich sagte das ja hier schon ofter, welche mehr Tragkraft
haben, als meine Worte bisher haben konnten, denn das zeigt sich ja
auch wiederum an alien Ecken und Enden; man mochte Worte
finden, welche mehr Tragkraft finden konnten, als meine Worte bisher
gehabt haben, um zu begegnen dem, was heute der Ausbreitung der
Wahrheit in der Welt entgegensteht. Man mochte deshalb mehr Kraft
finden, weil leider die Seelen der meisten Menschen gegeniiber
demjenigen, was hier als Wahrheit gemeint ist, eigentlich doch schlafen,
weil die Seelen der meisten Menschen im Grunde genommen doch
das ungeheuer Ernste, das hinter diesen Sachen steckt, sehr bald
wiederum vergessen, nachdem es vor sie hingetreten ist.
Ich mochte heute eben dies auch noch als Prinzipielles sagen.
Versuchen Sie es einmal, meine lieben Freunde, die Zeit der wenigen
Wochen, in denen ich hier vielleicht keine Vortrage halten werde,
dazu zu verwenden, iiber Wahrheitsgefuhl und Wahrheitsgesinnung
einmal ernst zu meditieren, zu meditieren iiber die Tragfahigkeit des
Wahrheitssinnes und iiber das ungeheuer Korrumpierende des heute
die Welt so intensiv durchziehenden Unwahrhaftigkeitssinnes. Denn
glauben Sie es mir, die menschlichen Gedanken sind reale Machte,
und Unwahrhaftigkeiten sind, auch wenn sie im Kleinen waken, sie
sind todlich fur dasjenige, was eigentlich bezeichnet werden muft als
der die Erdenevolution fordernde Geist. Und man kann einfach auf
die Dauer nicht zur Verbreitung dieses Erdenforderndsten beitragen,
wenn man etwa zu stofien hatte immer wieder und wiederum auf
lauter Unwahrhaftigkeit. Das mufite ich wiederum zur Einleitung
heute sagen, damit Sie aufgeklart sind daruber, meine lieben Freunde,
woran es liegen konnte, wenn etwa das Esoterische allmahlich immer
mehr und mehr versickern mulke aus demjenigen, was als gei-
steswissenschaftliche Bewegung auch durch unsere Reihen geht.
Glauben Sie nicht, dafi hier etwas Unwichtiges gesagt wird. Es ist
notwendig, dafi jeder eigentlich ernsthaftig mit sich zu Rate geht,
meditativ sich verhalt zu der Frage iiber die Tragkraft der Wahrheit;
denn einmal tritt sie im Kleinen, in der alltaglichen Mitteilung auf, die
Unwahrhaftigkeit, das andere Mai als moralisch korrupte Unlogik,
wie hier in diesem Artikel. Die Dinge sind nur quantitativ verschieden,
qualitativ im Grunde genommen dasselbe.
HINWEISE
Zu dieser Ausgabe
Textunterlagen: Alle hier versammelten Vortrage wurden von der Berufsste-
nographin Helene Finckh mitstenographiert und auch von ihr selbst in
Klartext iibertragen.
Die Durchsicht der 4. Auflage 1994 besorgte Martina Maria Sam. Es er-
gaben sich dabei nur geringfiigige Anderungen. Korrigiert wurden einige
wenige Druck- und Interpunktionsfehler sowie im Vergleich zu den Origi-
naltafelzeichnungen verschiedene falsche Farbangaben bei den Zeichnungen.
Neu hinzugefugt wurden die Marginalien, die auf die jeweiligen Tafeln in
Band II der «Wandtafelzeichnungen zum Vortragswerk» verweisen, sowie
ein Namenregister. Die Hinweise wurden aktualisiert und geringfiigig er-
weitert.
Die Texte im «Anhang» - mehr interne Bemerkungen Rudolf Steiners am
Anfang oder Ende verschiedener Vortrage - fanden sich bis einschliefilich
der 3. Auflage 1983 teilweise in den «Hinweisen». Es handelt sich um die
Einleitung zum Vortrag vom 28. November, die SchlufSworte vom 30.
November und die Einleitung vom 7. Dezember 1919.
Der Titel des Bandes entspricht dem Titel der ersten Buchausgabe, die Marie
Steiner fur die Vortrage vom 21. November bis zum 30. November 1919 im
Jahre 1934 besorgt hat.
Die Zeichnungen im Text wurden aus den bisherigen Auflagen ubernom-
men; die Zeichnungen auf S. 170, 176, 181, 185, 187, 205, 209 wurden von
Assja Turgenieff angefertigt, die ubrigen von Leonore Uhlig.
Zu den Tafelzeichnungen: Die Original-Wandtafelzeichnungen und -an-
schriften Rudolf Steiners bei diesen Vortragen sind erhalten geblieben, da
die Tafeln damals mit schwarzem Papier bespannt waren. Sie sind als Ergan-
zung zu den Vortragen in Band II der Reihe «Rudolf Steiner, Wandtafel-
zeichnungen zum Vortragswerk» verkleinert wiedergegeben. Die in den
friiheren Auflagen in den Text eingefugten zeichnerischen Ubertragungen
sind auch fur diese Auflage beibehalten worden. Auf die entsprechenden
Originaltafeln wird jeweils an den betreffenden Textstellen durch Rand-
vermerke aufmerksam gemacht.
Fruhere Veroffentlichungen:
21. November 1919: «Nachrichtenblatt» der Zeitschrift «Das Goetheanum»
Nrn. 31-32/1931: Uber den Michaels-Impuls / «Die Sendung Micha-
els. Die Offenbarung der eigentlichen Geheimnisse des Menschenwe-
sens», 1. Vortrag, Dornach 1934 und Freiburg i. Br. 1954
22. November 1919: «Nachrichtenblatt» der Zeitschrift «Das Goetheanum»
Nrn. 33-36/1931: Uber den Michaels-Impuls / «Die Sendung Micha-
els. Die Offenbarung der eigentlichen Geheimnisse des Menschenwe-
sens», 2. Vortrag, Dornach 1934 und Freiburg 1954
23. November 1919: «Nachrichtenblatt» der Zeitschrift «Das Goetheanum»
Nrn. 36, 39-41/1931: Uber den Michaels-Impuls / «Die Sendung
Michaels. Die Offenbarung der eigentlichen Geheimnisse des Men-
schenwesens», 3. Vortrag, Dornach 1934 und Freiburg 1954
28. November 1919: «Nachrichtenblatt» der Zeitschrift «Das Goetheanum»
Nrn. 44/1932 und Nrn. 4-5/1932: Uber den Michaels-Impuls / «Die
Sendung Michaels. Die Offenbarung der eigentlichen Geheimnisse des
Menschenwesens», 4. Vortrag, Dornach 1934 und Freiburg 1954
29. und 30. November 1919: «Die Sendung Michaels. Die Offenbarung der
eigentlichen Geheimnisse des Menschenwesens», 5. und 6. Vortrag,
Dornach 1934 und Freiburg 1954
6. Dezember 1919: «Das Goetheanum» Nrn. 47-49/1936: Das Hineinweben
der elementarischen Welt in das Schicksalsmafiige des Menschen
7. Dezember 1919: «Nachrichtenblatt» der Zeitschrift «Das Goetheanum»
Nrn. 8-10/1937: Der Mensch und die Umwelt
12. - 15. Dezember 1919: «Die Mysterien des Lichtes, des Raumes, der Erde
und ihre Gegenspiegelung in den drei Stromungen der materialistischen
Zivilisation», Dornach 1937
Hinweise zum Text
Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit
der Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes.
Zu Seite:
11 was ... in der Zeit, die diesen Vortrdgen vorangegangen ist, von mir hier gesagt
worden ist: Siehe «Die geistigen Hintergriinde der sozialen Frage», Band III:
«Soziales Verstandnis aus geisteswissenschaftlicher Erkenntnis», GA 191.
20 urn den Goetheschen «Faust» richtig zu verstehen, wie ich das ofter ... ausein-
andergesetzt habe: Siehe «Geisteswissenschaftliche Erlauterungen zu Goethes
Faust*, Band I und II, GA 272/273.
21 Miltons «Verlorenes Paradies»: John Milton, London 1608 - 1674, engl. Dich-
ter. «Paradise lost», («Das verlorene Paradies». Ein religioses Epos in 12 Ge-
sangen, 1667).
Klopstocks Messiade: Friedrich Gottlieb Klopstock, 1724 - 1803, deutscher
Dichter mit wesentlichem Einflufi auf Goethe, Holderlin, spater Rilke und
George. - An seinem lyrisch-musikalischen Epos «Messias», dem ersten grofien
neuhochdeutschen Epos, in zwanzig Gesange unterteilt, schrieb er fast zwanzig
Jahre (1745 - 1773; erste Gesamtausgabe Altona 1780). Die ersten veroffent-
lichten Gesange (Bremen 1748) erregten ungeheures Aufsehen in der damaligen
Literaturwelt; die Verwendung des Hexameters erschlofi der Versepik eine neue
Moglichkeit der Gestaltung. Klopstock eroffnete mit diesem Werk die der
Aufklarung folgende Epoche der «Empfindsamkeit».
22 Inkarnation des Ahriman, von der ich Ihnen schon gesprochen babe: In den
Vortragen vom 1. und 2. November 1919; 5. und 6. Vortrag in GA 191, vgl.
Hinweis zu S. 11
23 achte okumenische Konzil von Konstantinopel im Jahre 869: In den «Canones
contra Photium» wird in diesem gegen den Patriarchen Photius veranstalteten
Konzil unter Can. 1 1 festgelegt, dafi der Mensch nicht «zwei Seelen», sondern
«unam animam rationabilem et intellectualem» habe. Der von Rudolf Steiner
sehr geschatzte katholische Philosoph Otto Willmann schreibt in seinem drei-
bandigen Werk «Geschichte des Idealismus», 1. Auflage, Braunschweig 1894, §
54: Der christliche Idealismus als Vollendung des antiken (Band II, Seite 111):
«Der Mifibrauch, den die Gnostiker mit der paulinischen Unterscheidung des
pneumatischen und des psychischen Menschen trieben, indem sie jenen als den
Ausdruck ihrer Vollkommenheit ausgaben, diesen als den Vertreter der im
Gesetze der Kirche befangenen Christen erklarten, bestimmte die Kirche zur
ausdriicklichen Verwerfung der Trichotomies
Novembernummer der «Stimmen der Zeit» ... Jesttitenpater Zimmermann ...
eines der neueren Dekrete des heiligen Offiziums von Rom: «Stimmen der Zeit»
(bis 1914 «Stimmen aus Maria-Laach»), Katholische Monatsschrift fur das Gei-
stesleben der Gegenwart, Herdersche Verlagshandlung, Freiburg i. Br. Otto
Zimmermann S. J. polemisierte darin durch Jahre hindurch gegen Rudolf Stei-
ner und die Anthroposophie. In der Novembernummer 1919 schrieb er einen
Artikel «Die kirchliche Verurteilung der Theosophie» und dehnte darin den
Beschlufi des Offiziums von Rom auch auf die Anthroposophie aus.
26 ein Wort, das Nietzsche oftmals gebraucht hat ... von der Umwertung gewisser
Werte: Friedrich Nietzsche, 1844 - 1900, z. B. in «Der Antichrist - Fluch auf
das Christentum», 2. Bd. der dreibandigen Ausgabe von Karl Schlechta, Munchen
1955 (Seite 1235, § 62): «und man rechnet die Zeit nach dem dies nefastus, mit
dem dies Verhangnis anhob - nach dem ersten Tag des Christentums - warum
nicht lieber nach dem letzten? - nach heute? - Umwertung aller Werte. »
Wir fiibren fortwahrend Szenen aus dem Goetheschen «Faust» auf: Vgl. Hinweis
zu S. 20.
ich habe Jahrzehnte dem Studium Goethes gewidmet: Vgl. Rudolf Steiner «Mein
Lebensgang», GA 28.
38 Ablauf des 19. Jahrhunderts - die ganze orientalische Weisheit weist hin, aber
von einem vollig anderen Gesichtspunkte, auf die Wichtigkeit dieses Ablaufes
des 19. Jahrhunderts: Gemeint ist das Ende des sogenannten Kali Yuga, das
heifit des Finsteren Zeitalters im Jahre 1899, mit dessen Ablauf geistig ein neu-
es, lichtes Zeitalter angebrochen ist.
40 dieses Herunterwerfen der dem Michael gegnerischen luziferischen Geister: Vgl.
hierzu «Die spirituellen Hintergriinde der aufieren Welt - Der Sturz der Gei-
ster der Finsternis», GA 177.
41 Michael hat seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts: Gemeint ist der
Anbruch des neuen Michael-Zeitalters im Jahre 1879. Vgl. den vorigen Hin-
weis.
Es ist nicht eine Erfindung ... : Joh. 21, 65.
Ich bin bei euch ... ; Matth. 28, 20.
46 achte Sphare: Siehe hierzu Vortrag Dornach, 8. September 1918, in «Die Pola-
ritat von Dauer und Entwickelung im Menschenleben*, GA 184.
52 was die Geologie hereits weifi: Rudolf Steiner bezieht sich hier auf den nam-
haften osterreichischen Geologen Eduard Suefl (1831 - 1914): «Das Antlitz der
Erde», 3 Bande, Wien 1883 - 1901.
55 vor acht Tagen: Vortrag vom 15. November 1919 in «Soziales Verstandnis aus
geisteswissenschaftlicher Erkenntnis», GA 191.
an unserem Bau ... als ich die Kapitale ausgestaltete: Siehe Rudolf Steiner «Wege
zu einem neuen Baustil» (Acht Vortrage, Berlin und Dornach zwischen dem
12. Dezeraber 1911 und dem 26. Juli 1914. Notizen aus zwei Vortragen Miinchen
und Stuttgart 1914 und zwei Aufsatze 1924) mit Abbildungen des ersten, in der
Silvesternacht 1922/23 niedergebrannten Goetheanums, GA 286.
55/56 Haeckel ... erst einfache Wesen, dann Weiterentwickelung: Ernst Haeckel,
1834-1919, Naturforscher. Vgl. sein Werk «Anthropogenie», gemeinverstand-
liche wissenschaftliche Vortrage, Leipzig 1874.
57 wollen wir Ktinst wirklich fassen: Vgl.«Kunst und Kunsterkenntnis. Das Sinn-
lich-Ubersinnliche in seiner Verwirklichung durch die Kunst», 9 Vortr., GA 271.
58 Archimedes, um 287 - 212 v. Chr., bedeutender Mathematiker, Physiker und
Techniker der griechischen Antike.
59 da hinauszugehen auf den Bauplatz: Die Vortrage wurden wahrend der Bauzeit
des ersten Goetheanums in der «Schreinerei» gehalten, einer grofien Holzba-
racke auf dem Baugelande.
60 Andert den Sinn ... ; Mk. 1, 15.
61 Renatus Cartesius, eigentlich Rene Descartes, 1596 — 1650, franzosischer Phi-
losoph und Mathematiker. «Betrachtungen iiber die Grundlagen der Philoso-
phic*, iibersetzt von L. Fischer. Leipzig o. J., 2. Betrachtung, S. 33 ff.
62 Adolf Harnack: Adolf von Harnack, Dorpat 1851 - 1930 Berlin, deutscher
protestantischer Kirchenhistoriker. Rudolf Steiner bezieht sich hier auf das Werk
«Das Wesen des Christentums», 16 Vorlesungen 1899 - 1900 an der Universitat
Berlin, 4. Auflage Leipzig 1901.
der abstrakte Volkerbund: Auf Anregung des amerikanischen Prasidenten Wil-
son 1919 gegriindete internationale Organisation zur Erhaltung des Friedens
und Wahrung des durch den Ausgang des 1. Weltkrieges geschaffenen Status
quo. Sitz in Genf, aufgelost 1946.
64 Zum Vortrag vom 28. November 1919: Rudolf Steiner machte vor dem Vortrag
noch Bemerkungen, siehe Seite 239f..
Sokrates, 469 - 399 v. Chr.; Plato, 427 - 347 v. Chr.; Aristoteles, 384 - 322 v.
Chr.: Uber diese drei grofien griechischen Philosophen vgl. das Kap. «Weltan-
schauungen der griechischen Denker» in Rudolf Steiners Schrift «Die Ratsel
der Philosophic in ihrer Geschichte als Umrifi dargestellt», GA 18.
65 Augmtinus, 354 - 430. Seit 395 Bischof in Nordafrika. Einer der grofien latei-
nischen Kirchenvater.
Aschylos, 525 - 456 v. Chr., griechischer Tragiker.
67 Galileo Galilei, 1564 - 1642, italienischer Naturforscher.
Giordano Bruno, 1548 - 1600, italienischer Renaissance-Philosoph, der die
Trennung von Philosophic und Theologie vollzog und in Rom als Ketzer
verbrannt wurde.
68 Chimborazo: Erloschener Vulkan in den sudamerikanischen Anden, 6310 m.
71 Hegel . . . gewisse Gedanken . . . Uber die Natur: Georg Wilhelm Friedrich Hegel,
1770 - 1831. Seine «Philosophie der Natur» bildet den 2. Teil der «Enzyklopa-
die der philosophischen Wissenschaften im Grundrifi», erstmals 1817.
78 so dafi er gesagt bat: Siehe Immanuel Kant (1724 - 1804) «Metaphysische An-
fangsgriinde der Naturwissenschaft», 1786, Vorrede.
82 Hamack: Siehe Hinweis zu S. 62.
86 des merkwiirdigen Werkes von Dante: «De monarchia». Zuerst erschienen in
Basel 1559.
Dante versucbt in diesem Bucbe: Siehe o.a.O., Zweites Buch, Kap. III.
Herman Grimm, 1828 - 1901, deutscher Kunsthistoriker. Uber Dantes «Mon-
archie»: In «Dante und die letzten Kampfe in Italien» (Essays, I. Folge).
88 leb kannte einen Strafrechtslehrer: Nicht bekannt.
89 Wilhelm Wundt, 1832 - 1920. Griindete das erste Institut fur experimentelle
Psychologie, Verfasser einer «V6lkerpsychologie» in 10 Banden.
Konzil zu Konstantinopel: Siehe Hinweis zu S. 23.
91 Augmtinus: Siehe Hinweis zu S. 65.
Johannes Calvin, 1509 - 1564, Reformator in Genf.
ernsthaft zu nehmende Geologen: Siehe Hinweis zu S. 52.
96 Goethes Prosahymnus: «Die Natur», zuerst im 32. Stuck des «Tiefurter Journa-
les». Vgl. hierzu den Aufsatz Rudolf Steiners «Zu dem <Fragment> iiber die
Natur» in «Methodische Grundlagen der Anthroposophie 1884 - 1901. Gesam-
melte Aufsatze zur Philosophic, Naturwissenschaft, Asthetik und Seelenkun-
de», GA 30.
97 Theobald von Bethmann-Hollweg, 1856 - 1921; 1909 - 1917 deutscher Reichs-
kanzler. «Betrachtungen zura Weltkriege», Teil I: Vor dem Kriege; Teil II:
Wahrend des Krieges; Berlin 1919-1921.
Gottlieb von Jagow, 1863 - 1935, von 1914 an preufiischer Staatsminister,
«Ursachen und Ausbruch des Weltkrieges», 1919.
Georges Clemenceau, 1841 - 1929, franzosischer Ministerprasident von 1917
bis 1920.
Thomas Woodrow Wilson, 1856 - 1924, President der Vereinigten Staaten von
Amerika von 1913 - 1921. Verkiindete am 8. Januar 1918 als Haupt der Entente
die auf das Selbstbestimmungsrecht der Volker aufgebauten «Vierzehn Punkte»
fur die Neugestaltung der Welt nach dem Ersten Weltkrieg; in «Die Reden
Woodrow Wilsons», englisch und deutsch, Bern 1919.
Alfred von Tirpitz, 1849 - 1930, Grofiadmiral, Staatssekretar des Reichsmari-
neamtes, Erbauer und Organisator der deutschen Flotte, «Erinnerungen», Leipzig
1919.
Erich Ludendorff, 1865 - 1937, im ersten Weltkrieg Generalstabschef Hinden-
burgs, 1916 1. Generalquartiermeister, 1918 wegen seines Willens zur Fortset-
zung des Krieges entlassen. «Meine Kriegserinnerungen 1914 - 1918», 1919.
Siehe hierzu auch die Ausfuhrungen Rudolf Steiners im Vortrag Dornach 14.
November 1919, in «Soziales Verstandnis aus geisteswissenschaftlicher Er-
kenntnis», GA 191.
98 £5 war am 6. August: Siehe die Darstellung Ludendorffs in «Meine Kriegs-
erinnerungen 1914 - 1918» («Liittich», Seiten 19-31 der 3. Auflage, 1919.)
100 In unserer Dreigliederungsidee: Siehe Rudolf Steiner «Die Kernpunkte der
sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft»,
GA 23.
107 den man im dritten Zeitalter naturgemafi als das empfand: In den beiden frii-
heren Auflagen hiefi es gemafi Nachschrift «zweiten Zeitalter». Sinngemafi mufi
es aber auf Grund der folgenden Ausfuhrungen hier «dritten Zeitalter» heifien.
108 in meinem letzten Aufsatz der « Sozialen 2ukunft»: «Geisterleben, Rechtsord-
nung, Wirtschaft», Heft 3 der Zeitschrift «Soziale Zukunft». In der Gesamtaus-
gabe in «Aufsatze iiber die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur
Zeitlage 1915-1 921 », GA 24, S. 231 ff.
109 Nachbild der Flamme, die sich sogar nach und nach verdndert, wie Goethe sagt,
abklingt: Vgl. dazu «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», herausgegeben
und kommentiert von Rudolf Steiner in Kurschners «Deutsche National-Lit-
teratur», 5 Bande, GA la-e, Nachdruck Dornach 1975: «Wenn man ein blen-
dendes vollig farbloses Bild ansieht, so macht solches einen starken dauernden
Eindruck und das Abklingen desselben ist von einer Far-benerscheinung be-
gleitet.» (Dritter Band «Zur Farbenlehre», S. 105). An derselben Stelle bemerkt
Rudolf Steiner in einer Fufinote: «Alle wie immer gearteten Nachbilder zeigen
dieses Abklingen in Farbe, das, wenn es auch noch nicht anatomisch erklart ist,
doch zeigt, dafi im Auge das gesamte Spektrum, einschliefilich des Purpurrot,
vorgebildet ist.»
111 Aristoteles ... keine Moglichkeit ... die seeliscbe Praexistenz zu dnrchschauen:
Siehe «Drei Biicher von der Seele», 1. Buch, 3. Kap. Vgl. auch Vincenz Knauer
«Die Hauptprobleme der Philosophies 29. Vorlesung. Vgl. hierzu Vortrag Berlin
12. Dez. 1911 in «Anthroposophie, Psychosophie, Pneumatosophie», GA 115.
Und der Gott Mies ... : 1. Mos. 2,7.
112 Goethe wollte das reine Phanomen erkennen: «Das Hdchste ware, zu begreifen,
dafi alles Faktische schon Theorie ist. Die Blaue des Himmels offenbart uns das
Grundgesetz der Chromatik. Man suche nur nichts hinter den Phanomenen; sie
selbst sind die Lehre.» In «Goethes Naturwissenschaftliche Schriften», Fiinfter
Band «Spriiche in Prosa», S. 376.
113 Gustav Theodor Fechner, 1801 - 1887. Siehe Rudolf Steiner «Die Ratsel der
Philosophic in ihrer Geschichte als Umrifi dargestellt», GA 18.
116 «Blut ist ein ganz besonderer Saft»: Ausspruch des Mephisto in Goethes «Faust»
I, Studierzimmer. Siehe den gleichlautenden Vortrag von Berlin, 25. Oktober
1906, in «Die Weltratsel und die Anthroposophie», GA 54. Auch als Einzel-
ausgabe erhaltlich.
117 das Dokument ist vorbanden: Erwahnt in dem Buch von R. Hagen «Die erste
deutsche Eisenbahn» (1885, S. 45.). Vgl. ferner Friedrich Harkorf:
«Eisenbahnen», erschienen in der Zeitschrift «Hermann», Nr. 26, 1835.
118 wie ich es Ihnen neulich vorgelesen babe: Bezieht sich auf den Bericht von Dr.
W. J. Stein. Vgl. «Anhang» Seite 239.
119 Zum Vortrag vom 30. November 1919: Im Anschlufi an den Vortrag machte
Rudolf Steiner noch Bemerkungen, siehe «Anhang» Seite 240.
125 Erlkonigs Tochter: Aus dem Danischen. Siehe J. G. Herder «Stimmen der Volker
in Liedern».
128 Aufsatz «Die padagogische Grundlage der Waldorfschule»: In «Aufsatze uber
die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915-1921», GA
24. Auch als Einzelausgabe erhaltlich.
129 Zwdlftafelgesetze: Lex duodecim tabularum, Aufzeichnung des romischen Rechts
auf ehernen Tafeln und als Quelle alien Rechts auf dem Forum Romanum
aufgestellt. Nur Bruchstiicke sind davon erhalten.
131 Leopold von Ranke, 1795 - 1886, deutscher Historiker.
133 Ich babe Ihnen ja neulich gesagt [iiber das Buch von Harnack]: Vgl. den 4.
Vortrag dieses Bandes und Hinweis zu S. 62.
135 ich habe Ihnen erst netdich daruber gesprochen: Bezieht sich auf die Ausfiih-
rungen von dem Geologen Suefi im 3. Vortrag dieses Bandes. Vgl. Hinweis zu
S. 52.
137 Schwede oder Norweger: Theodor Svedberg, 1884 - 1971, schwedischer Che-
miker. Es handelt sich um das Werk «Die Materie» (1912), deutsch 1914.
139 Zum Vortrag vom 7. Dezember 1919: Dem Vortrag schickte Rudolf Steiner
eine Einleitung voran, welche im «Anhang», S. 241 ff., abgedruckt ist.
140 Goethe) der sich immer: Vgl. den Hinweis zu S. 109.
144 Nun, uber diesen Unsinn, dafi es sensitive und motorische N erven gabe, babe
ich ja des ofteren schon gesprochen: Vgl. z.B. «Von Seelenratseln» (Kap. Die phy-
sischen und die geistigen Abhangigkeiten der Menschen-Wesenheit), GA 21.
149 Dr. Helphand, der sich Parvus nennt: Alexander Helphand (gestorben 1924),
der sich selbst Parvus-Helphand nannte, russischer Sozialist, zeitweise als
politischer Fluchtling in Deutschland und Chefredakteur der «Sachsischen
Arbeiterzeitung», Dresden. Spielte im Ersten Weltkrieg und fur das Zustande-
kommen der bolschewistischen Revolution sowie des Friedens von Brest-
Litowsk (1918) eine bedeutende Rolle. Siehe Georg Wolf «Warten aufs letzte
Gefecht», Koln 1961.
Ludendorff: Siehe Hinweis zu S. 97.
Paul von Hindenburg, 1847-1934, im Ersten Weltkrieg Generalfeldmarschall,
seit 1916 Chef des Generalstabs (Ludendorff Generalquartiermeister); von 1925
bis 1934 deutscher Reichsprasident.
Richard Avenarius, 1843-1896, Philosoph
Ernst Mach, 1836-1916, Physiker und Philosoph.
Ich habe ihn selbst 1882 in der Wiener Akademie der Wissenschaften vortragen
horen: Der Vortrag fand am 25. Mai 1882 statt iiber «Die okonomische Natur
der physikalischen Forschung», enthalten in: Ernst Mach, «Popularwis-sen-
schaftliche Vorlesungen», Leipzig 1896, S. 208-230. Schrieb u. a. «Die Analyse
der Empfindungen und das Verhaltnis des Physischen zum Psychischen», Jena
1900.
150 Wochenschrift «Neue Erde»: 1. Jahrgang, 31./32. Heft, vom 12. Oktober 1919.
153 Eugen Kolisko, Wien 1893 - 1939 London. Arzt und Lehrer an der Freien
Waldorfschule in Stuttgart. Siehe die Zeitschrift «Dreigliederung des sozialen
Organismus», Nr. 20/November 1919: «Kritik des Marxismus».
155 Da sich unsere Abreise noch um einige Tage verzbgert hat: Rudolf Steiner stand
vor einer Reise nach Stuttgart, brauchte aber zu der damaligen Zeit jedesmal
eine Aus- bzw. Einreisegenehmigung.
156 einen Baustil zu finden: Siehe Rudolf Steiner, «Wege zu einem neuen Baustil»,
fiinf Vortrage Juni/Juli 1914, GA 286, ferner «Der Dornacher Bau als Wahrzei-
chen geschichtlichen Werdens und kiinstlerischer Umwandlungsimpulse», fiinf
Vortrage Oktober 1914, GA 287.
156 wie im paulinischen Sinne die Weisheit der Menschen ... : 1. Kor. 1,20 und 3,19.
163/64 eine neuneinhalb Meter hohe Holzgruppe: Abbildungen in «Der Baugedanke
des Goetheanum». Vgl. vorhergehenden Hinweis.
169 Schulbeispiel der Tabes ... Ich wiirde alley dings fiber diese Dinge im Kreise von
physiologisch, biologisch vorgebildeten Leuten einmal sehr gerne dariiber reden:
Uber Tabes (Rtickenmarksschwindsucht) siehe den Vortrag Dornach, 2. Januar
1924 in «Physiologisch-Therapeutisches auf Grundlage der Geisteswissenschaft»,
GA 314.
173 die Natur ... macbe keine Spriinge: Siehe z. B. Carl von Linne, «Philosophia
botanica», Stockholm 1751, Nr. 77.
176 Karl Lamprecht, 1856 - 1915, deutscher Historiker. «Moderne Geschichtswis-
senschaft», Berlin 1909.
182 Perikles, urn 500 - 429 v. Chr., athenischer Staatsmann.
191 Szene zwischen Strader und Capesius: 4. Bild in «Die Pforte der Einweihung»
(in «Vier Mysteriendramen», GA 14).
194 jener selbe Professor ... in jener torichten Scbrift ... von deren Inhalt ich Ihnen
vor kurzem bier gesprochen babe: Friedrich Traub «Rudolf Steiner als Philo-
soph und Theosoph», Tubingen 1919. Rudolf Steiner behandelt diese Broschure
in seinem Vortrag vom 16. November 1919, abgedruckt in «Menschliche Ver-
antwortlichkeit - Weltverantwortlichkeit - Menschheitskultur*, Einzelausgabe
«Die geistigen Hintergriinde der sozialen Frage IV», Dornach 1951. - Vgl. dazu
auch den ersten Hinweis zu S. 64.
Dr. Walter Johannes Stein, Wien 1891-1957 London. Lehrer an der Freien Wal-
dorfschule in Stuttgart, Schriftsteller und Vortragender.
Stadtpfarrer: Wo hier vom Stadtpfarrer die Rede ist, hiefi es in den beiden
ersten Auflagen auf Grund eines Fehlers in der Nachschrift «Professor Traub».
Rudolf Steiner erzahlt aber den Hergang kurze Zeit spater noch einmal ganz
richtig. Vgl. «Weltsilvester und Neujahrsgedanken», GA 195.
200 Ich babe friiher ofter mal hingewiesen . . . indent ich Sie auf die Dimensionen
aufmerksam gemacht babe: Im Mai/Juni 1905 hielt Rudolf Steiner mehrere
Vortrage iiber die Dimensionen. Druck fur die Gesamtausgabe in Vorberei-
tung.
202 neulich erst wieder in Basel: Offentlicher Vortrag vom 10. Nov. 1919: «Der Geist
als Fiihrer durch die Sinnes- und die iibersinnliche Welt» in «Die Befreiung des
Menschenwesens als Grundlage fur eine soziale Neugestaltung», GA 329.
Konzil zu Konstantinopel: Siehe Hinweis zu S. 23.
204 jene Definition, welche im alten Griechenland einmal gegeben warden ist auf
die Frage: Was ist der Menschf - Der Mensch ist ein zweibeiniges Wesen, das
keine Federn hat: Vgl. Diogenes Laertius, VI. Buch, II. Kapitel iiber Diogenes.
205 Ich denke, also Vgl. Hinweis zu S. 61.
208 Harnacks «Wesen des Christentum$»: Siehe Hinweis zu S. 62.
212 ich ha.be hier ... einmal eine Ausfiihrung vorgelesen von Fercher von Stein-
wand: Aus «Zigeuner», Begegnisse und Betrachtungen, 1859. Abhandlungen
aus dem Nachlafi in «Fercher von Steinwands samtliche Werke in 3 Banden»,
Wien o. J. (1903), 3. Band, Seite 365 f. Von Rudolf Steiner vorgelesen am 15.
November 1918 in Dornach. 3. Vortrag in «Entwicklungsgeschichtliche Unter-
lagen zur Bildung eines sozialen Urteils», GA 185a.
213 die ich ja auch hier ofter charakterisiert hahe: Vgl. z. B. «Die soziale Grund-
forderung unserer Zeit - In geanderter Zeitlage», GA 186.
215 daji man ja heute eigentlich gar nicht fortkommt, wenn man reisen will: Siehe
Hinweis zu S. 155.
216 ich hahe ... hier uber die verschiedensten Gegenstande ... Vortrage gehalten:
Siehe hierzu vor allem die in der Gesamtausgabe erschienenen Bande der Reihen:
«Kosmische und menschliche Geschichte», GA 170-1 74b; «Die geistigen Hin-
tergriinde der sozialen Frage», GA 189-191; sowie weitere Vortragsbande aus
den Jahren 1917-1919.
die verschiedenen Aufierungen, die verschiedenen schriftstellerischen Darlegun-
gen, die ich getan hahe mit Bezug auf die ... soziale Frage: Vgl. den vorher-
gehenden Hinweis, ferner «Die Kernpunkte der sozialen Frage», GA 23;
«Aufsatze uber die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage
1915-1921 », GA 24.
221 Sokrates ... wenn er von seinem Damon sprach: Plato, Phaidros 242 Af.
225 gingen die Theosophen zu den ttnterworfenen Indern und suchten dort ihre
Quelle fur ihre neuzeitliche Theosophie: Die im Jahre 1875 in New York be-
griindete Theosophical Society verlegte wenige Jahre spater ihr Hauptquartier
nach Adyar bei Madras in Indien. Ihre Griinderin H. P. Blavatsky, in ihrem
ersten Werk «Isis Unveiled* noch dem abendlandischen Okkultismus verbun-
den, folgte immer mehr der indischen Weisheit. Vgl. hierzu Rudolf Steiners
Ausfuhrungen in «Die okkulte Bewegung im 19. Jahrhundert und ihre Bezie-
hung zur Weltkultur», GA 254, sowie in «Die Geschichte und die Bedingungen
der anthroposophischen Bewegung im Verhaltnis zur Anthroposophischen Ge-
sellschaft», GA 258.
230 John Locke, 1632-1704, englischer Philosoph. - David Hume, 1711-1776,
schottischer Philosoph und Historiker. - John Stuart Mill, 1806-1873, engli-
scher Philosoph und Politiker. - Herbert Spencer, 1820-1903, englischer
Philosoph. - Charles Robert Darwin, 1809-1882, englischer Naturforscher,
Begriinder der nach ihm benannten Abstammungslehre.
230/31 Georg Friedrich Wilhelm Hegel, 1770-1831; Immanuel Kant, 1724-1804,
Johann Gottlieb Fichte, 1767-1814; Friedrich Joseph von Schelling, 1775-1854;
die grofien deutschen Philosophen des 18-/19. Jahrhunderts. Vgl. Rudolf Stei-
ner, «Die Ratsel der Philosophic in ihrer Geschichte als Umrifi dargestellt»,
GA 18, sowie «Vom Menschenratsel. Ausgesprochenes und Unausgesproche-
nes im Denken, Schauen, Sinnen einer Reihe deutscher und osterreichischer
Pers6nlichkeiten», GA 20.
232 mein Nietzsche-Buch: «Friedrich Nietzsche, ein Kampfer gegen seine Zeit»
(1895), GA 5.
Herman Grimm-Zitat: In dem Aufsatz «Heinrich von Treitschkes Deutsche
Geschichte» in «Beitrage zur Deutschen Kulturgeschichte», Berlin 1897.
233 Wilhelm von Humboldt, 1767 - 1835.
Lndwig XIV., 1638 - 1715, der «Sonnenk6nig», Hohepunkt absolutistischer
Monarchic in Europa («L'fitat c'est Moi»).
233/34 Woodrow Wilson ... jene Vierzehn Punkte: Siehe Hinweis zu S. 97.
234 die Kant-Laplacesche Theorie: Nach der «Nebularhypothese» des Philosophen
und Mathematikers Immanuel Kant (1724 - 1804) und den Theorien, die der
franzosische Mathematiker und Astro nom Pierre Simon Laplace (1749-1827)
unabhangig von Kant (und in vielem abweichend) entwickelte, hat sich die
Erde aus einer Art Urnebel heraus gebildet. - Siehe Kants «Allgemeine Na-
turgeschichte und Theorie des Himmels oder Versuch von der Verfassung und
dem menschlichen Ursprunge des ganzen Weltgebaudes nach Newtonschen
Grundsatzen abgehandelt, nebst zwei Supplementen», Leipzig o. J. [1755], und
von Laplace die Werke «Exposition du systeme du monde», 1796, und «Traite
de Mecanique celeste», 5 Bde., Paris 179 -1825 (dt.: «Mechanik des Himmels»,
Berlin).
Herman Grimm sagt in seinem «Goethe»: «Goethe», Vorlesungen, gehalten an
der koniglichen Universitat zu Berlin, 2 Bande, 1877. 8. Auflage, Stuttgart und
Berlin 1903, 2. Band, 23. Vorlesung, Seite 171f.
235 Nietzsche hat schildern miissen: «Die Geburt der Tragodie aus dem Geiste der
Musik» (1871).
236 Asuras: Siehe hierzu den Vortrag in Berlin, 22. Marz 1909 in «Geisteswissen-
schaftliche Menschenkunde», 19 Vortrage in Berlin 1908/09, GA 107.
Hinweise zum Anhang
239 in der letzten Nummer: Nr. 21 der Monatszeitschrift «Dreigliederung des
sozialen Organismus», Stuttgart November 19191.
Domkapitular Laun: Der Vortrag liegt gedruckt vor: «Moderne Theosophie
und katholisches Christentum», Rottenburg, Wilhelm Bader 1920.
Broschiire des Professors Traub: Vgl. Hinweis zu S. 194.
240 es ist kaum vierzehn Tage her: Bezieht sich auf den Vortrag vom 16. November
1919, in dem sich Rudolf Steiner intensiv mit der Schrift Prof. Traubs
auseinandergesetzt hatte und besonders auf die Unwahrhaftigkeiten aufmerk-
sam gemacht hatte. Veroffentlicht in «Die geistigen Hintergriinde der sozialen
Frage, IV. Band. Menschliche Verantwortlichkeit, Weltverantwortlichkeit,
Menschheitszukunft», Dornach 1951.
Vortrag in Basel vor der Lehrerschaft: Am 27. November 1919, in «Die Men-
schenschule», Heft 3/1936, und Heft 5/1958. Vorgesehen fur GA 297 (in Vor-
bereitung).
241 vor unserer Abreise: Die Abreise nach Stuttgart verzogerte sich noch um zehn
Tage; vgl. Hinweis zu S. 155.
242 dieser Artikel: Von Ad. Ferriere, dr. en sociologie, «La loi du progres econo-
mique et la justice sociale». II. L'organisme sociale. In der Zeitschrift «Suisse-
Belgique Outremer», 1. Jg., Nr. 3/4, Juli/ August 1919, S. 19ff.
Emil Waxweiler, Direktor des «Institut de sociologies in Briissel; Autor von
«Esquisse d'une sociologie», Briissel et Paris 1906, und «La Belgique neutre et
loyal».
Wilhelm II., 1859-1941, deutscher Kaiser von 1888-1918.
Rasputin, 1871-1916, russischer Monch, der am Zarenhof grofien Einflufi hatte.
244 «Die Weisheit liegt nur in der Wahrheit»: «Die Weisheit ist nur in der Wahr-
heit»: dieses Goethe-Wort (in: «Maximen und Reflexionen», aus «Kunst und
Altertum», 3. Bd., 1. Heft: «Eigenes und Angeeignetes in Spriichen») war das
Motto der Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft von 1913-1923.
NAMENREGISTER
* nicht namentlich erwahnt
Anaxagoras 219
Archimedes 58
Aristoteles 64-66, 111
Aschylos 65, 219
Augustinus, Aurelius 65, 91
Avenarius, Richard 149
Bethmann-Hollweg, Theobald von 97
Bruno, Giordano 67, 79, 139
Calvin, Johannes 91
Cartesius, Renatus 61
Casar, Julius 62, 97
Clemenceau, Georges 97
Dante Alighieri 86f.
«Monarchie» 86
Darwin, Charles 171, 230
Descartes, Rene, s. Cartesius, Renatus
Empedokles 219
Euripides 219
Fechner, Theodor 113
Fercher von Steinwand (Kleinfercher,
Johann) 213f.
Fichte, Johann Gottlieb 231
Galilei, Galileo 67, 79, 139
Goethe, Johann Wolfgang 20, 52, 96,
109, lllf., 140, 164, 210, 231f.
«Faust» 20, 26, 52, 164, 232
«Hymnus an die Natur» 96
«Wilhelm Meister» 232
Grimm, Herman 86, 232, 234
«Goethe-Vorlesungen» 234
Haeckel, Ernst 55f., 171
Harnack, Adolf 62, 82f., 133, 208
«Das Wesen des Christentums»
82f., 133, 208
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm 71,
230f.
Helphand, Alexander (Parvus-Help-
hand) 149
Heraklit 219
Herder, Johann Gottfried 125f.
«Erlk6nigs Tochter» 125f.
Hindenburg, Paul von 149
Hohenzollern (Familie) 131
Humboldt, Wilhelm von 231, 233
«Ideen zu einem Versuch, die Gren-
zen der Wirksamkeit des Staates zu
bestimmen» 231
Hume, David 77, 230f.
Jagow, Gottlieb von 97
Kant, Immanuel 77f., 231
Klopstock, Friedrich Gottlieb 2 If.,
25, 27, 52
«Der Messias» 21f., 25, 27, 52
Kolisko, Eugen 153
Lamprecht, Karl 176
Laun, Fr. 239
Lionardo da Vinci 172
Locke, John 230
Ludendorff, Erich 97f., 149
Ludwig XIV. 131, 233
Mach, Ernst 149
Mill, John Stuart 230
Milton, John 2lf., 25, 27, 52, 162-165
«Das verlorene Paradies» 2 If., 25,
27, 52, 162-165
Napoleon L, Buonaparte 62
Nietzsche, Friedrich 26, 232, 235
«David Straufi, der Bekenner und
Schriftsteller» 232
Parvus-Helphand, s. Helphand, Alex-
ander
Perikles 182
Phidias 219
Plato 64f., 219
Poincare, Reymond 131
Polanyi, Karl 150, 153
«Weltanschauungskrise» (Aufsatz
in «Neue Erde», 31/32-1919) 150,
153
Pythagoras 219
Raffael (Raffaelo Santi) 172
Ranke, Leopold vonl31f.
Rasputin 242
Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph
von 231
Sokrates 64, 66
Sophokles 219, 221
Spencer, Herbert 230
Stein, Walter Johannes 194, 239
«Neue Wahlverwandtschaften»
239
Svedberg, Theodor* 137
«Die Materie»* 137
Tirpitz, Alfred von 97f.
Traub, Friedrich 194f., 239
Waxweiler, Emil 242
Wilhelm II. 242f.
Wilson, Woodrow 97, 233f.
«Vierzehn Punkte» 234
Wundt, Wilhelm 89
Zimmermann, Otto 23
«Stimmen der Zeit» 23
Steiner, Rudolf 194
Werke:
«Die Philosophic der Freiheit»
(GA 4) 205
«Friedrich Nietzsche, ein Kampfer
gegen seine Zeit» (GA 5) 232
«Wie erlangt man Erkenntnisse der
hoheren Welten?»
(GA 10) 33, 75, 203
«Die Geheimwissenschaft im Um-
rifi»(GAl3) 46,65, 103, 132,
208
«Die Pforte der Einweihung» (in
GA 14)
«Vom Menschenratsel»
(GA 20) 205
«Von Seelenratseln»
(GA 21) 80, 120, 168, 205
«Goethes Geistesart»
(in GA 22) 20, 26
«Die Kernpunkte der sozialen Fra
ge in den Lebensnotwendigkeiten
der Gegenwart und Zukunft»
(GA 23) 218, 241
«Geisterleben, Rechtsordnung,
Wirtschaft» (in GA 24) 108
UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN
Ahs Rudolf Steiners Autobiographie
«Mein Lebensgang» (35. Kap. } 1925)
Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und ver-
kauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophi-
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei
den Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die -
wegen mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir
ware es am liebsten gewesen, wenn mundlich gesprochenes Wort miind-
lich gesprochenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt,
die Dinge zu korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung
«Nur fur Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr
als einem Jahre ja fallen gelassen.
Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke
in das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete.
Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen
will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun.
In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkennt-
nisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in
«geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der
Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art -
wurde.
Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und da-
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu iibergeben hat,
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der
Mitgliedschaft heraus als Seelenbedurfnis, als Geistessehnsucht sich
offenbarte.
Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu
horen, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in
Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen.
Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur
Mitglieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposo-
phie bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorge-
schrittenen auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser
internen Vortrage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein
konnte, die ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren.
Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an
bestimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen.
So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften,
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt.
Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir
rang und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesell-
schaft mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mit-
gliedschaft, und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich
da hore, entsteht die Haltung der Vortrage.
Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von
irgend einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mit-
gliedschaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann
sie im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach die-
ser Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen
werden, diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es
wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi in den von mir nicht
nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.
Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja aller-
dings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermei-
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie
dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte»
in den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.